
Wenn Kinder im Wald einen Weg selbst finden, das Leben auf dem Bauernhof erforschen oder in der Werkstatt gemeinsam Lösungen entwickeln, lernen sie nach Ansicht der Projektbeteiligten weit mehr als Mathematik oder Deutsch. Das Projekt „Lernen neu denken“ eröffnet in Dortmund seit 2022 solche Lernräume. Es verbindet schulischen Unterricht mit außerschulischen Lernorten. Die Stadt finanziert es aktuell bis Sommer 2027, wie es danach weitergeht, ist offen.
Eine Klassenhälfte in der Schule, die andere auf dem Lernbauernhof
Beteiligt sind sechs Grundschulen, überwiegend aus dem Dortmunder Norden, und eine Förderschule. Einmal pro Woche werden die Klassen geteilt: Eine Hälfte bleibt in der Schule, die andere nutzt Lernbauernhöfe sowie Natur- und Kulturangebote. In der Woche darauf wird getauscht. Ziel ist es, die Kinder fachlich und vor allem auch in ihrer Persönlichkeit, ihrem Selbstvertrauen und ihrer sozialen Entwicklung zu stärken.
Begleitet werden die Schülerinnen von Studierenden der Sozialen Arbeit der FH Dortmund und von Lehramtsstudierenden der TU Dortmund, den sogenannten Teamerinnen. Derzeit arbeiten rund 50 Studierende im Projekt. Sie sammeln dort erste berufliche Praxis und sollen für die Grundschulkinder zugleich nahbare Bildungsvorbilder sein.
Die Startfinanzierung von 300.000 Euro für 2022 und 2023 kam von der Dortmund-Stiftung, die dafür Spenden von Bürger*innen und Unternehmen eingeworben hatte, sowie von der Dr. Ausbüttel GmbH & Co. KG. Seit dem Ende dieser Phase finanziert die Stadt Dortmund das Projekt bis Sommer 2027. Die Dr. Ausbüttel GmbH & Co. KG bezahlt außerdem die wissenschaftliche Begleitung, die noch bis Ende des Jahres läuft. Koordiniert wird das Projekt vom Regionalen Bildungsbüro der Stadt gemeinsam mit dem Verein Stadtteil-Schule Dortmund.
Stärkere soziale Kompetenzen, mehr Selbstwirksamkeit
Die wissenschaftliche Begleitung liegt bei der FH Dortmund. Prof. Dr. Michael Boecker vom Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften betreut sie gemeinsam mit den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen Sina-Marie Levenig und Dorothée Boecker.

Die Forschenden beobachten die Kinder in der Schule und an den außerschulischen Lernorten und sprechen regelmäßig mit Lehrkräften und Pädagog*innen. „An den außerschulischen Lernorten sehen wir besonders starke positive Effekte auf soziale Kompetenzen, Selbstwirksamkeit und Teamfähigkeit. Dort entstehen Entwicklungsschritte, die im klassischen Unterricht oft zu kurz kommen“, sagt Boecker.
Besonders deutlich seien die Fortschritte bei Sprachförderung, Konfliktlösung, Lernmotivation und Partizipation. Eine abschließende wissenschaftliche Begutachtung steht allerdings noch aus. Die Tendenz sei dennoch eindeutig, heißt es von den Beteiligten.
Schulleiterin Tamborini: „Die Hälfte der Klasse arbeitet viel effektiver“
Auch aus den Schulen kommt Zuspruch. Die beiden Mitinitiatorinnen und Schulleiterinnen Christiane Mika (Libellen-Grundschule) und Alma Tamborini (Nordmarkt-Grundschule) berichten von Erfolgen, die sie täglich bei ihren Schüler*innen wahrnehmen. Tamborini sagt: „Die Hälfte der Schülerinnen und Schüler, die in der Schule bleiben, arbeiten und lernen viel effektiver. In einer Unterrichtsstunde mit der Hälfte der Klasse schaffen wir so viel, wie sonst mit der ganzen Klasse an drei Tagen.“ Das ist ihre persönliche Einschätzung, belegt ist es nicht.
Dr. Anja Jungermann, Leiterin des Regionalen Bildungsbüros, ordnet das Projekt bildungspolitisch ein: „Das Projekt zeigt, wie wichtig Lernorte außerhalb des Klassenzimmers für Bildungsgerechtigkeit sind. Gerade für Kinder mit unterschiedlichen Startbedingungen eröffnet es neue Zugänge zum Lernen.“
Wie es nach Sommer 2027 weitergehen soll
Boecker wünscht sich eine dauerhafte strukturelle Unterstützung, damit das Modell für viele Schulen in Nordrhein-Westfalen zum Gewinn wird. „Das Projekt hat das Potenzial, weit über einzelne Klassen hinaus zu wirken. Es verändert Schule als System, wenn wir solche Ansätze dauerhaft verankern“, sagt er.
Und: „Das Geld für ‚Lernen neu denken‘ ist sehr gut investiert. Der pädagogische Mehrwert ist enorm.“ Dort, wo Schule, Lehrerinnen und Teamerinnen intensiv zusammenarbeiteten, entfalte das Projekt sein volles Potenzial.
Ob es dazu kommt, ist offen. „Darum prüfen wir aktuell alle Möglichkeiten, um das Projekt auch in kommenden Jahren fortsetzen zu können“, sagt Jungermann. Weitere Informationen unter www.dortmund-stiftung.de/projekte/lernen-neu-denken/

