
Das Museum Ostwall im Dortmunder U (MO) präsentiert ab 5. September über 150 Werke seiner Sammlung unter neuen Gesichtspunkten. „let’s talk. sprechen über kUNSt“ ist eine Einladung zum Dialog. Besucher:innen sollen miteinander ins Gespräch kommen und alte und neue Schätze des Hauses entdecken. Der Eintritt ist frei und vielfältige Perspektiven sind garantiert.
„Wir glauben an die Superpower der Kunst“
„Wir wollen mit unseren Ausstellungen immer eine Verbindung zur Lebenswelt der Menschen schaffen“, sagt Regina Selter, Direktorin des MO. Mit „let’s talk. sprechen über kUNSt“ könnte das gelingen. Wolf und Schaf werben auf Plakaten in der Stadt für eine Ausstellung, die den Dialog sucht und dabei auch auf Irritation setzt. Das Schaf steckt im Wolfspelz und der Wolf im Schafspelz – eine Arbeit des Künstlers Timm Ulrichs, die in der Ausstellung zu sehen und zum zentralen Motiv geworden ist.

Bereits vor zwei Jahren entstand die Idee, die eigene Sammlung unter dem Thema „Dialog“ zu betrachten. „Wir haben nach der Pandemie beobachtet, wie sich Diskussionen verschärfen, wenige Menschen durch Polarisierungen die Debatte bestimmen und eine Mehrheit sich zurückzieht und schweigt“, erzählt Nicole Grothe, Leiterin der MO-Sammlung und Kuratorin der Ausstellung.___STEADY_PAYWALL___
Das Team wollte dem etwas entgegensetzen: „Wir glauben an die Superpower der Kunst“, so Grothe. Kunst eröffne Raum für Gespräche, das Kunstwerk bilde die gemeinsame Basis und von hier aus, ohne jede Vorgabe, sei Dialog möglich. Eine große Aufgabe, vor allem auch für die Kunstvermittlung.
Wie kommen wir ins Gespräch? Das Kunstwerk gibt den Impuls
„Wir kommen schnell ins Gespräch“, findet Kunstvermittlerin Barbara Hlali, aber die eigentliche Herausforderung bestehe in der Moderation: „Es geht darum auch im Gespräch zu bleiben, unterschiedliche Positionen einfach mal wahrzunehmen und Menschen einzubinden, die vielleicht schweigen, aber damit ja nicht unbedingt zustimmen.“ Ein eigenes Ausstellungsdesign mit Dialoginseln, Spielen und Kunst-Aktionsräume sowie ein umfangreiches Rahmenprogramm dienen dieser Vermittlungsarbeit.

Den Auftakt zur Ausstellung bildet die Fotoserie „Das Geschenk“ von Jochen Gerz. 26 Jahre ist es her, dass Dortmunder:innen im Rahmen seiner Aktion auf Zeche Zollern ein Foto von sich machen lassen konnten und im Gegenzug das Foto eines anderen Menschen mit nach Hause nehmen konnten. Wer bist du? Wer sind die anderen? fragt die Ausstellung zunächst, gefolgt von: Wo begegnen wir uns?
Zwei kleine Objekte der Bildhauerin Ina Weber geben eine erste Antwort: „Raucherecke“ und „Stadion“. Tobias Zielony würde vielleicht „Tankstelle“ ergänzen. Seine Fotoserie ist auch schon über 20 Jahre alt, aber noch immer faszinierend.
Den atmosphärischen Bildern von Jugendlichen nachts an diesen eher unwirtlichen Orten wird in der Ausstellung das Gemälde „Café de Flore“ von Jörg Immendorff zur Seite gestellt. Auch eine Wiederentdeckung, die Spaß macht.
Bunt geht es weiter, ohne Angst vor Zeitsprüngen, Gattungsgrenzen und dem, was man früher auch mal abwertend „naive Malerei“ nannte.
Streit und Spannungen sind nun das Thema, hier sehen Besuchende Ulrichs Verwandlungskunststück „Wolf im Schafspelz – Schaf im Wolfspelz“, und das inklusive Triggerwarnung, denn es handelt sich um echte Tierpräparate.
Meinungsfreiheit und Spaß am Dialog fördern
Es folgen Skulpturen und eine kleine Landschaftsmalerei von Alexej von Jawlensky, die alle von Einsamkeit erzählen. Wir können uns aber auch dem „Clowngespräch“ von Christian Rohlfs zuwenden oder den Tönen der Ursonate von Kurt Schwitters lauschen: Was heißt eigentlich verstehen?

Um die Ecke steht ein Tisch, wer daran Platz nimmt wird gefesselt. Der Tisch ist das Relikt einer Aktion, die bereits 1968 stattfand. Über rote und grüne Lampen erteilte Künstler Anatol Herzfeld den Gefesselten den Befehl zum Sprechen oder Schweigen. Ein zentrales Werk der MO-Sammlung und von großer Aktualität, behandelt es doch Fragen nach Macht, Meinungsfreiheit und Zensur.
Dabei könnte alles doch auch ganz anders sein: Takako Saito zeigt mit ihren verdrehten Schachspielen, dass Regeln verhandelbar sind und etwas zusammen zu gestalten auch Spaß bringt.
Rund um den „Quintenzirkel“ des Duos Winter/Hörbelt geht es dann um Spiele und Musik und wer direkt auf dem Werk Platz nimmt bestimmt – je nach Sitzposition – welche Töne erklingen.
Derart eingestimmt geht es die Treppe runter in die Kunst-Aktions-Ecke. Hier kann man kreativ werden, Dialogspiele ausprobieren oder in den gemütlichen Sesseln eine Verschnaufpause einlegen. Vielleicht fällt einem nun ein Mensch ein, den man lange nicht mehr gesprochen hat? An der Schreibstation könnte man ihm eine „Hello again?“-Postkarte schreiben und in den Kasten werfen – das Museum bezahlt das Porto und kümmert sich um den Versand.
MO-Preisträger und Neuerwerbungen der Sammlung
Dann wird es noch mal schwierig: „Ich seh das anders“ – ist die Überschrift in Richtung Finale des Ausstellungsrundgangs und eine Art Boxring dominiert den Raum. MO-Preisträger canar teker wird zu verschiedenen Terminen seine Performance KIRKPINAR inszenieren, in der es um die Tradition des türkischen Öl-Ringkampfes und damit verbundene Vorstellungen von Männlichkeit geht.

Umringt wird der Boxplatz von Portraits, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: Auf der einen Seite ist die „Junge Hausfrau“, genalt 1939, von dem mit den Nazis sympathisierenden Künstler Udo Wendel – daneben das Selbstporträt der Romni-Künstlerin und Aktivistin Selma Selman, gemalt auf eine Motorhaube. Gegenüber dann vier zarte Portraits auf Seide von Billie Zangewa aus Malawi, erst 2025 neu für die Sammlung erworben.
Hier erzählt die Sammlung ihre und unsere Geschichte und dokumentiert das Bemühen um Aufarbeitung und Weiterentwicklung.
Vielfalt ist eine Stärke – doch da sind auch unsere Ängste
Individuelle Geschichten begegnen Klischees – es geht bei den inszenierten Fotografien von Nan Goldin oder Martin Brands „Portraits of Young Men“ um Identität und Masken, um das, was uns trennt und das, was uns vereint. Vielfalt ist hier eine Stärke – doch auf der anderen Seite sind unsere Ängste.

Was, wenn die dunklen Seiten übermächtig werden? Wann fühle ich mich bedroht und wie reagiere ich?
Nach Jahren der Forschung und Restaurationsarbeit ist die Installation „Thermo-Elektronischer Kaugummi (T.E.K.)“ des Künstlers Wolf Vostell aus dem Jahr 1970 in der Ausstellung wieder zu erleben: Ein dunkler Raum, Stacheldraht, der Boden ist vollständig bedeckt mit Löffeln, Gabeln – eine bedrückenden Atmosphäre, voller Lärm, den wir beim Durchschreiten selbst verursachen. Sind wir Opfer oder Täter?
„Wir haben als Kulturort so viele Möglichkeiten.“
Der Ausklang der Ausstellung ist versöhnlich. Im letzten Raum ist Stille das Thema – und sie erscheint mit der Malerei und den Lichtobjekten von Otto Piene.

Eine schöne und vielfältige Ausstellung ist es geworden, die zeigt, dass es im MO noch einiges zu entdecken gibt. Regina Selter: „Wir gewinnen auch bekannten Bildern neue Aspekte ab und ich bin selbst immer wieder begeistert. Wir haben als Kulturort so viele Möglichkeiten.“
Apropos Möglichkeiten: In der Ausstellung kann man auch mit einer Künstlichen Intelligenz über ein Gemälde von Karl Otto Götz sprechen. Dirk Mempel von corporate playgrounds hat die KI programmiert, aber nicht nur Nordstadtblogger fand: Die Kolleg:innen der MO-Kunstvermittlung sind nicht ersetzbar. Let’s talk.
Ab 5. September im Dortmunder U, Eintritt frei. Alle Infos auf der Webseite des Dortmunder U
Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

