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SERIE Nordstadt-Geschichte(n): Im Nachkriegsjahr 1919 wurde in Dortmund ein katholischer Kirchentag veranstaltet

Von Klaus Winter

Im Juni stand Dortmund im Mittelpunkt von Gläubigen aus der ganzen Republik. Der Deutsche Evangelische Kirchentag war mit mehr als 2000 Veranstaltungen und mehr als 100.000 Gästen zu Gast. Doch es war nicht der erste Kirchentag in der Ruhrmetropole: Vor genau 100 Jahren stand die Nordstadt im Mittelpunkt – allerdings bei einem katholischen Kirchentag

Sauerländer Kirchentag bereitete auf Organisationsprobleme vor

Weniger als ein Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde in Dortmund am 28. und 29. September 1919 ein katholischer Kirchentag abgehalten. Sein Einzugsbereich beschränkte sich auf die frühere Grafschaft Mark soweit sie zur Diözese Paderborn gehörte, also auf das Gebiet zwischen Hamm, Gelsenkirchen, Altena, Iserlohn, Fröndenberg und Unna. Wegen dieser regionalen Beschränkung handelte es sich bei der Dortmunder Veranstaltung um einen „Bezirkskirchentag“, den „Ersten Märkischen Kirchentag“.

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Bezirkskirchentage wurden durchgeführt, weil die 1919 herrschenden Verhältnisse die Ausrichtung eines deutschlandweiten Kirchentags nicht gestatteten. Dabei vermisste man in den Wirren der frühen Nachkriegszeit, einer Zeit des Umbruchs, in der neben Not und Elend viel Unsicherheit herrschte, einen großen Kirchentag, von dem sich so mancher Antworten und Halt versprach.

Eine Woche vor der Dortmunder Veranstaltung war in Arnsberg der Sauerländische Katholikentag durchgeführt worden. Bei diesem Ereignis waren all die Probleme zu Tage getreten, die die Organisation von Großereignissen im ersten Nachkriegsjahr erschwerten! Die Staatseisenbahn konnte wegen Kohlemangel keine Sonderzüge bereitstellen, so dass die auswärtigen KirchentagsbesucherInnen nur planmäßige Züge nutzen konnten.

Um dem Wunsch nach Übernachtungsmöglichkeiten gerecht werden zu können, sollten möglichst Privatquartiere vermittelt werden. In Folge des langen Krieges herrschte in Deutschland aber eine große Wohnungsnot. Deshalb war die Unterbringung von Gästen sehr schwierig. Auch die Ernährungslage war äußerst angespannt: Den Kirchentagsbesuchern wurde deshalb empfohlen, nach Möglichkeit einen „Mundvorrat“ mit sich zu führen.

Zunächst sollte Bochum den Märkischen Kirchentag ausrichten

Festbuch zum 1. Märkischen Kirchentag 1919. (Sammlung Klaus Winter)

Als Veranstaltungsort für den Ersten Märkischen Kirchentag war zunächst Bochum ausersehen worden. Doch gab es dort Schwierigkeiten bei der Beschaffung geeigneter Säle. Deshalb verlegten die Verantwortlichen den Kirchentag im Juli nach Dortmund. So kam es, dass der Märkische Kirchentag gar nicht auf historischem märkischen Boden stattfand, denn Dortmund war nie Teil der Grafschaft Mark gewesen.

Wegen der kurzfristigen Verlegung von Bochum nach Dortmund blieb den Ausschüssen, die mit den vielschichtigen Vorbereitungen betraut waren, nur gut zwei Monate Zeit für ihre Arbeit: die Auswahl von Rednern, Absprachen zur Regelung des Verkehrs, das Ausschmücken der Versammlungsräume, Presseinformationen, Verwaltung der Finanzen und vieles mehr.

Der Verkehrsausschuss sorgte wiederholt für die Veröffentlichung der Eisenbahn-Fahrpläne. Vom Hauptbahnhof zum Veranstaltungsort Fredenbaum wurden Sonderwagen der Städtischen Straßenbahn eingesetzt. Es gab Absprachen mit den Straßenbahngesellschaften der benachbarten Ortschaften, durch die der Umsteigeverkehr möglichst optimiert werden sollte.

Um die Übernachtungsmöglichkeiten für auswärtige Besucher kümmerte sich ein eigens zu diesem Zweck eingerichtetes Wohnungsbüro am Hauptbahnhof. Für Geistliche lag dort auch eine Einzeichnungsliste aus, in die sich alle eintragen sollten, die eine heilige Messe zelebrieren wollten.

Es gab ein Festbuch – mit Mängeln

Zum Katholikentag wurde ein Festbuch herausgegeben. Es war zwar nur ein Druck von mäßiger materieller Qualität, aber immerhin 48 Seiten stark und enthielt u. a. Beiträge über katholisches Leben in Dortmund, die Festfolge, einen Fahrplan für Dortmund und Umgebung sowie einen Innenstadtplan. Es mag auf die nur kurze zur Verfügung stehende Herstellungszeit zurückzuführen sein, dass das Inhaltsverzeichnis nicht an allen Stellen zu dem Inhalt passt.

Die Besucher des Kirchentags konnten sich durch den Erwerb von Festkarten den Zutritt zu allen Veranstaltungen– sowohl zu den öffentlichen Versammlungen, als auch zu den geschlossenen Konferenzen – sichern. Um einen Überblick über die Besucherzahl zu erhalten, waren die Organisatoren bemüht, möglichst viele Karten bereits im Vorverkauf abzusetzen.

Katholische „Tremonia“ informierte ausführlich

Einladung für eine Kirchentags-Veranstaltung (Tremonia, 26.09.1919)

Die „Tremonia“, Dortmunds katholisch geprägte Tageszeitung, berichtete umfassend über die Vorbereitungen und den Ablauf des Märkischen Kirchentags. Dagegen finden sich z. B. in der „Dortmunder Zeitung“ nur wenige und nur recht kurze Artikel.

Je näher der Katholikentag rückte, desto umfangreicher informierte die Tremonia: Die Vorsitzenden der katholischen Vereine wurden für Freitag, 26. September in den Weißen Saal des Gesellenhauses an der Silberstraße eingeladen, wo die letzten Vorbereitungen besprochen werden sollten. Die katholischen Handwerkermeister und Gesellen wurden auf eine öffentliche Versammlung im Gesellenhaus am Sonntag, 28. September hingewiesen, bei der hochkarätige Redner zu Gast waren. Der Sängerchor des Katholikentages traf sich zu letzten Proben im St. Josefs-Haus, Heroldstraße.

Am 28. September begrüßte die Tremonia unter dem Titel „Willkommen märkische Katholiken!“ die Kirchentagsteilnehmer. Die Zeitung erinnerte an die 43. General-Versammlung der Katholiken Deutschlands in Dortmund 1896 und an die Pläne für den Katholikentag, der 1915 in Dortmund veranstaltet worden wäre, hätte der Krieg diesen Plan nicht durchkreuzt.

Auch auf die Zäsur durch den Krieg wurde deutlich hingewiesen: „Ein verlorener Krieg, der uns unsäglich viel Blut und Tränen gekostet, ein Zusammenbruch, wie er in der Weltgeschichte unerhört ist, ein Friedensschluß, den der Haß, kaltherzige Berechnung und die erbärmlichste Heuchelei geschmiedet, und die Revolution, die das Alte in Trümmer schlug und noch kein Neues, Dauerhaftes hat schaffen können, ein Volk, das aus tausend Wunden blutend sich in Parteihader aufzehrt und vielfach im Tanzwirbel die bittere Not des Augenblicks vergißt.“

„Katholizismus heute“ beherrschte das Programm

Das Josefs-Haus an der Heroldstraße (Sammlung Klaus Winter)

Das Programm des Märkischen Katholikentags bestand aus öffentlichen und geschlossenen Veranstaltungen. Die öffentlichen waren:

Sonntag, 28. September: 08.30 Uhr, Liebfrauenkirche: feierliches Hochamt, 11.00 Uhr, Saalbau Fredenbaum: Vortrag „Katholizismus und staatliches Leben“, 15.30 Uhr, Saalbau Fredenbaum, Hobertsburg und Wilhelmslust: Vorträge „Katholizismus und soziale Frage“ und „Katholizismus und sittliche Erneuerung“

Montag, 29. September: 17.00 Uhr, Saalbau Fredenbaum: Vortrag „Was ist uns heute der Katholizismus?“

Die geschlossenen Veranstaltungen fanden sämtlich am 29. September im großen bzw. kleinen Saal des Vereinshauses St. Josef, Heroldstraße, statt. Um 9 Uhr begannen Vorträge und Aussprachen zu den Themen „Volksbildungsbestrebungen“ und „Caritas“, um 14 Uhr dann ein weiterer unter dem Titel „Presse und Volk“.

Das den ganzen Tag anhaltende regnerische und stürmische Wetter am 28. September schreckte die Kirchentagsbesucher nicht ab. Die Wohnungskommission hatte Schwierigkeiten, alle Übernachtungsgäste unterzubringen. Die Städtische Straßenbahn setzte ihren gesamten Wagenpark ein.

Innenansicht der Liebfrauenkirche (Sammlung Klaus Winter)

Kirchentag wurde mit einer Messe in der Liebfrauenkirche eröffnet

Der Eröffnungs-Gottesdienst fand in der Liebfrauenkirche an der Amalienstraße statt. (Sammlung Klaus Winter)

Auftaktveranstaltung des Kirchentags war das feierliches Hochamt in der Liebfrauenkirche. Die Kirche war bei Beginn der Messe so gefüllt, dass sich kaum ein Platz fand, an dem man dem Gottesdienst folgen konnte. Domkapitular Prof. Dr. Linneborn, Paderborn, zelebrierte die Messe, die vom Kirchenchor musikalisch begleitet wurde. Die katholischen Vereine hatten sich mit ihren Fahnen im Chor aufgestellt. Bischof Dr. Karl Josef Schulte, Paderborn, hielt eine Ansprache.

Nach der Heiligen Messe in der Liebfrauenkirche fand die nächste Veranstaltung im Saalbau Fredenbaum statt. Der Fredenbaum war ein historischer Ort für Dortmunder Katholiken, denn jährlich am Sonntag nach Pfingsten versammelten sich die katholischen Vereine hier zu ihrem Verbandsfest. Nun eröffnete ein Massenchor die Veranstaltung.

Stadtverordneter Lensing hielt die einleitende Ansprache und gab dann das Wort weiter an den Stadtrat August Bickhoff, der den Vorsitz des Präsidiums des Kirchentags übernommen hatte. Bickhoff begrüßte nicht nur den Bischof und den Oberbürgermeister Eichhoff, sondern auch „die zahlreichen aus der Gefangenschaft heimgekehrten Brüder, die so lange nicht mehr unter uns geweilt haben.“

Bischof Dr. Schulte erklärte, dass zwar schon an verschiedenen Orten seiner weitausgedehnten Diözese Katholiken-Versammlungen stattgefunden hatten, er selber aber bisher noch an keiner hatte teilnehmen können. So war es ihm eine besondere Freude, dem Dortmunder Katholikentag persönlich beizuwohnen.

Der Bischof zeigte sich während der Veranstaltung tatsächlich sehr aktiv: Er hatte nicht nur in der Liebfrauenkirche gesprochen und am Saalbau Fredenbaum sowie abends bei der Handwerker-Versammlung im Gesellenhaus, sondern er besuchte auch die kleineren Veranstaltungsorte Hobertsburg und Wilhelmslust, die in der Nachbarschaft des Fredenbaums lagen.

Das Ausflugslokal Hobertsburg am Fredenbaum war ebenfalls Veranstaltungsort (Sammlung Klaus Winter)

Die Abschlussveranstaltung fand im Saalbau Fredenbaum statt

Am Montag, 29. September, strömten bei besserem Wetter erneut zahlreiche auswärtige Besucher in die Stadt. Das Programm war straff organisiert. So fanden im Josefs-Haus zwei Versammlungen zeitgleich statt. Diese Konferenzen „waren geradezu überfüllt“! Dabei galt es nicht, „gewaltigen, formvollendeten“ Vorträgen zu lauschen, sondern an einer nüchternen Darlegung und ruhigen und sachlichen Besprechung wichtiger Fragen der katholischen Kirche teilzuhaben.

Bischof Dr. Karl Josef Schulte (Festbuch für den 1. Märkischen Kirchentag)

Vom Josefs-Haus zogen die Teilnehmer in Scharen zum Fredenbaum. Dort füllten sich der große Festsaal und der Wintergarten rasch. Sogar die Pressetribüne wurde von Besuchern besetzt, so dass die anwesenden Journalisten nur in gedrängter Enge ihrer Aufgabe nachgehen konnten.

Stadtrat Bickhoff eröffnete die Versammlung. Stadtschulrat Dr. Kaiser brachte die in den geschlossenen Versammlungen im Josefs-Haus erarbeiteten Beschlüsse zur Abstimmung; sie wurden sämtlich einstimmig angenommen.

Dann ergriff der Hauptredner, der Jesuit P. Loennartz das Wort. Er sprach über den Frieden der Katholiken mit den anders denkenden Volksgenossen und die Versöhnung mit den Feinden. Das Schlusswort lag beim Bischof, der auch den Segen erteilte.

Der Kirchentag schickte ein Telegramm an den Papst

Im Anschluss daran wurde der Wortlaut eines Telegramms an Papst Benedikt XV. verlesen: „Zehntausend katholische Männer und Frauen aus allen Ständen in Dortmund, der größten Industriestadt Westfalens, zum 1. Märkischen Katholikentage versammelt, unterbreiten Eurer Heiligkeit in tiefster Dankbarkeit für Euerer Heiligkeit väterliche Sorge um die Linderung der Leiden der Kriegsgefangenen ihre ehrfurchtsvolle Huldigung und verbinden damit das hl. Gelöbnis unerschütterlicher Treue zum ererbten katholischen Glauben und nie rastender Arbeit für die innere Erneuerung unseres Volkes im Geiste Jesu Christi und im lebendigen Anschlusse an seinen Statthalter auf Erden.“

Stadtrat Bickhoff erklärte daraufhin den Kirchentag für beendet.

Saalbau Fredenbaum an der Münsterstraße (Sammlung Klaus Winter)

 

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