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„Diskriminierungsfreie Pflege im Alter“: Bundesweites Modellprojekt in der Seniorenwohnstätte in Eving

Das Porträt der Frau oder der Geliebten auf der Kommode: Bewohner*innen der SWS Eving sol- len ohne Scham im Haus leben können.

Das Personal sollte nicht voraussetzen, dass das Bild an der Wand die eigene Schwester zeigt, sondern vielleicht auch das Porträt der Frau oder der Geliebten. Bewohner*innen der SWS Eving sollen ohne Scham im Haus leben können.

Die Seniorenwohnstätte (SWS) Eving ist einer von bundesweit sechs Modellstandorten für das Projekt „Queer im Alter – Öffnung der Altenhilfeeinrichtungen der AWO für die Zielgruppe LSBTI“. Die Abkürzung steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen.

 Toleranz, Akzeptanz und Respekt gegenüber den sexuellen Orientierungen und geschlechtlichen Identitäten

Nach Schätzungen beträgt in Deutschland der Bevölkerungsanteil der Personen, die sich selbst so identifizieren, in der Altersgruppe der heute über 65-Jährigen zwischen 875.000 und 1,22 Millionen Personen – also fünf bis sieben Prozent der Gesamtbevölkerung.

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Seniore*innen-Bereichsleiter Mirko Pelzer und Einrichtungsleiterin Sevgi Basanci vor der SWS Eving.

Seniore*innen-Bereichsleiter Mirko Pelzer und Einrichtungsleiterin Sevgi Basanci vor der SWS Eving.

So vielfältig und unterschiedlich diese Menschen und ihre Lebensgeschichten auch sind, was sie miteinander verbindet und als Zielgruppe der Altenhilfe besonders macht, sind die gemachten Erfahrungen und Probleme.

Gemeinsam ist ihnen die Erfahrung von Ablehnung, Ausgrenzung, Diskriminierung und teilweise auch von Gewalt und Strafverfolgung aufgrund ihrer sexuellen Lebensweisen und/ oder geschlechtlichen Identitäten.

Außerdem gibt es eine zunehmende Unsichtbarkeit der Zielgruppe und der soziale Rückzug innerhalb der Altenhilfeeinrichtungen, da die eigene Identität aus Angst vor erneuter Zurückweisung nicht selten verborgen gehalten wird.

Außerdem haben LSBTI-Personen eine stärkere Abhängigkeit von Einrichtungen der Altenhilfe aufgrund geringerer familiärer Unterstützung und höherer Kinderlosigkeit.

Ziel der AWO ist es, in ihren Altenhilfeeinrichtungen ein diskriminierungsfreies Umfeld für LSBTI-Personen zu schaffen, welches von Toleranz, Akzeptanz und Respekt gegenüber den jeweiligen sexuellen Orientierungen und geschlechtlichen Identitäten und den damit verbundenen Lebensformen und -weisen geprägt ist.

AWO-Einrichtungen und Angebote sollen vielfaltssensibel, inklusiv und offen für alle gestaltet sein bzw. werden

Das Team der AWO und die Ehrenamtlichen haben das Schulungsprogramm entwickelt.

Die AWO und die Ehrenamtlichen haben das Schulungsprogramm entwickelt. Foto: privat

Durch Fortbildungen, Coachings und Praxisbegleitungen soll das Einrichtungs- und Pflegepersonal für diese Zielgruppe und ihre Belange sensibilisiert, ein offenes Betreuungsklima geschaffen und eine kultursensible Pflege ermöglicht werden. Somit handelt es sich um einen weiteren Baustein im Bestreben der AWO, ihre Einrichtungen und Angebote vielfaltssensibel, inklusiv und offen für alle zu gestalten.

Der Dortmunder AWO-Unterbezirk hat beim Bundesverband als Träger des Modellprojekts offene Türen eingerannt. Das Besondere: Die SWS in Eving hatte bereits vor Beginn des Modellprojekts an einem Konzept zur diskriminierungsfreien Pflege für diese Zielgruppe gearbeitet.

„Auch ohne Projektteilnahme waren wir schon auf dem richtigen Weg. Selbst der Projektleiter des Projektes „Queer im Alter“ war überrascht, dass wir das schon hatten“, betont Einrichtungsleiterin Sevgi Basançi.

Bereits seit zwei Jahren wird in Eving daran gearbeitet. „Die im Rahmen des Modellprojekts angebotenen Schulungen sind ein weiterer Meilenstein“, berichtet Fachbereichsleiter Mirko Pelzer. Die AWO in Dortmund arbeitet dabei eng mit der Community zusammen. Eingebunden ist unter anderem eine AG aus drei schwulen Senioren der Dortmunder Gay und Gray-Gruppe, einer lesbischen Altenpflegerin im Ruhestand und einer Mitarbeiterin der städtischen Koordinierungsstelle für Lesben, Schwule & Transidente.

Die „Generation Stonewall“ kommt in ein Alter, mit sie sich mit Pflegeheimen auseinandersetzt

Nicht jede/r Bewohner*in eines Alten- und Pflegeheims hat traditionelle Lebensentwürfe ausgelebt.

Nicht jede/r Bewohner*in eines Altenheims hat traditionelle Lebensentwürfe gelebt. Fotos (3): Alex Völkel

„Die Frage nach der eigenen Identität und auch des homosexuellen Coming-Outs ist in unserer Generation noch anders“, verdeutlicht der 71-jährige Richard Schmidt von „Gay und Gray“ in Dortmund. Er gehört zur sogenannten „Generation Stonewall“.

Der Name geht auf die Vorgänge im New Yorker Schwulen-Club „Stonewall“ in der Christopher Street zurück, dessen Gäste sich vor 50 Jahren erstmals gegen die Repression durch die Polizei zur Wehr setzten.

Daraus entstand unter anderem der Christopher Street Day oder kurz CSD, der auch in Dortmund als Aktionstag begangen wird. In diesem Jahr nahmen nach Veranstalterangaben rund 2000 Menschen an der Demonstration sowie 10.000 Menschen am anschließenden Straßenfest an der Reinoldikirche teil.

Diese Generation von LSBTI-Personen kommt nun selbst in ein Alter, in dem man sich mit dem Thema Pflegeheim auseinandersetzt. Für die Generation, die sich immer auch mit Vorurteilen auseinandersetzen musste, kein leichtes Thema.

„Natürlich hat es auch früher und heute in Alten- und Pflegeheimen Schwule und Lesben gegeben. Aber sie waren bisher unsichtbar. Wir möchten aber sichtbar sein. Und die Willkommenskultur gehört zum großartigen Konzept der Achtsamkeit in dieser Einrichtung“, lobt Richard Schmidt das Engagement der AWO.

Die LSBTI-Gemeinschaft traue hier der AWO mehr zu als kirchlichen Einrichtungen, die aus ihrer Sicht einen teils fragwürdigen Umgang mit den Themen Sexualität und Homosexualität pflegten, so der Aktivist.

Vertrauen ist entscheidend für ein respektvolles Leben im Alten- und Pflegeheim

Richard Schmidt, Monika Hüggenberg und Norbert Leschner (v.l.) sind als Referent*innen bei den Schulungen in der Seniorenwohnstätte Eving dabei.

Richard Schmidt, Monika Hüggenberg und Norbert Leschner (v.l.) sind als Referent*innen bei den Schulungen in der Seniorenwohnstätte Eving dabei. Foto: privat

Dies kann Monika Hüggenberg, lesbische Altenpflegerin im Ruhestand, nur unterstreichen. „Was ich im Arbeitsalltag bei diesem Thema bei Personal, Bewohnern und Angehörigen erlebt habe, war nicht so toll. Daher finde ich das Achtsamkeitskonzept hier im Hause schon sehr wichtig. Ich habe es bei anderen Trägern anders erlebt“, so Hüggenberg. „Hier ist für mich die Basis gelegt – hier sind die offenen Arme, die wir brauchen.“

Der Pflegedienstleiter in der SWS Eving, Tom Se- bastian, schätzt dabei die Zusammenarbeit mit den LSBTI-Aktivist*innen, die als Referent*innenbei den Schulungen dabei sind: „Wenn sie das machen, ist es ja zielgerichteter, als wenn wir das machen.“ Nach den Schulungen – möglichst alle Beschäftigten der SWS sind daran beteiligt – wird die Zusammenarbeit weitergehen. Weitere Angebote sollen folgen.

Für die Community sei eine diskriminierungs- freie Einrichtung sehr wichtig, verdeutlicht Norbert Leschner, pensionierter Lehrer und bei „Gay & Gray“ aktiv. Er räumt mit dem Bild auf, dass man sich ja nur ein Mal oute. „In jeder neuen Lebenssituation muss man da neu anfangen, austarieren und Vertrauen von beiden Seiten aufbauen“, so Leschner. „Was aus der Tube raus ist, kriegt man nicht wieder rein“, bemüht er das Bild, was passiert, wenn man sich vor den Falschen oute.

Gerade in einem Pflegeheim sei dies besonders wichtig. „Wenn ich hierher ziehe, heißt das ja, dass ich völlig hilflos bin und nicht mehr alleine leben kann“, verdeutlicht Richard Schmidt. „Da muss ich mich darauf verlassen können, dass ich gut behandelt werde und ich in meiner Hilflosigkeit nicht ausgeliefert bin“, betont der schwule Rentner. „Vor allem, wenn ich keine Verwandten habe, die sich einmischen können.“

 

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