Zwei französische Studierende sprechen über die aktuelle Situation in Frankreich

Proteststimmen aus Frankreich im Dietrich Keuning Haus

Fünf Personen auf einer Podiumsdiskussion
Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de Auf der Bühne sitzen drei Jugendliche aus Dortmund (links), die den beiden Franzosen (rechts) Fragen stellen und fürs Publikum dolmetschen

Die Schülerproteste in Frankreich sind aktuell in aller Welt Thema. Die Probleme, um die es geht, beschäftigen uns auch in Deutschland. Im Rahmen einer Veranstaltung des Festivals 0+1 Jugend & Protest im Dietrich Keuning Haus sind deshalb die zwei Studierenden Noah Quaste und Noahm Tabarki aus Frankreich nach Dortmund gekommen. In einem Podiumsgespräch sprachen sie davon, wie sie die Proteste erleben.

Die Forderungen der Studierenden

Noah Quaste studiert in Paris Nord Sozialwissenschaften und Noahm Tabarki in Montpellier Umweltjura. Beide sind in Frankreich zur Schule gegangen und können viele Forderungen der Protestierenden aus eigener Erfahrung nachvollziehen. 

Zwei Personen auf einer Podiumsdiskussion
Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de Noah Quaste (links) und Noahm Tabarki (rechts)

Die Proteste in den Pariser Vororten begannen am 17. September 2026 mit einem Aufruf zum Streik von Lehrkräften wegen Lehrermangel. Diese „fingen schnell Feuer“, wie die Jugendlichen berichten. 

Die Schüler:innen in den Vororten unterstützten die Aktion, hatten aber auch eigene Forderungen. Ein Beispiel ist der Stundenplan: Laut Quaste dauert ein Schultag teils zehn Stunden, dazu kämen Hausaufgaben, das sei für die Schüler:innen nicht förderlich. 

Tabarki fügte hinzu, dass Parcoursup, die französische Online-Plattform zur Vergabe von Studienplätzen, dringend eine Reform benötige. Auf Parcoursup reichen Abiturient:innen ihre 10 Studiengangswünsche ein, die dann von Computern mit Algorithmen bearbeitet werden.

Laut Tabarki sei es unmöglich nachzuvollziehen, welche Entscheidungen getroffen werden. Aktuell sei es so, dass ein Computer über die Zukunft von zukünftigen Studierenden entscheide, ohne dass diese hinterher nachvollziehen könnten, warum.

Die Polizeigewalt in den französischen Medien 

Aus den Schulprotesten ist inzwischen eine Bewegung geworden, bei der es nicht mehr nur noch um das Bildungssystem geht, sondern um das gesamte Sozialsystem Frankreichs. Dass sie so viel Aufmerksamkeit erlangen, liegt für Tabarki vor allem an der Gewalt.

Junger Mann mit Mikrofon
Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de Tabarki spricht im Podiumsgespräch

Er erzählte von einigen Protesten in den letzten Jahren, darunter die für die Rentenreform 2023. Diese seien friedlich geblieben und von der Regierung nicht gehört worden. Dieses Mal, sagt er, hätten die Franzosen keinen anderen Ausweg gesehen. 

Beide kritisieren, wie die Medien die Proteste darstellen – in Frankreich, aber auch weltweit: der Fokus liege vor allem auf die Gewalt und nicht auf die eigentlichen Probleme und Forderungen. Dabei sei vor allem problematisch, dass diese Gewalt sehr auf die Protestierenden projiziert werden. Laut Human Rights Watch (HRW) verliefen die Proteste fast ausnahmslos friedlich. 

Dabei sieht Quaste viele Aktionen der Demonstrierenden im Vergleich zu denen der Polizisten als weniger verwerflich. Während die Demonstrierenden seiner Meinung nach meist Diebstähle und Sachbeschädigungen begingen, gingen die Polizisten offen gewaltsam gegen Menschen vor. Zahlen des HRW zufolge sind jedoch sowohl unter den Protestierenden als auch den Polizisten einige Verletzte.

Der Fünf-Punkte-Plan der Regierung

Am vergangenen Dienstag, den 27.10., gab es Beschlüsse in Frankreich, die den Schüler:innen entgegenkommen sollen: Parcoursup soll abgeschafft werden, es soll 15.000 neue Studienplätze und über 3.000 zusätzliche Vertretungslehrkräfte geben. 

Zwei Personen auf einer Podiumsdiskussion
Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de Dolmetscher Adiamo Mara (links) und Noah Quaste (rechts) auf der Bühne

Zufrieden sind die Protestierenden nicht: Auch wenn viele sich über den Teilerfolg freuen, folgen am Wochenende bereits die nächsten Proteste.

Tabarki zufolge reichen die Reformen nicht und seien vor allem nicht im Hinblick auf die gesamte Protestbewegung hin getroffen worden: Nur einige Punkte seien bisher geklärt und nur ein paar ausgewählte Schüler:innen haben mitreden können. 

Quaste stimmt zu: „Damit die Bewegung wirklich erfolgreich ist und es Lösungen gibt, müsste das gesamte Land streiken und einen Wirtschaftsstillstand erzwingen.“

Und in Dortmund?

Dass wir in Deutschland keine solcher Proteste haben, erklären die beiden anhand von der französischen Geschichte und Mentalität – dass die Menschen in Frankreich schneller Gruppen bilden und auf die Straße gehen.

Dennoch gibt es dieses Wochenende große Gen Z Demonstrationen in ganz Deutschland – wie auch hier in Dortmund. Diese sind von denen in Frankreich inspiriert und werden ähnliche Forderungen beinhalten.

Zur Veranstaltungsreihe: Das 0 + 1 Festival ist ein Kultur- und Diskursfestival in Dortmund, welches unter anderem von dem Bildungswerk Vielfalt veranstaltet wird und sich den ganzen Oktober über mit dem Thema Liebe beschäftigt.


Quellen:

https://www.tagesschau.de/ausland/europa/frankreich-proteste-5-punkte-plan-100.html -(stand 27.10. – geöffnet 29.10.)

https://www.fr.de/politik/grossproteste-in-frankreich-ausschreitungen-70-000-polizisten-im-einsatz-zr-94556461.html – (stand 25.10. – geöffnet 29.10.)

https://www.hrw.org/de/news/2026/10/14/frankreich-uebermaessige-gewalt-gegen-schuelerproteste – (stand 14.10. – geöffnet 29.10.)

https://www.dw.com/de/frankreich-eskalierende-streiks-und-schülerproteste/g-79487477 (stand 30.09.- geöffnet 29.10.)


Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

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