Das „Black Pigeon“: In der Anfangszeit Hass-Objekt der Neonazis, heute Raum zum Austausch

Anarchistischer Buchladen feiert zehnjähriges Jubiläum in der Nordstadt

Der anarchistische Buchladen „Black Pigeon“ wird zehn Jahre alt. Foto: Lukas Pazzini für Nordstadtblogger.de

Das „Black Pigeon“ in der Nordstadt feiert Jubiläum. Vor zehn Jahren eröffnete der anarchistische Buchladen in der Scharnhorststraße 50. Damals war der Laden Angriffen aus der Neonazi-Szene ausgesetzt. Diese warfen mehrmals die Scheibe der Ladenfront ein. Heute ist der Buchladen in der Dortmunder Nordstadt etabliert und bietet einiges über eine Auswahl von linken Büchern hinaus an, wie Sascha Bender im Nordstadtblogger-Interview verrät.

Die Anfangszeit: Eingeworfene Scheiben und Stress von Rechts

Doch zuerst blickt Bender auf die „recht wilde“ Anfangszeit zurück. Damals gab es wenige politische Räume, in denen sich Menschen einfach treffen und miteinander reden konnten. „Das braucht es gerade in der Nordstadt“, so Sascha Bender.

Neonazis haben erneut den Buchladen „Black Pigeon“ attackiert und zwei Schaufenster eingeworfen.
Neonazis hatten den Buchladen „Black Pigeon“ attackiert und zwei Schaufenster eingeworfen. Nordstadtblogger-Redaktion | Nordstadtblogger

2016 gehörten aber auch Angriffe aus der Neonazi-Szene. Zwei Mal wurde die Frontscheibe eingeworfen, mit dem Ziel, dass der Vermieter den Mietvertrag mit dem anarchistischen Buchhandel nicht verlängert. ___STEADY_PAYWALL___

Daraufhin regte sich großer Gegenprotest in der Nordstadt. Die damalige Bezirksvertretung beschloss sogar einstimmig 3000 Euro für einen Rolladen-Vorbau zur Verfügung zu stellen. Der Mietvertrag wurde auch verlängert.

Heute ist das Interesse der Rechten an dem Buchladen auch wieder abgeklungen, so Bender. Teile der damaligen Neonazi-Szene siedelten in den Osten über, was die Mobilisation für Aktionen gegen den Buchladen heute erschwert. Zu Vorfällen sei es laut Bender deshalb schon länger nicht mehr gekommen.

Im Kleinen gegen autoritäre Tendenzen etwas bewirken

Neben dem Buchladen und einem offenem Raum zum Austausch bietet das „Black Pigeon“ freitags auch immer andere Angebote an. So gebe es Sprachkurse und Nachhilfe.

Der libertäre Kultur- und Buchladen „Black Pigeon“ hat am Freitag planmäßig eröffnet.
Der libertäre Kultur- und Buchladen „Black Pigeon“ hat vor zehn Jahren eröffnet. Rechts im Bild Sascha Bender. Klaus Hartmann | Nordstadtblogger

Der Laden kooperiere auch mit einer Initiative, die Lebensmittel rettet und Foodsharing im „Black Pigeon“ anbietet. Karin Urban von der Initiative betont, dass dieses Angebot Ausdruck einer gemeinsam ausgebildeten demokratischen Praxis sei und diese den weltweiten „autoritären Entwicklungen“ im Kleinen etwas entgegensetzen kann.

Es gibt auch Sozialberatungen zum Thema Bürgergeld oder Menschen, denen Gefängnisstrafe droht oder diese hinter sich haben.

Daneben wolle der Laden in Zukunft auch mehr Veranstaltungen, Lesungen und Buchvorstellungen organisieren. In den letzten Wochen habe das Team von „Black Pigeon“ außerdem die Inneneinrichtung und das Aussehen des Ladens überarbeitet und ansprechender gemacht. „Es kann so oder so ähnlich die nächsten zehn Jahre weitergehen“, meint Bender zufrieden.

Buchläden auch bundesweit als demokratische Räume wieder im Gespräch

Bundesweit sind Buchläden durch den Ausschluss dreier dezidiert linker Buchläden vom Buchhandelspreis, der auf der Leipziger Buchmesse vergeben wird, durch den Bundesbeauftragten für Kultur und Medien Wolfram Weimer (parteilos) wieder mehr ins öffentliche Interesse geraten.

Der libertäre Kultur- und Buchladen „Black Pigeon“ hat am Freitag planmäßig eröffnet.
Buchläden sind heute wieder stark in der Diskussion. Klaus Hartmann | Nordstadtblogger

Dieser hatte die Buchläden von der Liste der erfolgreichen Buchläden aufgrund von Informationen beim Verfassungsschutz genommen und statt zu kommunizieren, was genau dort vorliege, den Buchläden eine standardisierte Absage-Mail geschickt.

„Buchläden sind gerade in einer Demokratie wichtig, damit es eine kritische Öffentlichkeit gibt“, kommentiert Sascha Bender diesen Vorfall. Wenn der Staat Kunst und Kultur fördere, müsse er dieser auch einen Freiraum lassen.

Es sei „fatal“, wenn sich Kunst und Kultur wie in diesem Fall nicht gegen den Ausschluss wehren können und nicht transparent gemacht wird, weshalb sie ausgeschlossen werden. Hier müsse also auf allen Ebenen bei großen und kleinen Buchläden auch in Zukunft Aufmerksamkeit herrschen.

Feierlichkeiten am Freitag zum Jubiläum

Das „Black Pigeon“ wolle in Zukunft weiterhin ein Platz für die politische Meinungsbildung und für die Nachbarschaft da sein.

Das Jubiläum, zu dem das „Black Pigeon“ einlädt, feiert der Buchladen am Freitag (20. März) in der Scharnhorststraße 50 von 13-19 Uhr mit Kaffee und Kuchen.


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Reaktionen

  1. Ulrich Sander

    Eine solche Buchhandlung wäre wohl auch vom Staatskulturminister Weimer diskriminiert worden. Und zwar mit Hilfe des Verfassungschutzes. Dies fand ich eben:
    https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/FAQ-Der-Weg-zur-eigenen-Stasi-Akte,stasi428.html
    Das ist aus diesen Tagen. Und niemand setzt diese Forderung ins Netz: Der Weg zur eigenen Verfassungsschutzakte, der muss endlich – angesichts des Skandals um den Buchhandelspreis – freigemacht werden. Wir müssen ja keinen Sturm auf die Verfassungsschutzämter starten, es wäre schon wertvoll, wenn Medien die Sache einmal thematisierten. Es sollten doch alle Menschen, die geheimdienstlich ausspioniert werden, erfahren, was der VS gegen uns treibt. Noch eine Frage: Hat es je ein Gestapo-Unterlagengesetz gegeben? Wir wollten einmal die Nazi-Akten, angelegt über meinen Schwiegervater Artur Burmester (1915-1989) aus Hamburg einsehen. Das Hamburger Staatsarchiv konnte einen Packen Akten über ihn finden und sandte uns für 300,–€ Kopiekosten die Dokumente zu. Wir schrieben über deren Inhalt in einer Broschüre: „Aus dem Jahr 1966 stammt ein Gutachten eines der höchsten 131er (das sind im öffentlichen Dienst in der BRD-West wieder eingestellte Nazi-Funktionäre) und Nazi-Mediziners Prof. Hans Bürger-Prinz, der nach dem Krieg in Hamburg der allein zuständige Gutachter in Wiedergutmachungsfällen war. Er bescheinigte Artur Burmester, dass ihm keine Entschädigung zukomme, denn »der Kläger nahm die Risiken einer Verfolgung im Sinne einer mehr oder weniger bewusst gewählten Selbstbewährung im Einsatz für die Idee auf sich, unterscheidet sich darin also gegenüber der unausweichlich Situation eines rassisch Verfolgten«. Artur war also selbst schuld, er hätte den Widerstand unterlassen sollen, dann hätten ihm die Nazis nichts angetan. Dabei wird in dem Gutachten durchaus deutlich, wie er gelitten hat, der bereits 1933 mit 17 Jahren in die Fänge der Gestapo geriet und insgesamt dreieinhalb Jahre Haft plus ‚Bewährungseinheit 999‘ sowie Zwangsarbeit durchmachte.“

    Ulrich Sander, Dortmund

  2. VVN-BdA Dortmund

    Presseerklärung: Internationales Komitee Buchenwald Dora und Kommandos zum Ausschluss dreier Buchhandlungen vom Deutschen Buchhandlungspreis
    geschrieben von Internationales Komitee Buchenwald Dora und Kommandos
    20. März 2026
    Buchhandlungspreis, Internationales Komitee Buchenwald Dora, Wolfram Weimer
    Das IKBD sieht die Entscheidung des Kulturstaatsministers Wolfram Weimer, drei Buchhandlungen intransparent und ohne nachvollziehbare Begründung von der Liste der für den Deutschen Buchhandlungspreis vorgeschlagenen Einrichtungen auszuschließen, mit großer Sorge.

    Die deutsche und europäische Geschichte mahnt zur Wachsamkeit. Die öffentliche Stigmatisierung von Buchhandlungen oder Verlagen durch staatliche Stellen – insbesondere, wenn sie unter Berufung auf nicht offengelegte Erkenntnisse und unter Umgehung unabhängiger Fachjurys geschehen – erinnert an Traditionen von Ausgrenzung und kultureller Kontrolle, deren Folgen verheerend waren und nie vergessen werden dürfen.

    Gerade im Bewusstsein der Verantwortung, die aus der Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager erwächst, warnt das IKBD entschieden vor solchen Entwicklungen. Die Freiheit des Buches und die Vielfalt der Stimmen sind unentbehrliche Grundlagen einer demokratischen Gesellschaft.

    Daher mahnen wir mit Nachdruck, dass staatliches Handeln im Kulturbereich den Prinzipien von Freiheit, Pluralität und Transparenz verpflichtet bleiben muss. Wenn eine Demokratie extremistische Tendenzen abwehrt und Schutzräume verteidigt, muss dies auf Basis offener Diskurse, klarer Regeln und rechtsstaatlicher Überprüfbarkeit geschehen. Willkürliche politische Einflussnahme, die Stimmen ohne offenes Verfahren ausschließt, verletzt den Geist einer offenen Kultur. Es ist Aufgabe des Staates, Räume für Meinungsvielfalt für alle, die sich klar zu den allgemeinen Menschenrechten bekennen, transparent zu schützen – nicht, sie durch undurchsichtige Eingriffe einzuengen.

    Das Internationale Komitee Buchenwald Dora und Kommandos
    Montreuil am 12. März 2026

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