„Systemfehler“: Warum ist türkischer Rechtsextremismus gefährlich, Gulistan Özmen-Tuncel?

Türkischer Rechtsextremismus: „Es ist kein importiertes Problem“

Gulistan Özmen-Tuncel arbeitet als Fachreferentin bei der 2025 gegründeten Fachstelle Türkischer Rechtsextremismus. Finn Tayfun Wieschermann | Nordstadtblogger

Häufig wird türkischer Rechtsextremismus in Deutschland nur am Rande wahrgenommen. Allerdings existieren entsprechende Strukturen und Ideologien auch hier seit Jahrzehnten. Im „Systemfehler“-Podcast erklärt Gulistan Özmen-Tuncel von der Fachstelle Türkischer Rechtsextremismus (FaTRex), warum das Phänomen nicht als ausschließlich türkisches oder importiertes Problem betrachtet werden sollte.

Türkischer Rechtsextremismus ist ein Teil der deutschen Gesellschaft

Im Umgang mit türkischem Rechtsextremismus ist für Özmen-Tuncel eine klare Einordnung sehr wichtig. Zwar habe dieser seine historischen Wurzeln in der Türkei, werde aber in Deutschland fortgeführt und habe sich an die deutsche Gesellschaft angepasst. „Wir als Fachstelle sehen da tatsächlich keinen Sonderposten“, erklärt sie. Es handele sich vielmehr um eine Form des Rechtsextremismus, die auch in Deutschland betrachtet und bekämpft werden müsse.

Özmen-Tuncel stellt klar: Türkischer Rechtsextremismus ist ein Teil des deutschen Rechtsextremismus. Finn Tayfun Wieschermann | Nordstadtblogger

Ein zentraler Bestandteil dieser Ideologie ist die Überhöhung der türkischen Nation. Daraus entstünden autoritäre Vorstellungen sowie ein starkes Freund-Feind-Denken. Betroffen sind unter anderem Kurd:innen, Alevit:innen, Armenier:innen sowie Jüdinnen und Juden. Ihnen wird teilweise ein hoher Anpassungsdruck auferlegt. Als Beispiele nennt Özmen-Tuncel die Ablehnung der kurdischen Sprache und die Feindseligkeit gegenüber Menschen muslimisch-alevitischen Glaubens.

Gleichzeitig warnt sie vor einer pauschalen Betrachtung. So vertrete nicht jede Person mit türkischem Hintergrund rechtsextreme oder radikal-nationalistische Positionen. Allerdings seien bestimmte antikurdische Narrative oder Vorurteile gegenüber religiösen Minderheiten auch außerhalb rechtsextremer Gruppen weit verbreitet.

Der Hass auf Feindbilder als gemeinsamer Nenner

Trotz der unterschiedlichen historischen Bezüge sieht Özmen-Tuncel klare Parallelen zum deutschen Rechtsextremismus. So spielten in beiden Szenen Feindbilder eine wichtige Rolle. Auch Angehörige ethnischer Minderheiten und Menschen aus der LGBTQ-Community seien häufig Ziel von Ausgrenzung und Hass. Hinzu komme eine ausgeprägte Misogynie.

Im Hass auf Minderheiten seien deutsche und türkische Rechtsextremisten geeint. Finn Tayfun Wieschermann | Nordstadtblogger

„Daran merkt man, dass der gemeinsame Nenner dieser Hass gegen Feindbilder ist“, erklärt Özmen-Tuncel. Türkischer und deutscher Rechtsextremismus seien nicht identisch, es gebe aber Überschneidungen bei autoritären Vorstellungen, Ausgrenzung und dem Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt.

Rechtsextremismus müsse dabei nicht immer auf den ersten Blick erkennbar sein. So sei das klassische Bild des glatzköpfigen Neonazis mit Springerstiefeln längst überholt. Das treffe auch auf türkische rechtsextreme zu. Sie versuchen, ihre radikale Ideologie hinter Begriffen wie Nationalstolz oder Patriotismus zu verschleiern. Diese Subtilität macht es für Außenstehende schwierig, sie zu erkennen.

Wolfsgruß, Codes und rechtsextreme Symbolik im Internet

Eins der bekanntesten Erkennungszeichen türkischer Rechtsradikaler ist der sogenannte Wolfsgruß. Das Handzeichen wird unter anderem der rassistischen und neo-faschistischen Bewegung der „Grauen Wölfe“ zugeordnet. Darüber hinaus würden laut Özmen-Tuncel verschiedene Codes und Runen verwendet. Diese könnten etwa auf Kleidung, Autos oder als Tattoos auftauchen.

Auch bei der EURO wurden nach den Siegen der türkischen Mannschaft in Dortmund vielfach der Wolsgruß gezeigt.
Wolfsgruß der rechtsextremen Grauen Wölfe bei der EM 2024. Foto: David Peters

Da solche Zeichen für Außenstehende häufig schwer einzuordnen sind, arbeitet die Fachstelle daran, über entsprechende Symbole und Codes aufzuklären. Auf der Internetseite der Fachstelle soll dazu ein Glossar entstehen. Auffällige Beobachtungen könnten zudem an die Fachstelle gemeldet werden. Dabei achte man selbstverständlich auf den Datenschutz.

Doch auch im digitalen Raum findet türkischer Rechtsextremismus statt. So würden über Memes und bestimmte Codes etwa rassistische und geschichtsrevisionistische Inhalte verbreitet. Es komme auch zu Einschüchterungen. Özmen-Tuncel berichtet etwa davon, dass Angehörigen ethnischer Minderheiten Daten von Massakern oder Genoziden als Drohung geschickt würden. Gleichzeitig würden sich Betroffene in sozialen Netzwerken vernetzen und gegenseitig unterstützen.

Wenn Betroffene ihre Erfahrungen beweisen müssen

Eine besondere Herausforderung im Umgang mit türkischem Rechtsextremismus sieht Özmen-Tuncel darin, dass Betroffene oft nicht ernst genommen würden. Entsprechende Bedrohungen seien von der Mehrheitsgesellschaft über lange Zeit nicht erkannt worden. Gerade junge Menschen hätten deshalb teilweise kaum Möglichkeiten gehabt, ihre Sorgen und Erfahrungen zu äußern.

„Immer wieder müssen Betroffene erklären und einordnen“, beschreibt Özmen-Tuncel die Situation. In diesem Zusammenhang spricht sie von einer Beweislastumkehr. Nicht die Betroffenen sollten ständig beweisen müssen, dass eine Bedrohung existiert. Vielmehr müssten ihre Erfahrungen ernst genommen werden.

Dabei komme es auch in vermeintlich solidarischen und antirassistischen Räumen zu Problemen. Aus Rücksichtnahme auf eine vermeintlich homogene türkische Community würden Erfahrungen von Betroffenen teilweise relativiert oder abgesprochen. Özmen-Tuncel betont daher: „Es muss möglich sein, in Deutschland über Rassismus zu reden, der von Leuten ausgeht, die selber von Rassismus betroffen sind.“ Das eine schließe das andere nicht aus.

Die Fachstelle möchte Wissenslücken schließen

Die Fachstelle Türkischer Rechtsextremismus (FaTRex) besteht seit Januar 2025 und ist beim Bund der Alevitischen Jugendlichen angesiedelt. Aktuell wird sie über das Bundesprogramm „Demokratie leben“ gefördert. Ziel sei es vor allem, bestehende Wissenslücken zu schließen und die Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren.

Die Fachstelle Türkischer Rechtsextremismus möchte Wissenslücken schließen und die Perspektive von Betroffenen stärken. Finn Tayfun Wieschermann | Nordstadtblogger

„Unser Anliegen ist es, Wissenslücken zu schließen“, erklärt Özmen-Tuncel. Darüber hinaus wolle die Fachstelle die Perspektive der Betroffenen stärker in den Mittelpunkt stellen. Zwar bietet sie selber keine Opferberatung an, viele Betroffene suchten aber zunächst Orientierung und die Bestätigung, dass ihre Erfahrungen und Gefühle ernst genommen werden.

Dafür arbeitet die Fachstelle nach eigenen Angaben eng mit Beratungsstellen und Organisationen in Nordrhein-Westfalen zusammen. Auch Schulen und die Politik sieht Özmen-Tuncel in der Verantwortung. Türkischer Rechtsextremismus müsse klar benannt und stärker in Bildung und Ausbildung von Lehrkräften berücksichtigt werden.

Özmen-Tuncels Appell: „Glaubt Betroffenen“

Das wachsende Interesse an der Fachstelle und ihrer Arbeit macht Özmen-Tuncel Mut. Gleichzeitig müsse man weiterhin gegenüber der problematischen Annahme, dass Menschen, die selbst Rassismus erfahren, keine rassistischen Einstellungen gegenüber anderen Gruppen haben können, Stellung beziehen. Dies sei eine der größten Herausforderungen der Zukunft.

Aus diesem Grund sei ein Perspektivwechsel notwendig. Türkischer Rechtsextremismus müsse als Teil der deutschen Gesellschaft verstanden werden. Vor allem müssten die Menschen gehört werden, die von ihm betroffen sind.

Ihr Appell am Ende des Gesprächs fällt entsprechend deutlich aus: „Glaubt Betroffenen, nehmt ihnen die Beweislast ab.“ Türkischer Rechtsextremismus sei kein Problem, das nur einzelne Communities betreffe. „Bitte betrachtet türkischen Rechtsextremismus als etwas, was euch und uns alle hier in Deutschland angeht.“

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