BDA-Architekturpreis verliehen: Warum gutes Bauen mehr bedeutet als schöne Fassaden

Drei Bauwerke als Beispiele herausragender Architektur ausgezeichnet

Karsten Wickern | Nordstadtblogger Im Baukunstarchiv NRW wurde der Preis vor geladenen Publikum vergeben.

Wie müssen gute Gebäude heute aussehen? Was macht Architektur aus, die nicht nur gestalterisch überzeugt, sondern auch nachhaltig ist, Ressourcen schont und über Jahrzehnte Bestand hat? Und wie lässt sich Neues schaffen, ohne die Qualitäten des Vorhandenen zu zerstören? Fragen wie diese standen im Mittelpunkt der Verleihung des Architekturpreises, mit dem der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) Dortmund Hamm Unna in dieser Woche drei Bauwerke ausgezeichnet und eine weitere Arbeit mit einer Anerkennung gewürdigt hat.

Einsatz für den Erhalt von Baukultur und Reduktion von Emissionen

„Bauen bedeutet Zerstören, also zerstöre mit Verstand und Freude“, sagt Marcus Patrias, Vorsitzender des BDA Dortmund Hamm Unna, und erinnert damit an ein Zitat des Schweizer Architekten Luigi Snozzi. Für Patrias ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: „Der Verstand müsste uns sagen: Zerstöre möglichst wenig.“ Dabei gehe es einerseits um den Erhalt des baukulturellen Erbes, insbesondere um „öffentlichkeitswirksame Bauwerke mit stadtbildprägender Wirkung“.

Karsten Wickern | Nordstadtblogger BDA-Vorsitzender Marcus Patrias

Dazu zählen für ihn etwa Schulgebäude, das Sparkassengebäude und das IHK-Gebäude, für deren Erhalt sich der BDA auch politisch einsetzt. Zugleich verweist Patrias auf den hohen Ressourcenverbrauch beim Bauen und den damit verbundenen ökologischen Fußabdruck. Deshalb gelte es, möglichst wenig zu zerstören und vorhandene Gebäude stärker zu erhalten.

Als positives Beispiel nennt Patrias das Baukunstarchiv NRW in Dortmund, in dem auch die Preisverleihung stattfand. Das ehemalige Museumsgebäude wurde vor dem Abriss gerettet und behutsam saniert.

Karsten Wickern | Nordstadtblogger

An diesem Beispiel werde deutlich, „wie wichtig und entscheidend gute Stadtbaumeister, Stadtplaner in Verbindung mit einer aktiven Bürgerschaft und kritischem Denken waren und heute noch sind“, betont Patrias.

Darüber hinaus erneuert er eine alte Forderung des BDA: die Zusammenlegung des Planungs- und des Baudezernats der Stadt Dortmund. Das könne Kosten sparen und Schnittstellenverluste verringern. Für Patrias scheint gerade jetzt ein guter Zeitpunkt dafür zu sein.

Langlebige Architektur als Zeichen der Sicherheit

Dass der Erhalt bestehender Gebäude keineswegs zulasten der gestalterischen Qualität gehen muss, zeigen auch die eingereichten Arbeiten zum BDA-Architekturpreis 2026. Knapp die Hälfte der begutachteten Bauwerke sei im Bestand entstanden, berichtet Patrias. Umbauten, Erweiterungen und die Weiternutzung vorhandener Gebäude gewinnen damit zunehmend an Bedeutung. Dabei geht es nicht nur um Klimaschutz, sondern auch um die Identität von Gebäuden und Orten.

Karsten Wickern | Nordstadtblogger Wolfgang Sonne, wissenschaftlicher Leiter des Baukunstarchivs NRW

Auch Wolfgang Sonne, wissenschaftlicher Leiter des Baukunstarchivs NRW, wirbt für nachhaltiges Bauen. „Kann das Bestand haben?“, sei eine entscheidende Frage, die sich Architekten stellen sollten. Gebäude sollten nicht so konstruiert werden, dass bereits absehbar sei, dass sie in 20 oder 30 Jahren überholt sind.

Neben der Verringerung von Emissionen geht es Sonne auch um das Gefühl von Sicherheit und Beständigkeit, das langlebige Gebäude vermitteln können. Dauerhaftigkeit sei deshalb nicht nur eine technische, sondern auch eine gestalterische Frage.

Daraus ergebe sich ein Anspruch an die Architektur, der weit über aktuelle Trends hinausreiche. „Könnte das jemandem in einhundert Jahren vielleicht auch noch gefallen?“, formuliert Sonne die Frage, die bei der Planung neuer Gebäude mitgedacht werden müsse.

Drei Auszeichnungen und eine Anerkennung

Wie stark diese Fragen auch die Bewertung zeitgenössischer Architektur prägen, erläutert die Juryvorsitzende Birgit Rapp vom Architekturbüro Rapp+Rapp in Amsterdam und Antwerpen. Der fünfköpfigen Jury gehörten außerdem die Hamburger Architektin Maike Basista (NOTO Architekten), der Journalist und Architekturvermittler David Kasparek, der Architekt Thomas Laubert vom Architekturstudio Mitte in Gera sowie die Künstlerin Kathrin Rabenort an.

Karsten Wickern | Nordstadtblogger (V.l.) Juryvorsitzende Birgit Rapp und BDA Vorstandsmitglied Eva Reber übergaben die Auszeichnungen

Bei der Bewertung ging es der Jury um die Angemessenheit der architektonischen Lösung für die jeweilige Bauaufgabe, die Einbindung in den städtebaulichen Kontext und den Umgang mit dem vorhandenen Baubestand. Weitere Kriterien waren Gestaltungsqualität und Funktionalität sowie Nachhaltigkeit im Sinne einer langfristigen Zukunftsfähigkeit – sowohl in gestalterischer und wirtschaftlicher als auch in sozialer und gesellschaftlicher Hinsicht.

Berücksichtigt wurden zudem der materialgerechte Einsatz von Ressourcen, konkrete Maßnahmen zur Verringerung von Emissionen und Bauabfällen sowie Innovationen, besondere Leistungen bei der Weiterentwicklung des Bauens und die gesellschaftliche Relevanz der Projekte. „Nichtsdestotrotz ging es natürlich um die architektonische Qualität“, betont Juryvorsitzende Birgit Rapp.

Die Jury setzte sich in mehreren Bewertungsrunden intensiv mit den Einreichungen auseinander. Nach einem ersten Rundgang verblieben 15 Projekte, nach einem zweiten noch neun. Sechs davon wurden anschließend vor Ort besichtigt. Am Ende vergab die Jury drei Auszeichnungen und eine Anerkennung.

Industriegeschichte bewahren und gleichzeitig neue Nutzungen ermöglichen

Für den Umbau und die Erweiterung des ehemaligen Salzlagers der Kokerei Hansa zu einer Veranstaltungshalle wurden Böll Architekten ausgezeichnet. Das Projekt entstand im Auftrag der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur. Die Jury lobt insbesondere den sensiblen Umgang mit der denkmalgeschützten Bausubstanz. Der Erweiterungsbau fügt sich in die vorhandene Architektur ein, ohne mit ihr in Konkurrenz zu treten. Verwaltungsräume und Sanitäranlagen wurden im Neubau untergebracht, sodass die imposante Industriehalle als eigentlicher Veranstaltungsraum weitgehend unverändert bleiben konnte.

Auch die neuen Eingriffe im Inneren ordnen sich dem historischen Bestand unter. Große Glasflächen des Erweiterungsbaus schaffen Sichtbeziehungen zur industriellen Umgebung. Eine angemessene Treppenanlage und ein Aufzug ermöglichen die barrierefreie Erschließung der Halle. Durch bewegliche Vorhänge lässt sich die Halle flexibel für unterschiedliche Veranstaltungen nutzen. Zugleich verbessern sie die Akustik.

Besonders überzeugt zeigt sich die Jury von der Verbindung aus Denkmalpflege, funktionaler Erweiterung und zeitgemäßer Nutzung. Die Architektur bewahre den historischen Charakter des Gebäudes und mache zugleich neue Nutzungen möglich. Vergangenheit und Gegenwart würden so, wie es in der Jurybegründung heißt, „in einer außergewöhnlichen Symbiose erfahrbar“.

Ein Neubau für die Zukunft des Theaters

Mit der Akademie für Theater und Digitalität hat das Architekturbüro Architektur.dlx für das Theater Dortmund ein neues Forschungs- und Entwicklungszentrum im Dortmunder Hafen geschaffen. An der Speicherstraße kommen digitale Entwicklung, künstlerische Praxis und Forschung zusammen. Die Einrichtung beschäftigt sich mit den Möglichkeiten von Technik und Digitalisierung für die Theaterwelt und bietet Raum für Experimente, Forschung und Weiterbildung.

Die Jury würdigt insbesondere, wie sich das Gebäude in sein industriell geprägtes Umfeld einfügt. Der kompakte, L-förmige Baukörper greift die Architektur der benachbarten Industriegebäude an der Speicherstraße auf und bildet zur Straße dreiseitig umschlossenen Raum, der zur Erschließung und Anlieferung dient.

Im Inneren verfügen alle Einheiten über ein geschossübergreifendes Portal. Ein zweigeschossiger Eingangsbereich mit Podiumstreppe dient zugleich als Treffpunkt. Auch die Nachhaltigkeit überzeugte die Jury: Das als Lowtech-Gebäude konzipierte Haus erfüllt mit den massiven Wänden und Decken die schalltechnischen wie auch die energetischen Anforderungen, während das begrünte Dach zur Kühlung beiträgt. Gesammeltes Regenwasser wird für die Bewässerung genutzt.

Die Jury hebt hervor, dass die Architektur trotz ihrer robusten, industriellen Anmutung eine gestalterische Qualität entwickelt, die dem Standort und seiner Nutzung gerecht wird. „Es spiegelt nach außen genau das was es ist: Eine Blackbox“, führt die Jury aus.

Ein offener Begegnungsort macht nachhaltiges Bauen erlebbar

Wie Architektur Klimaschutz und gesellschaftliches Miteinander verbinden kann, zeigt der Klimapavillon in Schwerte. Entworfen wurde das Gebäude für die Stadt Schwerte von New Architekten aus Köln in Zusammenarbeit mit Jutta Albus Architektur aus Leverkusen. Eingebettet in den öffentlich zugänglichen Klimagarten bietet der Pavillon Raum für Veranstaltungen, nachbarschaftliche Begegnungen und Bildungsangebote rund um Klimawandel und Klimaanpassung.

Ohne Dämmung und nur mit kleinen Infrarotheizungen ausgestattet bleibt das Klima erlebbar. Im Sommer warm und im Winter kühl, nie jedoch unerträglich heiß oder kalt. Das Gebäude ist damit für die Jury im Sinn des Soziologen Hartmut Rosa „eine weitere Hülle“ die sich um den Körper legt ohne ihn Hermetisch abzuriegeln. Die markante Dachkonstruktion mit zwei unterschiedlich hohen Firstlinien ist mit Photovoltaikmodulen ausgestattet.

Neben Sonnenenergie wird auch Regenwasser gesammelt, das unter anderem für die öffentlichen Toiletten genutzt wird. Bemerkenswert ist auch die Materialwahl: Die Fassade besteht aus sogenanntem „Kalamitätsholz“, das wegen vermeintlicher oder tatsächlicher Qualitätsmängel nicht in den herkömmlichen Handel gelangt. Die beteiligten Architekturbüros zeigen damit, wie sich auch vermeintlich minderwertige Materialien sinnvoll einsetzen lassen.

Für die Jury ist der Klimapavillon vor allem ein Beispiel für eine Architektur, die ökologische und soziale Fragen miteinander verbindet. Entstanden sei ein „tatsächlich inklusives Haus“, das Menschen unterschiedlichen Alters offenstehe und zugleich einen Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem menschengemachten Klimawandel leiste.

Ein Einfamilienhaus zeigt, wie ressourcenschonendes Sanieren gelingen kann

Eine Anerkennung erhielt das Kollektiv Baukreisel für die Sanierung eines Einfamilienhauses im Auftrag von Privatpersonen. Das Hombrucher Gebäude im Heimatstil wurde behutsam modernisiert, ohne seinen ursprünglichen Charakter zu verlieren. Die Jury würdigt insbesondere den Erhalt vorhandener Bauteile und die Wiederverwendung bereits produzierter Materialien.

Im Inneren wurden bestehende Strukturen weitgehend bewahrt. Türen, Böden, Treppen und weitere Ausstattungsdetails blieben erhalten und wurden aufgearbeitet. Auch bei der Sanierung setzte man auf Ressourcenschonung: Neben wiederverwendeten Bauteilen kamen bereits produzierte Materialien zum Einsatz, die andernorts nicht mehr benötigt wurden.

Die Jury hebt hervor, wie sich moderne Technik wie Solarenergie in den historischen Bestand integrieren lässt. Ein filigraner Anbau mit Gründach schafft zusätzlichen Raum und ermöglicht zugleich, dass sich die angrenzende Begrünung weiter ausbreiten kann.

Besonders bemerkenswert findet die Jury das Engagement der Privatpersonen. Die Sanierung zeige, wie nachhaltige Architektur auch im privaten Wohnbau gelingen könne. Zwar lasse sich über die Notwendigkeit der Größe einzelner baulicher Ergänzungen diskutieren, insgesamt sei das Projekt aber ein gelungenes Beispiel für den Umgang mit bestehenden Wohnhäusern. Es bewahre nicht nur die Identität des Ortes, sondern zeige auch, wie sich zeitgemäße Architektur und die Wiederverwendung von Materialien miteinander verbinden lassen.


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