Nordstadtblogger

Corona und der Glaube (Teil 2): Impuls der Jüdischen Gemeinde zu Zeiten, wo Gottesdienste nicht möglich sind

Baruch Babaev ist der neue Rabbiner in Dortmund.

Baruch Babaev ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde in Dortmund. In Zeiten von Corona fordert er die Menschen auf, Neues zu wagen, ihren Dienst an Gott zuhause zu leben und die Hoffnung nicht zu verlieren. Fotos (6): Alex Völkel/Archiv

Durch die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus kommt das öffentliche Leben nahezu zum Erliegen. Alle Menschen sind angehalten, soziale Kontakte zu meiden. Dies gilt in besonderem Maße für die Risikogruppen. Die Zahl der Infektionen steigt auch in Dortmund weiter an und es ist laut der Expert*innen zu erwarten, dass uns der Höhepunkt in den kommenden Wochen noch bevorsteht.

 

Für viele ältere Menschen, die ohnehin schon relativ isoliert mit wenig Kontakt zur Aussenwelt ihr Dasein fristen, nimmt die Einsamkeit zu und sie harren in ihren Wohnungen aus, ungewiss wie sich die Lage weiter entwickeln wird. Durch die Ausweitung der Versammlungs- und Veranstaltungsauflagen sind seit Mitte der Woche nun auch die unterschiedlichen Religionsgemeinschaften betroffen und dürfen keine Gottesdienste mehr abhalten. Vielen Menschen fehlt somit der Rückhalt, der Austausch, der Trost und die Hoffnung, die sie sonst in ihrem Glauben gefunden haben.

 

Aus diesem Grund werden wir während der Corona-Krise regelmäßig Geistliche verschiedener Konfessionen aus Dortmund zu Wort kommen lassen, die den Menschen Mut machen und die Impulse geben wollen, wie wir alle gemeinsam diese Krise überstehen können.

 

In der letzten Woche machte der katholische Pfarrer Ansgar Schocke von der Katholischen Kirchengemeinde Heilige Drei Könige  (Dortmund-Nordstadt) den Anfang in unserer neuen Impuls-Reihe. In dieser Woche folgt ihm Rabbiner Baruch Babaev von der Jüdischen Gemeinde Dortmund, der sich unter dem Titel „In Zeiten, wo die Gottesdienste nicht stattfinden dürfen“ an die Menschen in Dortmund wendet.


In Zeiten, wo die Gottesdienste nicht stattfinden dürfen

Als ich zum ersten Mal über Corona um den Jahreswechsel herum hörte befand ich mich gerade mit meiner Familie im Urlaub. Der Nachrichtenmeldung habe ich zunächst, wie bestimmt die meisten auch nicht so viel Bedeutung beigemessen, auch weil China so weit im Osten ist. ___STEADY_PAYWALL___

Auch die Tatsache, dass Europa nicht China ist und dass hier zu Lande ganz andere Verhältnisse herrschen als es in China der Fall ist, hat mich glauben lassen, dass die Menschen in Europa wirklich nichts zu befürchten hätten. Die Überzeugung von menschlicher Intelligenz und dem hohen wissenschaftlichen Stand im Jahre 2020 waren weiteren Argumente die mich ruhig stimmten.

Wie der Rabbiner die Entwicklung der Pandemie erlebte: Am Anfang war alles ganz weit weg

Baruch Babaev ist der neue Rabbiner in Dortmund.

Jeder weitere Tag, jede weitere Nachricht haben den Ernst der Lage nur verdeutlicht. Die Stimmung kippte mit dem ersten bestätigten Infizierten der Anfang März in Dortmund verzeichnet wurde. Die Jüdische Gemeinde hat daraufhin eine schon lange geplante Feier kurzfristig abgesagt, alle Gottesdienste fanden aber wie gewohnt statt.

Mitte März kam es dann dazu, dass auch unsere Gemeinde geschlossen wurde und zum ersten Mal in der ganzen Geschichte der BRD auch die Synagoge. Es ist befremdlich still in der Synagoge, ein sonst sehr lebhafter Ort. Und wie bestimmt auch andere Geistliche werde auch ich nach dem Sinn des neuartigen Virus gefragt, und ob es wirklich von Gott kommt, denn wenn es von Gott kommt, warum sind dann auch die Gotteshäuser von den Schließungen betroffen?

Viele Fragen tummeln sich auch in meinem Kopf, handele ich denn auch richtig, denn eigentlich waren es immer gerade die Gotteshäuser die bei jeder Gefahr von den Menschen immer als schützende Stätte empfunden wurden. Hier hat man nicht nur nach Schutz und Sicherheit gestrebt, sondern auch nach Verständigung mit Gott. Und plötzlich sollen wir die Synagoge schließen?

Drei tägliche Gebete, die auch alleine zuhause gebetet werden können

Doch die Zweifel waren schnell weg, wenn man sich nach der jüdischen Lehre orientiert und die Maxime „das Leben geht vor“ vor die Augen hält. Dieser Leitsatz stützt sich auf den Vers in der jüdischen Heiligen Schrift – der so genannten Tora – 5. BM 18,5:

Jüdisches Leben in Dortmund - die ZuwandererInnen aus der ehemaligen Sowjetunion sorgen für die Belebung.

Geistige Verbundenheit kann über das Aussetzen sozialer Kontakte hinweghelfen.

„So wahrt meine Gesetze und meine Rechtssatzungen, die der Mensch üben soll, daß er durch sie lebe; ich bin der Ewige.“ Was zu bedeuten hat, dass wenn die öffentlichen Gottesdienste eine Gefahr bergen, dass jemand sich anstecken könnte und zu leiden käme, dann ist es ein Grund die Synagoge zu schließen. 

Außerdem sage ich immer dass die Religion keinen Urlaub oder Wochenende kennt. Im Judentum heißt es, dass man jeden Tag Gott dienen soll, auch dann wenn die Gotteshäuser ihre Pforten verschließen. Im Judentum haben wir drei tägliche Gebete, die auch allein zuhause gebetet werden können. 

Das heißt auch dann, wenn die Synagoge geschlossen ist kann und soll jeder von uns seine Beziehung zum Ewigen nicht nur aufrechterhalten, sondern auch intensivieren. Und dazu eignet sich auch ein Gebet aus unserer Wohnung wie es geschrieben steht in 2. BM 20, 21 „An allem Ort, wo ich meines Namens gedenken lasse, werde ich zu dir kommen und dich segnen.“

Physische soziale Distanz kann durch geistliche Nähe kompensiert werden

Baruch Babaev ist der neue Rabbiner in Dortmund.

„Es ist befremdlich still in der Synagoge, ein sonst sehr lebhafter Ort.“

Gott zu dienen sollte auch nicht nur auf das Gebet allein bezogen werden. Man darf und soll diesen Begriff weiterhin ausdehnen. Unter dem Gottesdienst soll verstanden werden, die Ausrichtung unseren Lebens mit allen Handlungen nach Gott und Seiner Satzung. Dazu gehört auch unser Umgang mit den Mitmenschen, die genauso wie jeder einzelne auch Geschöpfe Gottes sind und nach Seinem Antlitz erschaffen wurde. 

Aber gerade diese Situation sorgt dafür, dass wir ab und zu gerade diesen Bereich des Gottesdienstes vernachlässigen. Sorgen, Ängste und die Ungewissheit leiten die Menschen dazu Hamsterkäufe zu tätigen und dabei ganz und gar zu vergessen, dass man nicht allein auf dieser Welt ist. Der Überlebensdrang soll nicht die Menschlichkeit in unseren Herzen töten. 

Doch ab und zu sieht es anders aus, gerade dann, wenn in Geschäften Sicherheitspersonal eingestellt werden muss um für Ordnung zu sorgen. Wenn die Gotteshäuser zu sind, soll das nicht heißen, dass es jetzt erlaubt ist amoralisch zu handeln. Nein, gerade im Gegenteil, diese neuartige Situation ist eine Art Prüfung für jeden einzelnen von uns, wo es zu beweisen gilt, dass gerade jetzt wo wir aufgefordert sind zwar physisch „Social-Distancing“ zu betreiben, wir mental doch näher aneinander rücken um für einander stets da zu sein.

Pessach-Fest im April kann nicht gemeinsam gefeiert werden

Baruch Babaev ist der neue Rabbiner in Dortmund.

Beim diesjährigen Pessach-Fest muss die Synagoge leider leer bleiben.

Diese und andere wichtige Botschaften senden ich und meine Kollegen bundesweit fast täglich an unsere Gemeinden um die Menschen wieder und wieder dafür zu sensibilisieren. Diese Botschaften verschicken wir aus unseren Wohnungen – wo auch die Rabbiner versuchen so viel wie es geht für unsere Gemeinden und noch wichtiger für unsere Mitglieder da zu sein.

Dabei nutzen wir eine breite Palette von verschiedenen Plattformen im Netz um unseren Mitgliedern in dieser Zeit etwas näher zu sein, um die Menschen zu betreuen, aber viel wichtiger damit Menschen ihre Hoffnung und Zuversicht nicht aufgeben.

Und es fällt ehrlich gesagt nicht leicht, besonders weil bald eines der Feste des Judentums überhaupt stattfinden soll, es ist Pessach – der Auszug aus der Ägyptischen Sklaverei – es wird aber nicht wie gewohnt in der Gemeinde beisammen gefeiert. Deshalb war es uns gerade in diesem Jahr ein wichtiges Anliegen, allen Mitgliedern die Pakete mit Mazzen – das ungesäuerte Brot – zu verschicken. Und in der Tat, diese Aktion hat dazu beigetragen dass unsere Mitglieder Ihre Hoffnung nicht verlieren und Pessach würdig begehen werden.

Schaffen Sie sich in der Isolation eine Tagesstruktur und Aufgabenverteilung

Baruch Babaev ist der neue Rabbiner in Dortmund.

Baruch Babaev: „Bleibt mir ja alle gesund!“

Weil Covid 19 die Welt vor neue Herausforderungen gestellt hat, müssen viele von uns von zu Hause aus arbeiten. Auch danach fragen mich Menschen und wollen wissen, wie man sich am besten motiviert um von zuhause aus auch leistungsfähig zu arbeiten. Dabei möchte ich, dass jeder sich folgenden Gedanken verinnerlicht: 

Genauso wie ich auf die Arbeit vieler Menschen angewiesen bin, gibt es Menschen die auf meine nicht verzichten können. Es vermittelt das Gefühl das man gebraucht wird, dass auf einen gezählt wird. Man muss verstehen, dass man erst dann produktiv arbeiten kann, wenn die Familie versorgt ist. Sind die Kinder noch so klein, dass sie keine Schulaufgaben haben, dann muss über ein Schichtsystem mit dem Partner nachgedacht werden, damit jeder seine Arbeit schafft.

Es macht Sinn auch innerhalb der Familie feste Strukturen und Abläufe zu vereinbaren, denn auch wenn es die Menschen sind, die man am meisten liebt, die einen nun ständig umgeben, kann so schon im Vorfeld vermieden werden, dass man sich in die Quere kommt und unnötige Streitereien ausbrechen.

Wagen Sie etwas Neues: Tagebuchschreiben kann helfen, das Erlebte zu verarbeiten

Die Aufarbeitung der neuen Erlebnisse klappt besser wenn man diese einem Tagebuch anvertraut, und überhaupt eignet sich diese Zeit am besten etwas neues zu wagen, Hauptsache man ist beschäftigt, denn „Müßiggang führt zum Wahnsinn“, so die Mischna Ktubot 5, 5.

Auch in den Zeiten, wo die Gotteshäuser geschlossen sind, beten wir weiterhin. Ich persönlich bete für die Genesung aller Kranken und bete dafür, dass wir alle unbeschadet zurück zu unseren Alltag finden – hoffentlich nach der Corona – wie neue Menschen, mit neuen und verbesserten Sichtweisen auf die Welt, unser Leben und unsere Mitmenschen. 

Bleibt mir alle ja gesund!


Evangelische und katholische Kirchen:
Glocken läuten täglich bis Gründonnerstag

Auch wenn die Kirchen leer belieben, rufen die Gemeinden zum gemeinsamen Gebet auf. Foto: Archiv

Die evangelischen und katholischen Kirchen in Dortmund laden für einen Monat täglich dazu ein, für einen Moment innezuhalten, jede und jeder für sich eine Kerze anzuzünden, sie gegebenenfalls sichtbar ins Fenster zu stellen, und ein Gebet und Vater Unser zu sprechen.

Täglich um 19.30 Uhr können die Gebete mit Glockengeläut eingeleitet und begleitet werden. Die Einladung ruft auf zum Innehalten und zum Gefühl von Gemeinschaft auf Distanz. Jeden Abend in der Passionszeit „versammeln“ sich die Gläubigen einzeln, aber im Gebet vereint – gerne auch mit einem Lied.

Eine Kerze im Fenster kann solidarische Wärme und zuversichtliches Licht ausstrahlen und dies alles bei ökumenisch vielstimmigem Glockenklang. Kerze anzünden und Gebet ist eine ökumenische Initiative und geht an alle Menschen in ganz Nordrhein-Westfalen und darüber hinaus.

Interessierte können hier einen Gebetsvorschlag der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen NRW (ACK) einsehen oder als PDF herunterladen: Ökumenisches Gebet in Zeiten der Coronakrise 

 

Unterstütze uns auf Steady

 

Mehr zum Thema bei nordstadtblogger.de:

Wegen Gefahrenlage durch Pandemie: In Dortmund entzünden Religionsgemeinschaften gleichzeitig „Lichter der Hoffnung“

Corona und der Glaube: Geistliche aus Dortmund machen Mut und geben Impulse für den Umgang mit der Krise

Corona und der Glaube (Teil 2): Impuls der Jüdischen Gemeinde zu Zeiten, wo Gottesdienste nicht möglich sind

Corona und der Glaube (Teil 3): Impuls der Ev. Kirche – „Berührende Liebe – Gedanken zum Palmsonntag“

Corona und der Glaube (Teil 4): Impuls der Katholischen Kirche Dortmund – „Wenn das alles erst vorbei ist, dann…“

Corona und der Glaube (Teil 5): „Religion und Pandemie – die Worte des Propheten sind fundierte Ratschläge (Gebote)“

Print Friendly, PDF & Email

Ein Gedanke zu “Corona und der Glaube (Teil 2): Impuls der Jüdischen Gemeinde zu Zeiten, wo Gottesdienste nicht möglich sind

  1. Ev. Lydia-Gemeinde Dortmund (Pressemitteilung)

    Online-Gottesdienste aus der Pauluskirche am Gründonnerstag, Karfreitag und Ostersonntag 2020 – Ostern mit echten Lämmern und Schafen

    Eine Trilogie von Gottesdiensten bietet die Ev. Lydia-Kirchengemeinde auf YouTube ab 9. April 2020. Die außergewöhnlichen Gottesdienste stehen unter dem Thema: „Zeit des Wandels“.

    Beteiligt sind neben Pfarrehepaar Sandra und Friedrich Laker, Organist Dietmar Korthals und Sprecherin Claudia Mork.

    Außerdem gibt es Videoschaltungen in das Wohnzimmer und Tonstudio der GROOVESPECIALS beim Gottesdienst am Karfreitag und auf die Schafwiese des Begegnungshofes HerzBerg Herdecke zur Musikerin und Schäferin NIC KORAY am Ostersonntag. Hier gibt es seit zwei Wochen junge Lämmer.

    Alle Infos im Detail: http://www.pauluskircheundkultur.net

    Zuschauer*innen können sich aktiv in den Ostergottesdienst einbringen. Wie das geht?

    ALLE INFOS, auch die You-Tube- Links zu den einzelnen Gottesdiensten, auf http://www.pauluskircheundkultur.net

    Bis Mitte der Woche erscheint auf YouTube auch ein „Trailer“, der zu dieser Gottesdienstreihe einlädt. Link ab Mittwoch auf der Homepage.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Infos

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen