
Unter gewohnt sperrigem Titel präsentiert der seit kurzem in die Kunsthalle Dortmund umbenannte HMKV eine ebenso umfangreiche wie spannende Ausstellung zur Seidenstraße: „INDUSTRIAL: Seidenstraße 3000.“ Es geht also um Industrie, um die international als Belt and Road Initiative bekannte Seidenstraße und es geht um die Zukunft, genauer – weil man nicht kleinlich ist im Dortmunder U – um das 4. Jahrtausend.
Miliardärs-Dichte und Ursprünge des Menschen
Ingo Günthers „World Processor“ entfaltet als Mittelpunkt in Ebene 3 seinen fast mystischen Sog: Altmodische Globen, wie sie früher oft auf Schreibtischen standen, leuchten wie eine Auswahl vielerlei Erden im dunklen All der Kunsthalle.
Sie zeigen Auswertungen unter verschiedenen Fragestellungen, zum Beispiel die Milliardärs-Dichte der Kontinente oder genetische Spuren, die unsere Vorfahren anhand genetischer Marker bis zu einer nur etwa 2000 Menschen umfassende Gruppe in Afrika zurückverfolgen.
Parallel läuft eine Ausstellung mit Günthers Globen auch im Kultur- und Stadthistorischen Museum in Duisburg bis 8. Januar 2027. Die meisten Werke der Ausstellung sind Filme, meist ältere Dokumentationen zum Industrieprozess.
Wo sind die Gewinner?
Osram lässt Energiesparlampen in China fertigen, und die Künstlerin Cao Fei ist sechs Monate lang dabei und filmt, nicht nur den Fertigungsprozess. Im zweiten Teil inszenieren die Fabrikarbeiter:innen ihre Traumberufe mitten in der Fabrik, zwischen den Fertigungsbändern: Rockstar, Ballerina und Breakdancer zum Beispiel. Der dritte Teil von „Whose Utopia“ portraitiert einzelne Arbeiter:innen.
Die ebenfalls ältere Dokumentation „Verlierer und Gewinner“ (von Ulrike Franke und Michael Loeken), die bereits mehrfach im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gezeigt wurde, dokumentiert den Abbau der Kokerei Kaiserstuhl in Dortmund durch chinesische Arbeiter. Wer waren die Verlierer, wer die Gewinner?
Die Dortmunder verloren ihre Kokerei und damit Arbeitsplätze, gewannen jedoch Lebensqualität, die Chinesen arbeiteten unter exterritorialen Bedingungen, ohne Arbeitsschutz, ohne deutsche Gewerkschaft oder Berufsgenossenschaft, allerdings erwarben sie die modernste Kokerei Europas – in den 1990er Jahren der ganze Stolz von Thyssen-Krupp.
Keine Fälschung: Die Kunst des Nachahmens
Stanislaw Mucha stellt in seiner 90-minütigen Dokumentation die Künstler in Dafen vor, einem Viertel von Shenzhen in Südchina. Hier wird alles abgemalt, was Rang und Namen hat. Millionen Gemälde werden in Dafen Jahr für Jahr geschaffen – denn was für uns Fälschung oder billige Kopie ist, ist in China seit Jahrtausenden die Kunst des Linmo, des kunstfertigen, exakten Kopierens von Meisterwerken.

Ganz anders dagegen das Shanzhai, die moderne chinesische Nachahmungskultur, der Disnovation.org nachspüren. Ergebnis ist eine Ladentheke voll kunterbunter, abstrus gestalteter Handys.
Die Seidenstraßen-Ausstellung zieht sich wie die vorherige „Genossin Sonne“ nicht nur über die dritte Ebene, die Heimat der Kunsthalle, sondern nutzt auch die Sonderausstellungsebene 6. Das bedeutet zum einen: Eintritt von 9 beziehungsweise 5 Euro.
In den Tiefen des U
Zum anderen verliert sich bei so viel Platz der Fokus. Jede Menge riesige, in die Halle gestellte Videowände versuchen vergeblich, die weiträumigen düsteren Hallen zu strukturieren. Den Kurator:innen geht der rote Faden verloren, der doch über eine Reise und den globalen Transport entlang der Seidenstraße konzeptionell vorgezeichnet ist. Filme zu Textilproduktion, Großküche, Transport und so weiter können ermüden.
Die weiten dunklen Hallen empfangen uns vor allem mit gähnender Leere, unterbrochen von etwas bemüht wirkenden optischen „Highlights“, zum Beispiel Anne Samats Boden- und Wandobjekt „Mother“. Wie die Sonnen-Ausstellung wirkt die Ausstellung „INDUSTRIAL: Seidenstraße 3000“ wirr. Auf die „3000“ hätte man zudem angesichts der zumeist älteren Objekte durchaus verzichten können.
Die Kunsthalle stützt sich in den letzten Jahren vor allem auf Dokumentation; Kunstwerke, das Kreative, Abstruse, Abscheuliche und Paradoxe kommen zu kurz. Wo sind sie geblieben, die wahnwitzigen Verschwörungstheorien oder die Ecken für Zocker und Gamer?
Tracks To The Future
Auch das Begleitprogramm ist mager: Zum Familiensonntag im U, dem ersten Sonntag im Monat, gibt es Angebote in der Werkstatt, am Sonntag gibt es die Führung. Aber ein echtes Begleitprogramm für Schulen fehlt, genauso wie etwas originellere Angebote. Im NRW Forum läuft zurzeit „Asia Pop“, unter anderem mit kulinarischen Events zusammen mit asiatischen Restaurants.
Und wieso ist man nicht mit Duisburg vernetzt, das ja nun den eigentlichen europäischen Endpunkt der Neuen Seidenstraße bildet? Dort fuhr im Oktober ein Luxus-Zug mit B-Promis wie beispielsweise Markus Lüpertz, Rößler (der Philip der FDP), Laschet (der Armin der CDU) nach China, unter dem bezeichnenden Motto: Tracks To The Future. Smerling und seine Küppersmühle bemühen sich seit Jahren um mehr Asien; dass parallel Ingo Günther eine Auswahl seiner wunderbaren Globen in Duisburg zeigt, wurde bereits erwähnt.
INDUSTRIAL: Seidenstraßen 3000 – Kunsthalle Dortmund, Dortmunder U, Ebenen 3 und 6 – Laufzeit: 12. September 2026 bis 10. Januar 2027 – Eintritt für die 6. Ebene 9 Euro, 5 Euro ermäßigt – Führungen immer sonntags von 16 bis 17 Uhr
Infos und Quellen:
◦ Kunsthalle Dortmund: https://www.kunsthalledortmund.de/ausstellungen/industrial-seidenstrassen-3000
◦ Tracks to the Future: https://tttf.eu/
Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!




