Gastronomie, Büros und Wohnen: Neue Perspektiven für das Azad-Haus am Hansaplatz

Bergmann Brauerei will ins Erdgeschoss – Teppichhandel zieht sich zurück

Der Denkmalschutz spielt eine wichtige Rolle bei der Weiterentwicklung des Gebäudes. Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Das Azad-Haus prägt seit Jahrzehnten das Bild am Hansaplatz. Nun soll das denkmalgeschützte Gebäude eine neue Zukunft bekommen: Die Eigentümerfamilie gibt ihr Teppichgeschäft am Standort auf, behält die Immobilie aber und will die frei werdenden Flächen vermieten. Eine von Stadt und Land geförderte Machbarkeitsstudie zeigt, was in dem mehr als 120 Jahre alten Haus möglich ist. Ein prominenter Interessent ist bereits bekannt: die Dortmunder Bergmann Brauerei. Wann die ersten Gäste kommen, ist allerdings noch offen.

Das Programm „Zukunftsfähige Innenstädte und Ortszentren NRW“ finanziert die Studien

Bei der Vorstellung der Studie im Azad-Haus machten die Beteiligten deutlich, dass es sich nicht um ein Papier für die Schublade handeln soll. „Es ist wirklich der Wille, direkt umzusetzen“, betonte Friedrich-Wilhelm Corzilius, stellvertretender Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Dortmund. 

Friedrich-Wilhelm Corzilius, stellvertretender Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Gefördert wurde die Studie aus dem Landesprogramm „Zukunftsfähige Innenstädte und Ortszentren Nordrhein-Westfalen“, das neue Perspektiven für große Einzelhandelsimmobilien eröffnen soll. Stadt und Eigentümer hatten sie Anfang 2026 gemeinsam angestoßen.

Anders als bei der Studie zum ehemaligen Kaufhof-Gebäude, die „mehr hinter verschlossenen Türen“ entstanden sei, habe man sich mit der Familie Azad von Beginn an auf einen offenen Umgang mit den Ergebnissen verständigt, so Corzilius. Ein drittes Vorhaben ist der Umbau bei Sport-Check für die TU – direkt gegenüber von Azad haben dort die Bauarbeiten bereits begonnen.

Vom Weihnachtsgeschäft in der Eisdiele zum Teppichhaus am Hansaplatz

Historische Postkarte
Außenansicht der Nationalbank am Hansaplatz (1912) Sammlung Klaus Winter

Die Geschichte der Familie in Dortmund reicht bis 1962 zurück. „Mein Großvater kam damals aus dem Iran“, erzählt Amin Azad, der die Eigentümerfamilie in der Immobiliengesellschaft vertritt. Dort habe die Familie die komplette Produktion „vom Schaf zur Wolle zum Teppich“ in der Hand gehabt. 

In Deutschland sei der Großvater über Bekannte in den Teppichhandel eingestiegen – zunächst in einer Eisdiele während der Weihnachtszeit, wenn dort kein Eis verkauft wurde.

Amin Azad gehört zur dritten Generation des Unternehmens, welches 1962 gegründet wurde. Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Später folgte ein größeres Geschäft am Grafenhof, wo heute die Volkswohl Bund sitzt, und 1984 der Umzug an den Hansaplatz. Seit mehr als 40 Jahren ist die Familie Eigentümerin des Gebäudes.

Damals waren alle Etagen bis in die dritte mit Teppichen gefüllt. Über die Jahre verkleinerte sich die Verkaufsfläche: Wohnungen entstanden, Büros an der Lisztstraße, 2016 zog Hans im Glück in einen Teil des Erdgeschosses. Heute gibt es im Haus 19 vermietete Wohnungen und vier vermietete Büroflächen. Leerstand ist dort kein Thema.

Der Teppichhandel geht auch nach dem Schlussverkauf online weiter

Wer seit Jahren an den Räumungs- und Schlussverkaufs-Plakaten vorbeigeht, mag an einen Dauerzustand denken. Werner Müller, General Manager der Azad-Firmengruppe, widerspricht: 2004 habe es einen Räumungsverkauf gegeben, der aktuelle sei erst der zweite. Dazwischen habe es nur die üblichen Saisonschlussverkäufe gegeben.

Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Ganz aus dem Teppichgeschäft steigt die Familie nicht aus. Sie setzt künftig auf den Onlinehandel mit einem Lager in Recklinghausen. „Natürlich endet hier eine Ära für uns, wenn diese Teppiche aus diesem Gebäude rausgehen“, sagt Amin Azad. 

Zugleich erschließe man online neue Kundengruppen. Das Gebäude selbst soll in Familienbesitz bleiben: „Wir sind daran interessiert, hier in die Zukunft zu investieren und zum neuen Stadtbild beizutragen.“

Geplatzter Deal mit Systemgastronomen brachte die Studie ins Rollen

Michael Heinze (IRI) und Ragnhild Klußmann (raumwerk) haben die Studie geschrieben. Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Der Weg dorthin war nicht geradlinig. Vor rund zwei Jahren stand die Familie nach eigenen Angaben kurz vor einem Vertrag mit einem Systemgastronomen, der die gesamte Fläche übernehmen wollte.

Direkt vor der Unterzeichnung sei der Investor abgesprungen – obwohl der Ausverkauf bereits begonnen hatte. In dieser Situation kam die Unterstützung von Wirtschaftsförderung und Citymanagement.

Im Anbaubereich wären auch Aufstockungen möglich. Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Den Auftrag, die Möglichkeiten des Gebäudes auszuloten, erhielten raumwerk.architekten aus Köln und das Dortmunder Institut für Raumforschung und Immobilienwirtschaft (IRI).

Ursprünglich als Bankgebäude mit großem Innenhof errichtet, war das Haus nie für Einzelhandel, Gastronomie oder Wohnen gedacht, wurde im Krieg zerstört, wieder aufgebaut und mehrfach erweitert. „Deswegen haben wir noch mal quasi bei den Ursprungsplänen angefangen“, berichtet Architektin Ragnhild Klußmann.

Die Fachleute entwickelten fünf Varianten und vertieften zwei davon. Kern beider Ansätze: Erdgeschoss und erstes Obergeschoss, jeweils mehr als 1.000 Quadratmeter groß, sollen baulich getrennt werden.

Beim Umbau soll die verbindende Treppe verschwinden – das hilft beim Brandschutzkonzept. Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Die verbindende Treppe fällt weg. Das erleichtere Brandschutz und Fluchtwege und mache kleinteiligere Nutzungen möglich – im Obergeschoss etwa bis zu vier Büroeinheiten. 

Barrierefrei erschlossen werden sollen die Flächen ebenerdig über das Erdgeschoss, damit an der historischen Freitreppe zum Hansaplatz kein großer Aufzug angebaut werden muss. Der repräsentative Eckeingang soll erhalten bleiben.

Auch eine Teilaufstockung mit elf weiteren Wohnungen halten die Planer*innen für machbar. Sie ist derzeit aber nicht geplant. „Das ist dann im Prinzip der zweite Step“, sagt Müller. Die bestehende Systemgastronomie – „Hans im Glück“ – soll im Gebäude bleiben.

Denkmalpflege zeigt sich offen für neue Türen zur Fußgängerzone

Unter Denkmalschutz steht der Altbau vom Haupteingang in Richtung Hansaplatz und Wißstraße. Die Auflagen konzentrieren sich laut Klußmann vor allem auf die Fassade, da das Innere längst nicht mehr im Originalzustand sei. 

Die zentrale Treppe ist nicht barrierefrei – und wird es auch wegen des Denkmalschutzes nicht werden. Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Die größeren Baustellen lägen in der in die Jahre gekommenen Haustechnik – Elektrik, Heizung, Aufzüge – sowie in den deutlich höheren Anforderungen an eine Gastronomie, etwa bei Lüftung und Fettabscheidung.

Aus Sicht der Stadt ist vor allem das Erdgeschoss entscheidend. Es brauche Nutzungen, „die wirksam sind in den Stadtraum, die die Menschen hierherbringen“, so Klußmann. Ihr „wünschenswertester Eingriff“: Einige Fenster könnten zu Türen werden, damit sich die Nutzungen zur Brauhausstraße und zum Platz öffnen. Die Denkmalpflege gehe dabei in Vorgesprächen mit, auch wenn die Details noch verhandelt werden müssten.

Bergmann Brauerei will im Erdgeschoss Gastronomie betreiben

Ein Name steht bereits fest. Seit knapp einem Jahr sei die Bergmann Brauerei in „immer weiter vertieften Gesprächen“ mit der Familie, berichtet Geschäftsführer Carlo Raphael. Beide Seiten hätten sich dazu bekannt, das Projekt gemeinsam verwirklichen zu wollen. Die Brauerei sei bereit, im Erdgeschoss eine Fläche anzumieten und dort Gastronomie zu betreiben.

Geschäftsführer Carlo Raphael von der Bergmann-Brauerei Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Nach Angaben von Müller ist im hinteren Drittel eine Gastronomie in Verhandlung, im vorderen Bereich eine weitere „in einer anderen Richtung“. Für die komplette erste Etage gebe es ebenfalls einen Interessenten. Nur für die mittlere Teilfläche fehle noch ein Mieter – dort werde vorerst weiter Teppich verkauft, damit die Fläche bespielt bleibe. 

Unterschrieben ist allerdings noch nichts. Die Mietverträge würden erst mit Baugenehmigung und Nutzungsänderung wirksam, erläutert Müller. „Das sind dann Punkte, die nicht nur allein an uns hängen, sondern auch an den Behörden.“

Architekt bremst beim Zeitplan: „Ich würde ein bisschen zurückrudern“

Die Investitionen will die Familie selbst stemmen, beziffern kann Müller sie noch nicht. Bereits begonnen habe die Sanierung des Daches über der großen hinteren Fläche.

Großer Bahnhof für die Vorstellung der neuen Pläne. Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Wie weit die Eigentümer beim Ausbau gehen und was die Mieter*innen übernehmen, sei Verhandlungssache und schlage sich im Mietpreis nieder. Die Kosten ermittelt nun das Architekturbüro Wiegand, das auch Baugenehmigung und Nutzungsänderung beantragen soll. Das finanzielle Engagement der Stadt endet mit der Studie.

Beim Zeitplan zeigte sich, wie weit Wunsch und Wirklichkeit noch auseinanderliegen. Müller und Azad hoffen, im Frühjahr mit dem Umbau beginnen zu können. Architekt Dirk Wiegand fand diese Aussage „sehr mutig dafür, dass wir noch keinen Strich getan haben“. Sein Rat an Müller: „Ich würde ein bisschen zurückrudern.“ 

Während für das Azad-Haus jetzt die Machbarkeitsstudie vorgestellt wurde, laufen die Arbeiten am Sport-Scheck-Haus schon weiter. Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Bauordnungsamt, Denkmalbehörde und Feuerwehr müssten eingebunden werden, erst müssten alle Nutzer*innen feststehen. „Das ist jetzt nicht die Planung von einem Einfamilienhaus“, so der Architekt. Auf Sommer oder Herbst 2027 wollte er sich nicht festlegen.

Auch Corzilius dämpfte die Erwartungen: Man werde „nicht zack in einem dreiviertel Jahr alles gleichzeitig eröffnen“ können. Wichtig sei aber, dass Bewegung entstehe. Zugleich lobte er, dass das Haus weiter bespielt werde und niemand im Winter „in leere Fenster“ gucken müsse – häufig der Unterschied zwischen Familieneigentümern und großen Investmentfonds.

Die Machbarkeitsstudie steht online zum Download bereit unter dortmund.de/citymanagement.


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