Nordstadtblogger

„Gays Oriental“ in Dortmund – eine offene Integration in die neue Heimat und Gesellschaft Deutschlands

Gruppentreffen bei und mit „Gays Oriental“ in der Nordstadt. Foto: Burcu Esin

Von Gerd Wüsthoff

Gründe, eine Flucht in die Bundesrepublik Deutschland auf sich zu nehmen, gibt es viele: Krieg, Terror, Ausgrenzung und Diskriminierung. Besonders prekär ist die Situation in den Heimatländern von geflüchteten Schwulen, Lesben und Transgender. Zumeist sind es Staaten, in denen die Homophobie systematisch und staatlich organisiert ist. Diese Staaten berufen sich zumeist auf „religiöse Gründe“ und missachten dabei die menschliche Freiheit nach sexueller Selbstbestimmung. Für diese Geflüchteten, in ihrer Heimat eine Minderheit in der Minderheit der Vielvölkerstaaten, schafft „Gays Oriental“ (Schwule aus dem Orient) einen Freiraum, welcher den Betroffenen Sicherheit vermittelt, um in ihrer neuen Heimat anzukommen und erlebte Traumata zu verarbeiten.

„Gays Oriental“ – Anlauf- und Beratungsstelle für homosexuelle NeubürgerInnen

„Gays Oriental“ ist eine Anlauf- und Beratungsstelle für homosexuelle und transgender NeubürgerInnen aus dem Nahen und Mittleren Osten, die vor Krieg, dem selbsternannten „Islamischen Staat“ (IS), staatlichen Repressalien und institutioneller Diskriminierung wegen ihrer sexueller Orientierung geflohen sind. „Gays Oriental“ wird für diese Aufgaben durch das Land Nordrhein Westfalen gefördert.

Vielfach werden sie durch viele islamisch-fundamentalistische aber auch einige afrikanische und karibische Staaten, besonders jene aus dem ehemaligen Britischen Kolonial-Imperium, und ihre Institutionen verfolgt. Diese ursprünglichen Heimatländer sind: Syrien, Irak, Iran, Libyen, Afghanistan, Tadschikistan, Türkei, Ghana, Nigeria, Angola, Jamaika und Bahamas, um nur einige zu nennen.

„Gays Oriental“ ist ein Arbeitskreis und Treffpunkt, der von „Train of Hope“ Dortmund, einem Migranten-Verein, gegründet wurde und nicht von einer LGBTQ-Organisation (Lesbian/Lesben, Gay/Schwul, Bisexual/Bi-Sexuell, Transgender/Transsexuell and Queer/Personen, die von der Norm abweichen). Damit ist die Ausrichtung von „Gays Oriental“ zugleich vorgegeben: offene Integration in die Gesellschaft, und nicht, wie bei vielen LGBTQ-Organisationen oft anzutreffen, sich nur unter „Gleichgesinnten“ zu bewegen.

Als Minderheit in der Minderheit in der alten Heimat angefeindet

Ümithan Yağmur ist Projektleiter bei „Gays Oriental“ in der Nordstadt. Foto: Gerd Wüsthoff

Die Situation der betroffenen Flüchtlinge ist zusätzlich durch ihre sexuellen Orientierung eine andere, und für die Betroffenen, erschwerte Situation. „Sie werden grundlos, nur weil sie homosexuell oder transgender sind, von Polizisten verbal attackiert, erpresst, misshandelt und zum Teil sogar vergewaltigt“, erklärt der Leiter der Gruppe „Gays Oriental“, Ümithan Yağmur, zugleich Projektmanager bei „Train of Hope“.

„Vielfach verlieren Schwule, Lesben und Transgender durch Outings, polizeiliche Repressalien und andere Indiskretionen sogar ihren Job, und damit ihre wirtschaftliche Lebensgrundlage“, erklärt John F., ehrenamtlicher Mitarbeiter und Koordinator bei „Gays Oriental“, und ehemaliger Flüchtling. In einigen Staaten, wie dem Iran, droht Gays und Lesben sogar die Todesstrafe – sie werden dabei noch vor der Hinrichtung zusätzlich öffentlich entwürdigt und gedemütigt. „Es genügt im Herrschaftsgebiet der ISIS schon nur der Verdacht, schwul, lesbisch oder transgender zu sein, um öffentlich enthauptet zu werden“, sagt John.

„Schwule, Lesben und Transgender sind in den heimatlichen Vielvölkerstaaten eine Minderheit in der Minderheit. Aus diesem Grund suchen sie eine neue sichere Heimat, schon vor der Fluchtwelle von 2015“, fährt Yağmur fort. So traumatisch und gefährlich eine Flucht auch sein mag für die betroffenen Menschen, sie nehmen das Wagnis für die erhoffte Sicherheit in Kauf. Für sie ist die Flucht mindestens so gefährlich wie für allein fliehende Frauen.

„Auch Schwule, Lesben und Transgender haben Überfälle, Repressalien und sogar Vergewaltigungen erdulden müssen“, sagt Yağmur. „Teilweise setzten sich diese Übergriffe in den Flüchtlingsheimen nach ihrer Flucht, durch andere Flüchtlinge, fort“, fährt Yağmur fort.

Flucht und Verlust der Heimat lösen Traumata aus – Hilfe ist wichtig

Jede Flucht, jeder Verlust einer Heimat, löst ein Trauma aus. „Gerade unter unseren Gruppenmitgliedern führen die Erfahrungen in der alten Heimat und Fluchterlebnisse zu einem grundlegenden Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen, wie zum Beispiel der Polizei“, erklärt John.

Diese Menschen finden bei „Gays Oriental“ einen Ort, an dem sie frei ihre Probleme, Befürchtungen und Ängste formulieren können. Zugleich bekommen sie Hilfestellung zur Lösung und Befreiung von ihren Sorgen. Die Betroffenen erfahren dort Akzeptanz, menschliche Wärme, Fürsorge und Heilung.

Gleichzeitig erleben sie grundlegende Sicherheit in der neuen Heimat und erfahren durch „Gays Oriental“, dass zum Beispiel ein Polizist hier nicht selbstherrlich gegen Gesetze verstoßen kann, sie sogar das Recht haben, sich dagegen zu verwahren – sie in einem lebendigen Rechtsstaat leben.

„Wir bringen die Geflüchteten durch Seminare und Diskussionsrunden zum Beispiel mit AktivistInnen, welche selber schwul oder lesbisch sind, aus den Reihen der Polizei zusammen“ sagt Yağmur. „Darüber hinaus veranstalten wir gemeinsame Bildungsreisen mit den Geflüchteten in den Bundestag, damit sie unsere freiheitliche Demokratie live erleben. Oder besuchen mit ihnen zusammen KZ-Gedenkstätten, damit sie erfahren, welcher geschichtliche Hintergrund die Bundesrepublik Deutschland geformt hat“, erläutert Yağmur die Integrationsarbeit von „Gays Oriental“.

Gesellschaftspolitische Integration der Schwulen, Lesben und Transgender

Die gesellschaftspolitische Integration der Schwulen, Lesben und Transgender geht mit diesem Ansatz – Diskussionsrunden mit LGBT-Polizisten und Imamen, besonders aber mit KZ-Gedenkstätten- und Parlaments-Besuchen weit über die allgemeine politische Bildung, zum Beispiel in den Schulen, hinaus.

So besuchte vor kurzen die Gruppe von „Gays Oriental“ neben der KZ-Gedenkstätte Buchenwald auch das Anne-Frank-Haus in Amsterdam.

„Für eine gelungene Integration braucht es weit mehr als Sprachkurse, sondern gelebtes Miteinander und Kennenlernen“, erklärt John.

Mehr Informationen:

  • Der Arbeitskreis „Gays Oriental“ bietet Empowerment (Stärkung von Selbstbewusstsein, Kompetenzen und Fertigkeiten), Gegenseitige Unterstützung, Politische Bildung, Gemeinsame Ausflüge und relaxen mit Gleichgesinnten.
  • Geflüchteten steht auch ein Beratungsraum zur Verfügung, falls sie Fragen haben oder individuelle Hilfe brauchen.
  • Kontakt: „Gays Oriental“, Münsterstrasse 54, 44145 Dortmund, Tel: 0231 / 97062647, e-Mail: John oder Ümithan – go@trainofhope-do.de
  • Treffen sind an jedem Sonntag von 18 bis 21 Uhr im „Haus der Vielfalt“, Beuthstraße 21, 44145 Dortmund, Haltestelle U43 oder U44, Ofenstraße oder Ottostraße
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