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Eine Berufsgruppe, auf die alle angewiesen sind: DASA eröffnet Ausstellung zur Arbeitswelt „Heilen und Pflegen“

Bei „Heilen und Pflegen“ dreht sich alles um die Arbeitswelt „Gesundheitswesen“. Fotos: Thea Ressemann

Von Thea Ressemann

Direkt zu Beginn der Ausstellung steht der „Gläserne Mensch“. Durchsichtig, so dass man das Innenleben des Körpers sehen kann. Er ruft den Besucher*innen ins Gedächtnis, wie fragil die eigene körperliche Unversehrtheit ist. Deswegen ist es gut zu wissen, dass es Menschen gibt, deren Job es ist, sich um Kranke und Verletzte zu kümmern. Genau um diese Berufsgruppe geht es in der neugestalteten Dauerausstellung der Dortmunder DASA: In „Heilen und Pflegen“ erfahren die Besucher*innen ab sofort alles Rund um die verschiedenen Berufe des Gesundheitswesens.

Zu einer guten Ausstellung gehört etwas Altes, etwas Neues, etwas Geliehenes und etwas Blaues

Der „Gläserne Mensch“ am Beginn der Ausstellung hat mehr als eine Bedeutung.

Die Ausstellung selbst ist eine Art Neuauflage der im Jahr 2000 eröffneten Vorgängerausstellung. Diese war vor drei Jahren extra geschlossen worden, um die neuere Ausstellung entwickeln und umsetzen zu können. ___STEADY_PAYWALL___

Die Ausstellungen tragen nicht nur den gleichen Namen. Auch einige Exponate sind übernommen worden. Zum Beispiel die Rüttel-Platte, auf der Besucher*innen ihre Stabilität testen können, hat wieder einen Platz gefunden.

Es ist eine richtige Mitmachausstellung geworden. Auf 800 Quadratmetern können an interaktiven, multimedialen Objekten Besucher*innen aller Altersklasse die verschiedenen Bereiche selbst entdecken.

So gibt es einen begehbaren Rettungswagen, den „Blauen Heinrich“ und mehrere Simulatoren, die  normalerweise von medizinischem Personal zur Übung genutzt werden. An digitalen Vertiefungsstationen kann man sich über die verschiedensten Themen informieren lassen.

Auch die schwierigsten Themen sind anschaulich aufgearbeitet. Kooperationsprojekte mit Menschen aus dem Beruf und die Möglichkeit, Dinge selbst auszuprobieren, helfen den Besucher*innen, sich in die Menschen hineinzuversetzen.

Ausstattung und Flair der Ausstellung erinnern an das typische Arbeitsumfeld der gezeigten Berufe. Es wirkt alles sehr klinisch und aufgeräumt. Um das so zu schaffen, hat sich das verantwortliche Team an Einrichtungen aus dem Krankenhauskontext orientiert. Das gilt für die Präsentation der Exponate als auch für die Raumteiler zwischen den verschiedenen Themenbereichen.

Besucher*innen lernen die Berufe auf dem Weg der Patienten und Patientinnen kennen

Der begehbare Rettungswagen hat zwar kein Martinshorn, dafür funktioniert aber das Blaulicht.

Unterteilt ist die Ausstellung in sechs Themenbereiche. Die ersten fünf sind einem möglichen Behandlungsverlauf nachempfunden: Untersuchen, Retten, Operieren, Therapieren und Pflegen. Der letzte Bereich bezieht sich auf das Thema, das in diesen Berufsgruppen leider zu kurz kommt: Pausen machen.

In jeder Abteilung wird auf andere Aufgaben der verschiedenen Berufe und deren Gefahren aufmerksam gemacht. Gestartet wird mit „Untersuchen“. Dabei dreht sich alles um den Bereich der Diagnostik. Die verschiedensten Untersuchungsmethoden werden vorgestellt. Zusätzlich geht es auch darum, wie sich die Untersuchenden und Pflegenden selbst schützen.

Es wird oft vergessen, dass Patient*innen mit ansteckender Krankheit diese auch auf die Heil- und Pflegekräfte übertragen können. Die DASA geht deswegen in diesem Bereich auf den Infektionsschutz ein. Um sich die Gefahren besser vorstellen zu können, gibt es Tastmodelle von vergrößerten Krankheitserregern.

Die Geschichte des Notrufs und der Alltag der Rettungskräfte werden im zweiten Bereich vorgestellt. Bei „Retten“ werden aber auch die Schwierigkeiten erläutert, mit denen Sanitäter*innen etc. täglich konfrontiert werden. In einem 3-D-Wimmelbild, gebaut aus Modellautos, können die Besucher*innen zum Beispiel das Problem mit den Gaffern sehen.

Selber ausprobieren ist das A und O der interaktiven Ausstellung

Für erfolgreiche Operationen braucht es ein ganzes Team – von Chirurg*in bis zur Putzkraft.

Vom Rettungseinsatz geht es für die Besucher*innen – wie im echten Leben für manche Patienten –  in den Operationssaal. „Operieren“ stellt heraus, wie handwerklich und technisch in der Chirurgie gearbeitet wird. Unter Aufsicht der Vorführtechnikerin oder des Vorführtechnikers kann ausprobiert werden, wie wichtig Präzision dabei ist.

Es wird aber nicht nur auf den Beruf des Chirurgen oder der Chirurgin eingegangen. Eine Operation ist Teamarbeit. Wie wichtig jedes einzelne Teammitglied für das Gelingen einer Operation ist, wird dargestellt.

Wo geht es nach einer Knie-OP für Betroffene hin? Zur Ergotherapie. Im Bereich „Therapieren“ wird insbesondere auf diese Form der Therapie eingegangen, aber andere, genauso wichtige Therapieformen werden nicht vergessen. In diesem Teil können Besucher*innen nicht nur sehen, sondern auch aktiv erleben, mit welchen Geräten und Übungen Patient*innen wieder mobil gemacht werden. Beispielsweise das Fahrrad-Ergometer zeigt, wie man auch im Altenheim um die Welt radeln könnte.

Es wird immer Menschen geben, die nicht mehr allein leben können. Sei es durch einen Unfall, eine Erkrankung oder hohes Alter. Pflegepersonal wird immer gebraucht. „Pflegen“ stellt einen großen Teil des Gesundheitswesens dar. In dem Bereich wird auf die verschiedenen Formen der Pflege und die körperlichen und seelischen Belastungen in dem Beruf eingegangen. Vorurteile gegenüber Pflegepersonal werden angesprochen. So zeigt die Abteilung, wo der Ursprung dieser Vorurteile liegt. Auch wird gezeigt, wie der wahre Aufgabenbereich und die zwischenmenschliche Bedeutung von Pflegenden aussehen.

Eine überbelastete Berufsgruppe, die nicht erst seit Corona systemrelevant ist

Fertig ist die Ausstellung aber noch lange nicht. Weil sie so aktuell wie möglich sein soll, wird immer wieder etwas Neues hinzugefügt werden. Die nächste geplante Ergänzung beschäftigt sich mit dem Thema Corona. Im Moment wird ein solcher Themenbereich entwickelt. Er wird voraussichtlich im Laufe des Jahres hinzugefügt werden.

Der Bereich greift unter anderem nochmal das Thema der Arbeitsbedingungen in den betroffenen Berufen auf. Das Augenmerk soll auf die Fragen gelenkt werden: Wie hat Corona unseren Blick auf die Berufe des Gesundheitswesens verändert? Was muss sich verändern? Was wird bereits verändert? Und was können wir daraus lernen?

Ziel der Ausstellung ist es, die Wichtigkeit von Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten, zu verdeutlichen: „Ohne sie bricht unser System nämlich zusammen“, ist sich Projektleiterin Katrin Petersen sicher. Und das nicht erst seit Corona. Auch schon vorher waren die nun in der Öffentlichkeit stehenden Missstände bekannt. Besonders dem Pflegepersonalmangel entgegenzuwirken, schaffe man „nicht nur mit Lohn und Pfennig, sondern auch mit Zeit und Anerkennung“, klärt Presseansprechpartnerin Monica Röttgen auf.

Die eigene körperliche und seelische Unversehrtheit kommt in diesen Berufen oft zu kurz

Sechs Pflegeschülerinnen berichten in einem Kooperationsprojekt von ihren Erfahrungen.

Nicht nur die Einblicke in die Aufgabenfelder von Gesundheitsberufen sind die zentralen Themen der Ausstellung. Zusätzlich wird immer wieder auf die Arbeitsbedingungen und die Gefährdungen für die Arbeitenden aufmerksam gemacht. Der „Gläserne Mensch“ vom Anfang steht also nicht nur für die Verletzlichkeit des menschlichen Organismus.

Er steht auch für die Verletzlichkeit, der die Heil- und Pflegepersonen ausgesetzt sind: Atypische Schichten, Personalmangel, dauerhafte Stresssituationen, die ständige Konfrontation mit dem Thema Tod und vieles mehr. All das belastet die Personen in diesen Berufen pausenlos.

Das „pausenlos“ ist dabei wörtlich zu verstehen. Die Kuratorin Sarah-Louise Rehahn berichtet, dass Pflegekräfte manchmal dehydrieren. Einfach, weil sie keine Zeit oder die Gelegenheit haben zu trinken – Ständig ist irgendwas. Man kann nicht kurz mal nach frischer Luft schnappen: „Pausen machen heißt, was anderes oder wer anderes bleibt liegen!“, erklärt Rehahn.

Wie wichtig Pausen aber für die Arbeitenden wären, wird im zentral gelegenen Themenbereich der Ausstellung deutlich. Bei „Pause machen“ kann man Miniaturdiorama begutachten, die sich mit dem Thema befassen. In ihnen wird z.B. metaphorisch dargestellt, dass ein hoher Anteil des Heil- und Pflegepersonals während oder nach der Ausbildung mit dem Rauchen anfängt. Grund dafür sei laut Rehahn, dass es häufig die einzigen akzeptierten Kurzpausen seien. Dabei seien kurze Pausen zwischendurch gerade in dieser Berufgruppe besonders wichtig, um sich selbst zu schützen.

 

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