SERIE Nordstadt-Geschichte(n): Wie aus Meyer & Günther die Curt Drahota GmbH wurde

Ein Konvolut Papiere und die Erinnerung an eine „Arisierung“ am Steinplatz

Der westliche Teil des Steinplatzes mit dem Kaufhaus Meyer & Günther, um 1915.
Der westliche Teil des Steinplatzes mit Blick in die Steinstraße und auf das Kaufhaus Meyer & Günther, um 1915. Sammlung Klaus Winter

Es war ein reiner Zufall. Vor wenigen Monaten fanden Handwerker bei Renovierungsarbeiten ein kleines Konvolut Rechnungen, Quittungen und andere Papiere aus den 1930er Jahren. Dankenswerterweise warfen sie die Fundstücke nicht in den Altpapier-Container, sondern leiteten es an die Nordstadtblogger weiter. Der Fund bot den Anlass, sich nochmals mit der Geschichte eines Nordstadt-Unternehmens zu befassen.

Das Textilkaufhaus Meyer & Günther

Alle Papiere betreffen das Textilkaufhaus Meyer & Günther, dessen Nachfolgefirma Dortmunds Textilkaufhaus GmbH (DTK) und wiederum dessen Nachfolger, die Curt Drahota GmbH.

Das Kaufhaus Meyer & Günther am Steinplatz, 1913.
Das Kaufhaus Meyer & Günther am Steinplatz, 1913. Vorne rechts der Eisengießerbrunnen. Sammlung Klaus Winter

Das Geschäftshaus befand sich an der Westseite des Steinplatzes, den es aufgrund seiner gewaltigen Ausmaße dominierte.

Das Kaufhaus Meyer & Günther war im November 1898 gegründet worden. Es entwickelte sich schnell zu einem erfolgreichen Unternehmen. Bereits nach wenigen Jahren wurde es deshalb erstmals erweitert. Der neue Zustand genügte aber nicht lange den Ansprüchen. So kam es 1911/13 zu dem großen Um- und Erweiterungsbau. Geschaffen wurde damals ein Geschäftshaus, wie man es eher am Westenhellweg vermutet hätte. Das Haus hatte 25 Schaufenster und eine Verkaufsfläche von 7.000 Quadratmetern.

Eigentumsverhältnisse änderten sich schon 1933

Kopf eines Rechnungsbogens der D.T.K. Dortmunds Textil Kaufhaus, 1937.
Kopf eines Rechnungsbogens der D.T.K. Dortmunds Textil Kaufhaus, verwendet im März 1937. Sammlung Klaus Winter

Namensgeber und erfolgreiche Inhaber des Kaufhauses waren Bernhard Meyer und Siegmund Günther. Als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen, war Bernhard Meyer der alleinige Inhaber. Als Jude sah er sich rasch mit Verleumdungen, Repressalien und Verfolgungsmaßnahmen konfrontiert.

Tatsächlich wechselten noch im Jahre 1933 die Eigentumsverhältnisse am Steinplatz. Die Tagespresse berichtete am 3. Oktober des Jahres, dass das Kaufhaus Meyer & Günther in neuen christlichen Besitz übergegangen sei.

Über die Umstände des Eigentumswechsel wurde nichts bekannt. Es ist aber als sicher anzunehmen, dass Bernhard Meyer unter Druck verkaufte und keinen fairen Preis erzielte.

Dem Verkauf folgte die Umfirmierung

Der neue alleinige Inhaber war Kurt Drahota. Er galt laut NS-Presseberichterstattung als ein sehr befähigter Fachmann.

Beleg des Kaufhauses Meyer & Günther, der mit Dortmunds Textil Kaufhaus überstempelt wurde.
Beleg des Kaufhauses Meyer & Günther, der mit Dortmunds Textil Kaufhaus überstempelt wurde. Sammlung Klaus Winter

Seine Persönlichkeit gewährte, dass die Geschäftsführung ganz im Sinne der neuen Wirtschaftsauffassung erfolgen würde.

Erstes sichtbares Anzeichen für die Neuerungen am Kaufhaus am Steinplatz war die Änderung der Firmenbezeichnung.

Aus „Meyer & Günther“ wurde „Dortmunds Textil-Kaufhaus GmbH (DTK) vormals Meyer & Günther“. Auf den gut eingeführten alten Firmennamen wollte der neue Eigentümer offensichtlich nicht verzichten. Das bei der Geschäftsübernahme vorhandene Firmenpapier wurde aber ebenfalls aufgebraucht. Dabei wurde der bisherige Name einfach mit dem neuen überstempelt. Dadurch blieb der seit mehr als drei Jahrzehnten bekannte Name deutlich erkennbar.

Den jüdischen Mitarbeitern wurde gekündigt

Dortmunds Textil-Kaufhaus öffnete erstmals am 4. Oktober 1933 seine Türen. Um Kunden anzulocken, setzte Drahota nicht allein auf die üblichen Werbemaßnahmen.

1934 eröffnete er eine Handarbeitsschule für Kinder in seinem Kaufhaus. Er veranstaltete auch Modeschauen, zum Beispiel in dem bekannten Café Corso und dem Parkrestaurant Flora.

Selbstverständlich spendete Drahota zu Gunsten des Winterhilfswerks und organisierte einen Betriebsausflug ins Ahrtal. Die ehemals jüdischen Mitarbeiter nahmen daran allerdings nicht teil. Ihnen war gekündigt worden.

Auf Kameradschaftsabend wurden Neuerungen gelobt

Drei Jahre nach der Übernahme des Kaufhauses feierte die 160-köpfige Belegschaft – damals Gefolgschaft genannt – einen Kameradschaftsabend mit Gefolgschaftsführer Drahota und Ehrengästen.

Quittung der Fa. Dortmunds Textil Kaufhaus mit Bezahlt-Stempel Drahota.
Quittung der Fa. Dortmunds Textil Kaufhaus mit Bezahlt-Stempel Drahota. Sammlung Klaus Winter

Man blickte bei dieser Gelegenheit auf die Änderungen seit dem Herbst 1933 zurück. Nicht nur das alte Firmenschild über dem Eingang war verschwunden. Die Arbeitsräume hatten, so der Betriebszellenobmann, ein menschenwürdigeres Gesicht erhalten.

In den Büroräumen war mehr Licht und Luft geschaffen worden und die Kantine schön und zweckmäßig eingerichtet. Der Ortsgruppenleiter ergriff ebenfalls das Wort. Er lobt den Mut des Gefolgschaftsführers Drahota. Er hatte vor drei Monaten den Mut gehabt, „diesen Betrieb zu übernehmen, um den Angestellten ihre Arbeitsplätze zu erhalten!“

Eine erneute Umfirmierung folgte 1936

Drahota hatte 1933 nur das Geschäft Meyer & Günther, nicht jedoch das Geschäftshaus erworben. Das gelang ihm aus heute nicht mehr bekannten Gründen erst im Sommer 1936.

Ein Jahr später wurde der Name Dortmunds Textil-Kaufhaus GmbH gelöscht. Gemäß eines Gesellschafterbeschlusses vom 5. Oktober 1937 nannte sich das Kaufhaus „Curt Drahota GmbH“.

„Arisches“ Kaufhaus litt unter Kriegsverhältnissen

Richtig bekannt wurde auch dieser neue Name nicht. Das lag nicht zuletzt an den Auswirkungen des bald einsetzenden Zweiten Weltkriegs. Unter den Kriegsverhältnissen traten Änderungen beim Personal ein, weil Männer zum Kriegsdienst eingezogen wurden.

Detail einer Quittung: Die gedruckte Firmenangabe ist mit "Curt Drahota GmbH" überstempelt.
Detail einer Quittung: Die gedruckte Firmenangabe ist mit „Curt Drahota GmbH“ überstempelt. Sammlung Klaus Winter

Sicherlich musste das Warenangebot im Laufe des Krieges an Qualität und Quantität Einschränkungen hinnehmen.

Spätestens im Frühjahr 1943 wurde das Kaufhaus am Steinplatz von Bomben getroffen. Anfang Mai 1943 wurde deshalb das Büro der Curt Drahota GmbH in das Haus der Dresdner Bank an der Wissstraße verlegt und die Gefolgschaft aufgefordert, sich dort zu melden.

Ab Oktober 1944 wurden Herren-, Damen- und Kinder-Oberbekleidung im Haus der Fa. Lütgenau am Ostenhellweg verkauft. Alle anderen Artikeln wurden im Haus Gutenbergstraße 36 angeboren. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gelang Curt Drahota am Steinplatz ein Neuanfang.

Das traurige Schicksal des Firmengründers

All das erlebte Bernhard Meyer nicht mehr. Nach dem Verkauf der Immobilie am Steinplatz hatte er seine Emigration vorbereitet, doch nicht durchführen können. Er wurde vor dem Grenzübertritt verhaftet und nach Dortmund zurückgebracht.

Hier verlor er am 31. August 1936 unter nicht geklärten Umständen sein Leben. Seine Ehefrau war bereits vor ihm verstorben.


Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

Unterstütze uns auf Steady

Reaktion schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert