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„Creative Kribi“ – Kunst- und Bildungszentrum in Kamerun: Dortmunder Modellprojekt der Entwicklungszusammenarbeit

Das Projektteam (v.l.): Arnold Bwele (Culture Pour Tous e. V.), Christelle Endallè und Richard Toko („Visions #237“). Fotos(3): Samuel Loe (CK21)

Eine Ausbildung junger Menschen in Kunst und Kultur als Beitrag zum Aufbau von lokalen Wirtschaftskreisläufen in afrikanischen Ländern: nach diesem Gedanken haben der Dortmunder Kulturverein „Culture pour tous e. V.“ und der kamerunische Verein „Association Visions #237“ ein Kunst- und Bildungszentrum in Kamerun ins Leben gerufen. Das erste Mal konnten hierbei deutsche Entwicklungsgelder für den Bereich Medien, Kunst und Kultur akquiriert werden. Mittlerweile gilt das Projekt als Modellansatz für weitere Diaspora- und Kulturvereine. Nordstadtblogger sprach mit Arnold Bwele, dem Initiator des Projekts, über die Entstehungsgeschichte von der Idee bis zur Umsetzung.

Trotz Schulbildung fehlen oft praktische Fähigkeiten und Erfahrungen

In dem Kunst- und Bildungszentrums werden Kinder und Jugendliche im Bereich Medien ausgebildet.

Arnold Bwele wuchs in Kamerun auf und kam 1990 nach Deutschland, um hier sein Studium der Informatik zu beenden. Seine Leidenschaft galt aber schon immer der Kunst und Kultur – ganz besonders der Musik. So gründete er 2004 in Dortmund ein Marketing-Unternehmen mit dem Fokus auf der Vermarktung von – vor allem afrikanischer – Musik, Kunst und Kultur.

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2009 eröffnete Bwele zusammen mit seinem Studienfreund Richard Tako eine Zweigstelle des Unternehmens „ISANGO – Agency for Marketing, Entertainment & Services“ in der kamerunischen Küstenstadt Kibri. Tako hat ebenfalls in Deutschland studiert, lebt mittlerweile wieder in Kamerun und ist unter dem Künstlernamen Toric Michael als Grafikdesigner und Illustrator bekannt.

Bei der Gewinnung und Einarbeitung von MitarbeiterInnen in der neuen Zweigstelle stellte Bwele schnell fest: Vielen jungen Menschen fehlen – trotz Schul- und universitärer Bildung – praktische Fähigkeiten und Erfahrungen. So steckte der Unternehmer viel Energie und Ressourcen in die Ausbildung und Einarbeitung der jungen MitarbeiterInnen – wobei nicht wenige nach einigen Monaten von großen Firmen abgeworben wurden.

Kunst- und Bildungszentrum mit deutschen Entwicklungsgeldern gegründet

Gehörlose Kinder lernen Gebärdensprache. Foto: Richard Tako

Bwele wurde bewusst: „Ausbildung – genau wie Gesundheitsversorgung und Infrastruktur – sind die Aufgaben des Staates. Das kann ein Privatunternehmen nicht leisten.“ Trotzdem wollte er sich weiterhin für die jungen Menschen vor Ort und die Entfaltung ihres Potentials einsetzten – wobei ihm vor allem eine Förderung der künstlerischen und kreativen Fähigkeiten am Herzen lag.

Denn eine gute Ausbildung ist für ihn ein Grundstein für den weiteren Ausbau eines nachhaltigen lokalen Wirtschaftssystems in Kamerun – auch als Unternehmer weiß er: „Gut ausgebildete Kinder und Jugendliche werden schließlich auch meinem Unternehmen Gewinne bringen.“

Zusammen mit dem Dortmunder Kulturvereins „Culture pour tous e. V.“ und dem kamerunischen Verein „Association Visions #237“ hat Bwele so das Projekt „Creative Kribi“ (CK21) ins Leben gerufen. Eine finanzielle Förderung für 18 Monate gab es seit Februar 2018 vom deutschen Centrum für internationale Migration und Entwicklung (CIM).

Workshops unter anderem zu Musik, Journalismus und Unternehmensgründung

Foto: Richard Toko/ CK21

Im Zuge des Projekts wurde ein Kultur- und Bildungszentrum in Kribi eingerichtet. Die Zielgruppe sind vor allem Kinder und Jugendliche – besonders benachteiligte junge Menschen.

Zunächst waren acht Workshops in den Bereichen Medien, Musik und Journalismus geplant. Für einen Workshop Zum Theme „Existenzgründung im Jounalismus für Jugendliche“ konnte der prominente Journalist Jean-Bruno Tagne gewonnen werden – Bwele betont: „Tagne ist sozusagen der kamerunische Günther Jauch.“

Durch den intensiven Austausch mit den Menschen vor Ort haben sich noch weitere Zielgruppen und Inhalte ergeben: zum Beispiel hat der Verein mit eigenen Mittel einen Workshop zur Unternehmensgründung für Frauen und junge Erwachsene und einen Gebärdenkurs für taube Kinder und ihre Eltern organisiert.

Afrikanische Kunst und Kultur wird in der ganzen Welt geschätzt

Junge Frauen beim Workshop zur Existenzgründung. Foto: Richard Tako/ CK21

„Was Entwicklungszusammenarbeit ist, wusste ich vorher nicht“, erinnert sich Bwele – die deutschen Institutionen und Strategien in dem Bereich waren ihm zuvor nicht bekannt. Erst auf der Suche nach einer Finanzierung stieß der Verein auf die Förderungsmöglichkeit durch das CIM.

Bwele ist besonders stolz darauf, dass das Projekt das erste Mal deutsche Entwicklungsgelder für den Bereich Kunst und Kultur akquirieren konnte. Investitionen in dem Bereich sind für Bwele besonders emanzipatorisch und fördern die Selbstbestimmung:

„Für landwirtschaftliche Produkte wird der Preis auf dem Weltmarkt festgelegt. Der Preis für eigene Kunst und Kultur kann selbst bestimmt werden.“ Und afrikanische Kultur werde schließlich auf der ganzen Welt konsumiert.

Projekt als Vorbild für weiter Kulturvereine in ganz Deutschland: Netzwerk gegründet

Für Bwele kann die Diaspora eine wichtige Rolle bezüglich des Wissenstransfers in der Entwicklungszusammenarbeit leisten. Allerdings gehe es immer darum, „mit den Menschen vor Ort zusammen zu arbeiten.“

Der prominente Journalisten Jean-Bruno Tagne (r.) leitete einen Journalismus-Whorkshop.

„Wichtig ist, dass die Leute kommen und uns sagen, was sie lernen wollen. Wir sind vor Ort mit den Leuten. Die Ideen kommen von ihnen selbst“, resümiert Bwele die Herangehensweise. Außerdem sei nicht jede/r Angehörige der Diaspora zu einem Interesse und Einsatz in der Entwicklungszusammenarbeit verpflichtet.

Trotzdem gilt das erfolgreiche Modellprojekt für weitere afrikanische Kulturvereine in ganz Deutschland als Vorbild. Zurzeit arbeiten die Vereine an einer Vernetzungsstruktur – mit dem Ziel, weitere Projekte nach dem gleichen Prinzip in verschiedenen Ländern aufzubauen. So ist das Bündnis für Entwicklungspolitik mit Afrika e.V. (BEA e.V.) Anfanfg August in Neuss gegründet worden.

 

Länderinfo Kamerun:

Kamerun wir auf Grund seiner landschaftlichen, kulturellen und geographischen Vielfalt oft als „Mini Afrika“ bezeichnet. Bei 23 Millionen Einwohnern werden ca. 250 verschiedene Sprachen gesprochen. Die offiziellen Sprachen sind Französisch und Englisch.

Ca. die Hälfte der Bevölkerung lebt in Städten – die andere Hälfte im ländlichen Raum. Die meisten Kinder und Jugendliche haben Zugang zu Schulbildung – Kamerun hat eine der höchsten Schulzugangsraten auf dem afrikanischen Kontinent.

In den letzten Jahren verzeichnete das Land ein hohes Wirtschaftswachstum mit einer Arbeitslosenquote von unter fünf Prozent. Ein Drittel der Bevölkerung lebt allerdings weiterhin unterhalb der Armutsgrenze.

2016 begann ein Bürgerkrieg zwischen dem kleineren englischsprachigen Teil des Landes und dem dominanteren französischsprachigen Teil. Auch hier werden – wie in vielen anderen afrikanischen Ländern –  Auswirkungen der kolonialen Herrschaft der vergangen zwei Jahrhunderte deutlich:

Ab 1884 war das Gebiet unter gewaltsamer deutscher Kolonialherrschaft. Nach dem ersten Weltkrieg ging die Herrschaft an Großbritannien und Frankreich über. Im Zuge der Unabhängigkeit im Jahr 1961 entschieden sich schließlich zwei der vier englischsprachigen Besatzungszonen zu einer Zugehörigkeit zu Nigeria.

Die anderen zwei englischsprachigen Regionen schlossen sich dem ansonsten französischsprachigen Kamerun an. Der heutige Bürgerkrieg basiert auf separatistischen Bestrebungen in der englischsprachigen Minderheit.

Dass auf dem youTube-Kanal von „Creative Kribi“ die Beiträge mit englischen Untertiteln veröffentlicht werden, kann somit als politisches Statement und als Aufforderung einer friedlichen Lösung für den Konflikt verstanden werden.

Weitere Informationen:

  • YouTube-Kanal des Projekts „Creative Kribi“, hier:
  • Homepage des Vereins „Culture pour tous e. V.“, hier:

 

 

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