Foto: Susanne Schulte für Nordstadtblogger.de Silvia Koslowski und Johannes Kirsch begrüßen Fatma Karacakurtoglu, Michael Gonas, Moderatorin Judith Schulte-Loh, Timo Stascheit und Markus Roeser (v.l.).
Gierige Vermieter*innen und zu wenig Sozialwohnungen, Scham und Unwissenheit sind häufige Ursachen dafür, dass Menschen ihr Zuhause verlieren. Wie das verhindert werden kann und wo Hilfen zu finden sind, um diese Notlage zu vermeiden, waren die Themen beim zweiten Nordstadtgespräch auf der Münsterstraße am Mittwochnachmittag.
Gewünscht, aber kaum möglich: kostenlose mietrechtliche Beratung
Auf dem Platz vor der Josephskirche moderierte die Hörfunkjournalistin Judith Schulte-Loh die Veranstaltung, bei der die Gäste ihre Fragen an den Dortmunder Sozialamtsleiter Michael Gonas, an Timo Stascheit vom Wohnungslosenzentrum Wichern, an Markus Roeser vom Mieterverein und an Fatma Karacakurtoglu, Ratsfrau und Mitglied im Sozialausschuss stellen konnten.
Unbestritten war, dass es in Dortmund viele Beratungsstellen gibt, die unterstützen können. Gonas und Karacakurtoglu nannten hier die Sozialbüros, die Seniorenbüros, die Verbraucherberatung und Lokal willkommen. Auch das Amt für Wohnraumsicherungen kann einspringen, so Gonas.
Foto: Susanne Schulte für Nordstadtblogger.de Das Publikum auf dem Platz vor der Josephskirche folgte sehr interessiert dem Gespräch.
Allerdings gibt es Hilfe hier nur, wenn die Miete mal knapp wird. Timo Stascheit wies noch auf eine weitere Stelle hin: das Jobcenter. Das habe in Dortmund einen eigenen Bereich für Menschen, denen der Wohnungsverlust wegen Mietrückständen.
Doch dieses Beratungsangebot scheint vielen Personen unbekannt zu sein. So wurde aus dem Publikum eine niederschwellige und kostenlose mietrechtliche Beratung angeregt. Dazu meinte Markus Roeser, dass es von Rechts wegen nicht so einfach sei, einfach eine kostenlose Rechtsberatung anzubieten. Auch der Mieterverein dürfe dieses nur für seine Mitglieder tun.
„Meist warten Ratsuchende so lange, bis es zu spät ist“
Selbst die, die wissen, wo eine Beratungsstelle ist, kommen oft zu spät, so seine Erfahrung. „Das ist ein Scham besetztes Thema“, so Stascheit. „Deshalb warten Menschen so lange, bevor sie sich öffnen, und dann ist es meistens zu spät.“
Foto: Susanne Schulte für Nordstadtblogger.de Die Gäste waren gar nicht schüchtern und stellten ihre Fragen an die Gesprächspartner*innen auf der Bühne.
Michael Gonas erzählte, dass die Verwaltung zurzeit ein Präventionsmodell erstelle, „damit die Menschen gar nicht erst wohnungslos werden“. Auch heute gelte jedoch schon: Wer verwitwet ist, die Wohnung nun zu groß oder die Miete überm Regelsatz, werde nicht gleich aufgefordert, sich eine andere zu suchen.
„Bei 30 Euro überm Regelsatz lohnt sich kein Umzug“, so Gonas. Denn die Umzugskosten müssten sich in zwei Jahren amortisiert haben.
Roeser: „Vermieter*innen, die ihre Häuser verrotten lassen, das Eigentum entziehen“
Wer eine Wohnung hat, um die sich bei Schäden der Vermieter und die Vermieterin nicht kümmern, findet bei der Stadt kaum Hilfe. „Das ist ein privatrechtliches Problem. Da kann das Sozialamt nicht eingreifen, selbst wenn es die Miete bezahlt“, sagte Gonas.
Markus Roeser weiß, „dass viele Leute Angst haben, sich mit Vermietern auseinanderzusetzen“. Dabei sei klar: Den Schimmel muss der Vermieter oder die Vermieterin beseitigen, „egal wer ihn verursacht hat“. Er plädiert dafür, Vermieter*innen, „die ihre Häuser verrotten lassen“, das Eigentum zu entziehen.
Das werde ja auch schon gemacht, so Ratsfrau Karacakurtoglu. Problemhäuser kaufe die Stadt auf, saniere und vermiete diese zu vernünftigen Mieten. Allein, da war sie sich mit Roeser einig, es fehlt an Geld, um dies flächendeckend zu tun.
Es fehlt an tausenden Sozialwohnungen in der Stadt
Judith Schulte-Loh fasste zwischendurch zusammen: „Was wir brauchen, ist sozialer Wohnungsbau. Da sieht es in Dortmund nicht gut aus. Und niemand zieht mehr um.“ War Karacakurtoglu guter Hoffnung, dass die Stadt das auf den Weg bringen kann, wiedersprach Roeser: „Wir können das, was aus der Bindung läuft, niemals nachbauen.“
Foto: Susanne Schulte für Nordstadtblogger.de Auch miteinander kamen die Zuhörer*innen ins Gespräch.
Die vielen Werkswohnungen in Dortmund seien mit den Jahren privatisiert worden, die Wohnungskonzerne könnten jetzt ihre Mieten selbst bestimmen.
Ein Recht auf Wohnungstausch regte eine Zuhörerin an. Wer nach Jahrzehnten aus einer großen, preiswerten Wohnung ausziehen wolle, fände jedoch eine kleinere nur, für die häufig viel mehr Miete zu zahlen sei. Markus Roeser berichtete hier, dass es in Österreich das Recht auf Wohnungstausch gebe.
Man könne in Dortmund Ähnliches anstoßen: Die Miete bleibt für die Tauschpartner*innen gleich, nur die Wohnungsgröße verändert sich.
Die Nachbarbude kann Wegweiser zur Beratung sein
Das Publikum nahm nach diesem anderthalbstündigen Gespräch den Ratschlag mit auf den Weg: Egal ob bei Schimmel in der Wohnung, Sprachschwierigkeiten oder unverschämten und unberechtigten Mieterhöhungen sowie notwendigem Wohnungswechsel, sich unverzüglich Unterstützung bei den Beratungsstellen zu holen und nicht zu warten, bis alle Fristen verstrichen sind. Denn bis der Dortmunder Wohnungsmarkt sich durch neue Sozialwohnungen zu Gunsten der Mieter*innen regelt, wird es wohl noch Jahre dauern.
Dieses zweite Nordstadtgespräch hatten erneut Johannes Kirsch und Susanne Schulte organisiert, beide Mitglied im Seniorenbeirat für die Nordstadt, dieses Mal zusammen mit Silvia Koslowski von der Nachbarbude. Auch dort, an der Nachbarbude vor der Josephskirche, bekommen Ratsuchende viele Hinweise, an wen sie sich in Sachen untragbare Wohnsituation wenden können – ganz unbürokratisch und kostenlos.
Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!