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Bilder der Einsamkeit: Ingmar Noltings Dokumentation der Leere, des Stillstands und der (scheinbaren) Ruhe im MKK

Deutschland im Lockdown: Insgesamt 27 Arbeiten der Fotoserie von Ingmar Nolting hat das MKK angekauft. Hier zu sehen ist die Grenze zwischen Konstanz und Kreuzlingen am 18. April 2020. Foto: Ingmar Nolting

Von Angelika Steger

Die Bilder wirken wie gemalt. Statisch, weil wenig Bewegung auf ihnen zu sehen ist. Den Ausnahmezustand ins Bild setzen, anstatt tatenlos zu sein und zu resignieren, das ist seine Passion. Fotograf Ingmar Nolting hat den Beginn der Coronakrise im Frühjahr des Jahres 2020 dokumentiert. „Am 18. März habe ich mit meiner Arbeit zu „measure and middle“ begonnen. Das war der Tag von Angela Merkels Fernsehansprache. An diesem Tag war schon deutlich geworden, welches historische Ausmaß dieses Ereignis Coronakrise annehmen würde“ erklärt der Fotograf. Das Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte (MKK) hat 27 Arbeiten der Fotoserie gekauft und wird sie der Öffentlichkeit präsentieren, sobald das Infektionsgeschehen die Öffnung der Museen wieder zulässt.

In ganz Deutschland Schauplätze für die Fotografie gefunden

„Es ist eine besondere Situation für meine Generation, die bisher keine Krise erlebt hat.“ Das Gemeinschaftsgefühl sei anfangs auch noch sehr groß gewesen, dass diese schwere Zeit bald vorbei sein würde – wenn sich alle einschränken. Zustände wie in Bergamo wollte man nicht haben. ___STEADY_PAYWALL___

Insgesamt umfasst die Fotoserie von Ingmar Nolting an die 2.000 Bilder. Foto: Angelika Steger

Den Titel seiner Fotoserie, die an die 2.000 Bilder umfasst, habe er aus der o.g. Rede der Kanzlerin erhalten: „Maß und Mitte.“ Im Vergleich mit anderen Ländern gebe es in Deutschland immer noch einen Mittelweg. 

In Aalen, Baden-Württemberg, seinem Herkunftsort, ist Ingmar Nolting gestartet. Durch regelmäßige Zeitungslektüre hatte er sich einen Plan über die einzelnen Themen gemacht, die aktuell in der Coronakrise eine Rolle spielen. Auch Freunde haben ihm bei der Recherche geholfen, um im ganzen Land konkrete Themen und Anlässe zu finden. Dortmund ist leider nicht dabei. 

Durch diese Recherche ist er u.a. auf den Karfreitagsgottesdienst in einem Autokino in Düsseldorf aufmerksam geworden. Auf dem Foto sind der Pfarrer und die Meßdiener zu sehen, auf einer Bühne – ohne Menschenmenge. Die Menschen sitzen in ihren Autos, um dem Gottesdienst zu folgen, dadurch kann der notwendige Abstand, um die Virusübertragung zu verhindern, eingehalten werden. Die verstärkten Autofahrten, die für solche Zusammenkünfte notwendig sind, verschärfen allerdings die Klimakrise/den Klimawandel. 

Persönliche Situationen und vermeintliche gesellschaftliche Probleme

Der Organist Cameron Carpenter während der Probe für ein live gestreamtes Konzert im Konzerthaus Berlin am 11. April 2020. Foto: Ingmar Nolting

Manches Bild deckt auch nur vermeintliche Probleme in Deutschland auf. „Wie kommt der Deutsche zu seinem Spargel?“ Noltings Fotografie zeigt rumänische Erntehelfer in Brandenburg. „Das war noch vor dem Lockdown“, erläutert er. Ein anderes Bild zeigt das Konzerthaus Berlin. Statt einem jubelndem Publikum nur: Leere. Auf der Bühne der Künstler Cameron Carpenter bei einem Streaming-Konzert. Alles wirkt surreal. 

Auf einem anderen Bild ein Zaun, über den sich die Leute unterhalten: es ist die Landesgrenze zwischen Deutschland und der Schweiz, zwischen Konstanz und Kreuzlingen. Die Menschen sind nur von hinten zu sehen, im Gras liegen noch die Motorradhelme. Ingmar Nolting dazu: „Jede und jeder kennt doch das Gefühl, wenn man das erste Mal mit 16 verliebt ist, den Mofaführerschein hat… und jetzt darf man sich plötzlich nicht mehr treffen.“ 

Die Menschen auf dem Bild haben es dennoch geschafft. Helle, pastellfarbene Töne erinnern an einen schönen Frühlingstag, der gleichzeitig voller Leere ist, nur mit wenigen Menschen, die sich treffen. Eine Stimmung, die gedämpft ist. Die nahe gelegene Straße war zu diesem Zeitpunkt komplett gesperrt, die Grenze dicht.

Vertrauen als Basis der Arbeit: Die Coronakrise und Randgruppen der Gesellschaft

Foto: Angelika Steger

Verschiedene Gruppen von Menschen in der Coronakrise zu porträtieren, das war die Aufgabe, die sich der Absolvent der Fachhochschule Dortmund, Ingmar Nolting, gesetzt hatte. Nach dem Abitur hatte er ein freiwilliges soziales Jahr in einer Übernachtungsstelle für Obdachlose gemacht. Wie ergeht es im ersten Lockdown diesen Menschen? 

Im Hintergrund graue Betonbauten, sieht man zwei Obdachlose in Berlin am Straßenrand sitzen. Sie sind die einzigen auf dem Bild, die Gesichter sichtbar. Nicht viel scheint anders zu sein – außer der Leere um sie. Doch wie kann man in einer Übernachtungsstelle Abstand halten? In dieser Einrichtung in Berlin hätten sie Isolierkammern gebaut, erzählt der Fotograf. 

Wie war es, die Menschen zu fotografieren? Nicht jede und jeder hat das gern, es braucht Vertrauen zu dem Fotografierenden. Nolting dazu: „Das mit dem Vertrauen war eigentlich kein Problem. Ich habe schon im März immer Maske getragen. Oft habe ich die Fotos aus großer Distanz heraus gemacht. Am Ostseestrand in Zingst habe ich einen Hundespaziergänger fotografiert. Der hatte sich, nachdem er sich im Zeit-Magazin gesehen hatte, gemeldet und gefreut.“ 

Wie es zum Ankauf der Fotoserie „measure and middle“ kam

Über die Kosten des Bilderankaufs schweigt sich MKK-Sammlungsleiter Dr. Christian Walda aus. Durch die Veröffentlichung im ZEIT-Magazin wäre man auf Nolting aufmerksam geworden. Zu den fehlenden Bildern aus Dortmund in der Coronakrise verweist er auf die Ausstellung „Mein Dortmund“, in der dazu Bilder zu sehen seien. 

Durch sein Studium sei aber der Bezug zu Dortmund hergestellt. Aufgrund des leider gültigen Lockdowns kann noch kein Ausstellungstermin genannt werden, aber sobald das möglich sei, werde man die Bilder der Öffentlichkeit sofort zugänglich machen

Einsamkeit und Isolation in Bildern sichtbar machen: das Thema des Fotografen Ingmar Nolting

Fotograf Ingmar Björn Nolting (re) und MKK-Sammlungsleiter Dr. Christian Walda vor einer Auswahl der angekauften Bilder. Foto: Roland Gorecki

Noltings Bilder strahlen eine Ruhe aus, als ob man das gesamte gesellschaftliche Leben auf Pause geschaltet hätte. „Den Zustand einer Gesellschaft in außergewöhnlichen Zeiten, einer Nation, die oft mit Bürokratie, Kontrolle und Ordnung in Verbindung gebracht wird, zu untersuchen, das habe ich mir zur Aufgabe gemacht“ erklärt Fotograf Nolting.

Doch wie geht es weiter? Wann wird die Pandemie überwunden sein? Man wird dafür weiter Zeitung lesen und Nachrichten hören müssen.

Der Fotograf Ingmar Björn Nolting studierte Fotodesign an der Fachhochschule Dortmund. Sein Lebens- und Arbeitsmittelpunkt ist Leipzig, sein Thema ist soziale, geografische oder auch geopolitische Isolation. Eines seiner Langzeit-Projekte war das Iduna-Zentrum Göttingen, das als Corona-Hotspot galt oder die Fotodokumentation des Landesteiles von Somalia, der sich abgespalten hatte. Er ist außerdem Mitbegründer des DOCKS collective for humanist photography. Seine Arbeiten wurden u.a. im Time Magazine, im Zeit-Magazin und in der NZZ veröffentlicht. 

 

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