Beruf, Verpflichtung, demokratischer Auftrag: Dortmund debattiert die Facetten der Pflege

„Zukunft der Pflege in Dortmund“: SeniorenDO lädt zu Austausch ein

Blick auf die Menschenmenge in der Bürgerhalle.
Zahlreiche Menschen erschienen zum Internationalen Tag der Pflegenden. Foto: Judith Odenthal für Nordstadtblogger.de

In der Bürgerhalle des Dortmunder Rathauses haben sich am Internationalen Tag der Pflegenden am 12. Mai verschiedene Akteur:innen aus Politik, Wissenschaft und Stadtgesellschaft getroffen. Bei der Veranstaltung „Zukunft der Pflege in Dortmund“ ging es vor allem um Austausch.

SeniorenDO organisiert Diskussion zwischen Politik, Wissenschaft und Praxis

Dazu eingeladen hatte das Netzwerk SeniorenDO. SeniorenDO ist der Zusammenschluss der gemeinnützigen Träger der Seniorenarbeit in Dortmund. Dazu gehören zum Beispiel die AWO, das Deutsche Rote Kreuz und die Diakonie. Die Mitglieder des Netzwerks waren mit Infomaterialien vor Ort. Es gab Vorträge aus der Wissenschaft und eine Podiumsdiskussion.

Teilnehmenden der Podiumsdiskussion in einer Reihe.
Die Teilnehmenden der Podiumsdiskussion von links: Frauke Füsers, Melanie Flusche, Fred Weingardt, Kirsten Eichenauer-Kaluza, Anja Butschkau, Daniela Mruck und Martin Fischer. Foto: Judith Odenthal für Nordstadtblogger.de

An der nahmen Frauke Füsers, die Dezernentin für Arbeit, Gesundheit, Soziales, Sport und Freizeit der Stadt Dortmund, Melanie Flusche, die Geschäftsführerin der Agentur für Arbeit Dortmund und Daniela Mruck, die Referatsleiterin Pflege beim Verband der Ersatzkassen, teil.

Auch Martin Fischer, der Vorsitzende des Seniorenbeirats Dortmund, Anja Butschkau von der SPD NRW, Kirsten Eichenauer-Kaluza, die Vorständin der Caritas Dortmund und Fred Weingardt, der Kreisgeschäftsführer des Deutschen Roten Kreuz Dortmund, waren für die Diskussion vor Ort.

Pflege ist nicht gleich Pflege: Profession, Privatengagement und Gesamtgesellschaft

Die Veranstaltung fasste den Begriff der Pflege breit auf: So drehten sich Vorträge und Gespräche nicht nur um die beruflichen Zweige der Pflege, sondern auch um die Pflege, die Angehörige und Nachbarn leisten. In Deutschland wurden im Jahr 2023 86 Prozent der Menschen zu Hause gepflegt.

Werbegeschenke vom Roten Kreuz.
Auch das Deutsche Rote Kreuz nahm an der Veranstaltung in der Dortmunder Bürgerhalle teil. Foto: Judith Odenthal für Nordstadtblogger.de

In vielen Fällen übernehmen hier Angehörige, teilweise unterstützt durch ambulante Pflegedienste, diese Aufgabe. Auch die Pflege als gesamtgesellschaftliche Aufgabe einer demokratischen Gemeinschaft wurde im Dortmunder Rathaus thematisiert.

Insgesamt verzeichnet das Statistische Bundesamt einen Anstieg der Anzahl der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland. Dieser fällt außerdem stärker aus, als allein durch die demographische Entwicklung hin zu einer älteren Gesellschaft zu erwarten war.

Für Mitte Mai erwartete Pflegereform sorgte für Diskussionsstoff

Auch hierauf will die bald erwartete Pflegereform der Bundesregierung reagieren. Die Reform lieferte bei der Veranstaltung in Dortmund viel Gesprächsstoff. Gesundheitsministerin Nina Warken von der CDU hatte die Vorlage eines Gesetzentwurfs für Mitte Mai angekündigt. Der wird voraussichtlich auch einen Schwerpunkt darauf legen, Einsparungen für die Pflegeversicherung herbeizuführen.

Prof. Dr. Thomas Klie auf einem Bildschirm.
Prof. Dr. Thomas Klie schaltete sich aus Hamburg zur Veranstaltung im Rathaus dazu. Foto: Judith Odenthal für Nordstadtblogger.de

Prof. Dr. Thomas Klie steht dem kritisch gegenüber. Er ist Rechtswissenschaftler und Sozialexperte und hat schon auf verschiedenen Ebenen politikberatend gearbeitet, auch im Bereich der Pflegepolitik. Eine Politik der Einsparung hält er in diesem Kontext für „keine kluge Politik“.

Er wies darauf hin, dass Pflege auch für die Demokratie im Allgemeinen von großer Bedeutung sei. „Die Kultur einer Gesellschaft zeigt sich daran, wie sie mit den Vulnerablen umgeht“, sagte der Jurist, der online aus Hamburg zur Veranstaltung in Dortmund zugeschaltet war. „Eine empathielose Gesellschaft hat keine Zukunft.“ Eine starke Pflege sei ein wichtiger Ausdruck dieser Empathie.

Bund-Länder-Arbeitsgruppe „Zukunftspakt Pflege“ gab Input für die Pflegereform

Um die Eckpunkte der geplanten Pflegereform auszuarbeiten, tagte von Juli bis Dezember letzten Jahres eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe mit dem Titel „Zukunftspakt Pflege“. Sie sieht unter anderem mehr fachliche Begleitung und Unterstützung für pflegebedürftige Menschen und ihr Umfeld vor.

Blick auf die Treppe in der Bürgerhalle. Daneben ein Banner von „SeniorenDO“.
Die Veranstaltung fand in der Bürgerhalle des Dortmunder Rathauses statt. Foto: Judith Odenthal für Nordstadtblogger.de

Außerdem soll das Leistungsrecht vereinfacht werden. Das hält auch Mruck für dringend nötig. „Zurzeit ist das ein Minenfeld für Angehörige, was die Leistungen angeht“, sagte sie. Es wäre etwa für viele schwer verständlich, welche Pflegeangebote mit welchem Pflegegrad kombinierbar seien.

Auch die Kommunen sollen eine größere Rolle in der Sicherung der Pflegeinfrastruktur spielen. Sie sollen zum Beispiel mehr Möglichkeiten haben, selbst Träger von Pflegeeinrichtungen zu werden. Auch auf Präventionsmaßnahmen, damit Menschen möglichst lange nicht pflegebedürftig werden, soll mehr gesetzt werden.

Stadt Dortmund zeigt sich offen für Innovationen im Pflegebereich

Füsers sagte zur geplanten fachlichen Begleitung und zur neuen Rolle der Kommune: „Wir schauen uns das sehr interessiert und offen für Innovationen an.“

Banner der Charitas und Diakonie.
Verschiedene Mitglieder des Netzwerkes SeniorenDO nahmen an der Veranstaltung im Rathaus teil. Foto: Judith Odenthal für Nordstadtblogger.de

Sie wies gleichzeitig darauf hin, dass Innovationen finanzierbar sein müssen. Wie in vielen Kommunen ist die Haushaltslage auch in Dortmund schwierig. Im Bereich der Pflege gibt Füsers sich trotzdem optimistisch.

„Wir haben beste Voraussetzungen, weil es bereits gute Strukturen und Zusammenarbeit gibt“, sagte die Dezernentin. Damit sprach sie an, was verschiedene Seiten immer wieder hervorhoben: Dortmund mache in vielen Bereichen schon viel richtig.

Viel Lob für Dortmund aus Wissenschaft und Praxis

Wie in der Gesamtgesellschaft würde sich durch den Umgang mit Pflegebedürftigen auch das wahre Gesicht einer Stadt zeigen, sagte Prof. Klie. „Dortmund ist vorbildlich, was die Rolle der Kommune angeht“, findet er.

Eine junge Hand berührt eine alte Hand.
Dortmund schneidet hinsichtlich der Pflege von Bedürftigen gut ab. Symbolbild: depositphotos.com

Die Stadt Dortmund übernimmt eine zentrale Planungs- und Steuerungsfunktion im Bereich der Pflege. 2019 beauftragte der Rat der Stadt Dortmund die Verwaltung, die kommunale Pflegeplanung unter Berücksichtigung aller Wohn- und Pflegeformen und von zielgruppenspezifischen Angeboten bezirksorientiert zu erarbeiten.

Prof. Klie hob diese quartiersbezogenen Ansätze besonders hervor. Er sprach auch sportwissenschaftlich gestützte Maßnahmen zur Prävention einer Pflegebedürftigkeit als beispielhaft an. „Hier kann man von Dortmund viel lernen.“

SeniorenDO als Positivbeispiel für gelungene Vernetzung und Kooperation

Auch das Netzwerk SeniorenDO gilt als positives Beispiel für Zusammenarbeit und Vernetzung. Bürgermeisterin Ute Mais hob hervor, dass es sich bei Mitgliedern wie AWO, Caritas oder der Katholischen St. Paulus Gemeinschaft eigentlich um Wettbewerber handelt.

Teilnehmende an einem Stand mit Informationsmaterialien.
SeniorenDO stellte zahlreiche Informationsmaterialien zur Verfügung. v.l.: Renate Sellin, Kerstin Jung, Carla Cailean, Sevgi Basanci, Heike Westenberger, Vivien Metzak, Renate Lanwert-Kuhn. Foto: Judith Odenthal für Nordstadtblogger.de

Diese hätten jedoch verstanden, dass das nebensächlich sei, „weil es um Menschen geht.“ Auch andere Seiten bestätigen die gute Vernetzung der Senioren- und Pflegearbeit in Dortmund. Renate Lanwert-Kuhn arbeitet bei der Kreisgruppe Dortmund des Paritätischen und im Seniorenbüro Innenstadt Nord.

Dort berät sie auch viel zu Pflegefragen. Die enge Kooperation untereinander würde es teilweise zum Beispiel möglich machen, schneller Heimplätze für Pflegebedürftige zu organisieren. „Nicht viele Städte leisten sich in jedem Stadtteil ein Seniorenbüro mit mehreren Mitarbeitenden“, sagte sie auch. „Im Beratungsbereich sind wir sehr gut aufgestellt.“

Fachkräftemangel ist auch in Pflegeberufen zu spüren

Trotzdem hoffen die Veranstaltenden, dass sie noch mehr Sichtbarkeit für diese Netzwerke und die Profession der Pflege allgemein schaffen können. Hier geht es auch darum, dem Fachkräftemangel in der Branche entgegenzuwirken. Melanie Flusche von der Agentur für Arbeit erzählt, dass sie immer noch viel mit Vorurteilen rund um Berufe in der Pflege, etwa zur schlechten Bezahlung oder unflexibler Schichtarbeit, aufräumen müsse.

Angelika Salm angelehnt am Treppengeländer.
Angelika Salm ist selbst in der Tagespflege tätig. Foto: Judith Odenthal für Nordstadtblogger.de

Durch eine geplante Kampagne soll diese Arbeit bald unterstützt werden. Auch Angelika Salm würde sich wünschen, dass mehr Menschen einen Beruf im Pflegebereich ergreifen. Sie ist selbst in der Pflege tätig, hat über 20 Jahre in einem Pflegeheim gearbeitet und ist jetzt in die Tagespflege gewechselt. Ihren Beruf übt sie noch immer gerne aus.

Sie erzählt jedoch auch von den anstrengenden Seiten: „Nach so vielen Jahren im Pflegeheim konnte ich das körperlich nicht mehr. Dann die Arbeit an Feiertagen und Wochenenden, darunter hat auch die Familie ein bisschen gelitten.“ In der Tagespflege hat sie nun mehr Zeit, sich um die Menschen, mit denen sie arbeitet zu kümmern. Im Pflegeheim hat sie das oft vermisst. „Das ist ja praktisch Fließbandarbeit. Man hat drei Stunden, um neun Patienten zu versorgen.“

Freude oder Pflichtgefühl: Wie es Angehörigen mit Pflegetätigkeit geht, hängt viel vom Staat ab

Wie sehr es auch das Leben von Angehörigen bestimmen kann, wenn sie ein Familienmitglied pflegen, machte ein Vortrag von Martina Brandt deutlich. Sie war unter anderem Mitglied der Sachverständigenkommission zum 9. Altersbericht der Bundesregierung. Sie zeigte auf, dass pflegende Angehörige insgesamt eine geringere Lebenszufriedenheit haben.

Prof. Martina Brandt neben dem Banner „SeniorenDO“.
Prof. Martina Brandt forscht unter anderem zur Sozialstruktur alternder Gesellschaften. Foto: Judith Odenthal für Nordstadtblogger.de

Gleichzeitig nimmt diese Unzufriedenheit ab, je mehr staatliche Unterstützung die Pflegenden bekommen. Auch die soziale Integration von Frauen ist in Ländern besser, wo die Pflege mehr staatlich gestützt und weniger familiär organisiert stattfindet, etwa in Nordeuropa. Hier unterstützen dann tendenziell auch mehr Kinder bei der Pflege ihrer Eltern – nur eben jeweils in geringerer Stundenzahl.

Das geht damit einher, dass die Pflege mehr als Bereicherung und weniger als Verpflichtung wahrgenommen wird. In Deutschland zeigt sich eine bisher ausgeglichene Verteilung zwischen Freude an der Pflege Angehöriger und einem Gefühl der Verpflichtung. Brandt sieht darin auch eine Chance: Die Situation in Deutschland ließe sich in beide Richtungen drehen.


Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

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