
„Zwei Kugeln in den Kopf, der Tote hatte schwarze Haare‘ / Noch ein Dönermord, die Kripo ist gerad am fahnden / Türkenmafia, Kurdenmafia, glauben die Beamten / Drei Kinder ohne Vater, die Familie wird befragt / Mein Baba drückt den Knopf, schüttelt den Kopf“, rappt Apsilon im Song Sommermärchen über Erinnerungen an das WM-Jahr 2006. „Im Auto auf der Rückfahrt hör‘ ich von der Straße Jubel / Doch mein Baba guckt komisch und kurbelt das Fenster zu / Denn im Radio reden sie von einem Trauermarsch in Dortmund / Weil vor Kurzem kam der neunte Ausländer bei ’nem Mord um“.
20 Jahre Trauer und Erinnerungsarbeit: erste Trauermärsche in Dortmund und Kassel
Der neunte ‚Ausländer‘ war Mehmet Kubaşık, ein deutscher Staatsbürger. 20 Jahre, in denen ihr Baba in den kleinen Moment fehle und besonders in den großen, so Gamze Kubaşık bei ihrer Ansprache am 4. April 2026 auf der Nordseite des Hauptbahnhofs. Die ersten Trauermärsche fanden in Kassel und in Dortmund nach den Morden an Gamze Kubaşıks Vater Mehmet und an Halit Yozgat statt. Seit 2012 leisten Gamze Kubaşık und das Bündnis „Tag der Solidarität – Kein Schlussstrich Dortmund“ Erinnerungsarbeit, erst widerständig, jetzt in Anwesenheit eines CDU-Ministerpräsidenten.

„Es gibt kaum Worte für das, was dieser Verlust bedeutet, es gibt keinen Tag, an dem ich nicht an dich denke. Du fehlst jeden einzelnen Tag. Du fehlst in den kleinen Momenten und ganz besonders in den großen“. Der Schmerz werde sie ihr Leben lang begleiten. ___STEADY_PAYWALL___
„Statt Solidarität gab es Verdächtigungen. Statt Aufklärung gab es Versäumnisse. Wir wurden nicht ernst genommen“. Und sie wiederholt die Forderungen, die auch im NSU-Prozess nicht erfüllt wurden: „Ich will, dass alle Akten offengelegt werden, dass nicht mehr verborgen wird, dass unsere Anwälte endlich vollständigen Zugang bekommen und ich will, dass der Verfassungsschutz endlich sagt, was er wusste“.
Ministerpräsident und Oberbürgermeister gedenken des Dortmunders Kubaşık
Hendrik Wüst, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, machte vor seinem Auftritt gemeinsam mit Oberbürgermeister Alexander Kalouti (beide CDU) einen kurzen Fotostop am Mahnmal vor der Auslandsgesellschaft. Die prominenten Gäste stießen dann zur Familie Kubaşık und anderen Angehörigen in den ersten Reihen vor der Bühne.
In seinem Redebeitrag fand Wüst klare und eindringliche Worte: „Kubaşık war einer von uns. Wenn von seiner Ermordung gesprochen wird, ist auch heute oft auch von Fremdenfeindlichkeit die Rede. Nein, Kubaşık war kein Fremder. Er ist Opfer von Menschenfeindlichkeit geworden.“ Der Staat habe versagt, denn es sei wichtigste Aufgabe eines Staates, die Menschen zu schützen.

„Der Staat hat in der Folge auch doppelt versagt. Er hat aus Opfern zeitweise Tatverdächtige gemacht. Wo Unterstützung wohl Zuwendung gebraucht worden wäre, schlugen den Angehörigen Ressentiments und Vorwürfe entgegen. Dafür bitte ich Sie, verehrte Familie Kubaşık, im Namen des Landes Nordrhein-Westfalen um Entschuldigung“, so Hendrik Wüst am 4. April in Dortmund.
Wüst sprach sich für Entschlossenheit aus, weil Hass in unserer Gesellschaft niemals eine Chance bekommen dürfe. „Unser Miteinander ist zerbrechlich, ist bedroht, wird immer wieder angegriffen von Extremisten, Rassisten, Antisemiten. Unser Miteinander muss verteidigt werden von jedem von uns, jeden Tag, zu jeder Stunde. Auch das sind wir Mehmet Kubaşık und den anderen Opfern schuldig“, betonte Wüst.
NRW: Weltoffenheit statt Hass und Hetze
NRWs Ministerpräsident setzte fort: „Unsere Antwort auf Gewalt ist der wehrhafte Rechtsstaat. Unsere Antwort auf Hass ist die Verteidigung der Menschenwürde. Unsere Antwort auf Spaltung sind Zusammenhalt und Versöhnung. Unser Nordrhein-Westfalen ist weltoffen und solidarisch. Hass und Hetze haben bei uns keinen Platz. Niemals“.

Weitere Redebeiträge kamen 2026 vom Oberbürgermeister Alexander Kalouti, der durch Zwischenrufe und Sprechgesänge gestört wurde und dem Generalkonsul der Türkei, Taylan Aydın. Kalouti warf die Frage auf: Wie geht die Gesellschaft mit Fehlern um? „Es waren ja nicht nur einzelne Fehler, es war über lange Zeit eine systematische und strukturelle Vorverurteilung, ein Blick, der nicht zuerst nach den Tätern suchte, sondern die Täter im Umfeld der Opfer vermutete“.
In einem neuen Sachbuch spricht Autor Markus Mohr von Ermittlungsverhinderung in Bezug auf den NSU-Komplex (siehe unten).
Mehmet Kubaşık: Auftrag gegen Hass und Gewalt
Wüst wohnte nicht der gesamten Gedenkveranstaltung bei. Während des Beitrags von Semiya Şimşek, die gemeinsam mit Gamze Kubaşık ein Buch veröffentlicht hat (siehe untent), musste der Ministerpräsident weiter. Und wurde von Kutlu Yurtseven dafür scharf kritisiert: Man gehe nicht, wenn die Tochter eines Opfers spricht – auch nicht als Politiker.

Der Kölner Musiker und Mitgründer der Gruppe Microphone Mafia setzte den Mord an Kubaşık auch in Zusammenhang zu strukturellem Rassismus und zum Nationalsozialismus. Und bezog sich damit auch auf Esther Bejarano, eine Überlebende des Holocaust, die als Aktivistin und Musikerin auftrat bis zu ihrem Tod 2021.
Für Familie Kubaşık und alle Angehörigen steht fest: Kein Schlussstrich ohne vollständige Aufklärung. Der NSU-Komplex brauche eine Gesellschaft „die hinschaut, die Verantwortung übernimmt und die an unserer Seite steht“, so Gamze Kubaşık. „Wir werden nicht aufhören, bis es Gerechtigkeit gibt. Der Name Mehmet Kubaşık steht für ein Leben, für Hoffnung, für eine Familie und für den Auftrag, gegen Hass und Gewalt wachsam zu bleiben“.














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