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ZWAR-Zentralstelle in Dortmund-Marten kämpft um Existenz – Landesfördergelder sollen Ende 2019 gestrichen werden

Umbau und Betrieb des Segelschiffs „Vertrouwen“ war eines der größten ZWAR-Projekte. Archivfoto: Alex Völkel

Die Abkürzung „ZWAR“ steht seit 40 Jahren für „Zwischen Arbeit und Ruhestand“. Für die Zukunft gilt es, unsere alternde Gesellschaft nicht als defizitär und problembeladen wahrzunehmen, sondern die Chancen des demografischen Wandels für alle Generationen zu betonen. Ziel der ZWAR- Zentralstelle ist, Kommunen zu befähigen, die Teilhabe älterer Menschen am Leben in Gemeinschaft, die Mitgestaltung und das bürgerschaftliche Engagement vor Ort zu ermöglichen. Ende 2019 soll die Landesförderung für die ZWAR-Zentralstelle eingestellt werden. Das sind rund 600.000 Euro. Und das hieße momentan das Aus für die ZWAR-Zentralstelle mit Sitz in Dortmund. Landesweit rund 240 Netzwerke in über 80 Kommunen mit über 10.000 Menschen, die sich hier engagieren, würden damit die große Klammer, die alles zusammenhält, verlieren.

ZWAR-Netzwerke erfüllen wichtige Aufgaben und dienen nicht nur der Freizeitgestaltung

Die ZWAR-Zentralstelle NRW unterstützt Kommunen darin, eine Infrastruktur für selbstorganisierte ZWAR-Netzwerke vor Ort aufzubauen. Die Fördergelder des Landes sollen Ende 2019 gestrichen werden. Foto: ZWAR

Die ZWAR Zentralstelle NRW unterstützt Kommunen darin, eine Infrastruktur für selbstorganisierte ZWAR-Netzwerke vor Ort aufzubauen. Übergeordnetes Ziel der Arbeit der ZWAR-Zentralstelle NRW ist die Verbesserung der Lebensqualität aller Generationen in ihren Wohnquartieren.

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Das ZWAR-Konzept beruht laut Geschäftsführer Marc Bagusch, auf Selbstorganisation und Selbstbestimmung und erreicht dadurch eine vereins- und verbandsferne Zielgruppe älterer Menschen, die andere Angebote nicht erreichen würden.

Bagusch: „Dadurch ist es auch ein kostengünstiges Instrument zur Quartiersentwicklung, das Menschen unabhängig von Bildungsabschluss und geografischer Lage erreicht.“ Hervorzuheben sei, dass ZWAR-Gruppen sich auch immer wieder zu wichtigen Unterstützungsnetzwerken entwickeln würden. „Hier ist jeder für den anderen da. Man gibt gegenseitig auf sich Acht und fragt nach, was los ist, wenn einer mal fehlt“, so Bagusch weiter.

ZWAR-Zentralstelle als Ansprechpartner und Berater; Netzwerke agieren unabhängig

NRW-Arbeits- und Sozialminister Karl-Josef Laumann  will die ZWAR-Fördermittel streichen. Foto: Leopold Achilles

Ein Bericht von Sozialminister Karl-Josef Laumann an den Landtag kommt zu dem Schluss, dass die ZWAR-Zentralstelle in erster Linie Aufgaben erfülle, die vornehmlich der Freizeitgestaltung von SeniorInnen dienten. Das sei aber Aufgabe der Kommunen. Im Bericht heisst es wörtlich:

„Ungeachtet der verfehlten Vorgaben stellt sich die grundsätzliche Frage, ob mit der aus Landesmitteln bestrittenen Förderung der ZWAR-Zentralstelle Nordrhein-Westfalen und deren Arbeit nicht Leistungen finanziell unterstützt werden, die eigentlich kommunale Aufgabe sind und zum Bereich der Daseinsvorsorge gehören.“ Daher wäre eine Förderung nicht mehr im Landesinteresse und soll bis Ende 2019 eingestellt werden.

„Kein Cent der Landesmittel fließt in die Arbeit der ZWAR-Netzwerke. Das Geld ist ausschließlich für den Betrieb der ZWAR-Zentralstelle bestimmt“, entkräftet Friedhelm Sohn das Argument des Sozialministeriums. Und weiter: „Das zeigt mir, dass der Minister unser Konzept nicht verstanden hat“, ärgert sich der kommissarische Vorsitzende des Trägervereins.

Die ZWAR-Zentralstelle unterstütze die Kommunen bei der Gründung von neuen ZWAR-Netzwerken, stehe den Gruppen als Ansprechpartner in organisatorischen Angelegenheiten zur Verfügung, unterstütze die landesweite Vernetzung der ZWAR-Netzwerke und biete Weiterbildungen für die ZWARlerInnen an.

ZWAR-Vorstandsmitglied Uli Dettmann: „Das Ministerium spielt mit gezinkten Karten“

Das ZWAR-Logo. Foto: Screenshot

Außerdem biete die ZWAR-Zentralstelle Kommunen Beratungsleistungen im Bereich der Arbeit mit SeniorInnen an. Sie sei aber nicht an der Planung und Durchführung der Aktivitäten der Gruppen vor Ort beteiligt.

Kritik gibt es vom Ministerium auch daran, dass ZWAR in den letzten Jahren die vereinbarten Ziele bzw. Planzahlen bezüglich neu zu gründender Netzwerke nicht eingehalten habe. Im Bericht ist die Rede von zwölf statt geplanter 30 Netzwerkgründungen 2017 und von 17 statt geplanter 30 im Jahr 2016 die Rede. Dazu ZWAR-Vorstandsmitglied Uli Dettmann: „Das Ministerium spielt mit gezinkten Karten. Nach einem Umbruch in Vorstand und Geschäftsführung im Jahr 2017 werden wir die Ziele für 2018 und 2019 einhalten. Das verschweigt der Bericht an den Landtag aber.“

Und in einer Gegendarstellung zu Laumanns Bericht stellt ZWAR klar, dass 2018 insgesamt 28 neue ZWAR-Gruppen in Kooperation mit Kommunen und freien Trägern aufgebaut worden seien. Damit sei die von Laumann monierte Planzahl des Ministeriums von 30 Neugründungen pro Jahr nahezu erreicht worden. Für 2019 seien bereits 30 Netzwerkaufbauprozesse im konkreten Planungsstatus oder schon fest terminiert. All dies würde der Ministeriumsbericht allerdings nicht berücksichtigen.

Auch Theaterprojekte hatte ZWAR initiiert – hier ein Bild aus dem Jahr 2006. Foto: Alex Völkel

„Nicht erwähnt wird in der Stellungnahme des Ministers, dass die ZWAR-Zentralstelle NRW aufgrund des Abschlusses des konzeptionellen Neuausrichtungsprozesses und der Entschärfung der „Flüchtlingsproblematik“ in den Kommunen in 2018 wieder mehr Netzwerkaufbauprozesse erfolgreich akquirieren und abschließen konnte.

In 2018 wurden insgesamt 28 neue ZWAR Gruppen in Kooperation mit Kommunen und Freien Trägern der Wohlfahrtspflege aufgebaut. Damit wurde in 2018 die vom Minister monierte Planzahl (s.o.) des Ministeriums von 30 ZWAR Gruppen pro Jahr so gut wie erreicht. Für 2019 sind 30 Netzwerkaufbauprozesse im konkreten Planungsstatus oder schon fest terminiert.

Im Januar besuchte die Landtagsvizepräsidentin Carina Gödecke (SPD) zusammen mit der Landtagsabgeordneten Anja Butschkau (SPD) aus gegebenem Anlass die ZWAR-Zentralstelle in Marten. Es gab einiges zu besprechen, denn die Nöte sind groß.

Carina Gödecke und Anja Butschkau besuchten ZWAR-Zentralstelle in Dortmund-Marten

Anja Butschkau und Carina Gödecke informierten sich kürzlich bei ZWAR über die Arbeit.

Der Theatersaal im Obergeschoss war dann auch bis auf den letzten Platz gefüllt mit Mitgliedern des Vorstandes, Vertreterinnen und Vertretern mehrerer Dortmunder ZWAR-Gruppen – den sogenannten Netzwerken – und mehreren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der ZWAR-Zentralstelle.

Für die beiden Abgeordneten Grund, ihre Solidarität und Hilfsbereitschaft vor Ort zu verkünden. „Sie haben uns an Ihrer Seite“, machte Anja Butschkau in ihrem Eingangsstatement direkt deutlich.

„Vor einigen Tagen habe ich bereits das ZWAR-Netzwerk in Brünninghausen besucht. Da habe ich von ZWAR ein ganz anderes Bild erhalten als es der Bericht von Sozialminister Karl-Josef Laumann an den Landtag abgibt.“

Anja Butschkau: „Pflege- und Seniorenpolitik darf man nicht gleichsetzen.“

Aus dem ZWAR-Projekt„Vertrouwen“ (Vertrauen) ist mittlerweile ein Verein entstanden. Foto: Alex Völkel

Seit 2015 hätten die sozialpolitischen Prioritäten der Kommunen nicht auf SeniorInnen, sondern bei Geflüchteten gelegen. Das habe Personal und finanzielle Mittel in den Kommunen gebunden, die in der Seniorenpolitik fehlten.

Im Bericht des Ministeriums heisst es hierzu: „Zur Begründung der Abweichung wurde u.a. aufgeführt, dass die Ansprache der Kommunen durch die akute Flüchtlingssituation und die damit einhergehende Prioritätenverschiebung bei den Kommunen erschwert wurde.“

Landtagsvizepräsidentin Carina Gödecke warnte davor, die Fördermittel für ZWAR zu kürzen: „Die Landesregierung hat ihren Schwerpunkt in Richtung Pflege verschoben. Aber Pflege- und Seniorenpolitik darf man nicht gleichsetzen. Wir brauchen beides!“

Sie habe die Befürchtung, dass die Partizipation von SeniorInnen auch in den Kommunen eine nachrangige Bedeutung bekommen würde, wenn sich das Land hier rausziehen würde. Ein solches Netzwerk wie ZWAR benötige zudem einen Überbau.

Carina Gödeke empfiehlt die Mobilmachung des großen Netzwerkes um sich Gehör zu verschaffen

Besuch der SPD-Landtagsabgeordneten in der ZWAR-Zentralstelle in Dortmund-Marten.

„Wenn es den nicht gibt, werden viele Aktivitäten in den Gruppen einschlafen“, so Gödecke. Anja Butschkau zweifelt daran, dass man die Landesregierung allein mit guten Argumenten überzeugen könne.

Was nicht in das christdemokratische Verständnis passt, werde zur Zeit abgeschafft. „Das haben wir im letzten Jahr beim Sozialticket gesehen. Hier knickte die Landesregierung erst nach großem öffentlichen Druck ein. Nicht anders wird das bei ZWAR sein“, so Butschkau.

In einem waren sich alle einig. Man werde nicht kampflos aufgeben. Für dieses Jahr sei eine Kampagne geplant. Für diese hatte Carina Gödecke einen Rat: „Mobilisieren Sie ihr großes Netzwerk. Schreiben sie Briefe an ihre Abgeordneten vor Ort und organisieren sie dort Presseaktionen!“ Ein erster Schritt ist eine Online-Petition, die über den im Anhang befindlichen Link aufzurufen ist. Man wolle zudem die BürgermeisterInnen der Kommunen mit ZWAR-Netzwerken mobilisieren.

ZWAR lädt zu öffentlichem Forum am 12. März ins Dortmunder Rathaus

Am 12. März veranstaltet ZWAR ein öffentliches Forum im Dortmunder Rathaus.

Am 12. März veranstaltet ZWAR ein öffentliches Landesforum, bei dem auch die Streichung der Fördergelder thematisiert werden soll. Unter dem Titel „Ein vierzigjähriges Erfolgskonzept im Wandel“ wird es ein Programm von 11 bis 14 Uhr geben. Um 10 Uhr geht’s los im Rathaus Dortmund.

Ab 11 Uhr wird es eine einleitende Begrüßung mit Redebeiträgen unter anderem vom Dortmunder Wirtschaftsförderer Thomas Westphal und dem Vorstandsvorsitzenden vom Zwar e.V., Friedhelm Sohn geben. Außerdem werden Vertreter des Sozialministeriums NRW vor Ort sein. Im Anschluss an die Begrüßung wird ab 12 Uhr eine Podiumsdiskussion stattfinden, in die das Publikum mit einbezogen werden soll.

Die Moderation der Veranstaltung übernimmt WDR-Moderator Uwe Schulz. Das genaue Programm des Forums kann als pdf-Datei im Anhang des Artikels eingesehen oder heruntergeladen werden.

Weitere Informationen:

Zur online-Petition geht’s hier:

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