Von Demos bis Kneipenszenen: Ein Blick auf das Leben im Revier durch die Linse von Klaus Rose

Eine Zeitreise durch Dortmund und das Ruhrgebiet der 60er & 70er Jahre

Eine neuer Bildband über Dortmund und das Ruhrgebiet. Wartberg-Verlag

Eine Buchbesprechung von Horst Delkus

In den 60er- und 70er-Jahren tobte im Ruhrgebiet – und in Dortmund – der Kampf um soziale Gerechtigkeit und kulturellen Wandel – der Fotograf Klaus Rose hat diese bewegte Zeit in eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Bildern festgehalten. Der neue Bildband „Wilde Zeiten im Revier“ dokumentiert das Leben und Aufbegehren einer Generation, die zwischen Zechen und Hochöfen aufwuchs.

Wilde Zeiten im Revier – fotografiert von Klaus Rose

Die 60er- und 70er-Jahre waren eine Ära des Wandels, geprägt von Auflehnung gegen Spießigkeit und für eigene Rechte. Dieser Wandel verlief nicht leise, besonders nicht im Ruhrgebiet und in Dortmund: Arbeiter forderten auf der Straße bessere Löhne. Kinder und Jugendliche kämpften für Spielplätze und Jugendzentren. Studenten prangerten die Bildungsmisere an und demonstrierten für Frieden und Frauenrechte.

Der Fotograf Klaus Rose bei einer DGB-Demo 1975 in Dortmund im Einsatz. Wartberg-Verlag

Inmitten dieser turbulenten Zeit wuchs zwischen Halden und Hochöfen, Zechensiedlungen und Neubaugebieten die Generation der Babyboomer heran. Sie spielten meist draußen und immer in großer Gesellschaft. Viele Jugendliche verdienten schon mit 14 oder 15 Jahren als Lehrlinge ihr erstes Geld. Ihre Freizeit verbrachten sie im Verein, im Jugendtreff und abends im Kellerclub. Miniröcke, Batikmuster, Jeans und Parkas waren ihre modischen Erkennungszeichen.

Es waren wilde Zeiten im Pott. Demonstrationen, Streiks und Sternmärsche prägten den politischen Alltag. Der Fotograf Klaus Rose hielt sie mit der Kamera fest, noch in Schwarz-Weiß. Rose war ein Chronist, der das Leben unverfälscht einfing. So entstanden Schnappschüsse aus dem prallen Leben, veröffentlicht in „Spiegel“, „Stern“, „Zeit“, „Frankfurter Rundschau“, „Deutsche Volkszeitung“ und „Welt der Arbeit“.

Jugendkultur im Wandel: Musik, Mode und Protest in Bildern

Der Bildband zeigt Fotos vom Spielen im Freien, auf Spielplätzen oder bei der ersten Kinder-Ferien-Party in der Westfalenhalle. Er zeigt, wie Musik den Wandel trieb: Schallplatten, Live-Bands, Konzerte – die Stones 1967 in der Westfalenhalle. Jugendliche in Lanstrop mit ihren Kreidler-Mopeds illustrieren, wie sich unsere Mobilität veränderte. Demos in Scharnhorst 1974 für mehr Spiel- und Bolzplätze, für Jugendhäuser zeigen jugendliches Aufbegehren auch in Dortmunder Vororten.

Kneipenszenen zeigen eine verschwundene Alltagswelt. Darunter Lothar ‚Emma‘ Emmerich – 1966, tanzend in einer Dortmunder Kneipe. Andere Fotos dokumentieren das Alltagsleben in der Nachbarschaft von Zeche, Kokerei und Stahlwerk. Der von Menschenmassen umgebene Willy Brandt im Dortmunder Westfalenpark ist ebenso zu sehen wie ein Foto von einer Demo mit 20.000 Teilnehmern auf dem Alten Markt gegen die während seiner Kanzlerschaft verhängten Berufsverbote durch den sogenannten Radikalenerlass 1973. An den Aufbruch der Frauen erinnert ein Foto von einer Unterschriftensammlung der Frauen Aktion Dortmund 1971 gegen den § 218.

Arbeitsleben und Demonstrationen festgehalten

Auch die Arbeitswelt von damals ist dokumentiert: Bergarbeiter in der Kaue von Minister Stein, Stahlarbeiter von Hoesch an der Thomasbirne, vor dem Verwaltungsgebäude an der Rheinischen Straße, bei einer Demo in der Innenstadt für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze.

Der Fotograf Klaus Rose (88) lebt heute in Iserlohn. Wartberg-Verlag

Ein Foto von Klaus Rose hat eine besondere Geschichte: Es zeigt eine Demo von Bergleuten der Zeche Minister Stein im wilden Streik im September 1969. Vorneweg ein handgemaltes Schild mit ihren Forderungen: „Wir fordern!!! ! 1000 [D-Mark] netto, 4 Wochen Urlaub“. Im Nachrichtenmagazin „Spiegel“, damals das deutsche Leitmedium, erschien das Foto mit dieser Aufschrift, im „Neuen Deutschland“, dem Zentralorgan der SED in der DDR, ohne diese Forderungen.

Es ist eine verschwundene Welt, die uns der Fotograf Klaus Rose mit seinen Fotos aus den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in diesem Auswahlband zeigt. Mit sachkundigen, einfühlsamen Texten des Dortmunder Hobby-Schriftstellers Wilhelm Schöttler. Wer sich für das Alltagsleben der Menschen im Revier und insbesondere in Dortmund interessiert, wird an diesem 72-seitigen Fotoband aus dem nordhessischen Wartberg-Verlag seine Freude haben.

Mehr Informationen: Wilde Zeiten im Revier – Die 60er und 70er Jahre. Historischer Bildband. 72 Seiten; 24,5 × 22,8 cm. ISBN 978-3-8313-3392-9. 19,90 €.


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