Hunderte demonstrieren am 8. Mai in Dortmund: „Nie wieder Krieg, nie wieder Wehrpflicht“

Erneut bundesweit Demos gegen die Wiedereinführung des Wehrdienstes

Teilnehmende der Wehrpflicht Demo am 8. Mai 2026. Lilia Krächter | Nordstadtblogger

Unter dem Motto „Heraus zum 8. Mai: Nie wieder Krieg, nie wieder Wehrpflicht!“ haben am heutigen 8. Mai 2026 mehrere hundert Schüler:innen von mindestens zehn verschiedenen Schulen in Dortmund gegen die mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht demonstriert. Es war bereits der dritte bundesweite Schulstreik dieser Art. Nach Angaben des Veranstalters beteiligten sich rund 400 Menschen an der Demonstration, angemeldet waren etwa 500.

Das Bündnis „Nein zur Wehrpflicht“ als Organisator der Demo

Boris Michiev vom Bündnis „Nein zur Wehrpflicht (NZW)“ hatte die Demonstration mitorganisiert und angemeldet. Für ihn stehe vor allem der Schutz junger Menschen im Mittelpunkt. „Wir finden, dass die Wehrpflicht nicht wieder eingeführt werden sollte.“ Einen sachlichen Grund sehe das NZW nämlich dafür nicht, vielmehr spielen geopolitische Interessen eine Rolle. „Merz redet von einer Ära der Großmachtpolitik, ein Pistorius davon, dass Deutschland die stärkste Armee Europas sein soll“, so der Anmelder.

Wehrpflicht Demo, 8. Mai 2026: Boris Michiev com NZW. Lilia Krächter | Nordstadtblogger

Michiev selbst wäre nach aktuellem Stand selbst nicht von den diskutierten Wehrpflicht-Plänen betroffen, da er Jahrgang 2005 ist. Trotzdem bezeichnete er die Entwicklung als „erschreckend“. Er mache sich Sorgen um Freunde und Familienmitglieder.

Auch die Grüne Jugend äußerte sich zum Streik: „Wir freuen uns darüber, dass wir im Vorfeld zum 3. Schulstreik uns nun auch offiziell dem Bündnis „Nein zur Wehrpflicht!“ angeschlossen haben.“ Prinzipiell steht die Grüne Jugend Dortmund gegen jede unnötige Einschränkung der Freiheitsrechte von jungen Menschen.

Tim Stenzhorn ist Sprecher der Grünen Jugend und findet es sehr gut, dass wieder so viele Schüler:innen auf die Straße gegangen sind, um gegen die Musterung und Wehrpflicht zu protestieren. Für ihn steht fest, dass noch mehr Schüler*innen erreicht werden sollten. Das wiederum gestalte sich als schwierig, da laut ihm, viele Schulen aktiv dagegen vorgehen, dass ihre Schüler*innen an den Demos teilnehmen können. „Es kann nicht sein, dass die Schüler:innen auch noch zur Waffe gezwungen werden sollen“, so Stenzhorn.

Die Kundgebungen zum Start der Demonstration

Vor dem Start des Demonstrationszuges gab es Kundgebungen am Platz vor dem Nordausgang des Hauptbahnhofes. Eine der Redner:innen war die Lehrerin Anke Georges, die auch Mitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ist. Sie kritisierte die zunehmende Präsenz der Bundeswehr an Schulen. „Ich finde es miserabel, wie die Bundeswehr immer mehr als Normalität in Schulen einziehen soll“, sagte sie. Statt Aufrüstung brauche es Investitionen in Bildung und soziale Infrastruktur. „Wo sind die Schwimmbäder und der gute Unterricht“, fragte Georges mit Blick auf die milliardenschweren Rüstungsausgaben.

Anke Georges und Uli Sander bei der Kundgebung auf der Wehrpflichtdemo am 8. Mai 2026. Lilia Krächter | Nordstadtblogger

Besondere Aufmerksamkeit erhielt die Rede des 1941 geborenen Uli Sander. Er sprach im Namen der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/ Bund der Antifaschisten. Der Zeitzeuge erinnerte an die Bombardierung Hamburgs 1944 und an seine Erlebnisse im Flüchtlingslager zum Kriegsende.

„Das furchtbare Erlebnis werde ich nie vergessen“, sagte Sander. Er verwies auf Artikel 139 des Grundgesetzes, der die Maßnahmen zur „Befreiung des deutschen Volkes von Nationalsozialismus und Militarismus“ weiterhin für gültig erklärt. Seine Antwort darauf, „Wir wollen Frieden und keinen Krieg. Verhandeln statt schießen ist die Devise.“

An die Jugendlichen gerichtet sagte er: „Schülerinnen und Schülern ist zu danken, dass sie den älteren Menschen sagen, wo es langgeht.“ Zudem warnte er vor einer gesellschaftlichen Gewöhnung an militärisches Denken. „Meine Empfehlung für euch heute, füllt keine Fragebögen aus und geht nicht zur Musterung.“

Viele Schüler:innen trotz Konsequenzen beim Streik

Wie bereits bei der letzen Demo am 5. März 2026 führte der Demozug vom Nordausgang des Hauptbahnhofes, östlich über den Wall bis hin zum Platz der Alten Synagoge vor dem Theater. Mit Sprechchören machten die Demonstrieren ihr Motto klar: „Nein zur Wehrpflicht!“

Schüler: innen auf der Wehrpflicht Demo am 8. Mai 2026. Lilia Krächter | Nordstadtblogger

Mehrere Schüler:innen berichteten auf der Bühne von Druck und Konflikten mit Schulen. Alba vom Streikkomitee des Ruhrtal-Gymnasiums Schwerte erklärte, dass es seit dem letzten Streik keine Zusammenarbeit mehr mit der Schulleitung gebe. Viele Schüler:innen hätten deshalb unentschuldigte Fehlstunden riskiert. Trotzdem bedankte sie sich bei den Teilnehmenden.

Auch Ben vom Max-Planck-Gymnasium kritisierte die Rekrutierungsstrategie der Bundeswehr. Laut ihm sollen hohe Vergütungen sollen insbesondere junge perspektivlose Menschen anwerben. „Der Krieg soll damit normalisiert werden“, sagte er und appelliert an die Teilnehmenden ihre Schule Bundeswehr frei zu machen. Einige anwesende Schüler:innen äußerten sich anonym. „Wir wollen nicht die Verantwortung für politische Entscheidungen tragen“, sagte ein Schüler. Ein anderer ergänzte: „Für so einen Staat will ich nicht kämpfen.“

Der Hintergrund und Historischer Bezug der Demo

Nicht nur in Dortmund fand der Schulstreik statt. Deutschlandweit wurde in etwa 135 Städten zum Streik aufgerufen. Durch die Initiative „Schulstreik gegen Wehrpflicht“, die nach eigenen Angaben parteilos und unabhängig ist und von Schüler:innen gegründet wurde. In Dortmund organisierte die Demo das NZW.

Schild auf der Wehrpflicht Demo am 8. Mai 2026 Lilia Krächter | Nordstadtblogger

Hintergrund der Proteste ist das seit Januar geltende Wehrdienstgesetz. Allen die ab 2008 geboren sind werden seitdem Fragebögen zur Wehrerfassung geschickt. Männer müssen diesen ausfüllen. In Deutschland betrifft das neue Gesetz rund 650.000 Jugendliche, in Dortmund sind es rund 6.000. Ein Eintritt in den Wehrdienst ist bis dato freiwillig.

Ab 2027 könnte jedoch nach Einschätzung des Wehrbeauftragten Henning Otto auch die Wehrpflicht zurückkehren. Ende 2025 verzeichnete die Bundeswehr eine Zahl von knapp 185.000 Freiwilligen. Das sind 3.000 mehr als im Jahr zuvor. Bis Mitte 2030 sollen 260.000 Soldat:innen Teil der Bundeswehr sein.

Der Protesttag ist bewusst auf den 8. Mai gelegt worden. Der Tag markiert das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa und gilt als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus. Die Initiator:innen sehen darin einen historischen Bezugspunkt für ihre Forderungen nach Frieden.


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Reaktionen

  1. Rede von Ulrich Sander, VVN-BdA Dortmund, 8. Mai 2026 beim Schulstreik Dortmund (PM)

    Für die Gelegenheit, hier am Jahrestag der Befreiung zu sprechen, danke ich euch sehr. Ich spreche im Namen der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes / Bund der Antifaschisten, gegründet 1946. Ich bin vom Jahrgang 1941. Das älteste Erlebnis, an das ich mich erinnern kann, ist jenes von der Bombardierung meiner Heimatstadt Hamburg im Jahr 1944. Ich werde diese furchtbaren Erlebnisse nie vergessen.

    Den 8. Mai 1945, den Tag der Befreiung von Krieg und Faschismus, erlebte ich in einem Flüchtlingslager in Mecklenburg. Es kamen Russen in unser Dorf. Einer von ihnen hatte an den Berliner Reichstag geschrieben: „Wir kamen zu Euch und hoffen, dass ihr nie wieder zu uns kommt.“ Der USA-Präsident Roosevelt nannte in jenen Tagen als oberstes Ziel die „Zerschmetterung des deutschen Militarismus“. Das ist auch ein Auftrag des Grundgesetzes, das in Artikel 139 bekräftigt, dass die Bestimmungen „zur Befreiung des deutschen Volkes von Nationalsozialismus und Militarismus“ weiterhin in Kraft sind. Die AfD ist somit illegal und gehört verboten.

    Heute wird eine wüste Hetze gegen die sowjetischen Befreier von 1945 betrieben. Wir sollen uns auf einen neuen Krieg gegen die Russen einstellen, so wie 1914 und 1941. Wir sagen jedoch: Wir wollen Frieden und keinen Krieg. Verhandeln statt schießen ist die Devise.

    Am 1. Mai im Westfalenpark kam die Jugend zu Wort. Keine Wehrpflicht war Eure Hauptforderung. Und dann eine wirkliche Bildungs-, Klima- und Sozialpolitik und daher Schluss mit den irrsinnigen Ausgaben für die Rüstung.
    Es ist gut, dass ihr den Aufruf der Arbeiterbewegung zum politischen Streik aufgegriffen habt. Den Schülerinnen und Schülern ist zu danken, dass sie den älteren Menschen sagen, wo es lang geht! Meine Frau und ich haben zwei Söhne, zwei Enkelkinder und eine Urenkelin, und wir sagen mit Reinhard Mey: Nein, meine Kinder geb ich nicht.

    Als ich dereinst gemustert wurde, stellte man meine Dienstunfähigkeit aus gesundheitlichen Gründen fest. Dennoch wurde mir ein Wehrpass ausgestellt und darin stand „tauglich für Ersatzreserve zwei“. Da habe ich verweigert. Meine Empfehlung für heute: Keinen Fragebogen ausfüllen und nicht zur Musterung gehen.

    Die Sache mit der Reserve wurde durch Eure Streiks erst richtig bekannt. Wenn ihr länger ins Ausland fahren wollt, sollt ihr die Bundeswehr um Erlaubnis fragen. Ihr sollt Reservisten sein – bis zum Rentenalter. Der Bundeswehrminister teilte kürzlich mit: In den nächsten zehn Jahren soll die Zahl der aktiven Soldatinnen und Soldaten von 180.000 auf 260.000, die Zahl der ständig einsatzbereiten Reservisten auf 200.000 steigen. Es sollen sich also mindestens 460.000 Soldaten ständig zur Verfügung halten. Und zwar für den Dienst im In- und Ausland. Denn die Notstandsgesetze sehen auch die Amtshilfe der Soldaten im Einsatz gegen die eigenen Landsleute vor, falls diese endlich mal zu einer volksfeindlichen Politik der ‚Kanonen statt Butter‘ massenhaft Nein sagen. Und auf die Straße gehen.

    Ulrike Eifler von der IG-Metall rief kürzlich dazu auf, „der politischen Klasse das Leben zur Hölle zu machen“, wenn sie glaubt, „sie müssten sich nicht an das Friedensgebot im Grundgesetz halten.“ Jawohl, darum geht es.

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