Knastkulturwochen in der Justizvollzugsanstalt in Dortmund

Malerei und Fotografie-Projekte machen Hoffnung

Ein Fotoprojekt der JVA Dortmund widmete sich dem Alltag hinter Gittern aus Sicht der Inhaftierten. Das Ergebnis dokumentieren ein Bildband und ein Kalender, die auf der Website knastladen.de erhältlich sind. JVA Dortmund

„Kultur gehört zum Leben doch dazu, es macht uns Menschen aus“ – Künstlerin Anna-Laura Wien ist mit Herzblut bei der Sache. Es ist ihr erstes Projekt in einer Justizvollzugsanstalt, aber Knast und Kultur, das ist für sie kein Widerspruch. Anlässlich der NRW-weiten „Knastkulturwoche” arbeitete sie seit Juni mit Inhaftierten der Justizvollzugsanstalt (JVA) Dortmund.

Die eigene Perspektive zum Ausdruck bringen

Aus dem Fotoprojekt mit den Inhaftieren der Dortmunder JVA entstand der Kalender 2023. Er kostet 10 Euro und kann über die JVA bezogen werden. JVA Dortmund

Während in anderen Justizvollzugsanstalten Musiker:innen oder auch Literaten mit ihrem Programm zu Gast waren, wurden die Inhaftierten der JVA Dortmund selbst aktiv. Zum Beispiel in einem Fotoworkshop. Ausgerüstet mit professionellen Kameras wollten sie ihre Perspektive des Knastalltags zum Ausdruck bringen.

„Wir haben häufig Anfragen von Fotografen, die dokumentieren wollen, wie es hier drinnen aussieht”, erklärt JVA-Leiter Ralf Bothe, „aber die Innenperspektive ist doch viel spannender.” Welche Dinge haben für die Inhaftierten Bedeutung, welche Blickwinkel, welche Details sind ihnen wichtig?

Entstanden sind eine Vielzahl von Schwarz-Weiß Fotos, die den Alltag hinter Gittern zeigen: leere Flure, aber auch kleine Details in den Zellen, das Miteinander. Fotos, die einen Einblick in eine fremde Welt bieten. Zwölf großformatige Bilder wurden für einen Kalender ausgewählt, der Bildband „Mauerrisse” umfasst das vollständige Projekt und kann für 20 Euro über die JVA erworben werden.

Großes Interesse: Malerei, die Hoffnung geben soll

Eine von 12 Arbeiten aus dem Malerei-Projekt „Hoffnung” der JVA Dortmund. Manchmal sind in der JVA bis zu 50 Nationen versammelt. Daniela Berglehn | Nordstadtblogger

Der Wunsch sich auszudrücken und selber etwas zu gestalten ist bei den Inhaftierten groß. Auch für das Malerei-Projekt gab es über 50 Bewerbungen, doch nur zwölf Menschen konnten mitmachen. Sie lernten durch Künstlerin Anna-Lena Wien sich mit Farbe und Formen auszudrücken. Das Leitthema: Hoffnung.

Da die größtenteils jungen Männer in der Dortmunder JVA aus über 40 Nationen kommen, war auch das Malprojekt interkulturell. „Hoffnung gibt es in allen Sprachen”, weiß Seelsorgerin Barbara Pense und auch das wurde im Bild umgesetzt. Sie möchte durch die kunsttherapeutischen Angebote dazu beizutragen, dass die Inhaftierten neue Ressourcen erkennen.

„Anfangs gab es schon eine gewisse Anspannung”, berichtet Wien, doch nach und nach begannen die Teilnehmer sich zu öffnen, abzuschalten und ein wenig Zufriedenheit im Hier und Jetzt des Malprozesses zu finden.

Kraftvolle Bilder aus anderen Welten entstehen

Poppig: Vanilla Sky – eine Arbeit aus dem Kunstprojekt der JVA Dortmund Daniela Berglehn | Nordstadtblogger

Auch A. hat im Malprojekt mitgemacht. Bis Mitte 2023 ist er noch in Haft – aber sein Bild „Vanilla Sky” ist kraftvoll und bunt geworden.

Er hat seine Inspirationen aus dem Internet, durch Instagram und Rap. Und klar, der Titel des Bildes geht zurück auf den Film mit Tom Cruise. Seine Figur wirkt entschlossen. Es sei wichtig eine Leidenschaft für etwas zu entwickeln, sagt er. Doch er selbst sei noch auf der Suche.

Sein Bild, frisch gedruckt in dem kleinen Postkartenbuch der JVA, gefällt ihm aber schon mal gut. Vielleicht mögen es auch andere und werden das Büchlein kaufen? Das Original kann er jedenfalls behalten. Wer weiß, wo es später einmal einen Platz finden wird.

(K)eine ganz normale Vernissage im „Lübecker Hof“

Vernissage zur Knastkultur-Woche in der Kirche der JVA Dortmund JVA Dortmund

Während der „Knastkulturwoche” finden alle Projekte ihren Abschluss. In der Kirche der JVA stehen die Originale des Malerei-Projekts aufgereiht an der Wand, die Kalender und Fotobücher liegen aus. Die Vernissage ist teilweise öffentlich.

Die Besucher:innen haben bunte Fußspuren auf den Boden geklebt, die den Weg durch die JVA markieren und sich symbolisch mit den Spuren der Inhaftierten verbinden. Auch das Teil einer künstlerischen Aktion.

Werke aus dem Kunstprojekt der JVA Dortmund. JVA Dortmund

Es gibt Reden, Musik, Kuchen und Brötchen. JVA-Leiter Ralf Bothe betont die Bedeutung der Kulturaktivitäten „als Instrument der Resozialisierung” – bedeutsam aber ist vor allem die damit verbundene Wertschätzung.

Heute waren Angehörige zugelassen, Freizeitkleidung erlaubt, es gab Gespräche, am Ende Applaus und eine Blume für jeden. Ein schöner Nachmittag und ein absoluter Ausnahmetag. Zum Finale singt Musiker Marc Ossau „Perfect Day” von Lou Reed. Dann geht es für die einen nach Hause, für die anderen zurück in die Zelle. Die Bilder und Erinnerungen bleiben.

Weitere Informationen
Die Fotobücher und der Kalender „Mauerrisse”, das Postkartenbuch „Hoffnung” sowie auch weihnachtliche Holzarbeiten können über das Internet bestellt werden. knastladen.de

  • Fotobuch: 20 Euro
  • Kalender: 10 Euro
  • Postkartenbuch Hoffnung: 3 Euro
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Reaktionen

  1. Ein paar Tage früher aus dem Knast (PM JVA Dortmund)

    Schöne Bescherung für (nur) sieben Gefangene der JVA Dortmund: sie dür- fen sich über ein Weihnachtsfest in Freiheit freuen.

    Egal, ob man es Weihnachtsamnestie, Gnadenerlass oder einfach nur vorzeitige Haftentlassung nennt: sieben Gefangene der JVA Dortmund werden in diesem Jahr die anstehenden Feiertage mit der Familie oder Freunden verbringen dürfen, obwohl ihr ursprüngliches Haftende eigentlich erst später käme. Grund dafür ist eine landesweit geltende Regelung, von der Gefangene dann profitieren können, wenn das Ende ihrer Haft zwischen November und Januar fällt.

    Wie viele Gefangene betrifft die Regelung?

    Die Zahl der vorzeitig entlassenen Gefangenen ist 2022 niedriger als in den Jahren vor der Corona-Pandemie. Die Pandemie hat dazu geführt, dass sich insgesamt weniger Gefangene in Haft befinden, was wiederum in der Konse- quenz heißt, dass auch weniger Gefangene in den Genuss der Amnestie kommen.

    Wird das besonders geprüft? Gilt das für alle Gefangenen?

    Der Weg, über die Weihnachtsamnestie früher in die Freiheit zu gelangen, ist ein langer und er ist geprägt von diversen Prüfungen: nicht in den Genuss einer vorzeitigen Entlassung kommen nämlich Strafgefangene, die eine lange Freiheitsstrafe verbüßen und die etwa wegen Sexualstraftaten einsitzen. Auch Gefangene, die sich im Strafvollzug nicht gut benommen haben oder die über keine Wohnung außerhalb der Anstalt verfügen, haben Pech: auch für sie ist die Weihnachtsamnestie ausgeschlossen.

    Warum gibt es solche Gnadenregelungen für Straftäter überhaupt?

    Hintergrund dafür ist im Wesentlichen die Hoffnung, dass die vorzeitige Ent- lassung gut für eine gelungene Wiedereingliederung in die Gesellschaft ist. Abgesehen davon, dass die Weihnachtsbegnadigung dringend erforderliche Behördengänge vor Weihnachten möglich macht, besteht die Chance, mit der Familie den neuen Lebensabschnitt, hoffentlich ohne Straftaten, zu beginnen.

    Wissenswertes

    Die Justizvollzugsanstalt Dortmund ist eine Haftanstalt, die für die Vollstreckung von Strafhaft und Untersuchungshaft zuständig ist. Die im Jahr 1902 in Betrieb genommene Anstalt beherbergt in normalen Zeiten rund 400 männliche Gefangene, pandemiebedingt sind zurzeit allerdings nur ca. 350 Inhaftierte in der Anstalt untergebracht.

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