
Wenn Dinge Geschichten erzählen könnten, was würden sie berichten? Das Museum für Kunst und Kulturgeschichte (MKK) hat Dortmunder:innen dazu eingeladen, einen Gegenstand und die mit ihm verbundene persönlichen Geschichte vorzustellen. Acht Dinge erzählen nun von Alltag und Sehnsucht ihrer Besitzer:innen und öffnen das Museum zugleich für neue Perspektiven der Stadtgesellschaft.
„Wir wollen ja als Museum auch die Menschen berühren.“
Die Ausstellung „Die Sprache der Dinge. Geschichten von Erinnerung, Alltag und Sehnsucht“ wurde von einem fünfköpfigen Team entwickelt, das unterschiedliche Generationen, Lebenswege und Perspektiven zusammenbringt. Sie haben die Objekte ausgewählt und dabei nicht auf den materiellen Wert der Dinge geschaut, sondern vielmehr auf ihren Erinnerungswert, Gefühle und Erfahrungen. „Wir wollen ja als Museum auch die Menschen berühren und etwas zeigen, was persönlich für sie eine Bedeutung hat“, erklärt MKK-Direktorin Dr. Tanja Pirsig-Marshall.

Claudia Wagner, Leitung Bildung und Vermittlung im MKK, beschreibt den Ansatz außerdem als bewusste Öffnung der musealen Arbeit.
Acht Menschen haben dafür einen Gegenstand zur Verfügung gestellt und erzählt, was er für sie bedeutet: Halima Aziz, Joshua Hoven, Barbara Müller, Emilse Muñoz Rodríguez, Alla Sokolova, Clara Sorzano Hernández, Alisan Tekin und Saray Villa Acosta.
Ihre Geschichten handeln von Herkunft und kulturellem Erbe, vom Ankommen und Leben in der Fremde, von Familie und Arbeit, Emanzipation, Identität, Widerstandskraft und Zugehörigkeit.
Ein Stück Kohle oder Schuhe erzählen von Heimat oder neuem Zuhause
„Jeder hat einen Gegenstand, der einem lieb ist und dem man einen gewissen Wert zuordnet“, sagt Kuratorin Rabia Özay. Für sie war es besonders spannend, „die Person dahinter kennenzulernen“.

Zu den persönlichen Geschichten gehört die von Alisan Tekin. Er zeigt eine Violine seines Vaters. Er spielte auf ihr traditionelle Lieder in der kurdischen Muttersprache der Familie – einer Sprache, die vom Aussterben bedroht ist. „Mein Papa hat diese Violine dafür benutzt, uns die Muttersprache beizubringen“, erzählt er. „Ich bin stolz darauf, auch auf die Violine, weil sie dazu beigetragen hat, dass ich meine Muttersprache jetzt sprechen kann. Immer noch.“___STEADY_PAYWALL___
Viele Geschichten kreisen um ein Gefühl des Dazwischen – um verlorene Heimat, das Ankommen in Dortmund und die Suche nach Zugehörigkeit.
Ein Beispiel sind auch Schuhe und eine Brosche, die Alla Sokolova zur Verfügung gestellt hat. Beide gehörten ihrer verstorbenen Mutter. Sokolova kam aus St. Petersburg nach Dortmund, arbeitete als Ärztin und beide hatten wenig gemeinsame Zeit. Immer wieder schlüpfte die Tochter in die Schuhe der Mutter – heute versteht sie dies als Versuch, ihr nahe zu sein.
Eine Schere oder gefärbte Ballettschuhe als Symbol für Eigenständigkeit und Freiheit
Joshua Hoven verbindet mit einem unscheinbaren Kohlebrocken die Erinnerung an seinen Großvater. „In diesem Stein ist sein ganzes Leben eingeschrieben“, so Wagner, ein Stück Ruhrgebiet, das zugleich für eine Beziehung zwischen Großvater und Enkel steht.

Andere Objekte erzählen von gesellschaftlichen Veränderungen. So stehen Ballettschuhe für die Erfahrung einer schwarzen Tänzerin, die ihre Schuhe zu Beginn ihrer Karriere selbst einfärben musste, damit sie zu ihrem Hautton passten. Heute bieten Hersteller Ballettschuhe in unterschiedlichen Hauttönen an und Clara Sorzano Hernandez konnte ihren Traum von der Solotänzerin im Ballett Dortmund tatsächlich verwirklichen.
Eine Schneiderschere wiederum steht für die Emanzipation von Frauen. Sie gehörte der Mutter von Barbara Müller, die sich in den 1950er-Jahren mit einem Modesalon selbstständig machte. Für Müller symbolisiert die Schere eine Generation von Frauen, die sich ihren Platz im Berufsleben erkämpfte.
Wer diesen Dingen und ihrer Geschichte auf den Grund gehen will, hat dazu nun bis Ende Februar 2027 Zeit. Die kleine, sehr persönliche Ausstellung begleitet die großen MKK-Schau „Konsum. Alltagsdinge zwischen Nutzen, Sehnsucht und Überfluss.“
Weitere Infos auf der Website des Museums für Kunst und Kulturgeschichte (MKK)
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