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Unermüdlicher Einsatz für ihr Krankenhaus: Dank ihrer Hingabe werden seit 30 Jahren Leben in Afghanistan gerettet

Projektleiterin Karla Schefter (Mitte) kümmert sich seit Jahren vor Ort für einen geregelten Ablauf.

Projektleiterin Karla Schefter (Mitte) kümmerte sich Jahrzehnte lang vor Ort um einen geregelten Ablauf.

Von Lisa König

„In Afghanistan gibt es ein Sprichwort: Über jeden Berg gibt es auch einen Weg. Da meinte mal eine Kollegin von mir: Und jetzt überleg mal, wie viele Menschen wir schon über den Berg gebracht haben“, sagt Karla Schefter. Sie ist seit fast 30 Jahren die Leiterin eines Krankenhauses in der afghanischen Provinz Chak-e-Wardak. Das Hospital ist das einzige uneingeschränkt funktionierende Krankenhaus in Afghanistan jenseits der großen Städte und Zufluchtsort für über 500.000 EinwohnerInnen.

„Für mich stand schon mit neun fest: Ich gehe auf Expeditionen im Ausland“

Karla Schefter bei ihren heutigen Expeditionen, hier bei einer Nomadenfamilie. Foto: chak hospital

„Um zu verstehen, wie ich zu der Arbeit in Afghanistan gekommen bin, muss ich aber ein bisschen ausholen“, warnt Schefter.  „Das hat mit meinem Charakter zu tun. Ich bin selbst Flüchtling. Mein Vater ist im Zweiten Weltkrieg gefallen und ich musste mit meiner restlichen Familie aus Ostpreußen fliehen.“ Nach einiger Zeit in der DDR flohen sie schwarz über die Grenze in den Westen.

„Um mich musste man sich nie kümmern, ich war ein robustes Kind. Als Flüchtlinge haben wir in äußerster Armut gelebt, mit Auffanglagern und allem drum und ran. Und ich kenne auch das Gefühl, an einem Ort zu sein, an dem man nicht willkommen ist.“

Schließlich fand ihre Mutter eine Stelle als Haushälterin in Hamburg. Schefter musste sich viel allein beschäftigen und begann zu lesen. „An der Alster unter den Trauerweiden habe ich die verrücktesten Abenteuer erlebt, mit Tom Sawyer und Huckleberrie Finn. Für mich stand schon mit neun Jahren fest: Ich heirate einen Forscher und gehe mit ihm auf Expeditionen im Ausland.“

Durch eine Reihe von Umzügen geriet ihre Schulbildung durcheinander. Und nachdem die Schule mit 17 zwangsweise vorbei war, kam die Frage auf, wie die Zukunft aussieht. „Büro kam für mich nie in Frage. Irgendwann hat meine Mutter mir eine Ausbildung im Krankenhaus vorgeschlagen. Das fand ich okay, da kann man viel praktisch arbeiten. Aber Berufung war das bei mir nicht.“

Trotz frühem Erfolg in ihrer Karriere hat Schefter die Arbeit im Ausland nie vergessen

Alle Bücher von Schefter sind Erinnerungen an frühere Reisen. Foto: Karsten Wickern

Nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester ging sie für einige Zeit nach Brasilien und New York und arbeitet dort in der privaten Pflege. „Aber ich wusste, ich will keine Pflegeschwester sein. Da liegen nicht meine Stärken.“

Deshalb machte Schefter nach ihrer Rückkehr eine Ausbildung zur OP- Schwester an der Uni-Klinik in Gießen. Dort lernte sie einen türkischen Professor kennen, der ihr einen Job in der Türkei vermittelte.

„Die Leute dort  waren fantastisch. Aber ihre Fürsorge hatte für mich etwas Erdrückendes. Man war nie allein und wenn irgendwo ein Unglück geschehen ist, war die erste Frage: „Ist der Karla was passiert?“ Ich konnte ihnen nicht klar machen, dass ich mehr Zeit für mich brauchte. Also habe ich angefangen, morgens um vier aufzustehen, um mal alleine zu sein.“ Deshalb kam sie nach acht Wochen zurück nach Gießen. Ihr neuer Chef nahm sie mit nach Dortmund in die städtischen Kliniken, um dort eine OP-Abteilung zu eröffnen.

„Mit 24 Jahren war ich dann schon Teil der Leitung in der Dortmunder Operationsabteilung. In dieser Zeit habe ich mehrere Publikationen veröffentlicht und auf Kongressen auch international Reden gehalten. Ich hatte mir also schon vor Afghanistan einen Namen in meinem Gebiet gemacht. Aber das Ausland habe ich nie vergessen. In meinen Ferien war ich reisen in China, im Himalayagebirge, Indien, Indonesien und der Antarktis.“

„Dass aus einem Jahr unbezahltem Urlaub 30 Jahre Mitarbeit werden, hätte ich nicht gedacht“

Ein afghanisches Kind im Chak-e-Wardak- Hospital. Foto: Karla Schefter

„Als mein ehemaliger Chef in Dortmund verstorben ist, hat sich einiges verändert. Er hatte ein besonderes Vertrauen zu mir und hat mir Platz gelassen, um zu wachsen und etwas eigenes aufzubauen. Als nach einiger Zeit ein Chef kam, der mir keine Freiheiten gelassen hat, wollte ich einen Schnitt machen.“

Nach 23 Jahre langer Leitung im Klinikum Dortmund bewarb sich Scheftler auf eine Announce des Deutsch-Afghanischen Komitees. Sie wollten mit finanzieller Hilfe der Europäischen Union ein Krankenhaus in Chak eröffnen. Die zu dem Zeitpunkt 46-Jährige ließ sich zunächst für ein Jahr vom Dienst befreien. „Dass ich danach nicht mehr zu meiner leitenden Position zurückkehren kann, war mir klar. Aber dass aus diesem einen Jahr unbezahltem Urlaub 30 Jahre Mitarbeit werden, hätte ich nicht gedacht.“

Ein Jahr lang arbeitete sie in einem Flüchtlingscamp, um Afghanen zu Krankenpflegern und Helfern auszubilden. „Nach dem Rückzug der Sowjets aus Afghanistan begann ein Bürgerkrieg. Zwei Fronten standen einander unerbittlich gegenüber. Provinz gegen Stadt. Wir waren zu dem Zeitpunkt nur 65 Kilometer von Kabul entfernt und konnten nicht mehr weg“, erinnert sie sich.

„Das war das einzige Jahr, in dem ich mit zwei weiteren Deutschen zusammengearbeitet habe. Insgesamt waren es acht Männer und ich, die sich Tag und Nacht ein Zimmer geteilt haben. Die Helfer waren illegal dort, denn es gab keine Visa für die Provinzen. Deshalb blieb es immer ein Geheimnis, wann man wohin reisen würde. Und das konnte auch mitten in der Nacht geschehen“, so Schefter.

„Es kamen regelmäßig LKW voller Verletzte an, von denen uns viele unter den Händen weggestorben sind“

Karla Schefter genießt die Schönheit von Afghanistan, hier am Band-e-Amir-See. Foto: chak hospital

Das heutige Krankenhaus in dem Provinzdistrikt Chak-e-Wardak entstand in einem alten Wasserkraftwerk von Siemens. Dort leisteten die Helfer zunächst notdürftig erste Hilfe.

„Wir hatten keine Elektrizität und nötige Instrumente für richtige Operationen. Regelmäßig kamen LKW voller Verletzter an, von denen uns viele unter den Händen weggestorben sind. Es gab ja auch keine Blutkonserven und so sind sie einfach verblutet.“ Hinter der dritten Turbine im Kraftwerk entstand auch das erste Frauenkrankenhaus. Heutzutage sind etwa 76 Prozent der PatientInnen Frauen und Kinder.

„Dann waren die deutschen Ärzte weg und ich war die einzige Frau und Ausländerin im Krankenhaus. Wir haben fünf Jahre lang ohne Elektrizität und elf Jahre nur mit Plumsklo gelebt. Der Aufbau des Krankenhauses wurde von afghanischen Tagelöhnern übernommen, die Stein für Stein die Häuser aufgebaut haben. Durch die lange Zeit, die ich nur mit Afghanen zusammen gearbeitet habe, habe ich ihre Mentalität und Traditionen ganz neu begriffen. Und ich bin auch mit ihnen durch das Land gereist, als das noch möglich war. Afghanistan hat wunderbare Landschaften, eine grandiose, wilde Schönheit.“ Über ihre Erfahrungen hat Karla Schefter mehrere Bücher geschrieben.

1992 wurde das Krankenhaus kurzzeitig ganz geschlossen, weil der Fördervertrag mit der EU ausgelaufen war. Eine treue Restbelegschaft des Personals arbeitete aber unentgeltlich weiter, um das Hospital vor Raub und Missbrauch zu schützen. Und auch Schefter war nicht bereit, das Projekt aufzugeben. „Ich hatte ein Angebot vom Deutschen Entwicklungsdienst, in den Sudan zu gehen. Aber ich konnte die Menschen dort nicht einfach im Stich lassen.“

Zurück in Deutschland bewegte sie einige befreundete Ärzte, ein Komitee zur Unterstützung des Projekts zu gründen. „Ich habe überall gebettelt. Die staatlichen Organisationen haben zwar den Aufbau des Krankenhauses bezahlt, aber die laufenden Kosten werden allein durch private Spender getragen.“ Ein wichtiger Anker blieb dabei die Auslandsgesellschaft NRW, die das Projekt oft mit Veranstaltungen gefördert hat. Bis vor sechs Jahren war Afghanistan Schefters Zuhause und sie kam nur über den Winter nach Deutschland, um Geld für das Krankenhaus zu verdienen.

Von 810 stationären Patienten im letzten Monat hatten nur sieben einen Job

Ein Mann kümmert sich im Krankenhaus um seinen kranken Sohn. Foto: Karla Schefter

„Seit 1989 sind die Mitarbeiter im Krankenhaus ausschließlich Afghanen. Die Ausbildung ist natürlich anders als in Deutschland. Die einzige Voraussetzung war, dass die Auszubildenden lesen und schreiben können. Dafür werden sie von uns multifunktional ausgebildet. Krankenschwestern sind hier auch gleichzeitig Hebammen.“

Insgesamt sind im Hospital schon über 1,5 Millionen PatientInnen behandelt worden. Die meisten von ihnen waren Verletzte. Von Juni bis September ist außerdem Durchfallzeit. „Die Afghanen haben gar keine Chance auf Hygiene. Es gibt kaum Wasser und keine Heizung. Im Winter erfrieren viele Menschen. Da überlegt man es sich schon zweimal, ob man sich auszieht und eine kalte Dusche nimmt.“

„Wir nehmen immer kleine Familien auf. Die Begleitpersonen, die nicht krank sind, arbeiten in der Zeit im Krankenhaus mit. Zum Beispiel hacken die Männer für uns Holz und die Frauen putzen. Dafür ist bei der stationären Behandlung alles umsonst.“ Anders ginge es auch nicht, denn von den 810 stationären Patienten im letzten Monat hatten nur sieben einen Job. „So sieht das jeden Monat aus. Und die Frauen und Kinder haben ja ohnehin keine Arbeit. In anderen Krankenhäusern hätten sie keine Chance.“

Insgesamt wurden diesen Monat rund 4500 Menschen behandelt. Und das, obwohl sich viele auf Grund der Angriffe gar nicht auf den Weg gemacht haben. „Wir sind nur ein 60 Betten Haus. Aber zur Not stellen wir Feldbetten auf oder im Sommer auch Zelte. Kinder können zu zweit oder dritt in einem Bett schlafen. Dafür ist die Liegezeit auch deutlich geringer. Drei Stunden nach einer Geburt machen sich die Frauen für gewöhnlich schon wieder auf den Weg nach Hause.“

Trotzdem stirbt noch immer jede zehnte Frau bedingt durch Schwangerschaft oder Geburt. Denn für viele Frauen aus Bergregionen ist es nicht möglich, rechtzeitig ins Krankenhaus zu kommen. Und wenn es bei den Hausgeburten zu Komplikationen kommt, kann ihnen niemand helfen.

„Als Krankenhaus müssen wir neutral bleiben. Ich sage dann immer, wir sind von der medizinischen Partei“

Die Gebäude des Chak Hospitals wurden Stein für Stein in Handarbeit errichtet. Foto: Karla Schefter

Vor zwei Jahren hat Karla Schefter ein Angebot der Taliban bekommen, ihnen Schutz zu sichern. Doch dieser Schutz ist viel gefährlicher als die Situation selbst. „Als Krankenhaus ist es wichtig, dass wir neutral bleiben und uns auf keine Seite schlagen. Ich sage dann immer, wir sind von der medizinischen Partei.“

Ebenso wenig könne sie einen Begleitschutz der Regierung annehmen. Trotzdem müsse man natürlich Abmachungen mit den Machthabern schließen. „Mit der Regierung haben wir einen Vertrag abgeschlossen, damit wir auch legal hier sind.“

Und in der Zeit, in der die Taliban die Vorherrschaft um Chak hatten, musste sie mit ihnen verhandeln. Es gibt bei den Taliban zwar ein totales Berufsverbot für Frauen, aber das betrifft nicht die Krankenschwestern oder Pflegerinnen. „Deshalb hatten wir eigentlich kaum Schwierigkeiten mit ihnen. Bei Verhandlungen über Förderungen für das Krankenhaus konnte ich als Frau nicht empfangen werden, aber das war auch okay für mich. Meine Mitarbeiter haben mit ihnen gesprochen, während ich draußen bei Tee gewartet habe. Am Ende gaben sie mir den Vertrag und ich durfte drauf schreiben, was ich brauche.“

Angriffe auf das Hospital hat es noch nie gegeben. Allerdings hatten US-Soldaten eine zeitlang ihren Stützpunkt in der Nähe. „Wenn es Angriffe auf deren Lager gab, sind bei uns auch schon mal die Fenster kaputt gegangen. Und einmal haben die US-Soldaten auf der Suche nach Terroristen unsere Türen eingetreten. Obwohl ich alles dokumentiert habe, haben wir dafür nie eine Entschädigung erhalten. Aber immerhin konnte ich sie nach einiger Zeit überzeugen, von ihrem Stützpunkt abzuziehen.“

„Ich im Wir – jeder kann auf seinem Platz nach seinen Möglichkeiten helfen“

Für ihre Arbeit wurde Karl Schefter unter anderem mit dem Bambi ausgezeichnet. Foto: Karsten Wickern

„Es ist sehr schade, dass so wenige Leute von unserem Projekt wissen. Zum 25. Geburtstag des Krankenhauses haben wir ein großes Programm veranstaltet und es ist kein einziger Journalist gekommen. Wir brauchen die Öffentlichkeit, denn es springen immer mehr Spender ab.“

Noch können sie die Kosten decken, doch das liegt vor allem an der Treue ihrer Spender. Das Gymnasium in Oberhaching ist zum Beispiel schon seit 29 Jahren dabei. „Jedes Jahr gibt es einen Afghanistan-Tag an der Schule, an dem Geld für Chak gesammelt wird. Die Kinder und Jugendlichen denken sich immer wieder großartige Dinge aus. Und sie sind auch selbst interessiert. An solchen Tagen werden mir fünf oder sechs Mal Löcher in den Bauch gefragt.“

Karla Schefters Leitspruch ist simpel: „Ich im Wir.“ Alleine kann man nichts schaffen. „Das Krankenhaus ist sozusagen das Herz des Projektes. Aber es kann nicht Pumpen ohne die verschiedenen Kammern. Damit meine ich die Mitarbeiter und Helfer in Chak, Spender aus Deutschland und jeden sonst, der sich für unser Projekt einsetzt. Jeder kann auf seinem Platz nach seinen Möglichkeiten helfen.“

Doch dass Karla Schefters Engagement außergewöhnlich ist, zeigen auch ihre vielen Auszeichnungen. Dazu gehören unter anderem der Bambi, zweimal das Bundesverdienstkreuz und der Human Rights Award. Außerdem zwei Auszeichnungen von der afghanischen Regierung.

„Der eine davon wurde mir gerade erst verliehen. Er muss noch überreicht werden, auch wenn ich mich frage, wie das geschehen soll. Den letzten Orden hat mir Präsident Ghani noch im Palast zusammen mit der deutschen Botschaft übergeben. Aber die arbeitet ja seit dem Anschlag 2017 nicht mehr in Kabul.“ Laut Schefter nutzen diese Orden aber nichts für die Menschen in Afghanistan. „Sie machen sich gut auf dem Papier, um die Seriosität des Projekts zu unterstreichen. Aber das war es. Trotzdem haben sie natürlich einen emotionalen Wert für mich.“

Der Rollstuhl ist nicht das Problem – doch die Sicherheitslage in Afghanistan könnte eines werden

Wegen eines Mittelfußbruches sitzt Schefter vorrübergehend im Rollstuhl. Foto: Karsten Wickern

Wegen eines Mittelfußbruches sitzt Schefter vorrübergehend im Rollstuhl. Foto: Karsten Wickern

Eigentlich wäre das 30-jährige Jubiläum erst 2019. Doch Karla Schefter ist es wichtig, in Afghanistan vor Ort zu feiern. Und der nächste Besuch wäre erst deutlich später möglich.  „Deshalb haben wir das Jubiläum ein wenig vorgezogen. Ende diesen Monats fliege ich los. Aber ob ich wirklich nach Chak reisen kann, wird sich erst spontan zeigen.“

Grund dafür ist nicht die Tatsache, dass Schefter seit einem Mittelfußbruch im Frühjahr 2018 vorrübergehend im Rollstuhl sitzt. „Das mit dem Rollstuhl kriege ich hin. Die Flughäfen sind barrierefrei und von Kabul aus werden meine Mitarbeiter sich gut um mich kümmern. Natürlich wird das nicht leicht und ist mit Schmerzen verbunden. Aber ich hatte auch schon Malaria im Krankenhaus, von sowas lasse ich mich nicht aufhalten.“

Das viel größere Problem ist die Sicherheitslage im Land. Zwar ist das Gebiet, in dem das Krankenhaus steht, weitgehend friedlich. „Der Weg von Kabul nach Chak ist das Problem. Auf dem drei stündigen Weg müssen wir auch über Hauptstraßen fahren. Dort kommt es zurzeit überall zu Angriffen. Ausländer sind nochmal besonders gefährdet, denn es kommt oft zu Entführungen. Die Attentäter sind nicht immer gläubige Taliban, sondern häufig einfach Kriminelle.“

Bei der Ankunft in Kabul werden ihre engsten Vertrauten aus dem Krankenhaus eine Einschätzung abgeben, ob der Weg sicher genug ist. „Und auf die höre ich auch. Sie haben mehr Einblicke als wir von außen. Und wenn sie mir davon abraten, werde ich auch nicht gehen. So verantwortungsbewusst bin ich dann doch, immerhin riskiere ich sonst auch die Zukunft des Krankenhauses.“

Auch in Gegenden ohne Kämpfe ist ein sicheres Leben nicht selbstverständlich

 

Denn wie es ohne Karla Schefter mit dem Chak Hospital weitergehen sollte, ist noch unklar. „Mich nervt die Frage. Es wird auf jeden Fall weitergehen und langfristig ist auch geplant, das Projekt allein in afghanische Hände abzugeben. Aber momentan ist das noch nicht denkbar. Wie sollen die Afghanen denn alleine an Geld kommen? Es kann immer passieren, dass ich aus gesundheitlichen Gründen aufhören muss. Aber solange wie möglich werde ich weiter machen.“

Zum Thema Flüchtlinge hat Karla Schefter trotzdem gespaltene Gefühle. „Ganz ohne geht es nicht. Doch man sollte den Schwerpunkt darauf legen, ihnen ein Leben in ihrem Land zu ermöglichen. Die Politik reagiert da viel zu spät. Immer heißt es, im Land muss was getan werden. Aber die meisten Projekte werden nicht umgesetzt. Oft waren es gute Ideen, aber es scheitert an der Umsetzung und dann fällt das Geld zurück. Es wäre sinnvoller, in bereits laufende Projekte zu investieren.“

Afghanistan als sicheres Herkunftsland einzustufen, bleibe aber kritisch. „Es gibt zwar einige Gegenden, in denen keine Kampfhandlungen stattfinden. Aber das bedeutet nicht, dass die Menschen dort auch ein sicheres Leben führen. Durch die Trockenheit hungern zur Zeit Dreiviertel der gesamten Bevölkerung.“

Und auch bei den Abschiebungen Krimineller zurück in ihr Land, gäbe es eine Gefahr. „Diese Rückkehrer sind oft besonders hasserfüllt. Ich kann mir vorstellen, dass sich viele von ihnen den Taliban anschließen. Jeder Fall muss einzeln betrachtet werden und trotzdem bleibt es sehr kompliziert. Deshalb bin ich dankbar, dass ich da keine Entscheidungen treffen muss. Aber wenn Leute zurück geschickt werden, die sich hier gut integriert haben, ist das ein echtes Verbrechen.“

Flucht in die Schönheit: Auch für die afghanischen Bevölkerung ein wichtiger Grundsatz

Hoffnung und Schönheit bleiben wichtiger Teil im Leben der Afghanen. Foto: Karla Schefter

Die wichtigste Lektion, die sie in Afghanistan gelernt hat: jeden Tag für etwas dankbar zu sein. „Mit mir kann man nicht über Armut in Deutschland sprechen. In Afghanistan wird nichts weggeschmissen. Und wenn das Brot hart geworden ist, tunken die Bewohner es in den Kanal. Obwohl das Wasser dort verseucht ist.“

Dagegen ist das Leben hier reiner Luxus. Und es sei auch wichtig, sich mit schönen Dingen zu befassen. „Überall auf der Welt gibt es Tragödien. Kriege, Armut und Naturkatastrophen… Ich kann nicht immer nur über Gewalt und Krieg nachdenken, das halte ich psychisch nicht aus. Mein Gegenmittel ist die Flucht in die Schönheit. Die Genialität mancher Künstler oder Musiker kann ich einfach nur bewundern.“

Auch in Afghanistan hat sie sich an diesen Grundsatz gehalten. „Die Leute sagen immer, da ist ja auch alles so billig. Aber ich achte immer auf Qualität – und auf Schönheit. Die Decken in den Zimmern sind zum Beispiel alle blau gestrichen, damit die Patienten in den Himmel schauen und nicht gegen eine Wand.“

Und auch die afghanische Bevölkerung hat die Schönheit als Teil ihres Lebens noch nicht aufgegeben: „Wir haben Mitarbeiterinnen, die darauf bestehen, bei der Arbeit ihre Stöckelschuhe zu tragen. Viele würden nicht ungeschminkt aus dem Haus gehen. Und die Männer sind fast noch extremer. Sie achten genau auf ihre Bärte und darauf, dass ihre Schuhe geputzt sind. Ich sehe das als gutes Zeichen. Sie lassen sich nicht gehen und halten etwas auf sich selbst. Das ist die Hoffnung, die die Menschen dort jeden Tag leben.“

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