Mehr als eine Ausstellung: Emerging Artists Dortmund zeigt die Vielfalt der Kreativ-Szene

Netzwerkarbeit, Fortbildung, Rahmenprogramm und Förderpreis

Künstler Gruppenfoto
Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de Emerging Artists Dortmund: Das sind acht Künstler:innen, eine Fotografin und die Kreativteams für Grafik und Szenografie.

Wenn es noch eines Beweises bedurfte, wie gut Dortmunds junge Künstler:innen sind, dann liefert ihn „Emerging Artists – zeitgenössische Kunst aus Dortmund“. Malerei, Fotografie, Film, Installation und Skulptur: Die Ausstellung zeigt noch bis zum 7. Februar 2027 mit nur acht Positionen die ganze Vielfalt der Szene auf der UZwei im Dortmunder U.

Netzwerkprojekt von Dortmunder Kunstverein und Uzwei

Seit 2015 gibt es das Format „Emerging Artists Dortmund“ – eine Kooperation des Dortmunder Kunstvereins und der UZwei. Alle zwei Jahre präsentieren Linda Schröer und (seit 2019) Andree Putz junge, aufstrebende (engl. emerging) Künstler:innen, die ihren Arbeits- bzw. Lebensmittelpunkt in Dortmund haben.

Drei Personen Gruppenfoto
Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de Die Kurator:innen Linda Schröer und Andree Putz mit Mirjam Gaffran, Leiterin der UZwei (v.l.)

Über 50 Bewerbungen gingen für die sechste Ausgabe ein. Eine Jury wählte acht Positionen für die Ausstellung aus. Doch das ist noch nicht alles.

„Anfangs war es eine kleine Ausstellung, sie lief drei Wochen“, erinnert sich Schröer. Stück für Stück wurde das Format der Biennale erweitert: „Szenografie, Grafik und die Fotodokumentation sind dazu gekommen, denn wir wollten die ganze Kreativ-Szene der Stadt einbinden“, so Schröer.

Schwarz-weiß prägt Grafik und Szenografie

Das Team aus Johanna Gerdiken, Julia Hillebrand, Luis Düllberg und Marie Jahnke hat den Zuschlag für die Grafik bekommen. „Das Design ist eher reduziert, schwarz-weiß, nicht dominierend, um den Künstler:innen und ihrer Arbeit Raum zu geben“, erläutert Gerdiken die Grundidee.

Namen aller Künstler auf einem Betonpfeiler
Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de Szenografie zu Emerging Artists 6

Für das Programm und jede Position gibt es eine Postkarte. Besuchende können sich ihr Material selber zusammenstellen und an einem Ring befestigen – „ein interaktiver Moment“, findet Julia Hillebrand, „es geht ja im Projekt auch ums Vernetzen.“

Ausgehend vom Grafik-Design haben auch Annika Hester und Max Gladisch eher zurückhaltend gearbeitet. Sie haben die Ausschreibung „Szenografie“ gewonnen und Sitzmöbel, Regale und die Beschilderung entwickelt.

Ein spannender Effekt sind die schwarzen Schilder, die die einzelnen Positionen markieren – aus der Distanz wirken sie wie Flächen, erst wenn man näher kommt, ergeben sich die Namen.

Fotografie zwischen Eigenständigkeit und Dokumentation

Fotografin Katharina Kemme wurde für die fotografische Begleitung nominiert. Sie hat Atelierbesuche gemacht und für die Portraits der Künstler:innen eine eigene Bildsprache gesucht.

Künstlerportrait
Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de Katharina Kemme wurde für die Fotografie ausgewählt.

Ihre sensiblen Portraits sind in der Ausstellung zumindest digital zu sehen, die klassische Dokumentation der Ausstellung liegt noch vor ihr.

Die bisher größte Herausforderung? Kemme lacht: „Das Gruppenfoto mit allen Beteiligten mittels Selbstauslöser.“

Soweit der Rahmen für die Kunst. Was ist nun zu sehen?

Luft trifft Keramik: Lachen ist erlaubt.

Kunst darf Spaß machen – das wird gleich zu Beginn der Ausstellung klar. Katharina Ziesens Hüpfburg aus Keramik zaubert nicht nur den jüngeren Besucher:innen der UZwei ein Lächeln ins Gesicht.

Künstlerportrait
Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de Katharina Diesen und ihre Hüpfburg

Die Umsetzung des „luftigen Traumschlosses“ in das zerbrechliche Material der Keramik ist handwerklich toll gemacht und stellt spielerisch die Frage nach Schein und Sein.

Und spätestens wenn man ihre keramischen „Pupskissen“ in den Ecken entdeckt, lösen sich die großen Fragen wieder humorvoll auf.

Mehr als nur ein Möbelstück aus dem Baumarkt

Dass oft mehr hinter den Dingen steckt, weiß auch David Nils Müller. Für „Die Ordnung der Garnitur“ widmete er sich der Bierzeltgarnitur.

Künstlerportrait
Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de David Nils Müller in der Ausstellung

Jede:r kennt und nutzt diese Tische und Bänke. Müller hat zahlreiche Internetfotos gesammelt, die sie auf Schützenfesten, in Biergärten oder bei privaten Grillabenden zeigen.

Für ihn sind sie nicht nur Möbelstücke, sondern eine Art „soziales Instrument“. Sie ermöglichen uns eine „kollektive Erfahrung“, heißt es in seiner Videoarbeit. Zumindest temporär.

Eine Bierbank für eine Person hat Müller auch gebaut – sie sieht einsam aus.

Schlachten und Fabelwesen auf Leinwand

Malerei ist das Medium, das Max Spielvogel und Hannah Zühlke verbindet. Spielvogels Bilder wirken kraftvoll und plakativ, angelehnt an Wappenmalerei oder auch Graffiti.

Künstlerportrait
Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de Max Spielvogel

Pferdekörper und hybride Wesen stehen im Mittelpunkt. Die Komposition erinnert an Schlachtengemälde.

Doch die Einzelteile haben hier ihre ganz eigene Dynamik, kein Oben oder Unten und keine Verbindung zum Hintergrund.

Hannah Zühlke bewegt sich in anderen Sphären. Sie schafft malerische Räume für Fabelwesen.

Großformatiges Gemälde in Blau mit fünf nackten Personen
Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de Detail der Malerei von Hannah Zühlke

Zerbrechlich wirken sie, durchscheinend in ihrer Welt aus Blautönen, irgendwo zwischen Wolken und Wasser.

Für die Ausstellung hat sie mit ihren Leinwänden eine Art Bühnenbild gebaut: „Ich spiele gern mit verschiedenen Dimensionen.“

Eine Familiengeschichte als Grundlage für das Werk

Auseinandersetzungen mit der eigenen Familiengeschichte sind die Ausgangsbasis für die Arbeiten von Jürgen Dechert und Bokeum Lee.

Künstlerportrait
Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de Jürgen Dechert in seiner Installation

Dechert studiert freie Kunst und präsentiert hier eine Installation, in die er Archivfotos eingebunden hat. „Post-sowjetisches Mosaik“ beschäftigt sich mit den familiären Ursprüngen in Sibirien und einer Entwicklung, die von Brüchen gekennzeichnet ist.

Im Raum werden die Bruchstücke zu einem Ganzen verbunden und nicht nur negativ interpretiert: „Aufbruch heißt ja auch immer Hoffnung schöpfen“, so Dechert.

Frauenarbeit sichtbar machen und wertschätzen

Bokeum Lee wurde in Südkorea geboren und studiert Fotografie. Ihre Großmutter war Schneiderin und vielleicht interessiert sie sich auch deshalb für Textilien.

Künstlerportrait
Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de Bokeum Lee

Lee nutzt historisches Bildmaterial, das Fabrikarbeiterinnen in Korea zeigt, und druckt diese Fotos auf ihre selbst gestrickten Stoffe oder webt die Motive direkt ein.

Die Masche wird zum Pixel, die Frauengesichter bleiben anonym: „Ihnen ist der wirtschaftliche Aufschwung in Korea zu verdanken“, findet Lee, aber „sie haben keine Visitenkarten.“ Mit ihrer Arbeit will sie Frauengeschichte sichtbar machen und den Wert der Handarbeit würdigen.

Grenze überschritten: Ein Comic erobert sich den Raum

Eine sehr persönliche und berührende Erfahrung gibt Masha Bisalieva preis. Die Comic-Zeichnerin hat erstmals einen ganzen Raum gestaltet und so die Geschichte ihrer Heldin vom Blatt in eine weitere Dimension geführt. Das ist stimmig, denn es geht um Grenzüberschreitung.

Künstlerportrait
Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de Masha Bisalieva in ihrer Traumwelt

Mit nur wenigen Strichen thematisiert Bisalieva die Erfahrung eines Übergriffs in einer physiotherapeutischen Sitzung – die junge Frau erstarrt, flieht in Gedanken in eine andere Welt.

Und während der Comic schwarz-weiß bleibt, ist die Traumwelt an den Wänden bunt, der Wald freundlich. Doch in der Mitte des Raums liegt ein kleines Tierfell – da kann einem ganz anders zumute werden.

Black Box für eine andere Welt

Natalie Plaskuras Werk fällt aus dem Rahmen. Sie hat für ihre Welten einen eigenen Raum im Raum bekommen. Betritt man die schwarze Box, versinkt man in surrealen Bildern, irgendwo zwischen Gothic und Science Fiction. Steampunk, Figuren aus „Dune“ oder auch Jules Vernes Kapitän Nemo lassen grüßen.

Künstlerportrait
Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de Natalie Plaskura lebt auch daheim mit ihren Leuchtobjekten

Die Bilder sind perfekt, grotesk, brillant und überwältigend. Kaum zu glauben, dass Plaskura auf den Einsatz von KI verzichtet und auch alle Gegenstände für ihre Filme selbst baut.

Sie hat schon viel gemacht, zum Beispiel Musikvideos, und ist die älteste Teilnehmerin des Wettbewerbs. Es war ihre erste Bewerbung: „In der Kunstwelt bin ich noch ganz frisch“, doch sie lebt schon lange mit und in ihren Zauberwelten: „Willkommen in meinen Kopf“, sagt sie.

„Es geht um das Netzwerk und es ist auch Fortbildung.“

Das alles ist vielschichtig, liebevoll ausgesucht, ein wilder, spannender Mix und weit mehr als nur eine Ausstellung. „Es geht um das Netzwerk und es ist auch Fortbildung“, erklärt Andree Putz. Im Rahmenprogramm geht es um Themen wie Selbstständigkeit oder Künstlersozialkasse, um Antragswesen oder auch die Portfolioberatung.

Kunstinstallation Wandteppich
Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de Arbeiterinnen in Südkorea, Detail aus einem Strickbild von Bokeum Lee

Kunstwissenschaftliche Vorträge, Führungen mit dem Kuratorenteam und Workshops mit Bokeum Lee und Masha Bisalieva sind ebenfalls geplant. Und es soll eine Edition geben, die ab dem 2. Dezember Teil einer Ausstellung im Hans C sein wird.

„Am Ende sind wir dann noch gespannt, wer von den acht Künstler:innen den Förderpreis gewinnt“, so Putz. Damit verbunden ist dann eine Einzelausstellung im Superraum.

Kultur unter Druck: Doch wo entstehen sonst neue Gedanken?

Ein umfassendes Paket – wie ist das alles zu finanzieren? „Ohne Förderung wäre das nicht machbar“, so Putz. Der Dank des Teams geht daher an das Kulturbüro Dortmund, Dortmund.Kreativ, die Artur und Lieselotte Dumcke Stiftung, die Werner-Richard Dr. Carl Dörken Stiftung sowie die FH Dortmund.

Presse Emerging Artists Emerging Artists gibt es seit 2015 alle zwei Jahre – 2026 ist es die sechste Ausgabe.

Wird es in zwei Jahren wieder eine Ausgabe der „Emerging Artists Dortmund“ geben? Das Team hofft es und die Haushaltssperre trifft diese Ausstellung nicht.

Doch die Kultur gerät immer wieder unter Druck: „Was verliert eine Gesellschaft, wenn sie ausgerechnet jene Räume schwächt, in denen neue Gedanken entstehen?“, fragt Schröer.

Sie appelliert: „Kunst braucht Räume. Kunst braucht ein Publikum, das nicht nur nach Bestätigung sucht, sondern sich auch irritieren, überraschen und berühren lässt.“

Die Emerging Artists Dortmund werden ihr Publikum sicher finden.

Die Ausstellung ist noch bis zum 7. Februar 2027 auf der UZzwei im Dortmunder U zu sehen. Der Eintritt ist frei. Weitere Informationen auf der Website von Emerging Artists Dortmund.


Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

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