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„Tartuffe“: Molières bissigste Satire in einer fulminant aktuellen Inszenierung im Schauspielhaus Dortmund

Das Ensemble: Uwe Rohbeck, Björn Gabriel, Christian Freund, Frieder Langenberger. Fotos: Birgit Hupfeld

Von Gerd Wüsthoff

Gordon Kämmerers Inszenierung von Molières Komödie „Tartuffe“ beginnt und endet mit wummernden Bässen. Die DarstellerInnen, eingehüllt in unschuldiges, weißes Unisex, tanzen sich dabei die Seelen aus dem Leib. Eine Hingabe an die Ekstase, wie Techno-Jünger, abrocken, befreit von Sinn, Verstand und Reflexion. Dazwischen der modernisierte, ja befreite Text von Molière, transportiert in das 21. Jahrhundert, konzentriert auf Betrugsspiel, Gier, Bigotterie und Glaubensfragen.

Damals zuerst ein Skandal – Heute eine bitterböse Parabel auf unsere Zeitläufe

Uwe Rohbeck, Kevin Wilke, Marlena Keil, Uwe Schmieder

Molière inszenierte 1664 sein bissigstes und kritischstes Bühnenstück, „Tartuffe ou L’Imposteur“ und löste einen Theaterskandal aus. Erst die dritte (und heute oft gespielte) Fassung erhielt die Unterstützung durch Ludwig XIV, dem absolutistischen Sonnenkönig. Es geht um Heuchler allgemein und besonders Tartuffe. Dieser Tartuffe, glänzend gespielt von Björn Gabriel, eignet sich fast Vermögen und Besitz einer Familie an, weil er das leichtgläubige Oberhaupt, Orgon, exzellent von Uwe Rohbeck gespielt, geradezu bezirzt mit seinem pseudo-religiösem Gerede. Wer hier Parallelen zu Evangelikalen und „christlichen“ Sekten sieht, liegt nicht falsch.

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Tartuffe manipuliert geschickt Orgon und desavouiert seine Kritiker. Er verbietet Besuche im Haus, hintertreibt die anstehende Vermählung der Tochter Orgons und agiert gegen den Rest der kritisch gebliebenen Familie. Den Warnungen seiner Familie, die sich nicht von Tartuffe hat blenden lassen, schenkt Orgon keine Beachtung. Im Gegenteil, denn Orgon antwortet und agiert ganz im Stil von aufgebrachten „Wutbürgern“ und vom System enttäuschten „Protestwählern“.

Ganz im Sinne des Bildes von der Taube, mit der man Schach spielt, dabei nur die Figuren umgeworfen bekommt, und am Ende eine, über ein zugekacktes Spielfeld, wie ein Sieger stolzierende, Taube zu erleben, reagiert Orgon. Er lässt alles abblitzen und bleibt im Intrigengespinst von Tartuffe hängen, taub für die Realität und die Gefahren des eigenen Handelns. Orgon will die einfachen, alternativen Fakten des Populisten Tartuffe um jeden Preis glauben!

Eindeutig zweideutig, hintergründig und entlarvend

Mario Lopatta, Uwe Schmieder, Björn Gabriel, Dortmunder Sprechchor

Während sich die Inszenierung von Kämmerer vordergründig auf die Glaubensfragen und das Betrugsspiel in einem modernen Barock-Stück konzentriert, sind die ZuschauerInnen aber immer im Hier und Jetzt der aktuellen politischen Situation. In gut anderthalb Stunden spielt sich der Fall des Betrügers und moralischen Hochstaplers vor den Augen des Publikums ab.

Die willfährigen Adlaten des Tartuffe, die Laurents (Frieder Langenberger und Mario Lopatta), lassen einen ersten Blick auf den wahren Tartuffe erkennen, als sie sich lasziv, erotisierend miteinander vergnügen. Ihr Spiel mit Peitsche und ihre Bewegungen lassen an Deutlichkeit nichts vermissen. Das Kopfkino mal deutlich getriggert. In dem Spiel der beiden erkennt man, dass sie sich schon lange kennen müssen und herrvorragend zusammen agieren können. Die ZuschauerInnen mögen sich vielleicht an die Missbrauchs-Skandale der katholischen Kirche und evangelischen Einrichtungen erinnert fühlen.

Währenddessen ist Orgon immer noch zu sehr mit vernebeltem Blick von der Edelmütigkeit, ja Selbstlosigkeit von Tartuffe überzeugt. Ganz wie die Gläubigen der Populisten, die grabschen, lügen, betrügen und verhetzen können wie sie wollen, ohne in Frage gestellt zu werden.

Geil oder ungeil ist die Frage. Wirklich? Es gibt kein geiles Leben im Ungeilen

Uwe Rohbeck, Ekkehard Freye

Orgons Mutter, dargestellt von dem cross-gedressten Uwe Schmieder, bringt es zu Beginn des Stücks simpel auf den evangelikalen Punkt: „Glaubende sind gesünder als Nichtglaubende“. Dies verbunden mit den Kostümen, kleinen Eingriffen und der modernisierten Sprache, bringen Molières beißende Satire direkt in das 21. Jahrhundert. Wobei sich der eine oder andere an die Gurus aus den 1970ern erinnert fühlen kann. Oder Workshop-Meister die einem das Atmen lehren, ganz so als hätte man früher nicht von selbst atmen können.

Auf der Drehbühne kreisen die riesigen Putti, wie hohle Dekorationen und Abbilder ebensolcher Phrasen, gigantisch, ähnlich der monströsen, den Menschen klein machenden Architektur der Despoten der 1930er Jahre. zugleich sind sie das Spielfeld der Adlaten von Tartuffe. Der Wohnwagen von Tartuffe, der kommende Schauplatz seiner Entlarvung, steht dagegen wie das von Populisten gepflegte Bild des Einfachen, des „ich bin doch einer von Euch, auch mit zwei Privatjets“, des altruistischen Kümmerers. Wenn dann der Heuchler einmal allzu verlogen vor sich hin predigt, dann fügen sich Lichtstäbe in der Luft zu Kreuzen.

Für einen Moment erscheint die Sprache der Akteuere in die Distanzlosigkeit der aktuellen TV Shows, mit allen Belanglosigkeiten, die sie vor allem bei den Privaten zu bieten haben, abzugleiten. Orgon wird zu „Orgi“ und Tartuffe zu „Tüffi“. Und „Geil“ und „ungeil“ gerieren sich dabei doch zu den allgegenwärtigen Etiketten. Schmieder konstatiert ganz süffisant ans Publikum: „Hier ist es ungeil“. „Es gibt kein geiles Leben im Ungeilen“, zitiert Orgons Sohn Adorno. Da war noch was bei Glasperlenspiel. Oder ist es doch der O-Ton der dumpfen Biene?

Das Dortmunder Ensemble zeigt sein geballtes schauspieleriches Talent

Uwe Rohbeck, Björn Gabriel, Bettina Lieder

Das furios spielende Ensemble macht die Unschärfen im Text funktional, wobei sie bizarre Umschreibungen für Anspielungen nutzen, Betonungen schaffen, die direktes Ansprechen vermeiden. Marlena Keil, glänzend als Zofe, lädt durch ihre Betonung das Wort „kontextualisieren“ mit ungeahnter Schlüpfrigkeit auf.

Oder wie Merle Wasmuth als Orgons Tochter, Mariane, mit ihrem Vater über ihre drohende Vermählung mit Tartuffe „verhandelt“: „Also ich fänds gut, wenn du was machen würdest, was ich will.“

Man parliert, wie harmlos, tänzelnd umeinander herum, ohne zu sagen was wirklich Sache ist … Könnte auch so bei den Brexit-Verhandlungen in Brüssel zugegangen sein.

Rohbeck brilliert als Orgon, nicht als der verblödete Jünger, sondern als der Mann, der es abgründig genießt, Familie zu triezen und zu peinigen.

Uwe Schmieder, Mario Lopatta, Björn Gabriel, 
Dortmunder Sprechchor, Frieder Langenberger, Uwe Rohbeck

Schon alleine dadurch, dass er sich so ganz Tartuffe hingibt. Während Ekkehard Freye als sein vernünftiger Schwager, versucht ihm ins Gewissen zu reden, zerbröselt Rohbeck eine Toastscheibe und wirft die Krümel ins Publikum, als würde er Tauben füttern. Weit wichtiger als Argumente anhören.

Georg Kreißler und „Gehn wir Tauben vergiften im Park!“ lässt grüßen … in dieser banalen Publikumsfütterung spitzt Rohbeck die Pointe, dass Mariane und Tartuffe in der Ehe selig sein werden „wie zwei Turteltauben“.

In Björn Gabriels Darstellung des Tartuffe, mit seinem dauerbeleidigten, wehleidigen, geradezu öligen Ton, der jederzeit in Berechnung umschlagen kann, karikiert er grandios, grotesk die Verlogenheit des Tartuffe. Man erwartet fast den lächerlich artifiziell gehobenen Zeigefinger eines gewissen Politikers.

Eine misslungene Verführung öffnet Orgon die Augen über den Populisten

Bettina Lieder als Elmire, Gattin des Orgon, spielt herrlich die Verführungsszene mit Tartuffe, die als Video auf den Wohnwagen projiziert wird. Sie muss diesen Weg gehen, um ihren Gatten von den wahren Absichten Tartuffes zu überzeugen.

Das befreit tanzende Ensemble und der 
Dortmunder Sprechchor

Ihre Darstellung der Verführung, ihre Achselhöhlen mit Rasierschaum aneinander reibend, Gabriel ihren Fuß als erklingende Panflöte spielt, lustig und lustvoll, ihre Lust aber plötzlich verfliegt, zur Routine verglimmt, das ist amüsant und vergnüglich, Raum für eigene Bilder lassend, anzuschauen. Elmire benötigt bei Tartuffe dann doch etwas Wein, rektal …

Orgon will sich nun endlich, vom Betrug und der Unehrenhaftigkeit Tartuffes überzeugt, von ihm befreien. Doch hat er seine Schenkung an Tartuffe vergessen, die alle in turbulentes Chaos versinken lässt. Tartuffe noch triumphierend pocht dabei auf sein Recht als neuer Besitzer. Zuerst ist die Staatsmacht auf seiner Seite und bestätigt seine erschlichenen Rechte.

Am Ende aber rettet auch hier jedoch die Staatsmacht, in Gestalt des Sprechchors, das schon von allen verloren geglaubte Vermögen. Die gerade so Davongekommenen jubeln und hüpfen erlöst, ausgelassen zu Technobeats. Haben sie dazugelernt? Nichts, aber ihr Besitz und bisheriges Prä-Tartuffe Leben ist gerettet.

Die ZuschauerInnen bedankten sich mit Standing Ovations für einen rasanten, scharfsinnigen, abgründig unterhaltsamen Premierenabend.

Weitere Informationen:

Weitere Vorstellungen:

  • Samstag, 8. Dezember 2018, 19.30 Uhr
  • Samstag, 22. Dezember 2018, 19.30 Uhr
  • Montag, 31. Dezember 2018, 19.30 Uhr
  • Sammstag, 12. Januar 2019, 19.30 Uhr
  • Sonntag, 13. Januar 2019, 15 Uhr
  • Freitag, 18. Januar 2019, 19.30 Uhr
  • Freitag, 1. Februar 2019, 19.30 Uhr
  • Mittwoch, 20. Februar 2019, 19.30 Uhr
  • Sonntag, 3. März 2019, 18 Uhr
  • Donnerstag, 4. April 2019, 19.30 Uhr
  • Samstag, 18. Mai 2019, 19.30 Uhr
  • Sonntag, 30. Juni 2019, 18 Uhr

Kontakt:

  • Telefon: 0231/ 50 27 222

Besetzung:

  • Pernelle: Uwe Schmieder
  • Orgon, Ehemann von Elmire: Uwe Rohbeck
  • Mariane, Tochter von Orgon: Merle Wasmuth
  • Damis, Sohn von Orgon: Christian Freund
  • Elmire, Ehefrau von Orgon: Bettina Lieder
  • Cléante, Orgons Bruder: Ekkehard Freye
  • Dorine, Dienstmädchen: Marlena Keil
  • Tartuffe: Björn Gabriel
  • Schauspielstudio Graz: Valère, Marianes Freund: Kevin Wilke, Die Laurents: Frieder Langenberger, Mario Lopatta
  • Loyal: Bérénice Brause
  • Polizisten: Dortmunder Sprechchor
  • Regie und Bühne: Gordon Kämmerer
  • Mitarbeit Bühnenbild: Christiane Thomas, Louisa Robin
  • Kostüme: Vanessa Rust
  • Musik: Max Thommes
  • Videoart: Tobias Hoeft
  • Leitung Sprechchor: Uwe Schmieder
  • Choreografie: Laura Witzleben
  • Licht: Stefan Gimbel
  • Ton: Gertfried Lammersdorf, Jörn Michutta
  • Dramaturgie: Anne-Kathrin Schulz
  • Regieassistenz: Bjarne Gedrath
  • Bühnenbildassistenz: Christiane Thomas
  • Kostümassistenz: Friederike Wörner
  • Soufflage: Violetta Ziegler
  • Inspizienz: Tilla Wienand
  • Regiehospitanz: Daniela Blanck, Mirko Soldano

Webseite:

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Ein Gedanke zu “„Tartuffe“: Molières bissigste Satire in einer fulminant aktuellen Inszenierung im Schauspielhaus Dortmund

  1. Thomas

    Diese Stück war wirklich die schlechteste Inszenierung, die ich je gesehen habe. Ein hirnloser Irrsinn, ein gescheiteter Versuch, das Modern mit dem Damaligen zu verbinden – jämmerliches Geschrei und penetrante Szenen, die nicht zusammen passen – armer Moliere. Zurecht die vielen Buhrufe und der verhaltene Beifall am 18.Mai 2019 – es schien sich auch schon rumgesprochen zu haben – das Schauspielhaus war halb leer. Schade um die Zeit, die uns gestohlen wurde und schade, dass Schauspieler sich für so einen Mist hergeben.

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