Nordstadtblogger

Europa – quo vadis? Erwartungen, Kritik, Ernüchterung – Debatte im DKH über den Ist-Zustand eines Problemfalls

Matthias Bongard im Gespräch mit Achmet Toprak, Petra Kammerevert, Markus Thürmann und Markus Walz.

Von Claus Stille

Die Anfänge der heutigen Europäischen Union (EU) gehen auf die 1950er-Jahre zurück. Damals hatten zunächst sechs Staaten die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) gegründet. Und heute, im sog. vereinten Europa? Gibt es eine Art europäischer Identität? Wenn ja: kommt die auch im Ruhrgebiet an? Und was bedeutet eigentlich „Kulturerbe“ in diesem Zusammenhang? Darüber und über mehr wurde am Donnerstag, 1. März, im Dietrich-Keuning-Haus (DKH) angeregt diskutiert.

Europäisches Jahr des Kulturerbes 2018 und eine Straße namens Ruhrgebiet mit Büdchen

Über den Hintergrund der Veranstaltung sprach einleitend der Direktor des Stadtarchivs der Stadt Dortmund, Dr. Stefan Mühlhofer. Das Jahr 2018 sei von der Europäischen Kommission zum Europäischen Jahr des Kulturerbes ernannt worden. „Es soll die Verbindung zu anderen Ländern und Kulturen stärken.“ Die Podiumsdiskussion war Teil des „Sharing Heritage“-Projekts. Es sei, hob Mühlhofer hervor, auch für die weitere Entwicklung Dortmunds wichtig, „ob es weiter geht mit Europa oder nicht“.

Klaus Wegener, der Präsident der Auslandsgesellschaft NRW nahm kein Blatt vor den Mund, indem er angesichts der derzeitigen Krise der EU anmerkte, für seine Begriffe hätte der Titel der Veranstaltung statt „Glück auf Europa! Ist unser europäischer Zusammenhalt in der Krise?“ eigentlich „Hilfe, Europa!“ lauten müssen.

Poetry-Slammer Rainer Holl machte die EU amüsant kenntlich, indem er sie aufs unmittelbar Regionale herunterbrach: Wenn man sich mal vorstelle, so Holl, dass Europa eine Stadt ist, dann gebe es da eben auch ein Viertel, das Deutschland heiße. Und „dort gibt es eine Straße namens Ruhrgebiet, die ist zirka 1000 Meter lang und fünfzig Meter breit“, und sie beherberge etwa 150 Büdchen, „grob überschlagen“. Nicht zuletzt da käme man zusammen und ins Gespräch. Da bekäme das Menschliche Kontur.

Von der Moderation gefordert: Statements vom Podium bitte in Postkartenkürze!

Petra Kammerevert, Mitglied des Europäischen Parlaments

Von WDR-Moderator Matthias Bongard aufgefordert, beschrieben die Gäste des Abends in Postkartenkürze den Zustand der EU.

Petra Kammerevert, Mitglied des Europäischen Parlaments und dort Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Bildung, sprach von „einer gewissen Identitätskrise sowie einer Krise des Zusammengehörigkeitsgefühls“, in der die EU stecke. Bedingt durch eine wirtschaftliche Krise, sowie Populismus und Nationalismus. Es käme, darin bestehe ja auch ihre Arbeit, darauf an, dagegen anzuarbeiten, indem Menschen zusammengebracht würden.

Der Geschichtswissenschaftler Prof. Markus Walz (HTWK Leipzig) lag mit seinem „ganz anderen“ – wie er sagte – Postkartenstatement richtig, indem er darauf hinwies, er habe ein Problem mit Europa-Sätzen, weil nie ganz klar ist, von welchem Europas gesprochen würde: „Wir haben da mehrere davon.“ Walz fand: „Das Europarats-Europa hat irgendwie so gar keine Krise.“ Es handele sich um eine „geräuschlos existierende Struktur, die sich immerhin weit in den Ural erstreckt.“

Schlechte Nachrichten: Identität bedeutet Ausgrenzung – Kulturerbe ist ein politisch funktionalisierter Begriff

Prof. Markus Walz von der HTWK Leipzig.

Er müsse also eine buntgescheckte Postkarte schreiben: „Gewisse Europas haben ziemliche Probleme, gewisse Europas werden auch permanent herbeigeredet.“ Etwa das angeblich vom Untergang des Abendlands betroffene Europa. Zu bedenken gab Professor Walz auch, dass sich Menschengruppen, indem sie bestimmten, wer sie sind, eben gleichzeitig sagten, wer die anderen sind: nämlich nicht „wir“. Das könne friedlich verlaufen, aber auch schlimm ausgehen. Diese Gefühle seien jedoch auch veränderbar.

Kritisch betrachtete Markus Walz den Umgang mit dem Kulturerbe. Denn dies werde ja immer erst im Nachhinein quasi geschaffen, um sich in der Gegenwart zu einer bestimmten Identität zu verhelfen. Kultur und Kulturerbe müssten von einander getrennt unterschieden werden. Kultur entstehe ja schon im Zusammenhang mit der Lebensweise von Menschen. Kulturerbe sei dagegen etwas, wo Politik Kultur für sich nutzbar mache.

Die erste offizielle Verwendung des Begriffs Kulturerbe in Deutschland sei übrigens – ob man das glauben wolle oder nicht – „die Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik von 1965“ gewesen. „Wo es um das sozialistische und humanistische kulturelle Erbe der Deutschen in der DDR geht“. Und auch heute gehe es eben darum, „eine Vergangenheit für die Gegenwart nutzbar zu machen“.

Von wenig gelebten europäischen Identitäten und dem sehr dünnen Eis der Zivilisation

Markus Thürmann, Vorstandsvorsitzender der Jungen Europäischen Föderalisten NRW

Markus Thürmann, Vorstandsvorsitzender der Jungen Europäischen Föderalisten NRW, vermutete richtig, dass die Intension zum Thema des Abends wohl das „EU-Europa“ gewesen sei. Was, nebenbei bemerkt, hätte im Titel der Veranstaltung deutlich gemacht werden müssen.

Auch wenn es eine Identitäts- und Populismuskrise in Europa gebe, könnten sich Menschen durchaus – so Thürmann – mit Unterschiedlichem identifizieren. Er machte das anhand des Fieberns Dortmunder Fans für ihren Verein und gleichzeitig für die deutsche Nationalmannschaft fest. Vieles in der EU sei heute für viele normal, beschied Thürmann, aber: „Gelebte europäische Identität findet zu wenig statt.“

Matthias Bongard wies betreffs des von Thürmann auch erwähnten Jugoslawienkrieges daraufhin hin, wie dünn „zivilisatorische Deckschicht“ in Wirklichkeit überall auf der Welt sei. Dort habe man nur verschiedenen Volksgruppe einen Anlass geben müssen, um plötzlich in Hass auf die eigenen Landsleute zu verfallen – sie gar zu töten. Weshalb eben Populismus sehr gefährlich sein könne.

Die EU war eigentlich immer Wirtschafts-, aber leider niemals eine Wertgemeinschaft, die sie sein möchte

Prof. Ahmet Toprak (FH Dortmund)

Prof. Ahmet Toprak (FH Dortmund), Integrations- und Migrationsexperte, bestätigte, dass sich EU-Europa in der Krise befinde, und unterstrich abseits der im Grunde gut bewältigten Wirtschaftskrise von 2008: „Eigentlich ist die Krise von Europa die Krise der Geflüchteten.“ So sei seiner Meinung nach der Brexit auch ein Ergebnis einer Angst vor Ausländern gewesen. Und in Österreich habe es eine rechtspopulistische Partei in die Regierung geschafft. Nicht zuletzt auf der Angst vor Muslimen aufbauend.

Toprak: „Letztendlich geht es immer um Ressourcen.“ Kulturelle Unterschiede würden da eher vorgeschoben. „Wenn es Menschen gut geht, können sie sich auch um Kultur kümmern.“ Der Streit über die doppelte Staatsbürgerschaft regt Ahmet Toprak auf: „Ich kann mich durchaus auch zu zwei Staaten bekennen.“ Dass Europa in der Krise ist, habe es selbst „versemmelt“. „Wir machten oft auch aus Sachen Probleme, die keine sind.“

Zugleich „schrieb“ Toprak den wohl ehrlichsten Satz des Abends auf seine imaginäre Postkarte. An das Europa einer Wertegemeinschaft habe er übrigens ehrlicherweise nie geglaubt: „Die Europäische Union war immer eigentlich eine Wirtschaftsgemeinschaft.“

Wenn schon keine Wertegemeinschaft, dann bitte keinen Autoritarismus, der Überzeugungen verhindert

Matthias Bongard vom WDR moderierte den Abend

So habe ja auch der Vorläufer der EU früher einmal treffend geheißen, also Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), vor der wiederum die Europäische Wirtschaftsunion gestanden habe, warf Moderator Bongard ein und verweist auf die seinerzeit daran angelehnte Kulenkampff-Show „Einer wird gewinnen“ (EWG). Inzwischen würden ja nicht einmal mehr Urteile des Europäischen Gerichtshofs (etwa durch Polen oder Ungarn) anerkannt.

EU-Mitgliedsländer für Fehlverhalten zu strafen, das halte er – als Pädagoge wisse er das, „alle Mamas und Papas“ wüssten das – für „Blödsinn“. Wie Kinder machten dann wohl auch Regierende etwas aus Angst vor der Strafe. Überzeugung müsse deshalb her!

Mit der EU habe man eine „Werteunion“ schaffen wollen. Nun aber sehe man, dass, nicht zuletzt durch die Geflüchteten, ärmere Schichten hinzukämen. Verteilungskämpfe seien die Folge. Daran sehe man, dass wir keine Wertegemeinschaft sind. Und auch niemals eine gewesen sind. Gesunder Menschenverstand müsse siegen. Die Menschen seien ja nicht dumm.

Deutschlands doppelte Spielchen in Sachen Frieden und Menschenrechte stoßen auf harsche Kritik

Ein Herr aus dem Publikum, das bei dieser Veranstaltung im DKH diesmal hatte an Tischen Platz nehmen dürfen, erinnerte – wenn man an Polen und Ungarn zu recht Kritik an Fehlverhalten übe – dass doch wohl auch Deutschland nicht fehlerfrei handele. Immerhin hätten in der Bundeswehr im letzten Jahr 2100 Menschen, die nicht einmal 18 Jahr alt waren, den Dienst angetreten. „Dies ist ein eklatanter Verstoß gegen die UN-Konvention für die Rechte der Kinder, die Deutschland ratifiziert hat.“

Der Mann gab an, in den letzten Jahren öfters in die baltischen Staaten gereist zu sein. Wie erkläre man einem Letten, einem Litauer, dass er als Landwirt weniger Subventionen erhalte als die deutschen Bauern? Herrsche nicht ein wenig Selbstgerechtigkeit der Deutschen im Umgang mit anderen? Dienten wir – wie verpflichtet – eigentlich dem Frieden in der Welt? Der Herr dazu: „Nach meinen ökumenischen Begegnungen muss ich sagen, das ist nicht der Fall.“

Prof. Dr. Ahmet Toprak wies im Zusammenhang mit der kürzlichen Freilassung des Journalisten Deniz Yücel aus türkischer Haft darauf hin, dass der geschäftsführende Außenminister Sigmar Gabriel auf Nachfragen geantwortet habe, es habe diesbezüglich keine Deals gegeben.

Nun habe eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Deutschen Bundestag an die Bundesregierung aber ergeben, dass etlichen Rüstungsgeschäften mit der Türkei zugestimmt wurde. Im Prinzip werde mit diesen Ausrüstungen der Krieg gegen die Kurden in der Südtürkei und Nordsyrien unterstützt, kritisierte Toprak: „Das ist genau dieses doppelte Spiel: nach vorne demokratisch, nach hinten aber geht es nur um wirtschaftliche Interessen. Es geht gar nicht um Menschenrechte.“

Braucht ein Europa der Zukunft vielleicht pikanterweise ein Erasmus-Programm für Senioren?

Ein anderer Herr, der sich als „begeisterter Europäer“ vorstellte, war sich sicher, dass „der Kern europäischer Politik nie über die Ebene der EWG herausgekommen ist.“ Letztlich gehe es der Politik immer noch um Verwertungsinteressen des Kapitals. „Das Kapital wird geschützt, aber nie darüber nachgedacht gemeinsame Sozialsysteme zu schaffen.“

Ein weiterer Zuhörer erzählte davon, wie er bereits vor siebzig Jahren, nach dem Krieg, in Europa unterwegs gewesen war. Angst habe er noch gehabt, dass er irgendwo „die Jacke voll kriegte“. Er habe jedoch festgestellt, dass „die ehemaligen Feinde gar nicht so feindlich waren, sondern nett“. Auch später im Berufsleben habe er Europa kennengelernt.

Sein Tipp: „Schickt die jungen Leute nach draußen, damit sie den Nachbarn kennenlernen. Dann wissen sie auch, was sie erwartet.“ Nur so könne ein gutes Europa entstehen. Dass konnte als gutes Schlusswort gelten.

Von Matthias Bongard gefragt, ob die jungen Leute die Chance, die Rettung Europas seien, entgegnete Prof. Dr. Dr. Markus Walz klug: „Ich fordere ein Senioren-Erasmus. Das wäre genauso nützlich.“ Und Prof. Dr. Ahmet Toprak machte zum Ende noch einmal ergänzend deutlich: „Es geht um Begegnungen. Nicht um Jung und Alt.“

Fingerfood und das Kozma Orkestar zum Ausklang eines informativen Abends

Zum Ausklang des sehr informativen Abends im Dietrich-Keuning-Haus hatten die Veranstalter Fingerfood und diverse Getränke spendiert.

Das Kozma Orkestar (Urban Folk Beats) spielte dazu gut aufgelegt und hob die Stimmung bestens zur Entspannung, so dass manche Gäste begeistert mit den Füßen wippten. Mit Liedern aus verschiedenen europäischen Ländern und Regionen passte diese musikalische Dreingabe ausgezeichnet zum vorangegangenen Programm.

Die Veranstalter des Abends waren die Auslandsgesellschaft NRW e.V., das Dietrich-Keuning-Haus, EDIC Dortmund, Kulturbüro Dortmund und Stadtarchiv Dortmund.

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