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Spinner, Sonderlinge oder Gefahr für die Gesellschaft? – „Der Reichsbürger“ im Theater zeigt Phänomen in allen Facetten

Profitiert von dem, was er eigentlich nicht will: der Reichsbürger – gespielt im gleichnamigen Stück von Sebastian Thrun. Fotos: Oliver Mengedoht

Von Angelika Steger

Sie fühlen sich von Staat und Gesellschaft allein gelassen, bedrängt, verraten – und erkennen die Bundesrepublik Deutschland nicht an. Religiös anmutend, verkünden ihre selbsternannten Gurus, wer ihrer Meinung nach die Fäden in der Hand hält und wer sie unterdrückt: die BRD GmbH und die „Faschisten“, die an der Regierung seien. Außerdem sei Deutschland immer noch besetzt von den Alliierten, nicht frei. Regeln und Gesetze werden nur anerkannt, wenn sie ihnen nutzen. „Die picken sich die Rosinen raus, was zu ihrer Ideologie passt“ sagt Schauspieler Sebastian Thrun. Zwar lehnen sie die BRD als Staat, der ihnen den Personalausweis ausgestellt hat, ab, aber dass „deutsch“ darin steht, ist ihnen nur recht. Sie sind damit Trittbrettfahrer*innen, weil sie genau von dem profitieren, was sie eigentlich nicht wollen: die Reichsbürger, auf die Bühne gebracht nach Texten von Annalena und Konstantin Küspert – eine Koproduktion vom Theater Glassbooth und dem Theater im Depot.

Thema Coronakrise oder Impfung verunsichern – und führen zu fragwürdigen Ansichten wie Ideologien

„Die Sache ist hochaktuell“ erläutert Regisseur Jens Dornheim. Mitte August hatte es eine Schlägerei in einem Dortmunder Supermarkt gegeben, weil ein Kunde keine Maske aufsetzen hatte wollen. Der alarmierten Polizei hatte er daraufhin sein selbstgebasteltes Attest gezeigt. Die BRD GmbH habe ihm nichts vorzuschreiben, weil er dieses Gebilde nicht anerkennen würde. ___STEADY_PAYWALL___

Reichsbürger*innen fühlen sich mit dieser Bezeichnung stigmatisiert, bezeichnen sich selbst eher als „Selbstverwalter*innen.“ Autark vom Staat und von allen anderen werden – durch Zukauf von Land oder den Bau von Solarzellen (ein eher ökologisch-links angehauchter Gedanke): das ist ihr Ziel. „In unserer Interpretation steht der Fokus mehr auf diese Selbstverwaltung, weniger auf die Bewaffnung dieser Menschen“, fügt der Regisseur hinzu.

Reichsbürger*innen würden sich nie als „Nazis“ bezeichnen. Es gibt auch nicht die/den Reichsbürger*in. Was sie wollen, ist oft diffus und von Widersprüchen gekennzeichnet. Und manchmal könnte man denken: Der Kerl hat doch recht, wenn er hinterfragt, warum man oft so erschöpft ist nach der Arbeit oder warum die Regierung dieses oder jenes so entschieden hat. „Das Publikum soll verführt werden“ sagt Regisseur Dornheim. Oder was sein wird, wenn das eigene Kind in der Schule das einzige in der Klasse ist, was deutsch spricht.

Reichsbürger*innen können keiner gesellschaftlichen Schicht zugeordnet werden

„Fragen, die man sich durchaus stellt. Alle Themen macht sich der Reichsbürger zu eigen“, erklärt der Schauspieler Sebastian Thrun. Die Tatsache, dass Reichsbürger*innen ein „Recht auf Waffen“ fordern, mache sie richtig gefährlich. Die Hetze gegen Juden, Muslime etc. tut ihr übriges dazu. Gerade weil sie so oft Gesetze nicht befolgen wollen und laut sind, bekommen sie Aufmerksamkeit, die sie um jeden Preis erreichen wollen. „Ärger produzieren, um wahrgenommen zu werden“, fügt der Künstler hinzu.

Warum werden Menschen zu Reichsbürger*innen? Was macht diese religionsartige Ideologie so attraktiv? „Es ist praktisch, einen Schuldigen für Probleme zu suchen“ sagt Sebastian Thrun. „Diese Leute sind oft pleite. Das war auch beim ehemaligen Mister Germany so. Erst hat er den Schönheitswettbewerb gewonnen, dann war er mal pleite und ist dann wieder als Reichsbürger aufgetaucht. Nicht alle Beobachtungen des Reichsbürgers sind falsch, spiegeln sogar auch Probleme wider, die jede*r von uns hat. Aber die vorgestellten Lösungen sind reaktionär. Das macht diese Bewegung so, ich sag mal, unbehaglich.“

Allerdings gäbe es auch scheinbar gut situierte Leute wie Ärzte oder Rechtsanwälte, die sich zu Seminaren treffen, Netzwerke dank elektronischer Kommunikation bilden, um sich darüber auszutauschen, wie man sich selbst organisieren könne, um vom Staat, den man nicht anerkennt, unabhängig, autark zu werden.

Schon lange vorhanden, aber noch lange nicht verschwunden: das Phänomen „Reichsbürger“

Neu ist das Phänomen „Reichsbürger“ nicht. Thrun beschreibt ein Gespräch mit einem Mitarbeiter des Jobcenters, der öfter mit Mitgliedern dieser Ideologie zu tun hat: „Die gibt es schon lange.“ Zu lange wurden sie als abseitige „Spinner“ betrachtet, bis ein Polizist in Bayern bei einer Hausdurchsuchung von einem Reichsbürger getötet wurde; er wollte die Waffen nicht abgeben. In deren Logik völlig klar: warum soll ich einer Entscheidung, die eigenen Waffen abzugeben, nachkommen, wenn ich den Staat als Anordner der Entscheidung nicht anerkenne?

„Meine Aufgabe ist es, das Publikum zu verführen, als Reichsbürger zu beeinflussen. Auch wenn ich dann nach dem Stück mir sage „wie kann ich so einen Scheiß erzählen.“ Der Schauspieler schnauft und schüttelt den Kopf. Wie es zu diesem Stück gekommen sei? Regisseur Jens Dornheim: „Weil es hochaktuell ist. Wir haben Impfgegner, Coronaleugner, Verschwörungstheoretiker, all diese Gruppen spielen auch in der Ideologie der Reichsbürger eine Rolle.“ Denn es ist die böse BRD GmbH, die die Imfpung und Maskenpflicht vorschreiben. Dagegen müsse man sich zur Wehr setzen, weil das die eigene Freiheit einschränke.

Jemand wie ein Reichsbürger, der so vehement mit seinen Ansichten auftritt, fordert das Publikum heraus. Am Grillo-Theater Essen hatte es Zwischenrufe gegeben, die Aufführung konnte aber bis zum Ende stattfinden. „Das ist ganz klar, denn der geht die Leute ja direkt an.“ Schauspieler Sebastian Thrun sieht es aber gelassen. Da müsse man sich drauf einstellen, dass es entweder Zustimmung oder Protest geben würde. „Der Reichsbürger geht die Leute ja direkt an.“ Der Abend verspricht, spannend zu werden.

Weitere Informationen:

  • Der Reichsbürger, Theaterstück nach Texten von Annalena und Konstantin Küspert mit Sebastian Thrun als Reichsbürger, Regie Jens Dornheim. Eine Produktion vom Theater glassbooth und Theater im Depot.
  • Termine zu „Der Reichsbürger“ hier.

 

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