„Niemals, niemals wieder“: Gedenkveranstaltung für die 500.000 im Dritten Reich ermordeten Sinti und Roma

Das große Wandbild von Anna Hauke wurde aufgrund des starken Regens nicht rechtzeitig fertig. Fotos: Klaus Hartmann

Von Sonja Neuenfeldt

„Zum ehrenden Gedenken an die Ermordeten und den Lebenden zur Mahnung, stets rechtzeitig der Unmenschlichket entgegenzutreten.“ Das steht als Widmung auf dem Gedenkstein für die über 150 Sinti und Roma, die am 9. März 1943 vom Dortmunder Ostbahnhof in das Konzentrationslager Ausschwitz-Birkenau deportiert wurden. In der Nacht vom 2. August auf den 3. August 1944, das heißt vor 77 Jahren, wurden die letzten 4.300 noch im Lager lebenden Sinti und Roma mit Hunden und Flammenwerfern in die Gaskammern getrieben. Niemand überlebte die Nacht. Zum Europäischen Holocaust-Gedenktag für die rund 500.000 Opfer des Völkermords an der Volksgruppe der Sinti und Roma fand in Dortmund eine Gedenkveranstaltung statt. Als Veranstalter eingeladen hatte das „Bündnis Dortmund gegen Rechts“.

Europäischer Holocaust-Gedenktag für ermordete Sinti und Roma erinnert an die Opfer

Kranzniederlegung: (v.l.): Roman Franz, Christiane Gruyters, Hannah Rosenbaum, Hassan Adzaj , Norbert Schilff.

Der Dortmunder Gedenkstein an der Weißenburger Straße / Ecke Gronaustraße wurde am 7. Dezember 1998 eingeweiht. Roman Franz, Vorsitzender des NRW-Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma, beginnt seine Grußworte zur Gedenkveranstaltung mit einem Bild aus seiner Erinnerung an diesen Tag: „Es war kalt und es lag sogar etwas Schnee…“.

 

Mit ernsten und leisen Worten schildert er die grauenvollen Verbrechen der Nationalsozialisten an den Sinti und Roma unter Einbeziehung seiner ganz persönlichen Betroffenheit. 36 Personen seiner eigenen Familie wurden ermordet. Dabei wendet sich Roman Franz gegen Gleichgültigkeit und Vergessen: „Ich bin Sinto – man nennt uns Zigeuner“ und „wenn man sich outet, hat man schwere Nachteile“, so Franz. „Wir haben Angst und wissen nicht, wohin man flüchten sollte angesichts des wieder aufflackernden Rechtsextremismus. Doch Deutschland ist für uns auch Heimat.“

Die Herkunftsländer der Volksgruppen Sinti und Roma sind heute immer noch nicht sicher. Dennoch werden Länder wie Rumänien einfach als sichere Herkunftsländer eingestuft. Bei den Angaben zu Abschiebequoten sieht es je nach Quelle der Zahlen manchmal gefährlich danach aus, als wolle man sich wie bei anderen ethnischen Flüchtlingsgruppen damit brüsten, die „Solidargemeinschaft“ von einer „Belastung“ befreit zu haben.

Roman Franz ist Vorsitzender des NRW-Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma.

Die Flüchtlinge aus solchen Ländern würden häufig in eine Schublade aus Vorurteilen gesteckt. Aber man dürfe dabei nicht vergessen, dass z.B. auch kulturell und künstlerisch angesehene, berühmte Personen wie Pablo Picasso oder Charlie Chaplin zu dieser Volksgruppe gehörten.

„Demokratie wird nicht geschenkt – Demokratie muss erarbeitet werden“, so Roman Franz. Trotz einer erfreulichen Anzahl an Teilnehmer*innen an der Veranstaltung gab es für Anwesende einen faden Beigeschmack.

Aus vorbeifahrenden Autos gab es vereinzelt Rufe und Hupen, die wohl nicht als freundlicher Gruß für die Gedenkveranstaltung gemeint waren. Die in der Nähe bereit stehenden Polizeiwagen gaben einen sicheren Rahmen und der Veranstaltung positives Gewicht, aber ihre Präsenz kann man auch als bittere Bestätigung für den Redebeitrag von Roman Franz sehen.

Bürgermeister Norbert Schilff – Gegen Gleichgültigkeit und das Vergessen, damit es niemals wieder so kommt

Der 1. Bürgermeister der Stadt Dortmund, Norbert Schilff (SPD), war auch Schirmherr der Veranstaltung.

Zuvor hatte der Bürgermeister und Schirmherr der Aktion, Norbert Schilff, die Gedenkstunde mit einer  Kranzniederlegung und Schweigeminute für die ermordeten Sinti und Roma am Gedenkstein eingeleitet. Doch die Diskriminierung der Volksgruppe endete nicht 1945: Auch nach dem Krieg ging die Diskriminierung und der Kampf dagegen auch in der neu gegründeten Bundesrepublik weiter.

Erst allmählich Ende der 60er-Jahre setzte eine Wandlung des geschichtlichen Bewusstseins und der Wahrnehmung ein. Erst spät in den 70ern Anerkennung der faschistischen Verbrechen an den Sinti und Roma. „Dieser Gedenkstein ist ein Stein gegen das Vergessen, für Demokratie und Toleranz“, so Bürgermeister Schilff. Dann erfolgte eine Kranzniederlegung am Gedenkstein und eine Schweigeminute. Einfühlsam und mahnend folgten im Anschluss die Grußworte der Bezirksbürgermeisterinnen Hannah Rosenbaum (Innenstadt-Nord) und Christiane Gruyters (Innenstadt-Ost). „Antiziganismus, Hass und Vorurteile breiten sich wieder aus“ … aber: „Durch Erinnern können wir es wahr werden lassen – niemals, niemals wieder….“

Darauf folgten Dankes-Worte von Hassan Adzaj, Vorstand von Romano Than e.V. „Danke, dass ihr heute unser Leid mittragt und mitfühlt“. Er kündigt die Grußworte der beiden Bezirksbürgermeisterinnen, Hannah Rosenbaum, Bezirks-Bürgermeisterin Innenstadt-Nord, und Christiane Gruyters, Bezirks-Bürgermeisterin Innenstadt-Ost, an. Im Anschluss folgte ein sehr bewegender Vortrag von Schauspielerin Tirzah Haase, nämlich eine Rezitation eines Berichts einer Augenzeugin vom 2. August 1944.

Giftige Pflanze nicht wieder wuchern lassen – Wiederaufkeimen des rechten Gedankenguts ist nichts Unerklärliches

Gedenkveranstaltun zum Europäischen Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma.

Nach Ansicht der Mitglieder des „Bündnisses „Dortmund gegen Rechts“ ist das Wiederaufkeimen des Faschismus nicht unerklärlich. Dieser giftigen, Unglück bringenden Pflanze wurden nach dem Kriegsende die Wurzeln nicht gekappt. Alte Faschisten seien größtenteils straflos geblieben. Sie hätten einfach neue Plätze in der Gesellschaft, Politik und Wirtschaftslandschaft der jungen Bundesrepublik eingenommen.

Auch in Dortmund pflanzte sich die verbrecherische Ideologie über die nächsten Generationen fort. Doch hier gab es ein Gegengewicht. Eine selbstbewusste Arbeiterschaft, die den Widerstand gegen den Hitlerfaschismus nie aufgab und die erstarkende braune Gefahr im Auge behielt. Doch das Treiben der Nazis hörte nie ganz auf. Zunächst ganz still und heimlich leisteten die sogenannten Neonazis ihre Art von Kriegsaufarbeitung und warteten auf ihre Chance, sich wieder in den Köpfen, in der Gesellschaft und in der Politik mit ihrem rechten Gedankengut festzusetzen.

Musikalisch umrahmt wurde die würdige Gedenkveranstaltung vom Trio Varna (Elektroklavier, Geige und Gitarre). Neben den typischen wehmütigen Stücken brachte das Ensemble auch sehr bekannte Titel wie die Melodie „Havah Nagilah“  („Lasst uns glücklich sein“) , ein bekanntes hebräisches Volkslied, „My way“  und die bekannte „Mackie Messer“-Melodie aus Brechts Dreigroschenoper – teils instrumental, teils mit Gesang des Gitarristen.

Höhepunkt der Veranstaltung sollte die Einweihung eines Wandbildes der Malerin und Sprayerin Anna Hauke sein. Dieses Wandbild sollte die Botschaft des Denkmals unterstreichen und weithin sichtbar machen. Bis kurz vor Beginn der Gedenkfeier sei auch von der Künstlerin an dem Wandbild gearbeitet worden, was allein schon aufgrund seiner Abmessungen sehr zeitaufwändig war. Witterungsbedingt wurde das Bild leider nicht bis zum Beginn der Gedenkfeier fertig. Es regnete immer wieder zu stark.

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Kommentare

  1. Sonntagsführungen rund um die Steinwache (PM)

    Sonntagsführungen rund um die Steinwache

    Sonntags bietet die Gedenkstätte Steinwache um 14.30 Uhr zwei Führungen sowohl durch ihre Dauerausstellung als auch eine Stadtführung zum Thema „Dortmund und der Holocaust“. Beide Führungen starten am Eingangstor bzw. auf dem Hof der Steinwache.

    Bei einem etwa 90-minütigen Spaziergang werden Orte in der City aufgesucht, die einen Bezug zur antisemitischen Verfolgung in den 1930er-Jahren sowie zum Holocaust haben. Dabei wird deutlich, dass dieser „vor unserer Haustür“ begann. Zahlreiche jüdische Dortmunder*innen fielen ihr zum Opfer – und viele Bürger*innen unserer Stadt wirkten an der Verfolgung mit. Wer waren diese Menschen? Welche Spuren gibt es heute noch? Welche Orte waren von Bedeutung? Diesen und anderen Fragen gehen die Teilnehmenden gemeinsam nach.

    Der Rundgang durch die Steinwache startet mit einer Einführung in die Geschichte der Steinwache und in die Dauerausstellung. Zwischen 1928 und 1958 war sie ein Polizeigefängnis und wichtigster Ort nationalsozialistischer Verfolgung. Heute befindet sich im Gebäude Steinstraße 50 die Mahn- und Gedenkstätte. Das Haus, seine Geschichte und die Dauerausstellung „Widerstand und Verfolgung in Dortmund 1933-1945“ sind Thema der Einführung. Am Ende besteht Gelegenheit, die Ausstellung selbstständig zu besuchen.

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