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Hinter den Kulissen der Telefonseelsorge Dortmund: 70 Ehrenamtliche sind rund um die Uhr im Einsatz

Christiane ist vier bis fünfmal im Monat für die Telefonseelsorge Dortmund im Einsatz. (Szene nachgestellt) Neben der Suizidprävention sind Partnerschaftsprobleme, Einsamkeit und Gesundheit häufige Themen. Fotos: Anna Lena Samborski

Von Anna Lena Samborski

Seit mehr als 50 Jahren ist die deutsche Telefonseelsorge an 105 Standorten im Einsatz – und ist eine anonyme 24/7-Anlaufstelle für Menschen in Krisensituationen. Getragen wird die Institution von der evangelischen und katholischen Kirche. Der Großteil der Arbeit am Telefon wird jedoch von Ehrenamtlichen geleistet. Zu diesen gehören auch Christiane* und Kay* von der Telefonseelsorge Dortmund: In einem Gespräch gaben sie Nordstadtblogger persönliche Einblicke in ihre langjährigen Erfahrungen im Ehrenamt.

70 bis 90 Ehrenamtliche sind 24/7 für Menschen in Krisensituationen erreichbar

1953 bot ein Londoner Pfarrer telefonische Seelsorgegespräche zur Suizidprävention an: Die Geburtsstunde der Telefonseelsorge. Auch in Deutschland setzte sich das Konzept – getragen von der evangelischen und katholischen Kirche – schnell durch. Dabei ist die Telefonseelsorge ideologisch, konfessionell und politisch wertneutral.

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Durch die Mitarbeit von einer Vielzahl Ehrenamtlicher in ganz Deutschland wird bis heute eine 24/7-Erreichbarkeit für Menschen in Not sichergestellt. Die Seelsorge-Nummer ist deutschlandweit einheitlich. Die Anrufe werden allerdings regional der jeweiligen Einsatzzentrale zugestellt. Eine davon ist seit 1963 in Dortmund ansässig.

Hier sind 70 bis 90 Ehrenamtliche rund um die Uhr in mehreren Schichten im Einsatz – Drei Hauptamtliche sind in der Leitung tätig. Der Fokus der Arbeit liegt nicht mehr alleine auf der Suizidprävention: Anrufen können alle Menschen – auch anonym – die sich in einer akuten Lebenskrise befinden und einfach „jemanden zum Reden brauchen“. Denn „Reden hilf“ und „aus Worten können Wege werden“, wissen auch Christiane und Kay.

Ehrenamt mit Entfaltungsmöglichkeiten und Weiterbildungsangeboten

Außerdem sind mittlerweile auch Beratungen per Chat und E-mail möglich. Christiane und Kay sind aber ausschließlich am Telefon im Einsatz. Der Pool aus Ehrenamtlichen bei der Telefonseelsorge Dortmund ist bunt gemischt. Das sei auch gut so, findet der stellvertretende hauptamtliche Leiter Michael Hillenkamp: „Das entspricht nämlich auch der Vielfalt unter unseren Anrufern“.

Christiane begann 2009 die Ausbildung und ist seit 2011 im Einsatz. Auch im Ruhestand wollte sie ihre Erfahrungen als Beratungslehrerin weiter sinnvoll einsetzen. „Ich möchte hier auch noch bleiben“, resümiert sie ihre zehn Jahre bei der Telefonseelsorge Dortmund.

Auch Kay war auf der Suche nach einem vielfältigen Ehrenamt „mit Entfaltungsmöglichkeiten und Weiterbildungsangeboten“. 2013 hat er seine Bewerbung geschickt und ist seit 2015 aktiv am Telefon dabei.

„Qualität der Ausbildung“ hat Christiane vom Ehrenamt überzeugt

Kai ist seit 2015 am Telefon dabei. Ihm sind bei seinem Ehrenamt Abwechslung und Weiterentwicklungsmöglichkeiten wichtig. (Szene nachgestellt)

Überzeugt hat beide auch „die Qualität der Ausbildung“: Die Freiwilligen werden vor dem Einsatz ein Jahr – drei Stunden pro Woche – intensiv geschult. „Die Ausbildung basiert auf Selbstreflexion. Außerdem lernt man etwas über Gesprächsführung, Persönlichkeitsstrukturen und Krankheitsbilder“, erklärt Christiane. Sie schätzt an ihrem Ehrenamt, dass es eine „ganz abgesicherte Tätigkeit ist“.

Auch während des Einsatzes werden die Ehrenamtlichen intensiv betreut. Alle drei Wochen findet eine Supervision unter professioneller Leitung in Kleingruppen statt. Dies ist für Kay wichtig: „Hier lernt man sich richtig kennen und kann sich austauschen“. Denn im Einsatz begegnet er den anderen ehrenamtlichen MitstreiterInnen nur selten – eine Schicht ist nämlich in der Regel nur einzeln besetzt.

Die Telefonseelsorge Dortmund erwartet, dass sich die Freiwilligen nach der intensiven Ausbildung für zwei Jahre festlegen. Außerdem „erwarten wir eine Grundzahl an übernommenen Schichten pro Monat, denn wir ziehen ja alle an einem Strang“, so Hillenkamp. So werden im Durchschnitt vier bis fünf Schichten à 3,5 Stunden monatlich übernommen – plus vier Nachtschichten pro Jahr.

„Hilfe zur Selbsthilfe“ für AnruferInnen mit ganz verschiedenen Anliegen

Mit zwei weiteren Hauptamtlichen koordiniert der stellvertretende Leiter Michael Hillenkamp die Arbeit der Telefonseelsorge Dortmund.

AnruferInnen aller Altersstufen und mit unterschiedlichen Anliegen wenden sich an die Telefonseelsorge. Hillenkamp dazu: „Sie wissen überhaupt nicht was kommt, das kann auch anstrengend sein.“ Häufige Themen seien allerdings Partnerschaftsprobleme, Einsamkeit und Gesundheit, erklärt Christiane. Aber auch soziale Ungerechtigkeit und eine Überforderung mit der Bürokratie in diesem Zusammenhang brächten mehr und mehr AnruferInnen in eine Notlage.

Das telefonische Seelsorgegespräch ist dabei „eine Möglichkeit sich zu entlasten“, ergänzt Kay. Es ersetzt keine Therapie, es werden auch keine Diagnosen gestellt. Das sei aber auch nicht die Erwartung, viele haben einfach den „Wunsch mit jemanden, der nicht beteiligt ist, zu reden“, so Christiane. Durch das Gespräch würden sich „die Menschen angenommen fühlen. Ich gebe den Raum, höre zu und bin da“, gibt sie Ihre Herangehensweise wieder.

Dabei wollen die TelefonseelsorgerInnen nicht bevormunden – vielmehr soll „Hilfe zur Selbsthilfe“ geleistet werden. Christiane versucht so im Gespräch „Perspektiven zu erweitern und gemeinsam eine Lösung zu finden.“ Kay sieht es auch so: „Viele haben eigene [Lösungs-] Ideen in sich und kommen dann im Gespräch selbst darauf.“

Regelmäßige Supervisionen helfen bei dem Umgang mit schwierigen Situationen

Das ursprüngliche Thema Suizid steht also nicht oft im direkten Vordergrund. Bei akut lebensmüden Menschen spiegelt die Tätigkeit des Anrufens außerdem oft den Wunsch nach einer Lösung wider. „Es gibt einen Unterschied zwischen ‚nicht mehr leben wollen‘ und ‚so nicht mehr leben wollen‘“, ist Hillenkamp überzeugt. An dieser Stelle können viele AnruferInnen abgeholt werden und sich durch das Gespräch stabilisieren.

Für einige Ehrenamtliche ist es – gerade am Anfang – schwierig, nicht zu wissen wie es nach dem Anruf mit den GesprächspartnerInnen weitergeht. Kay hatte da keine großen Probleme: „Ich mache die Tür hier zu und lass es hier“. Für Christiane war es zu Beginn jedoch manchmal schwierig – vor allem, wenn sie das Gefühl hatte „in derselben Sackgasse wie der andere zurück zu bleiben.“

„Manchmal bleibt man in einem Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht zurück“, beschreibt sie ihre Erfahrungen. „Man kann nicht mehr nachhaken, nichts mehr richtig stellen“ – Dies ist besonders schwierig, wenn Anrufe in Konflikten enden. Der Umgang mit solchen Situationen „gehört aber zum Aufgabengebiet“ des Ehrenamtes. Die regelmäßigen Supervisionen seien dabei eine große Unterstützung. Mittlerweile hat sich Christiane daran gewöhnt – sie hat das „Nicht-wissen“ als Teil der Tätigkeit akzeptiert.

Belastbarkeit und Demut als Voraussetzung für den Einsatz

So sollten Ehrenamtliche für die Telefonseelsorge eine gewisse Belastbarkeit mitbringen, bestätigt Hillenkamp. Außerdem „sei eine Neugierde und Spaß an der Unterschiedlichkeit sowie eine Sympathie für verschiedene Lebenskonzepte“ von Vorteil.

Menschen, die sich schlecht abgrenzen können und sich „die Last der ganzen Welt auf ihre Schultern laden“, seien außerdem fehl am Platz – die Grundeinstellung sollte vielmehr lauten: „Ich kann die Anrufer nicht retten – ich kann niemanden retten. Ich kann nur mein Bestes tun, um ins Gespräch zu kommen.“

Auch Christiane hat eine gewisse Demut gelernt – ihr Fazit: „An dieser kleinen Stelle kann ich vielleicht Kleines bewirken.“ Für sie ist ihre Tätigkeit eine Balance zwischen „dem Schrecklichen, was mich überfordert – wie Kriege oder der Klimawandel – und dem Kleinem, was ich einbringen kann.“

Ihr Ehrenamt schütze sie so vielleicht auch „vor einem Allmachtsgefühl und Perfektionismus“. Das, was sie im Ehrenamt gibt, sei somit im Einklang mit dem, was sie bekomme – so Christianes Resümee.

InteressentInnen für ehrenamtliche Mitarbeit können sich an Telefonseelsorge Dortmund wenden

Das Interesse an einer ehrenamtlichen Mitarbeit bei der Telefonseelsorge ist seit den Achtzigern zurückgegangen. „Es gibt viel Konkurrenz zu anderen ehrenamtlichen Tätigkeiten“, vermutet Christiane.

Eine weitere Erklärung für Hillenkamp; „Die Menschen haben mehr Stress und weniger Zeit.“ Die Welt ist schließlich schnelllebiger geworden, ein Ehrenamt mit dieser relativ hohen Verbindlichkeit sei vielleicht heutzutage weniger ansprechend.

So sind InteressentInnen, die ein strukturiertes und vielfältiges Ehrenamt mit viel Entfaltungspotential und Fortbildungsangeboten anstreben immer gerne gesehen. Interessierte können sich direkt an die Telefonseelsorge Dortmund für mehr Informationen wenden.

*Zum Schutz der ehrenamtlichen MitarbeiterInnen und der AnruferInnen werden die Identitäten der TelefonseelsorgerInnen in der Regel nicht öffentlich bekannt gegeben. So sind Christiane und Kay nur mit Vornamen genannt und auf den Fotos nur von hinten abgebildet.

Weitere Informationen:

Bundesweite Seelsorge-Telefonnummer:

  • 0800-1110111 oder 0800-1110222 0der 0800-116123 (365 Tage im Jahr, 24 Stunden täglich)

Bundesweite Homepage der Telefonnummer einschließlich Chat- und Mail -Beratung:

Homepage der Telefonseelsorge Dortmund:

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