
Das „Dortmunder U“ feiert in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag: Am 14. April 1926 – vor 100 Jahren – begannen die Erdarbeiten für ein Gär- und Lagerkellerhochhaus der Dortmunder Union-Brauerei. Es galt damals als größter Industriebau in Deutschland. Und als Symbol des industriellen Fortschritts. Von 1927 bis 1994 braute man hier Bier – 67 Jahre lang. Heute steht das U für den Wandel: vom industriellen Zweckbau zu einem Zentrum für Kunst und Kreativität – eröffnet im Kulturhauptstadtjahr RUHR.2010. Ein Rückblick auf die bewegte Geschichte dieses ikonischen Bauwerks und ein wichtiges Kapitel Dortmunder Wirtschaftsgeschichte: das Brauwesen.
Ein Gastbeitrag von Karl-Peter Ellerbrock
Die Dortmunder Brauwirtschaft wächst – Aktiengesellschaften prägen das Bild
Die Dortmunder Brauwirtschaft wuchs parallel zum montanindustriellen Aufstieg der Region in den Gründerjahren 1871-1873 zu einer modernen Großindustrie. So trugen Kohle, Stahl und Bier Dortmund in das Industriezeitalter. Unternehmergeist, technologische Innovationskraft und Kapitalkraft wurden Markenzeichen der Region und strahlten weit über die Stadt hinaus. Sie lockten Persönlichkeiten an, die in Dortmund Aktiengesellschaften in der Braubranche gründeten.
Allen voran gingen 1872 die von der Familie Mauritz gegründete Dortmunder Actien-Brauerei und ein Jahr später, im Januar 1873, die Dortmunder Union-Brauerei Actiengesellschaft. Leonhard Brügman gründete sie mit sieben kapitalkräftigen Investoren, darunter Bankiers aus Hamburg und Paderborn. Er holte Fritz Brinkhoff als Braumeister und technischen Leiter. Auf ihn bezog sich Bismarcks Ausspruch, er habe als Reichskanzler nicht einmal das Einkommen eines Dortmunder Braumeisters. ___STEADY_PAYWALL___
Der deutsche Biermarkt war schon im Kaiserreich hart umkämpft. Die Devise lautete: die Produktion ausdehnen um jeden Preis. Es grassierte die „Hektoliterwut“. Viele Brauereien sicherten ihren Absatz, indem sie Hotel- und Gastwirten großzügige Darlehen gaben – gekoppelt mit Bierlieferverträgen. Der Kampf um den Kunden trieb die Konzentration voran. Am Ende überlebten die Kapitalkräftigen. Bilanzen zeigen, dass bis zu 50 Prozent des Kapitals in solchen Kreditgeschäften steckten. Ging ein Gastwirt in Konkurs, „erwarben“ die Brauereien einen Großteil ihres bis heute immensen Gaststätten- und Immobilienbesitzes.
Die Dortmunder Union-Brauerei auf Expansionskurs
Vor dem Ersten Weltkrieg existierten im engeren Stadtgebiet noch 25 Betriebe; fünfzig Jahre zuvor waren es 39. Zehn Jahre später waren nur noch acht übrig. Der Krieg, die Nachkriegswirren und die Inflation hatten die Verhältnisse gründlich verändert. Die „big five“ der Dortmunder Aktienbrauereien – Dortmunder Union-Brauerei, Dortmunder Actien-Brauerei, Ritter, Hansa und Stifts – gelangten durch den Aufkauf der während des Krieges zum Schutz der kleinen Brauereien ausgegebenen Braukontingente in den Besitz von 37 Brauereien, darunter 14 ehemals eigenständige Dortmunder Betriebe.

Viele Namen sind heute kaum noch bekannt: Linden-, Löwen-, Quellen-, Westfalia-, Tremonia-, Gilden-, Kaiser- und Victoriabrauerei, das Dortmunder Brauhaus, Dortmunder Bürgerbräu oder Bergschlösschen. Neben den „big five“ überlebten die drei Privatbrauereien Bergmann, Kronen und Thier diese dramatische Phase, die in der Weltwirtschaftskrise von 1929 einen weiteren Höhepunkt fand. Die Dortmunder Union-Brauerei zählte zu den Gewinnern und expandierte in den „Goldenen 1920er Jahren“. Symbol der Omnipräsenz von „Dortmunder Unionbier“ war 1926 die Anpachtung von Auerbachs Keller in Leipzig.
Emil Moog plante den Umbau. Auerbachs Keller, berühmt als szenischer Ort in Goethes „Faust I“ und ursprünglich benannt nach dem Leibarzt des sächsischen Kurfürsten, galt als einer der renommiertesten Gastronomiebetriebe Deutschlands. Eine jüngere amerikanische Studie führt ihn auf Rang fünf der bekanntesten Lokale der Welt.
Ein „Meisterwerk deutscher Baukunst“: Das Kellerhochhaus von Emil Moog

Unter diesen ökonomischen Rahmenbedingungen beauftragte die Dortmunder Union-Brauerei den Architekten und Ingenieur Emil Moog und sein „Technisches Specialbüro für Brauerei-Anlagen“ mit einem besonderen Projekt: dem Bau eines Kellerhochhauses. Moog warb mit „1a Referenzen“. Dazu zählten unter anderem das 1905 errichtete Sudhaus der Dortmunder Gilden-Brauerei, das Maschinenhaus und später ein neues Sudhaus der Duisburger König-Brauerei, das Verwaltungsgebäude der Dortmunder Ritter-Brauerei sowie diverse Neubauten bei der Dortmunder Hansa Brauerei.
Für die Dortmunder Union-Brauerei arbeitete Moog bereits seit 1907. Er errichtete zunächst ein neues Sudhaus, dann ein Verwaltungsgebäude sowie weitere Neu- und Erweiterungsbauten. Er kannte den Standort und die baulichen Verhältnisse – ein Vorteil bei einer derart komplexen Aufgabe.
Neuer Gär- und Lagerraum: Auf engem Baugrund in die Höhe
Die Grundfläche von 1.975 Quadratmetern war knapp. Gerade deshalb wuchs der Neubau in die Höhe. Verbaut wurden 1.600 Tonnen Eisen, 180 Waggons Zement, 2.300 Waggons Kies und Rheinsand sowie 1,5 Millionen Ziegelsteine. Im Westfälischen Wirtschaftsarchiv liegt eine detaillierte zeitgenössische Baubeschreibung vor. Darin heißt es:
„Es ist ‚Hochhaus’ genannt, weil sämtliche Betriebsräume mehr als 7 m bis zu einer Gesamthöhe von 65 m über dem Brauereihof liegen und weil die Konstruktionshöhe des Bauwerks 74,9 m beträgt“. Der Neubau musste auf einem Labyrinth unterirdischer Lagerkeller aufsetzen. „Da der vorhandene Brauereihof durch den Bau nicht beeinträchtigt werden sollte, so blieb nur eine Konstruktionsmöglichkeit, den Bau auf Säulen zu stellen.“


Die Bauarbeiten liefen in atemberaubendem Tempo. Am 14. April 1926 begann die Dortmunder Bauunternehmung Wiemer & Trachte mit den Erdarbeiten. Schon am 9. Juni 1927 konnte der erste Sud angesetzt werden. Baulich veränderte sich seither wenig. 1956 kam an der Westfassade ein
Treppenhaus hinzu. 1968 erhielt der Turm nach einem Entwurf des Architekturbüros Ernst Neufert ein vierseitiges, von innen erleuchtetes und mit Blattgold belegtes „U“ als Spitze. Die Bauausführung lag bei der traditionsreichen Dortmunder Stahlbaufirma C. H. Jucho. Dieses „U“ ist heute Symbol und Wahrzeichen der westfälischen Industriekultur.

In Vergessenheit geriet sein spektakulärer Vorläufer: die „Eisenbeton-Beleuchtungspyramide“, ein drehbarer, elektrisch betriebener Scheinwerfer, der bei Dunkelheit die von 67 Scheinwerfern beleuchtete riesige Dachkuppel krönte. Entworfen und realisiert wurde sie von der Dortmunder Firma AEW, Allgemeine Elektromotoren-Werke, spezialisiert auf „effektvolle und moderne Beleuchtungs- und Leuchtschilder-Anlagen“
Schon den Zeitgenossen entgingen die städtebaulichen Akzente des Neubaus nicht. Man spürte: Hier war ein architektonisches Juwel entstanden, das in Deutschland, ja in Europa seinesgleichen suchte.

Die Dortmunder Zeitung schrieb: „Der Gewinn, den Dortmund für sein Stadtbild erhalten hat, ist gar nicht hoch genug anzuschlagen, die Union-Brauerei hat sich durch die vorzügliche architektonische und städtebauliche Durchbildung dieses Hochhauses ein großes Verdienst um Dortmund erworben. Sie hat insbesondere den Beweis geliefert, dass man auch reine Nutzbauten in einer Weise hochziehen kann, dass sie eine Zierde ersten Ranges für das Stadtbild werden.“
Seit dem Sommer 2007 befindet sich die gesamte Fläche der ehemaligen Dortmunder Union-Brauerei im Eigentum der Stadt. Damit war der Grundstein gelegt für den Erhalt des „Dortmunder U“, das – nach zähem politischen Ringen – einer neuen musealen und kreativwirtschaftlichen Nutzung zugeführt wurde. Zugleich spielte es im Projekt „Stadtumbau Rheinische Straße“ eine besondere Rolle für die städtebauliche Entwicklung.

Literatur:
- Karl-Peter Ellerbrock: Das „Dortmunder U“. Vom industriellen Zweckbau zu einem Wahrzeichen der westfälischen Industriekultur. Münster 2010
Der Autor:
- Dr. Karl-Peter Ellerbrock, Direktor der Stiftung Westfälisches Wirtschaftsarchiv i.R. (Karl-Peter Ellerbrock – Wikipedia).
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Mehr dazu auf Nordstadtblogger:
SERIE »Stadt-Bauten-Ruhr« (3): Umbaukultur. Die Transformation des Dortmunder U

