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„Schwarz ist der Ozean“ belegt: Der Ursprung von Flucht heute liegt in 500 Jahren afro-europäischer Kolonialgeschichte

Der moderne Rassismus enstand aus einer Rechtfertigungsstrategie für den Sklavenhandel. Abbildung: Serge Palasie/ Eine Welt Netz NRW e. V.

Von Anna Lena Samborski

„Wirtschaftsflüchtling“ – ein Stigma was vielen Geflüchteten aus afrikanischen Ländern anhängt. Dabei ist die Situation in vielen Ländern Afrikas untrennbar mit 500 Jahren afroeuropäischer Geschichte verbunden – geprägt von Kolonialismus und dem transatlantischen Sklavenhandel. Diesen historischen Zusammenhängen geht die mobile Ausstellung „Schwarz ist der Ozean“ von Serge Palasie, Promotor für Flucht und Migration des „Eine Welt Netz NRW“, nach. Die Ausstellung wurde im Rahmen der Internationalen Woche in Dortmund gezeigt.

Beginn der Kolonialzeit: Europa in einer „Position der Schwäche“

Eingeladen hatten die Dortmunder AWO, die  Integrationsagentur NRW und der  Verein Kamerunischer Ingenieure und Informatiker (vkii e. V.). Die Inhalte der Ausstellung wurden durch einen Vortrag von Serge Palasie sowie eine anschließende Diskussion mit dem Publikum ergänzt. Besonders erwähnenswert  ist die Bebilderung der Ausstelltung aus dem Werk „L´Ocean Noir“ des Künstlers William Adjété Wilson.

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Serge Palasie ist Historiker und Fachpromotor für Flucht, Migration und Entwicklung beim Eine Welt Netz NRW. Fotos (3): Anna Lena Samborski

Warum die Europäer am Ende des 15. Jahrhunderts „auf Entdeckungstour“ gingen ist für Palasie klar: Hingegen der gängigen Meinung stand „am Anfang eine Position der Schwäche.“ Nach 1000 Jahren Mittelalter war Europa durch eine starke arabisch-muslimische Welt im Nahen Osten von dem damals größten Wirtschaftsraum des chinesischen Reiches abgeschottet.

„Die Europäer mussten auf die Weltmeere fliehen“, erklärt Palasie. So entstand auch der Kontakt mit dem afrikanischen Kontinent. Ein Rassen- und Überlegenheitsdenken gab es dabei am Anfang nicht. Das beweisen viele Werke aus Kunst und Literatur der damaligen Zeit: Zum Beispiel ist der König des malischen Großreiches Kanku Musa nicht selten als reichster Mann der Welt dargestellt – die Hautfarbe spielte dabei keine Rolle.

Transatlantischer Sklavenhandel: Durchschnittliche Überlebensdauer betrug sieben Jahre

Dies änderte sich erst mit dem Beginn des Sklavenhandels. Auch hier ist zu bedenken, dass dies nicht aus einer reinen Schwäche Afrikas resultierte. Am Anfang profitiert auch eine –sehr kleine – afrikanische Elite von der „größten Zwangsmigration der Geschichte“ und arbeitete eng mit den Europäern zusammen.

So entstand das transatlantische Handelsdreieck: Tauschwaren  wie Waffen, Eisen und Spirituosen wurden von Europa nach Afrika geliefert. Von dort wurden Menschen als Sklaven zwangsweise und unter Einfluss grober Gewalt in die die Kolonien in Amerika verschifft. Die mit der Zwangsarbeit der Sklaven dort hergestellten landwirtschaftlichen Produkte wie Tabak und Baumwolle wurden wiederum nach Europa importiert.

Die Überlebensdauer der Sklaven nach Ankunft in den amerikanischen Kolonien betrug dabei im Durchschnitt sieben Jahre. Noch verheerender aus einer humanistischen Perspektive: Von den 60 Millionen zwangsweise verschifften Menschen überlebten nur 12 Millionen die Überfahrt – der Rest starb bereits auf hoher See.

„Moderner Rassismus“: Enthumanisierung und Dekonstruktion als Rechtfertigungsstrategie

„Das muss man sich rechtfertigen, sonst kann man nicht mehr in den Spiegel gucken“, gibt Palasie zu bedenken. Dies war die Geburtsstunde des „modernen Rassismus“. Im Zuge der Rechtfertigungsstrategien wurden so in Europa Schwarze Menschen enthumanisiert und die afrikanische Kultur und Geschichte dekonstruiert.

Der malische König Kanku Musa galt zu seiner Zeit als reichster Mensch der Welt. Abbildung: Serge Palasie/ Eine Welt Netz NRW e. V.

Palasie resümiert: Sklaverei gab es immer, jedoch war sie zuvor „farbenblind. Jetzt war die Sklaverei schwarz geworden“. Besonders wichtig ist ihm die Ursachen-und-Wirkungsbeziehung: Zuerst gab es ökonomisch begründeten Sklavenhandel. Und erst als Ursache entstand der „moderne Rassismus“ als „nötige“ Rechtfertigungsstrategie.

Nach – und aufgrund von – ca. 200 Jahren Sklavenhandel schritt die Industrialisierung – vor allem im Vereinigten Königreich Großbritannien – immer weiter voran. Aufgrund der neuen Techniken wie die Entwicklung der Dampfmaschine wurde immer weniger menschliche Arbeitskraft – also auch immer weniger Sklavenarbeit – benötigt.

 

Die Europäer sicherten sich einen uneingeschränkter Zugang zu Rohstoffen

Nun hatten die Europäer jedoch ein neues Interesse am afrikanischen Kontinent: Ein uneingeschränkter Zugang zu den Rohstoffe, die für die weitere Industrialisierung unbedingt benötigt wurden. Diesen sicherten sie sich unter Ausübung von Macht – eine wirkliche militärische Überlegenheit gab es hierbei das erste Mal durch die Entwicklung des Maschinengewehrs. Die afrikanischen Herrscher, die zuvor von der Zusammenarbeit profitierten, verloren immer weiter an Einfluss.

So etablierten unter dieser Machteinwirkung die Europäer ein bis heute bestehendes System: Rohstoffe werden im unverarbeiteten Zustand nach Europa bzw. die heutigen Industrieländer geliefert – und die afrikanischen Ländern sollen als Absatzmarkt für die in Europa weiterverarbeiteten Produkte herhalten.

Dabei hängen an der Weiterverarbeitung Arbeitsplätze, die auf dem afrikanischen Kontinent fehlen. An den eigenen Bodenschätzen verdient ein Großteil der afrikanischen Bevölkerung nahezu nichts – es fehlen lokale Beschäftigungsmöglichkeiten.

„Wer also von Wirtschaftsflüchtlingen spricht, ist ignorant gegenüber der Geschichte“

„Wer also von Wirtschaftsflüchtlingen spricht, ist ignorant gegenüber der Geschichte“, macht Palasie deutlich. Die ungleichen wirtschaftlichen Situationen in Europa und Afrika seien vielmehr „ein Resultat eben dieser Politik unserer Vorfahren.“ Außerdem zwingt die Klimakrise – als weitere Folge der Industrialisierung – schon heute immer mehr Menschen in Afrika zur Flucht.

Zwar kommen nur wenige der Geflüchteten Menschen nach Europa – die meisten fliehen innerhalb des Landes oder in Nachbarländer – dennoch ist die absolute Zahl in den letzten Jahren gestiegen. Dies trifft nicht nur für Menschen aus Bürgerkriegsregionen wie in Syrien zu – Palasie erklärt:

Seit dem „arabischen Frühling“ und dem Sturz gewisser autoritärer Regime in Nordafrika – mit denen die europäischen Staaten zum Teil eng zusammenarbeiteten – schaffen es auch mehr Geflüchtete aus afrikanischen Ländern nach Europa. Bis dahin wurde der Grenzschutz sozusagen auf die andere Seite des Mittelmeeres ausgelagert und Europa konnte sich mit hehren Zielen in Sachen Asylpolitik rühmen.

Keine ernsten Bestrebungen in Sachen Bekämpfung von Fluchtursachen

Seit 2011 musste sich Europa nun selbst dem Grenzschutz annehmen. Für Palasie ist dabei klar: „Die hehren Absichten in Europa wurden immer weiter ausgehöhlt ab dem Moment, wo Menschen faktisch hierher kamen.“

Der Historiker plädiert dabei für eine ernstzunehmende Bekämpfung von Fluchtursachen, denn „wenn alle herkommen, hat niemand was davon. Und das Entwicklungspotential ist da – theoretisch könnte Afrika [mit seinen Rohstoffen] der erfolgreichste Kontinent sein.“

Für Palasie bedeutet eine tatsächliche Fluchtursachenbekämpfung somit „die geschaffene globale Arbeitsteilung ernsthaft umzustellen.“ Jedoch sehe er hier „wenig ernsten Willen“ auf europäischer Seite – denn das bestehende System habe schließlich viele Nutznießer in den Industrieländern und in den afrikanischen Ländern selbst.

Der benötigte Strukturwandel muss aus Afrika heraus selbst passieren

So sieht Palasie auch die deutsche Entwicklungszusammenarbeit kritisch: Es werde zwar mittlerweile viel in Infrastruktur und Bildung investiert – und nicht mehr nur in die Landwirtschaft. Die dringend benötigten Investitionen zur Ankurblung der lokalen Wirtschaft bleiben aber weiterhin aus.

Der benötigte Strukturwandel müsse so „vor allem aus Afrika heraus selbst passieren.“ Sowohl gut gemeinte Entwicklungspolitik als auch solidarisch gesinnte Menschen in Europa müssten damit weg von einer paternalistischen Haltung nach dem Motto „wir hier bringen den Wandel.“

Vielmehr gehe es hingegen um eine flankierende Unterstützung der Bestrebungen und Ideen der Menschen vor Ort. Außerdem setzt sich Palasie für eine generelle Auseinandersetzung und Aufarbeitung der eigenen Kolonialgeschichte innerhalb von Europa ein.

Weitere Informationen:

  • Kontakt Serge Palasie bei Eine Welt Netz NRW, hier:
  • Zur  Ausstellung „Schwarz ist der Ozean“, hier:
  • Hompage des Künstlers William Adjété Wilson (auf englisch und französisch), hier:

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