„Kaisers Gastarbeiter“ – Ein Kinderbuch klärt über Dortmunder Industriekultur auf

Autorin Marianne Brentzel erzählt eine Zeitreise in das Dortmunder 1899

Das Buch "Kaisers Gastarbeiter" ist zu sehen, es steht auf einem Holztisch und auf dem Cover sind in schwarzweiß zwei Kinder zu sehen. Im Hintergrund ein Zechenturm.
Die 82-jähirge Autorin Marianne Brentzel bringt eine Zeitreise raus, die sie schon vor vielen Jahren schrieb. Carl Brüggemann für Nordstadtblogger.de

Die Dortmunderin Marianne Brentzel veröffentlichte jüngst ihr Kinderbuch „Kaisers Gastarbeiter“. Damit taucht sie in die Geschichte der Dortmunder Industriekultur ein: Christine und Kai, die im Jahr 2000 leben, reisen durch die Zeit ins Jahr 1899. Gemeinsam mit den beiden Zehnjährigen erfahren die Leser:innen mehr über die harten Lebensbedingungen der deutsch-polnisch Gastarbeiter:innen in Dortmund.

Sich an die Stadtgeschichte erinnern

Brentzels Kinderbuch erzählt Dortmunder Historie und das ganz bewusst. Für die 82-jährige Autorin ist es wichtig, „sich an die Stadtgeschichte zu erinnern“. Das Ruhrgebiet sei ein  „buntes Gemisch von Menschen aus verschiedensten Ländern“. Entstanden sei dies unter anderem durch die vielen Gastarbeiter:innen, die hierher siedelten. Man dürfe nicht vergessen, unter welchen, teils menschenunwürdigen Bedingungen, diese Gastarbeiter:innen in Dortmund lebten.

Zu Sehen ist eine Pferdebahn in Dortmund um 1900 - so die Bildunterschrift. Das Bild besteht aus schwarzen Konturen der Pferdebahn auf der steht: "DEUTSHCE LOKAL-STRASSEN-BAHN", darüber ein B in einer Raute. Neben der Bahn stehen zwei Uniformierte Personen.
In dem Buch finden sich immer wieder Zeichnungen. So lernt man ganz nebenbei, welche Alltagsgegenstände es damals gab, die wir heute nicht mehr nutzen. Grafik: Marianne Brentzel

Mit Christines und Kais Zeitreise macht Brentzel auf die ungerechten Arbeitsbedingungen der Gastarbeiter:innen aufmerksam. In ein Abenteuer verpackt, erzählt die Autorin die Geschichte eines Mordes an einem deutsch-polnischen Gastarbeiter namens Jurek. Als der 15-Jährige nach einer Schicht unter Tage tot aufgefunden wird, behauptet die Zechengesellschaft, dass es ein Unfall gewesen sei.

Jureks Geschichte ist an Anlehnung an historische Ereignisse entstanden – Brentzel berichtet, dass es zur Zeit des Bergbaus mehrere Todesfälle gegeben habe, die unaufgeklärt blieben und von denen man bis heute nicht wüsste, ob sie tatsächlich Unfälle waren oder ob dabei nicht viel eher Verbrechen vertuscht wurden. Christine und Kai erleben während ihrer Zeitreise die Tatnacht mit – aber dabei bleibt es nicht.

Bergarbeitersiedlung, Jahrmarkt und Gewerkschaftskampf

hr Freund Tom – ein Forschender und Zeitreisender – zeigt den Kindern als erstes eine Bergarbeitersiedlung und erklärt ihnen die ungerechten Arbeits- und Lebensbedingungen – sowohl für deutsche, aber besonders für deutsch-polnische (Gast)arbeiter:innen. Letztere siedelten im Zuge der Industrialisierung ins Ruhrgebiet. Angeworben wurden sie mit fairem Lohn und guter Arbeit und verließen dafür ihre von Deutschland besetzte, eigentlich polnische Heimat. Doch die Arbeitsbedingungen, die ihnen versprochen wurden blieben aus.

Eine Straße auf der sich Menschen bewegen. Links viele Häuser. Wieder gezeichnet durch die Konturen, schwarzweiß.
Der Zeitreisende Tim erzählt den Kindern, dass deutsch-polnische Gastarbeiter:innen oft die abgenutzteren Häuser zugewiesen bekamen und beisammen, abseits anderer Bergarbeiter:innen wohnten. Grafik: Marianne Brentzel

Noch vor dem Verbrechen erleben Christine und Kai aber noch eine andere Facette des historischen Dortmunds: sie entdecken einen Jahrmarkt am Dortmunder Hafen. Dieser wurde einige Tage zuvor vom deutschen Kaiser eingeweiht.

Nachdem die Figuren dem Mord an Jurek beiwohnen, besuchen sie seine Beerdigung. Dort hält sein Bruder Janek eine „flammende Rede“, wie Brentzel sie nennt, und ruft die polnischen Gastarbeiter:innen dazu auf, sich in Gewerkschaften zu organisieren und für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Denn zu diesem Zeitpunkt der Geschichte kämpften zwar schon die deutschen Arbeiter für ihre Rechte – aber die polnisch-sprechenden waren bisher kein Teil davon gewesen.

Christine und Kai gibt es schon seit 1988

Christines und Kais erste Zeitreise, die ins Mittelalter ging, wurde bereits 1988 von Reinhard Bottländer und Klaus W. Hoffmann geschrieben und im Tapir Verlag veröffentlicht. Brentzel war damals, als Mitgründerin des Verlages, ihre Verlegerin. Kurz nach der Veröffentlichung von „Das Geheimnis der Feme – eine Zeitreise in das Mittelalter“ kam ihr die Idee, Christine und Kai ein weiteres Mal in die Vergangenheit zu schicken.

Eine Gruppe an Menschen, zugewendet zum Redner, viele recken die Faust in die Höhe. Die Szenerie ist auf einem Friedhof, im Hintergrund Gräber.
Auf dieser Zeichnung wird Janeks „flammende Rede“ dargestellt. Grafik: Marianne Brentzel

Durch Bekannte, deren Familien ehemals deutsch-polnische Gastarbeiter:innen gewesen waren, war Brentzel auf die Situation der Bergarbeiter:innen aufmerksam geworden. Sie schrieb „Kaisers Gastarbeiter“ bereits 1990 basierend auf historischen Fakten, die besonders das Dortmunder Zeitungsarchiv lieferten.

Aber durch die Schließung des Tapir Verlages war eine direkte Veröffentlichung nicht machbar und so vergaß Brentzel die Erzählung vorerst in ihrer Schreibtischschublade.

„Kaisers Gastarbeiter“ gerät Jahrzehnte lang in Vergessenheit

Das Schreiben gab die Autorin aber nicht auf – 1992 publizierte sie die Biographie „Nesthäkchen kommt ins KZ – Eine Annäherung an Else Ury 1877–1943“. Brentzel schrieb erstmals über das Leben der jüdischen Schriftstellerin, die in Ausschwitz ermordet wurde.

Marianne Brentzel Foto: privat

„Als das dann gut ankam, habe ich den Mut gefunden, viele anderen Sachen zu schreiben“, erinnert sich Brentzel, die in ihrem Leben noch weitere Frauenbiographien, sowie einen autobiographischen Roman über ihre aktivistische Tätigkeit in einer linksradikalen Organisation veröffentlichte. Darüber hinaus verankerte sie den „Bücherstreit“ in Dortmund, den sie 25 Jahre lang organisierte und mitgestaltete.

Erst viele Jahre später fand sie „Kaiser Gastarbeiter“ beim Aufräumen wieder und las die Geschichte ihren Enkelkindern vor, erzählt Brentzel. Diese waren so begeistert davon, dass sie ihre Großmutter dazu aufforderten, die Geschichte zu veröffentlichen. Mit der Unterstützung ihres Sohnes, der als Grafikdesigner tätig ist, konnte dieses Projekt abgeschlossen und „Kaisers Gastarbeiter“ nun veröffentlicht werden.

Weitere Informationen: 

  • Auf der Internetseite von Marianne Brentzel finden sich Informationen zu all ihren Werken: www.mariannebrentzel.de

Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

Unterstütze uns auf Steady

 Mehr dazu auf Nordstadtblogger:

Geschichtsverein erhält historisches Schild des Gesundheitshauses der Zeche Minister Stein

20 Jahre Hoesch-Museum: Ein starkes Stück Industriekultur feiert heute Geburtstag

Neue Medienstationen erwecken Maschinenhalle der Zeche Zollern zu neuem Leben

Reaktion schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert