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Die Hälfte der Wallspuren für Fahräder oder gar keine – Dortmund diskutiert die Umgestaltung des Wallrings

Im Mittelpunkt der Diskussion: Der Wall soll neu aufgeteilt werden. Foto: Alex Völkel

Der Dortmunder Wall ist derzeit die wahrscheinlich meist diskutierte Straße in Dortmund. Vor allem die zunehmende Auto-Posing- und Straßenrennszene sorgt derzeit für Maßnahmen der Politik. Die Dortmunder CDU hatte sogar gefordert den Wall nachts mit Pöllern zu sperren. Eine noch viel größere Umgestaltung wurde im Rahmen eines Bürger*innen-Dialogs der Stadt diskutiert. In den kommenden zehn Jahren soll der Verkehrsraum neu aufgeteilt werden. Die Ideen der Planer*innen stoßen auf gemischte Reaktionen.

Vier Vorschläge liegen vor: Vom Parkplatz-Wegfall bis zur Einbahnstraße 

Für die Verkehrswende und die Reduzierung von CO2-Emissionen soll der Wall im Rahmen des Projekts „Emissionsfreie Innenstadt“ umgestaltet werden. In den vergangenen Monaten haben Verkehrsingenieur*innen die Situation auf dem Wall dazu intensiv untersucht und auf dieser Basis vier Vorschläge für eine Umgestaltung entwickelt. Im Rahmen des Bürger*innen-Dialogs erläuterten die Beteiligten die Vorschläge und stellten sich den Fragen und der Kritik von Bürger*innen. Planer Dr.-Ing. Frank Weiser von der Brilon Bondzio Weiser GmbH präsentierte noch einmal einen Überblick über die erstellten Vorschläge. ___STEADY_PAYWALL___

 

  • Variante 1: Zwischen Westentor und Bornstraße wird eine Fahrbahn zu einer Umweltspur für Bus- und Radverkehr. Außerdem ist ein Wegfall von Parkplätzen am Wall vorgesehen.
  • Variante 2: Die inneren Richtungsfahrspuren werden zum Zweirichtungsweg für Radfahrer*innen und Fußgängerinnen. Die Äußeren Fahrspuren werden in dem Fall zu einer Einbahnstraße.
  • Variante 3: Die jeweils äußere Fahrspur wird zu einem Radweg.
  • Variante 4: Bei diesem Vorschlag wird der Wall zwischen Bahnhofstraße und Freistuhl für den KFZ Verkehr komplett gesperrt. Zusätzlich sind Umweltspuren auf den zuführenden Wallabschnitten ab Westentor und Bornstraße vorgesehen. Am restlichen Wall ist der Wegfall von Parkplätzen vorgesehen.

Bürger*innen befürchten verstärkte Verkehrsverlagerung in die Nordstadt 

Die Veranstaltung fand pandemiebedingt im Livestream statt. Bürger*innen konnten ihre Fragen per Email und Telefon stellen. Auf verschiedenen Plattformen schauten den Livestream insgesamt über 1000 Menschen. Laut der Moderation kamen dabei so viele Fragen und Kritik zusammen, dass nicht alles live behandelt werden konnte. Kein Wunder, denn alle Vorschläge haben unterschiedliche Wirkungen die an der einen Stelle positiv und an einer anderen Stelle negative Auswirkungen haben. 

Die Dialogveranstaltung wurde live aus dem Fritz-Henßler-Haus gesendet. Screenshot: Youtube/StadtDortmund

Das betonte auch Weiser. „Meine Aufgabe ist es, zu prüfen welche Auswirkung es hat, wenn wir uns den Platz nehmen“, erklärte er. Es gehe darum zu prüfen, wie ungewünschte Nebenwirkungen vermieden werden. Denn auch wenn das Auto als Verkehrsmittel durch verschiedene Maßnahmen der Stadt zunehmend unattraktiver wird, ist eine Verlagerung des Kfz-Verkehrs auf andere Straßen zu erwarten. Und das kann auch dort passieren, wo mit anderen Maßnahmen der Stadt eigentlich das Gegenteil erreicht werden soll. Weiser zeigte in seiner Präsentation auch eine Prognose, wie sich der Kraftverkehr mit den jeweiligen Varianten verlagern könnte.

Kritik gab es danach von Anwohner*innen der Nordstadt vor allem an der Wall-Unterbrechung am Hauptbahnhof. Dort würde sich der Verkehr vor allem in die Nordstadt verlagern, da Autofahrer*innen den Wall am Burgtor verlassen und die Unterbrechung über die Stein- und Grüne Straße umfahren würden.

Auch die Umweltspur vor dem Hauptbahnhof würde mit der hauptsächlichen Verlagerung auf die Schützenstraße, wenn auch moderater, vor allem die Nordstadt treffen. Anders sieht die Prognose für den Einbahnstraßen-Vorschlag aus. Hier steigt der prognostizierte Verkehr um den Wall gleichmäßig und das weiträumig, da der Durchgangsverkehr andere Routen wählt, wie Weiser erklärte. Die Umwidmung der äußeren Fahrstreifen verlagert den Verkehr in der Prognose insgesamt moderat, trifft aber auch wieder besonders die Schützenstraße und zusätzlich den Heiligen Weg.

„Es wird auch weiterhin Parkhäuser geben“ – Die Angst um die Attraktivität der Stadt

Neben der Kritik an den Verlagerungen, meldeten sich auch Menschen zu Wort, die durch den Wegfall von Parkplätzen, den Bedarf von Einkäufer*innen und Arbeitnehmer*innen in der Innenstadt nicht erfüllt sehen. Emissionsfreie Innenstadt Projektleiter Andreas Meißner stimmte dem Zustand zwar zu, doch erklärte:

Marc Suski beendet Arbeiten in der Nordwestpassage. Brinkhoffstraße

Durch die Maßnahmen wird eine Verkehrsverlagerung in die Nordstadt befürchtet. Foto:Klaus Hartmann

„Wir haben ein gesamtgesellschaftliches Ziel, das nennt sich Co2-Minderung. Das haben wir uns gesamtgesellschaftlich gesetzt. Wir wollen die Klimaziele erreichen und da müssen wir schauen, wie schaffen wir das. Und das geht nur mit weniger oder anderer Mobilität.“ Aber die Stadtqualität messe sich auch nicht nur daran, mit wie vielen Fahrspuren sie erreichbar ist. Städte wie Wien und Kopenhagen hätten nur wenige Stellplätze und seien trotzdem oder gerade deswegen attraktiv.

Die Befürchtung, dass es für Menschen aus dem Sauerland schwierig werden könnte, die Innenstadt zu erreichen, versuchte Meißner zu nehmen. „Die werden weiter in die Innenstadt kommen können, mit dem Auto oder der Bahn, wie sie es auch heute gewohnt sind. Es wird auch weiterhin Parkhäuser geben“, so Meißner. In der gesamten Veranstaltung wurden die Planer nicht müde, das zu betonen.

So versuchte auch Bau- und Umweltdezernent Ludger Wilde den Menschen die Angst zu nehmen, die Stadt werde nicht mehr mit dem Auto erreichbar sein. „Die Innenstadt bleibt erreichbar. Sie wird attraktiv erreichbar sein. Wir haben nicht vor, Stausituationen zu erzeugen, sondern es soll für alle Verkehrsteilnehmer attraktiv bleiben“, führte er aus. Es müsse allerdings das Angebot für Radfahrer*innen, Fußgänger*innen und ÖPNV attraktiver werden um den steigenden Bedarf zu erfüllen. Schon zu Beginn der Veranstaltung gestand Wilde ein, dass „der Fuß- aber auch der Radverkehr am Wallring heute noch nicht so zu seinem Recht kommt, wie wir uns das vorstellen.“

Vieles noch zu diskutieren – Weitere Möglichkeiten zur Beteiligung geplant

Viele Bürger*innen stellten auch die Frage, wie sinnvoll es sei, den stärksten Verkehrsteilnehmer (Bus) und einen schwachen (Fahrrad) auf einer Umweltspur zu kombinieren. Die Planer waren sich da in ihrer Reaktion einig, dass das tatsächlich nochmal zu diskutieren und prüfen sei.

Radfahrer*innen könnten sich von Bussen auf der Umweltspur bedrängt fühlen. Foto: Alex Völkel

Viele Detailfragen die gestellt wurden, zum Beispiel nach der baulichen Trennung von Autos und Fahrrädern, konnten die Planer aber noch nicht beantworten. In der aktuellen Phase werde erstmal nur der Plan ermittelt, wie der Verkehrsraum zukünftig verteilt wird. Genaue Entwürfe sind dann das Ziel späterer Phasen.

Ob es am Ende genau einer der vier Vorschläge wird, steht auch nicht fest. „Wir haben jetzt erstmal ein Angebot gemacht“, sagte Weiser. Merkmale der verschiedenen Vorschläge seien kombinierbar und darüber werde auch nachgedacht. Bis zum 14. Februar können Bürger*innen noch ihre Kritik und Ideen per Mail an wallring@dialoggestalter.de senden und sich so bei der Planung einbringen.

Alle Bewertungen der Auswirkung müssen letztlich auch mit Blick auf die Situation in zehn Jahren getroffen werden, denn so lange wird es voraussichtlich dauern, bis der Wall dann tatsächlich umgebaut ist. Bis das soweit ist stehen aber noch eine Reihe an Entscheidungen und Planungen an. Wilde plant den politischen Gremien Mitte diesen Jahres die bevorzugte Variante zu präsentieren.

Nach der finalen Entscheidung für eine Variante, steht dann ein Städtebauwettbewerb an. Auch das bedarf Zeit. „Einen städtebaulichen Wettbewerb macht man nicht einfach so, der muss vorbereitet werden“, erklärt Wilde. Er sichert aber zu, dass es während des gesamten Prozesses der Planung, weitere Dialogveranstaltungen geben wird, wenn möglich allerdings in Präsenz, da ihm online die nonverbalen Reaktionen fehlen.

Über eine (Sofort-)Maßnahme können sich Fußgänger*innen aber schon jetzt freuen. Bei den Untersuchungen ist aufgefallen, dass der Wall auf der Höhe Brückstraße nur mit zwei Ampelphasen überquert werden kann. „Noch im Laufe des Jahres ist geplant, dass wir diese Signalanlage umstellen“, sichert Meißner zu.

 

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