
In Dortmund wurden für 2025 rund 290 politisch rechts motivierte Straftaten erfasst, wie aus einer Anfrage der Grünen Landtagsfraktion beim NRW-Innenministerium hervorgeht. Nach Köln und Düsseldorf ist es die Stadt mit den meisten rechtsextremen Straftaten in NRW. Zugleich gilt die klassische Naziszene als deutlich geschwächter als noch vor rund zehn Jahren. Wer sind die neuen Rechten, die die Zahlen auf einem hohen Niveau stagnieren lassen?
Vom Dorstfelder Nazi-Kiez bis in die New York Times
Lange galt Dortmund als „Nazi-Hochburg des Westens“, schaffte es sogar mal bis in die New York Times. Die Anfänge der Szene reichen dabei bis in die 80er Jahre zurück, unter anderem mit der Gründung der Hooligan-Gruppierung „Borussenfront“ durch Siegfried Borchardt „SS-Siggi“, einer der bekanntesten Dortmunder Neonazis. Im Jahr 2005 ermordete ein Rechtsextremist den Punker Thomas Schulz in einer U-Bahn-Station.

Und nach dem Verbot des militanten Netzwerks „Nationaler Widerstand Dortmund“ (NWDO) im Jahr 2012 besetzten die Kader die neu gegründete Partei „Die Rechte“, die schließlich 2014 einen Sitz im Stadtrat erlangten.
Dort sorgten sie vor allem mit gezielten Provokationen für Entsetzen, etwa mit offiziellen Ratsanfragen dazu, wie viele jüdische und homosexuelle Menschen wo in Dortmund leben. Wer heute auf die neuesten Zahlen blickt, die die Grüne Landtagsfraktion beim NRW-Innenministerium für das Jahr 2025 abgefragt hat, könnte auf den ersten Blick meinen, dass rechte Gewalt wieder auf dem Vormarsch ist. 290 politisch rechts motivierte Straftaten (PMK-Rechts) wurden im vergangenen Jahr in Dortmund registriert.
Das Jahr davor lagen sie bereits bei 295. „Auch wenn die Zahlen in Dortmund konstant geblieben sind, stagnieren sie auf hohem Niveau“ bewertet Der Dortmunder Landtagsabgeordnete Michael Röls (Bündnis 90/ Die Grünen) die Zahlen. Von 5641 Taten in 2024 auf 6268 im Jahr 2025 sind in ganz NRW die politisch rechts motivierten Straftaten erneut angestiegen. Das stellt einen Anstieg von rund 11 Prozent dar. Damit wurden in NRW so viele rechtsextreme Straftaten angezeigt wie noch nie seit Einführung des Erfassungssystems im Jahr 2001.
Fackelmärsche vor Unterkünften und der Start der „Soko Rechts“
Im Jahr 2015 wurden in Dortmund 424 rechtsextreme Straftaten erfasst, was seit Beginn der Erhebung der Höchststand war. Unter anderem schürten Neonazis zu der Zeit mit Fackelmärschen vor Geflüchtetenunterkünften Angst und stellten zur Einschüchterung gefälschte Todesanzeigen von Journalist:innen und politischen Gegner:innen ins Netz. Betroffen waren unter anderem Peter Bandermann, Felix Huesmann, Sebastian Weiermann und Marcus Arndt.

Zur gleichen Zeit gründete die Polizei Dortmund die „Soko Rechts“ um den polizeilichen Kontrolldruck auf die rechtsextreme Szene, besonders im Stadtteil Dorstfeld, zu erhöhen.
Die Arbeit dieser Sonderkommission basierte auf einer Strategie der „niedrigschwelligen Intervention“ und permanenter Präsenz im Viertel. Zudem führten Beamt:innen vermehrt Personenkontrollen durch und setzten auf eine Politik der „nadelstichartigen“ Strafverfolgung.
Parallel dazu begannen zivilgesellschaftliche Initiativen, beispielsweise die Quartiersdemokrat:innen, direkt vor Ort aktiv zu werden. Unter anderem wurden so Handlungs- und Interventionsstrategien gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus entwickelt.
Der historische Tiefstand 2022 und die Schwächung der Kaderstrukturen
Bis zum Jahr 2022 sank die Zahl der rechtsmotivierten Delikte in Dortmund auf einen historischen Tiefstand von 148 Taten. Die Polizei bilanziert heute, dass die frühere Neonazi-Szene dadurch personell und organisatorisch deutlich geschwächt wurde.

Frühere Führungspersonen sind nicht mehr in der alten Form handlungsfähig oder haben die Stadt ganz verlassen.
„Eine Szene, die wie in früheren Jahren öffentlichkeitswirksam auftritt, Räume dominiert und regelmäßig größere Mobilisierungskraft entfaltet, stellen wir in Dortmund derzeit nicht mehr fest“, so die Polizei Dortmund.
Auch die Quartiersdemokrat:innen können diese Entwicklung beobachten. „Gerade in Dorstfeld sehen wir, dass demokratische Akteur:innen öffentliche Räume zunehmend selbstbewusst gestalten und nutzen. Die Eröffnung der „wilma“, einem Nachbarschafts- und Demokratiebüro am Wilhelmplatz, im Jahr 2022 oder das Demokratie-Festival auf dem Wilhelmplatz sind Beispiele dafür. Beides wäre vor einigen Jahren in dieser Form kaum denkbar gewesen.“
Veränderte Täterstrukturen jenseits der klassischen Szene
Dennoch steht Dortmund nach einer schlagartigen Verdopplung im Jahr 2024 (295 Taten) nun auch im Jahr 2025 wieder bei fast 300 rechtsextremen Straftaten. Wie lässt sich das erklären? Vielmehr haben sich die Täterstrukturen verändert. „Das bedeutet aber ausdrücklich nicht, dass rechtsextreme Einstellungen oder politisch rechts motivierte Straftaten verschwunden sind“, warnt die Polizei Dortmund. „Die aktuellen Fallzahlen zeigen vielmehr, dass sich PMK rechts heute nicht allein über feste Kaderstrukturen erklären lässt.

Ein Teil der registrierten Delikte entsteht nicht aus einer klassischen, organisierten Neonazi-Szene heraus, sondern aus der Breite der Gesellschaft.“ Dazu zählen die Behörden Propagandadelikte, Volksverhetzungen, Beleidigungen oder Bedrohungen im öffentlichen Raum und im Netz.
Zwar versucht die organisierte Szene im Hintergrund weiterhin aktiv zu bleiben. Viele Taten würden inzwischen von Personen begangen, „die zuvor nicht als Teil einer rechtsextremistischen Szene aufgefallen waren“, so die Polizei Dortmund weiter.
Nach Erkenntnissen der Quartiersdemokrat:innen finden nach wie vor Vernetzungstreffen statt und auch die sogenannten „Offenen Abende“ zeigen, dass die verbliebenen Netzwerke versuchen, neue Menschen für sich zu gewinnen.
Die Polizei Dortmund verweist in diesem Zusammenhang auf die „Heimatabende der rechten Szene“, die gezielt der Nachwuchsgewinnung dienen sollen. Doch zeigen sie nicht mehr so viele Erfolge, wie sie es einst mal hatten. Ein nachhaltiger Aufbau gelingt laut den Ermittlern kaum noch, der allergrößte Teil der Besucher erscheint kein zweites Mal.
Die Zunehmende Normalisierung rechter Einstellungen
Die Betroffenenberatungsstelle „BackUp“ zeichnet für das Jahr 2025 ein ähnlich alarmierendes Bild für ganz NRW. Das gesamte Beratungsnetzwerk verzeichne, „dass auch im Jahr 2025 eine zunehmende Normalisierung rechter Einstellungen bis weit in die Mitte der Gesellschaft hinein zu beobachten ist, verbunden mit einer Enthemmung rechter Gewalt, dem Erstarken rechter Strukturen und der gezielten Radikalisierung junger Menschen.“
Die Quartiersdemokrat:innen sprechen in diesem Kontext eher von einer „Veränderung der Erscheinungsformen als von einer generellen ‚Entgrenzung‘“. Die Ideologie sei weniger klar organisiert und weniger eindeutig einer Szene zuzuordnen, „aber deshalb nicht weniger wirksam“. Rechtsextreme Einstellungen begegnen den Projektmitarbeiter:innen auch dort, „wo Menschen sich selbst gar nicht als Teil einer rechtsextremen Szene verstehen.“
Jede dritte rechte Straftat findet im Netz statt
Eine große Rolle spielt dabei nun der digitale Raum für junge Menschen. Laut Statistik der Polizei Dortmund wurden 2025 etwa 99 von 290 Delikten online begangen. Damit wird mehr als jede dritte rechte Straftat im digitalen Raum verübt. Zum Vergleich: 2015 wurden 48 von 424 Delikten online begangen. Die Anwerbung der neuen Generation läuft subtil.

In ihrer politischen Bildungsarbeit mit Schüler:innen erleben die Quartiersdemokrat:innen, wie Jugendliche auf Plattformen wie TikTok oder Instagram sehr schnell mit rechtsextremen Inhalten, rassistischen Narrativen oder demokratiefeindlichen Botschaften konfrontiert werden.
Dabei handele es sich meist nicht um stumpfe, alte klassische Neonazi-Propaganda, sondern um „Memes, Trends oder Influencer:innen, die entsprechende Inhalte niedrigschwellig vermitteln.“
Hierbei knüpfen rechtsextremen oder antifeministischen Narrative direkt an die Lebenswelt der Jugendlichen an, so auch mit „Männlichkeitsbilder, Fitness- und Disziplin-Content, aber auch sogenannte Tradwife-Inhalte, die traditionelle Geschlechterrollen romantisieren und oftmals mit antifeministischen Weltbildern verbunden sind“, so die Quartiersdemokrat:innen. „Dadurch wirken die Inhalte zunächst harmlos oder unpolitisch, können aber dazu beitragen, demokratiefeindliche Einstellungen zu normalisieren.“
Forderungen einer Neuausrichtung der Prävention
Die 2015 gegründete „Soko Rechts“ reagierte anfangs auf die offene Straßendominanz in Dortmund-Dorstfeld. Heute verlagern sich die Taten zunehmend ins Netz und stammen teils aus der „Mitte der Gesellschaft“. Für die Polizei Dortmund bleibt Rechtsextremismus ein Behördenschwerpunkt.

Statt nur alte, organisierte Strukturen zu bekämpfen, gilt es nun, neue Erscheinungsformen frühzeitig zu erkennen. Ein zentrales Werkzeug bleibt die Aufklärung. Wird die Polizei auf Minderjährige im rechten Umfeld aufmerksam, sucht sie gezielt das Gespräch mit den Eltern.
Laut den Quartiersdemokrat:innen reichen kurzfristige Reaktionen oder Projekttage jedoch nicht aus, wenn Jugendliche im Alltag permanent mit demokratiefeindlichen Inhalten konfrontiert sind.
Es brauche langfristige Präventionsstrukturen und gelebte Gemeinwesenarbeit, wie sie der Stadtteilladen „wilma“ bietet. Nur durch echte Begegnung, Zugehörigkeit und die Vernetzung von politischer Bildung, Vereinen und Nachbarschaft bleibe Demokratie im Alltag erfahrbar, so die Initiative.
Weitere Informationen:
- Die Entwicklung der politisch rechts motivierten Kriminalität (PMK-Rechts) in Nordrhein-Westfalen von 2012 bis 2024 im Überblick
- Hintergründe der „Soko Rechts“ und Geschichte der organisierten rechten Szene Dortmunds
- Die in Kooperation mit der Opferberatung Rheinland erstellte Jahresbilanz von BackUp zur rechten Gewalt in NRW für das Jahr 2025 wird am 21. Juli 2026 veröffentlicht
- Wer von rechter Gewalt betroffen ist oder Unterstützung sucht, findet bei der Beratungsstelle BackUp die passende Anlaufstelle
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