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#GemeinsameSache für die Altenpflege: ver.di fordert, aus der Krise zu lernen und Notstand zu beenden

Bundesweit machten Pfleger*innen in dieser Woche auf die Probleme der Branche aufmerksam. Im Schulterschluss mit ver.di fordern sie flächendeckende Tarifbindung und eine solidarische Pflegegarantie. Fotos: ver.di

Das Problem wurde lange Zeit unter den Tisch gekehrt – doch die Coronakrise zwingt die Gesellschaft geradezu dazu, sich mit Arbeitsbedingungen und Entgelten in den Pflegeberufen zu beschäftigen. Daher rief die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di in dieser Woche bundesweit zu Protestaktionen auf. Auch in Dortmund beteiligten sich Beschäftigte und machten vor den Pflegeeinrichtungen auf ihre Situation aufmerksam.

Forderung nach flächendeckender Tarifbindung

Die Altenpflege braucht bessere Arbeitsbedingungen, gute Bezahlung und eine solidarische Finanzierung. Für diese Forderungen protestieren bundesweit Beschäftigte vor Pflegeinrichtungen. „Durch die Corona-Pandemie wurde allen noch einmal klar, wie wichtig eine gute Versorgung pflegebedürftiger Menschen ist“, sagte Sylvia Bühler, im ver.di-Bundesvorstand zuständig für das Gesundheits- und Sozialwesen. „Jetzt gilt es, aus der Krise zu lernen und den Notstand zu beenden.“ ___STEADY_PAYWALL___

ver.di fordert im Schulterschluss mit den Beschäftigten unter anderem flächendeckende Tarifbindung. Insbesondere kommerzielle Pflegeanbieter würden dies verhindern, wodurch große Teile der Belegschaften nicht durch Tarifverträge geschützt zu wesentlich geringerer Bezahlung arbeiten würden. Es komme häufig vor, dass examinierte Altenpfleger*innen in Vollzeitkaum mehr als 2.000 Euro brutto im Monat verdienen würden. In Teilzeit bliebe oft nicht mehr als ein Taschengeld.

ver.di sei aktuell im Gespräch mit dem Arbeitgeberverband BVAP, um einen Tarifvertrag auszuhandeln, der sich über die gesamte Altenpflege erstrecken soll. Bereits existierende Tarifverträge sollen daneben weiterhin Bestand haben. 

Beschäftigte beendeten den Satz: „Ich verdiene mehr, weil…“

Die Zeichnung veranschaulicht auf einen Blick, was die zukünftigen AltenpflegerInnen beschäftigt. Grafik: Julia Zejn

Die Zeichnung veranschaulicht auf einen Blick, was die zukünftigen AltenpflegerInnen beschäftigt. Grafik: Julia Zejn/Archivbild

Der Fachkräftemangel der Branche sei hausgemacht. Wenn Arbeitgeber und Politik für bessere Arbeitsbedingungen sorgen würden, würden sich wesentlich mehr Menschen für die wichtige Pflegearbeit interessieren und auch auf Dauer dabei bleiben. Neben der Forderung nach Tarifverträgen steht die Attraktivierung des Berufsbildes also im Vordergrund.

Hier stellt sich ver.di unter anderem vor, dass mehr Menschen ausgebildet werden müssen, wozu man die Ausbildungsvergütung anheben müsste und für qualifiziertes Ausbildungspersonal wie Praxisanleiter*innen zu sorgen sei. Weiterbildungen und Umschulungen sollten finanziell gefördert werden.

Um die Meinungen der Beschäftigten selbst einzufangen, gab ver.di den Protestierenden den Satz „Ich verdiene mehr, weil …“ vor, den diese individuell vervollständigen sollten. In Dortmund wurde er von Azubis unter anderem wie folgt komplettiert:

Ich verdiene mehr, weil …

  • …weil ich nach der Ausbildung eine Familie von meinem Gehalt ernähren will.
  • …bei der hohen Verantwortung Menschen gegenüber dies angemessen bezahlt werden muss. 

Beschäftigte in den Pflegeeinrichtungen beendeten den Satzunter anderem so:

  • …weil ein gutes Gehalt auch mehr Kolleg*innen an meine Seite bringen würde. Und das bringt Entlastung für alle.
  • …nicht an Weihnachten, Ostern oder Wochenenden bei seiner Familie sein zu können, richtig gut honoriert werden muss!
  • …wenn Pflegekräfte schon für „Zwei“ schuften, dies auch das doppelte Gehalt nach sich ziehen soll!
  • …Pflegekräfte das ganze Elend unserer Gesundheitspolitik ausbaden müssen.
  • …wir in der Altenpflege immer selbstverantwortlich denken und handeln müssen. 

Pflegebedürftigkeit ist heute ein reales Armutsrisiko 

Auch die Bewohner*innen der Einrichtungen konnten sich äußern. Sie merkten an, dass die Pflegekräfte schon immer, auch vor Corona einen tollen Job gemacht hätten. Außerdem würden sie sich mehr Personal wünschen, damit man nicht immer warten müsse, bis jemand Zeit habe. 

Auch ver.di und die Beschäftigten fordern allgemein mehr Personal. Es sei nicht tragbar, dass man nachts allein für Dutzende Bewohner*innen zuständig sei. Bei all diesen Forderungen betonen die Beschäftigen und die Gewerkschaft, dass Verbesserungen nicht zu Lasten der bedürftigen Menschen und ihrer Angehörigen gehen dürften. 

Denn die gesetzlichen Versicherungsleistungen würden die Kosten der Pflegedienstleistungen weder im ambulanten noch im stationären Bereich abdecken. Derzeit würde ein Pflegeheimplatz durchschnittlich 1940 Euro monatlich. Davon seien 731 Euro Pflegekosten, für die die Pflegeversicherung nicht aufkomme, doch viele Menschen könnten sich diese Kosten nicht leisten, wodurch mehr als 30 Prozent der stationär gepflegten Menschen Sozialhilfe in Anspruch nehmen müssten.

ver.di fordert diesbezüglich einen Systemwechsel und macht sich für eine solidarische Pflegegarantie stark, bei der alle Bürger*innen gemäß ihres Einkommens Beiträge abführen. Während dies seine Zeit brauchen werde, sollte man kurzfristig zunächst die einrichtungseinheitlichen Eigenanteile für pflegebedürftige Menschen in stationären Pflegeeinrichtungen begrenzen. Alle Forderungen der Gewerkschaft sind im Flyer im Anhang des Artikels nochmal kompakt und übersichtlich zusammengefasst.

 

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