
Zu den Traditionen der deutschen Wirtschaft im Allgemeinen und der Versicherung Signal Iduna im Besonderen gehört es, dass die Vorstandsvorsitzenden Journalisten einladen, um ihre Sicht auf die Dinge zu schildern. Und auch Torsten Uhlig, seit Juli 2025 Vorstandsvorsitzender des Dortmunder Versicherers Signal Iduna, teilte am 7. April seine Einschätzung zu seinem Geschäft. Die Laune ist eindeutig mittelmäßig. Es gebe zwar viele Chancen, „aber das größte Risiko ist die Politik.“
Gemeinsam schaffen, was allein nicht gelingt
Uhlig schaut stolz auf die rund 120-jährige Geschichte des Unternehmens. Handwerker gründeten die Versicherungsgesellschaft, weil sie nicht für die staatliche Krankenversicherung vorgesehen waren. „Diese Solidargemeinschaft, die müssen wir in Deutschland wieder stärken“, plädiert Uhlig. Es sei sinnvoll und notwendig, dass sich Menschen zusammenschließen, um sich gegenseitig abzusichern und Risiken zu verteilen. „Ohne diesen Gedanken gäbe es gar kein Versicherungswesen.“
Dabei ist der Vorstandsvorsitzende aber sehr kritisch, was die Rolle des Staates angehe. Er bemängelt, dass zu viel staatliche Vorsorge zu einer passiven Einstellung führe, bei der die Menschen sich nicht mehr engagieren wollten. „Ich denke, das hat auch mit meiner Geschichte zu tun, dass ich bis ich 23 war in der DDR gelebt habe.“ Für ihn ist ein motivierender Faktor im Alltag die Möglichkeit, selbst Verantwortung übernehmen zu können. Dies will er auch im Versicherungswesen ermöglichen. ___STEADY_PAYWALL___

„Pflichtversicherungen halte ich für den falschen Weg“, so Uhlig. Vielmehr will er das Menschen sich besser selbst mit den Risiken in ihrer Umgebung auseinandersetzen. Dafür schwebt ihm ein Modell vor, in dem Angebote verpflichtend sind, aber sich der Kunde gegen die Versicherung entscheiden kann. Das hält er sowohl bei der betrieblichen Altersvorsorge als auch bei der Elemantarschadenversicherung gegen Naturkatastrophen für sinnvolle Alternativen zu einem Versicherungszwang.
„Wenn der Kunde sich aktiv gegen den Schutz entscheiden muss, dann ist er ganz anders gezwungen, sich mit den Konsequenzen auseinander zu setzen.“ Bei der betrieblichen Altersvorsorge seien viel zu wenige, besonders kleine Unternehmen eingebunden. Dies liege nicht nur daran, dass es keine Verpflichtung für das Angebot gebe. Die Produkte des Unternehmens wären derzeit auch nicht auf die Bedürfnisse der Unternehmen oder Ángestellten ausgerichtet.
Der Staat als starker, manchmal ungewollter Mitspieler
Gerade auf dem Gebiet der betrieblichen Altersvorsorge sieht Uhlig aber auch Schwierigkeiten auf die Versicherungswirtschaft zukommen: Im März hatte die Bundesregierung beschlossen, dass neben privaten Vorsorgeprodukten auch ein staatliches Altervorsorgedepot angeboten werden soll.
Dies soll laut Finanzausschuss des Bundestages die Förderung der Altersvorsorge besonders für Selbstständige möglich machen. Uhlig kritisiert, dass hier der Staat Schiedsrichter und Spieler ist: „Die Politik macht die Regeln für den Markt, aber mischt selbst als Anbieter mit.“ Im Extremfall könne dies das Geschäftsmodell für die Versicherungen in Mitleidenschaft ziehen.
Hier geht es Uhlig aber nicht nur um die eigenen Geschäftsfelder. Er sieht die Versicherungen als Partner der staatlichen Sozialversicherungen. Schließlich gebe es hier immer größere Finanzierungslücken, die durch private Angebote gefüllt werden könnten. In der Krankenversicherung merke die Signal Iduna jetzt schon, dass Privatversicherte Löcher im Gesundheitswesen stopften, wenn die gesetzlichen Krankenkassen beispielsweise Honorare kürzten. Dies geschah zuletzt in der Psychotherapie.
Neue Angebote für Beruf und Familie
Ein Thema, das die Signal Iduna umtreibt, ist die Absicherung von selbstständigen Handwerker*innen, wenn sie eine Familie gründen. So gebe es neben dem gesetzlichen Mutterschutz auch den Wunsch vieler Mütter, länger als acht Wochen mit dem neuen Kind daheim zu bleiben, aber dabei dürfe der Betrieb nicht geschlossen bleiben. „Hier überlegen wir, ob wir ein Produkt anbieten können, bei dem qualifizierte Springer den Betrieb zur Überbrückung betreiben.“ Zuletzt hatte Signal Iduna dieses Prinzip intern für die eigenen selbstständigen Agenturinhaber erprobt. „Das Angebot ist insgesamt acht Mal angenommen worden – und nicht nur von Frauen.“

Wenn Selbstständige indes vor dem Beginn des gesetzlichen Mutterschutzes wegen gesundheitlicher Probleme aus dem Berufsalltag ausscheiden müssten, dann bedürfe es dafür eine andere Versicherung. Wiederum gelte es auch, während des gesetzlichen Mutterschutzes den Verdienstausfall zu kompensieren.
„Hier können wir als privater Versicherer ebenfalls zur Entlasung der gesetzlichen Krankenkassen beitragen“, so Uhlig. Dennoch sei die Entwicklung dieser Produkte kompliziert, da sie der Komplexität der Lagen im Leben der Menschen Rechnung tragen würden. „Man findet für alles eine Lösung, aber teilweise müssen wir dann mehrere Produkte kombinieren.“
Geschäftsentwicklung für Signal Iduna zufriedenstellend
Das Handwerk werde in Zukunft an Bedeutung gewinnen, so ist Uhlig sicher. Zum einen verliere die Exportindustrie in Bedeutung, zum anderen müssten die 500 Mrd. Euro Infrastrukturmittel, die der Bund investieren will, auch verbaut werden. Das Ergebnis der Signal Iduna liege für das Geschäftsjahr 2025 bei rund 500 Mio. Euro. 7,2 Mrd. Euro nahm der Versicherer mit Beiträgen ein, das Ziel insgesamt über Beiträge und Investments insgesamt mehr als 7,4 Mrd. Euro einzunehmen hat das Unternehmen hingegen knapp verfehlt. Bis 2030 will Uhlig jährlich zehn Mrd. Euro aus Beiträgen und Investitionen einnehmen.

Die Versicherungsbranche könnte auch bei der Stärkung der Wirtschaft eine tragende Rolle übernehmen, so der Signal-Iduna-Chef. „Wir sind ein institutioneller Investor, also können wir dazu beitragen in Deutschland und Europa die Wirtschaft anzukurbeln.“ Gerade im Bereich der Infrastruktur könnten Versicherer als Investoren beitragen, Projekte umzusetzen. Aber um diese Rolle zu stärken, müssten auch wieder die entsprechenden Regeln von der Politik vorgegeben werden.
„Derzeit wird viel in globale Fonds und Finanzprodukte investiert, die gar nicht in Deutschland oder Europa aktiv sind. Im schlimmsten Fall stärken wir dann sogar Player, die uns geopolitisch schaden können.“ Aber wenn sich die Menschen wieder stärker darauf besinnen würden, dass sie sich gegenseitig unterstützen können, damit alle profitieren, statt sich nur auf den Staat zu verlassen, dann gebe es viele Chancen.
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