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„Schöne Welt, du gingst in Fransen“: Mit „Mademoiselle Julie & dem „Wunderhorn Quartet“ durch die Goldenen Zwanziger

Inflatiojahrensgeld zu beginn der 20er

Schöne Welt, Du gingst in Fransen. Inflatiojahrensgeld zu Beginn der 1920er Jahre (Sammlung Autor)

Von Gerd Wüsthoff

Ganz so politisch ist die neue Revue von Jutta Seifert, Mademoiselle Julie und dem „Wunderhorn Quartet“, durch die 20er Jahre des vergangen Jahrhunderts nicht, aber immer wieder zu erkennen. Premiere ist am Sonntag, 2. September 2018, 18 Uhr, im Wichernhaus, Stollenstraße, dem Kultur- und Tagungszentrum in der Nordstadt von Dortmund. Die „Goldenen Zwanziger“ oder die „Roaring Twenties“, waren eine Zeit des Aufbruchs, der neuen Möglichkeiten, Chancen und persönlichen, kulturellen und politischen Entfaltung.

Die Zwanziger Jahre waren ein Aufbruch in eine neue Zeit

So war es die Weimarer Verfassung von 1919 die Deutschland zum ersten Staat der Welt machte, in dem Frauen das allgemeine und gleiche Wahlrecht und die Möglichkeit zur freien Berufswahl und Studium hatten. Ein ungebrochener Lebensmut hält die Truppe aufrecht – bis zu jenem schwarzen Freitag, der den Auftakt bildet zu einer weltweiten Wirtschaftskrise. Massenarbeitslosigkeit ist die Folge, viele Theater schließen…

Wunderhorn und Mademoiselle Julie.

Wunderhorn und Mademoiselle Julie.

Heiter beschwingt tanzt, spricht und musiziert das Quintett, eine kleine Tingeltangeltruppe – vier Damen und ein „Quoten“-Herr über die Bühne. Es will das Publikum mitreißen. Bei aller Fröhlichkeit zeigen die KünstlerInnen um Seifert, welche Probleme, besonders für KünstlerInnen, damals auch neben dem Leben in Party-Laune herrschten. Nebenbei rang sich Deutschland trotz aller Beschränkungen auch industriell aus dem Chaos.

Das Kaiserreich und dessen Glorie waren auf dem Misthaufen der Geschichte gelandet und das deutsche Volk und sein neuer Staat im „Versailler Frieden“ als allein Kriegsschuldiger mit Reparationen belegt, die erst 2011 zuletzt bedient werden sollten. Zugleich sprühte das Leben und die Vergnügung trotz der Inflation zu Beginn von Weimar – Geldbörsen wuchsen auf Einkaufstaschengröße, während Einkaufstaschen die Größe einer kleinen Geldbörse annahmen.

Das Leben und die Lust am Leben war nicht zu unterdrücken und brach sich trotzig im mitreißenden Rhythmen mit zum Teil abstrusen Liedtexten, seine Bahn und begeisterte. Lieder wie „Mein kleiner grüner Kaktus“, „Ich wollt‘ ich wär ein Huhn“ oder „Veronika, der Lenz ist da“ und andere Songs aus dieser Zeit wurden zu Gassenhauern. Diese dienten auch den IndustriearbeiterInnen zum Abschalten aus ihrem harten Arbeitstag – der Acht-Stunden Tag kam erst 1927.

Nach der „Belle Epoque“ – es geht um Freiheiten und pure Lebensfreude

Mademoisell Julie, Jutta Seifert

Mademoisell Julie, Jutta Seifert. Foto: Wüsthoff

Nachdem das Korsett der gesellschaftlichen Etiketten der „Belle Epoque“ im Chaos der Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs untergegangen war, erlebte das Leben in allen Facetten eine Explosion – vielleicht auch, weil man den Krieg, Britische Blockade, Hungersnöte, schließlich Revolution überlebt hatte. Gerade in Deutschland explodierte das Leben. Erstaunlich genug, trotz der galoppierenden Inflation zu Beginn der 20er Jahre.

Allen Widrigkeiten und Alltagssorgen zum Trotz zeigte sich besonders in Kunst der Lebenswille nach dem Krieg. Berlin wurde damals zum Epizentrum des Weltkultur. Der Deutsche Film stilprägend wie die Musik, auch wenn der Charleston – geboren in den Ghettos der Schwarzen – aus den Staaten über den Ozean schwappte. Man feierte rauschende und überbordende Parties, bei denen der Champagner nicht nur in Deutschland in Strömen floss. Doch unter dieser lebensfrohen und -bejahenden Oberfläche gärte die braune Brut in der Schlangengrube.

Die Zwanziger Jahre waren ein Tanz auf dem braunen Vulkan

Die Revue zeichnet geschichtlich treu den Zeitlauf der Weimarer Zeit nach. Die Freiheit beginnt mit dem Börsencrash von 1929, dem falsch als „Schwarz Freitag“ benannten – es geschah an einem Donnerstag. Die Truppe verliert zuerst den Zugang zu seinem Geld und sie müssen sich neben ihrer Musik mit anderen Dingen über Wasser halten.

Wunderhorn und Mademoiselle Julie.Über eine Parallele zur Finanzkrise 2007/08 sollte man sich nicht wundern. Damals ging die Welt in den Abgrund, 2008 blickte sie nur hinein. Und wie damals kamen „diese braunen Plebejer“ auf – wie Zeitzeugin Dorothea zu Esterhazy sie nannte. Leider trugen zu viele BürgerInnen damals nur den Namen der Firma Republik, nicht aber den Geist.

Die Revue endet lapidar mit der Entlassung der KünstlerInnen und deren Einreihen in das Heer der Arbeitslosen. Eine Folge der Anziehung der US-Kredite an Deutschland, die das Reparations- und Schuldenkarussell nach Versailles in Gang hielt, und in den USA kumulierte und zur Implosion der Börsenblase führte.

In Deutschland gewannen die Nazis schließlich die Macht und drehten die Entwicklung zur Freiheit in den Zwang des Volksgenossenschaft-Staat zurück.

Weitere Information:

  • Wicherhaus, Stollenstraße, Dortmund
  • Premiere: 18 Uhr
  • Eintritt: VVK 15,- Euro, AK 17,- Euro
  • Weitere Vorstellung für 2019 geplant

Das Wunderhorn Quartet

  • Katharina Betten – Sopran-Saxofon
  • Lena Schäfer – Alt-Saxofon
  • Olivia Alam – Tenor-Saxofon
  • Viktor Wagner – Bariton-Saxofon
  • Kontakt: www.wunderhorn-quartett.de
  • Jutta Seifert – Schauspielerin, Dramaturgin (Website)
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