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„Dora war nicht im Widerstand“ – Tagebuch einer überzeugten Mitläuferin als Audio-Installation in der Steinwache

Sophia Firgau mit Markus Günnewig vor dem Ausstellungsplakat in der Steinwache. Foto (3): Claus-Dieter Stille

Von Claus-Dieter Stille

Wir wissen relativ viel über Täter und Opfer des NS-Regimes. Kaum aber etwas über Mitläufer*innen und Durchschnittsdeutsche. Jan und Sophia Firgau haben sich für ihre Abschlussarbeit im Studiengang „Szenografie und Kommunikation“ an der Fachhochschule Dortmund am Beispiel ihrer Urgroßmutter mit der Rolle der zahlreichen Mitläufer*innen und dem Fortbestehen der NS-Ideologie in der Nachkriegszeit beschäftigt. Die interessante Ausstellung „Dora war nicht im Widerstand“ ist noch bis zum 13. August in der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache zu sehen.

Die Ausstellung stellt in der Steinwache einen interessanten Kontext her

Die Idee zu dieser Ausstellung, erzählt mir Sophia Firgau während eines Pressetermins am Ort der Ausstellung, sei ihr zusammen mit ihrem Cousin, Jan Firgau, etwa vor eineinhalb Jahren gekommen. Sie fanden, dieses Thema wäre ein passendes – weil bisher nicht groß beackert – für ihrer beider Abschlussprojekt. Cousin Jan war während des Pressegesprächs am vergangenen Dienstag nicht anwesend, da bereits im Urlaub. Eigentlich sollte die Ausstellung ja schon im März zu sehen sein – aber dann kamen die Corona-Maßnahmen … ___STEADY_PAYWALL___

Im Inneren der Steinwache. Foto: Thomas Engel

Markus Günnewig, Leiter der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache, zeigte sich stolz, dass diese Exposition gerade in seiner Einrichtung ausgestellt werden konnte. Ein interessanter Kontext werde so hergestellt. Denn schließlich gehöre das spannende Thema ebenfalls zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus dazu.

„Die Nazis, das waren im Zweifelsfall die Anderen“

Einen eigentlich als Vortrag zur ursprünglichen Eröffnung vorgesehenen Text trug Sophia Firgau nun anlässlich des Pressegesprächs vor.

Firgau merkte darin an, dass nur jeder fünfte Deutsche glaube (laut MEMO-Studie der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft) dass es unter seinen Vorfahren Täter*innen zu Zeiten des Nationalsozialismus gegeben und nur 40 Prozent der Deutschen meinten, dass sich unter ihren Vorfahren Mitläufer*innen befunden haben. Firgau: „Die Nazis, das waren im Zweifelsfall die Anderen.“ Und: „Wer weiß, was wir heute von Dora, unserer Urgroßmutter denken würden, wenn es das Tagebuch nicht gäbe.“

Die Ausstellungskonzeption war eine ständige Gratwanderung

Der Prozess der Ausstellungskonzeption sei eine ständige Gratwanderung gewesen. Obwohl die beiden Firgaus ihre 1973 verstorbene Urgroßmutter nie persönlich kennengelernt hatten. Natürlich habe man sich auch gefragt, ob es berechtigt sei, diese Ausstellung über eine Person mit nationalsozialistischem Gedankengut aus der eigenen Familie zu machen. Die Familie habe aber zugestimmt.

Gedenk- und Erinnerungskultur sind wichtig. Aber auch die Mitläufer*innen dürfen nicht aus dem Blick geraten

In der Ausstellung: Sophia Firgau

Gedenk- und Erinnerungskultur schätzte Sophie Firgau als wichtig ein. Sie erinnerte an den einstigen dunklen Zweck der Steinwache, die zu NS-Zeiten Gestapo-Gefängnis gewesen war. Was für die Gedenk- und Erinnerungskultur betreffs der Vergangenheit anlange, träfe freilich auch für heute zu. Sie erinnerte zu diesem Behufe an den unweit von der Steinwache vom NSU ermordeten Mehmet Kubaşık und das Denkmal vor der Steinwache, das ihm und allen anderen NSU-Opfer gedenke.

Wenn man sich ausschließlich und zu undifferenziert mit den Opfern beschäftige, so Sophia Firgau, gerieten die Täter*innen, die Mitläufer*innen und Zuschauer*innen, die Mehrheitsgesellschaft – „die vielen Doras“ – aus dem Blick.

Besagte Dora, Urgroßmutter der beiden Firgaus, war eine Überzeugte, was das Naziregime und dessen Ideologie anbetraf.

In der Nachkriegszeit war sie eine von Millionen „durchschnittlichen Deutschen“. Sie war 45 Jahre alt, dreifache Mutter und alleinige Versorgerin.

Die Ausstellungsmacher lassen in düsterer Atmosphäre das Tagebuch der Dora sprechen

Inmitten ihres zerfallenden Weltbildes gibt sie Einblicke in Alltag und Ideologie, in letzte Hoffnungen, erzürnte Ungläubigkeit und tiefe Enttäuschung. Davon kündet das wiederentdeckte Tagebuch der Dora. Es ist rares Zeugnis der deutschen Nachkriegsmonate und führt wie nur selten in eine von der NS-Propaganda überzeugte Gedankenwelt. Von der sie auch nach der Befreiung vom Faschismus nicht lassen will.

„Dora war nicht im Widerstand“: Bildergasse zum großen Fenster aus Glasbausteinen mit der Urgroßmutter Dora, transparent, weil durchleuchtet vom Tageslicht. Foto: Steinwache Dortmund

Das auf Knopfdruck in einem Raum – „das Herzstück der Ausstellung“, wie ihn Markus Günnewich nannte (eine einstige Gefängniszelle) – hörbar werdende, weil vertonte Tagebuch, legt davon Zeugnis hab. Dora ist darin der Meinung, die Deutschen seien wohl einfach noch nicht reif gewesen für ein Deutschland wie es Hitler und dessen Gesinnungsgenossen hatten schaffen wollen.

Das erschüttert den Zuhörer. In diesem sehr düster gehaltenem Raum steht ein Pult, worin unter Glas die von Dora handschriftlich verfassten Tagebücher liegen: drei Schulhefte. Des Weiteren befindet sich im Raum eine u-förmige Bank, worauf man sitzend dem sozusagen sprechenden Tagebuch lauschen kann. Darin Schubladen, die, wenn man sie herauszieht, Zitate aus dem Tagebuch der Urgroßmutter von Jan und Sophia Firgau offenbaren.

Das Tagebuch wurde nach Doras Tod gefunden, aber sei der späteren Urenkelgeneration nicht mehr präsent gewesen, erklärte Sophia Firgau. Auf dem Dachboden in einem Koffer zusammen mit Dokumenten hatte es viele Jahre gelegen.

Besucher*innen erfahren etwas über gesellschaftliche Stellung der Familie, deren Alltag und Lebenstationen

Bevor man als Besucher der Ausstellung im ersten Stock der Steinwache in das Zimmer kommt, passiert man eine Art Gasse – sozusagen eine Art Zahlenstrahl, bestehend aus an Leinen geklammerten Fotos oder Ansichtskarten, zugeordnet jeweils zu bestimmten Jahreszahlen. Dort auf den Fotos ist auch der Gatte von Dora zu sehen. Erich war in den Reichsarbeitsdienst eingetreten, wo er letztlich Karriere machte. Die Ablichtungen geben ebenfalls Auskunft über die gesellschaftliche Stellung der Familie.

Den Alltag repräsentieren sie und auch eine Faschingsfeier, Heirat, die Geburt der Kinder oder einen im Zusammenhang mit dem Nazi-Überfall auf Polen stehenden Umzug nach Posen (Poznan). Auf dem Etagenboden sind die Lebenstationen aufgezeichnet. Letztlich, so Sophia Firgau, 1945, sei die Familie in den Westen geflüchtet. Erich hatte gemeint, in Berlin sicher zu sein. Kurz vor Berlin sei er jedoch abgedreht und habe sich in Kriegsgefangenschaft begeben. Dora war ursprünglich Bankangestellte und später nach der Heirat nur noch Hausfrau.

Dreht sich der Besucher in dieser Bildergasse zum großen Fenster aus Glasbausteinen um, erblickt er das große Foto von Urgroßmutter Dora, transparent, weil durchleuchtet vom Tageslicht.

Ausstellungsmacher*innen hoffen auf weitere Möglichkeiten, ihre Arbeit zu präsentieren

Sie hoffe, so ihre Arbeit sich herumspräche, dass engagierte Menschen weitere Quellen zum Thema beisteuern könnten, erklärt Sophia Firgau. Abgebaut, solle die Ausstellung nicht „in der Garage vergammeln“. Die junge Akademikerin möchte weiter wirken (an geschichtlich bedeutsamen Orten, Gedenkstätten, Kulturzentren, Schulen etc.). Mit dieser Alltagsgeschichte aus ihrer, einer ganz normalen deutschen Familie. Jenseits eines Horizonts, in dem alle dem NS eigentlich nur widerstanden haben konnten. Die Ausstellung spricht eine andere, eindringliche Sprache.

Die Audio-Exposition der beiden Studierenden ist noch bis zum 13. August in der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache zu sehen und zu hören. Der Eintritt ist kostenlos.

Weitere Informationen:

  • Zur Person Dora Firgau: geb. 1900 in Preußisch-Holland bei Danzig, Bankangestellte, später Hausfrau. Ehemann Erich Firgau, geheiratet 1928. Mutter von drei Kindern, oft umgezogen, ab 1945 in Grebenstein bei Kassel.

 

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Ein Gedanke zu “„Dora war nicht im Widerstand“ – Tagebuch einer überzeugten Mitläuferin als Audio-Installation in der Steinwache

  1. Sonntagsführungen in der Steinwache (PM)

    Sonntagsführungen in der Steinwache

    Die Mahn- und Gedenkstätte Steinwache bietet am Sonntag, 2. August um 14 Uhr und 16 Uhr zwei Führungen an.

    In der Gedenkstätte selbst gibt es eine Einführung in die Geschichte des Hauses sowie in die Dauerausstellung. Anschließend kann die Ausstellung besucht werden, und die Mitarbeiter*innen stehen für Fragen zur Verfügung. Eine klassische Führung durchs Haus ist derzeit aufgrund der geringen Raumgröße der ehemaligen Zellen nicht möglich.

    Um 16 Uhr beginnt im Hof der Steinwache eine öffentliche Führung für zehn Teilnehmende, die an unterschiedliche Orte in der Innenstadt führt und deren NS-Geschichte vorstellt. Thematisiert werden dabei die „Machtergreifung“ in Dortmund, der blutige Terror der Nationalsozialisten 1933, Krieg, Holocaust und Zwangsarbeit.

    Beide Veranstaltungen dauern etwa 90 Minuten. Vorab müssen sich die Teilnehmenden in Listen eintragen, um ggf. Infektionsketten nachvollziehbar zu machen.

    Plätze für die Führungen können reserviert werden unter (0231) 50-25002 (dienstags bis sonntags, 10 bis 17 Uhr).

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