Zahlreiche Repressionen und Kündigungen nach Streikende: Friedrich Bunte wird Gewerkschafter

TEIL 2: Er wird Vorsitzender des „Verbands Deutscher Bergleute“

Gruppenfoto
Bergarbeitertag in Halle 1890. Die Delegierten beschlossen 14 Forderungen wie achtstündige Schichtzeit; wöchentliche Lohnzahlung; Schiedsgerichte; Verbot der schwarzen Listen u.a. an die Regierung zu richten und wählten Friedrich Bunte zum Verbandsvorsitzenden. Sammlung Horst Delkus

Friedrich Bunte war einer der wichtigsten Wegbereiter der Gewerkschaften in Dortmund. Zunächst Vorsitzender des heute noch existierenden Knappenvereins „Glückauf“,  dann „Kaiserdelegierter“ während des Bergarbeiterstreiks im Mai 1889 – gemeinsam mit Ludwig Schröder und August Siegel, gewählter Vorsitzender des im August 1889 in Dorstfeld gegründeten „Verband zur Wahrung und Förderung der Interessen der Bergarbeiter von Rheinland und Westfalen“ und 1890 des „Verband deutscher Bergleute“.

Im zweiten Teil des Berichtes Von Horst Delkus beleuchten wir, wie das Leben und Wirken von Friedrich Bunte weiterging.

Bunte wird nach dem Streik entlassen und eröffnet ein Geschäft

Geschäftseröffnung in der Nordstadt. Horst Delkus | Nordstadtblogger

Nach dem Streik wurden Friedrich Bunte, Ludwig Schröder, August Siegel und zahlreiche andere aktive Bergleute entlassen.

Friedrich Bunte machte sich erst im Dortmunder Norden, in der Bleichmärschstraße, selbständig. Wenig später eröffnete Friedrich Bunte gemeinsam mit Ludwig Schröder in der Wißstraße ein Tabak- und Zigarrengeschäft.

In der Wißstraße eröffneten Friedrich Bunte und sein Freund Ludwig Schröder gemeinsam ein Tabak- und Zigarrengeschäft. Dort befand sich auch der Vertrieb der Bergarbeiterzeitung „Glückauf“. Horst Delkus | Nordstadtblogger

Auch August Siegel begründet sein eigenes Geschäft: Er eröffnet in Dorstfeld einen Flaschenbierhandel.

Den für den 2. Juni in Dorstfeld geplanten Delegiertentag der Knappenvereine sagten sie ab und verschoben ihn auf den 18. August.

Nach dem Streik: Ursachen sollen amtlich untersucht werden

Die Gründe für den Streik der Bergleute im Mai sollten in einer offiziellen Untersuchung der Behörden geklärt werden – eine Art Wahrheitsfindung. Es entbrannte ein Streit um Fakten wie Lohnhöhe, Arbeitszeiten und Überstunden sowie um die Deutung der Ursachen des Streiks.

Bunte, Schröder und Siegel initiieren eine eigene Untersuchung zu den Ursachen des großen Streiks der Bergarbeiter im Mai 1889. Horst Delkus | Nordstadtblogger

Als das Dortmunder Oberbergamt behauptete, der Streik sei „von außen“, vor allem von der Sozialdemokratie, in die Gruben hineingetragen worden, erklärten Bunte, Schröder und Siegel am 10. Juni 1889 öffentlich: Gegenüber der Erklärung des Königlichen Oberbergamtes, von dessen angeblich vermittelnder Tätigkeit während des Streiks die Bergleute nichts gemerkt haben, sei es ihre Pflicht zu widersprechen.

Der Streik sei keine von außen hineingetragene Aktion gewesen. Wäre das der Fall, müssten sie es wissen. Sie wiesen diese Behauptung entschieden zurück. Auch die Angaben des Oberbergamtes über Lohnverhältnisse und Überschichten bestritten sie. Wie die Dinge lägen, sei in der Lohnbewegung hinreichend klargestellt; im Interesse des Friedens wolle man es jetzt nicht weiter erörtern.

Ludwig Schröder, Friedrich Bunte und August Siegel kündigten eine gemeinsame Broschüre über den Bergarbeiterstreik an. Sie erschien nicht. Die drei waren zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt.

Am 30. Juni 1889 fand in Dortmund der Delegiertentag der Belegschaftsdelegierten des Dortmunder Reviers statt, die erste Versammlung nach dem Streik. Bunte konnte wegen Krankheit nicht teilnehmen; vermutlich litt er bereits an einer Lungentuberkulose. Stattdessen eröffnete Ludwig Schröder die Veranstaltung. Er betonte, dass bei den laufenden amtlichen Untersuchungen keine Delegierten vernommen würden, sondern vielmehr Bergleute, die am Streik gar nicht teilgenommen hätten.

Vorbereitungen für die Gründung des Bergarbeiterverbandes in Dorstfeld im August 1889

Nach dieser Versammlung bereiteten Bunte, Schröder und Siegel die Gründung eines Bergarbeiterverbandes vor. Das hieß: Abstimmungen mit anderen Knappenvereinen und Bergbau-Revieren.

Einige drohten – so in Essen, Herne und Bochum – eigene Revierverbände gründeten und kündigten an, den Dorstfelder Delegiertentag nicht zu beschicken, da sie die Knappenvereine für „Luxusvereine“ hielten. Sie seien unfähig, die Interessen der Bergleute zu vertreten. Mitte Juli 1889 erschien die offizielle Einladung mit Tagesordnung, herausgegeben von Bunte als Vorsitzendem des Komitees zur Einberufung des Delegiertentages der Knappenvereine Deutschlands.

In einer Erklärung vom 9. August erläuterten Bunte, Schröder und Siegel: „Als Delegierte fungieren in erster Linie die von den Knappenvereinen aus dem Oberbergamtsbezirk Dortmund gewählten Deputierten. Dort, wo Vereine nicht vorhanden sind, sind die Deputierten bereits durch öffentliche Versammlungen gewählt. Auf je 100 Kameraden kommt 1 Vertreter. Jeder Deputierte hat sich zu legitimieren. Wir laden unsere Kameraden zu diesem Delegiertentag mit herzlichstem ‚Glückauf‘ ein“.

Die Gründung der Bergarbeitergewerkschaft am 18. August 1889: Einladung zum Delegiertentag der Knappenvereine in die Gaststätte von Herrn Schemmann in Dorstfeld. Hier fand die Gründung des Bergarbeiterbandes statt und nicht, wie immer wieder berichtet, bei Ziegler in Dorstfeld. Foto: Sammlung Horst Delkus

Der Delegiertentag in Dorstfeld fand trotz aller Kontroversen am 18. August 1889 statt. Quasi in letzter Minute gelang eine Einigung vor allem mit den anderen Bergbaurevieren des Ruhrgebiets. Die Redaktion der Zwickauer Bergarbeiterzeitung „Glückauf“ erhielt am Morgen des 14. August folgendes Telegramm von Bunte: „Einigkeit vollständig erzielt. – Bochum, Gelsenkirchen und Essen wird am 18. August in Dorstfeld ohne Ausnahme vertreten sein. “

Die Gründungsversammlung am 18. August 1889

Es kamen rund 200 Delegierte aus 49 Knappenvereinen sowie von 66 Zechen, in denen keine Knappenvereine bestanden. Als Dorstfelder Platzhirsch begrüßte August Siegel die anwesenden Kameraden. Friedrich Bunte legte den Bericht des Vorbereitungskomitees vor. Er plädierte für die „Notwendigkeit einer geschlossenen Organisation der Bergleute“. Es müsse, so Bunte, „eine Verbindung der Bergleute geschaffen werden, um gegen den Druck der Zechenverwaltungen und gegen die Kapitalmacht gerüstet zu sein“.

Dazu seien „eine gemeinschaftliche Fachpresse“ und „eine Kasse, um auch in agitatorischer Weise Besserung zu erzielen, um gemaßregelte Mitglieder unterstützen zu können, etc.“ nötig. Eine solche Organisation sei „durch ihre Kraft ein vorzügliches Mittel, um Streiks vorzubeugen. (Darin würden die Einzelnen aufgeklärt und auch vor Ausschreitungen bewahrt.) Eine Streikkasse zu gründen, wie vielfach behauptet, sei Unsinn. Wenn die Bergleute einig seien und sich organisiert hätten, würden die Arbeitgeber es schwerlich je wieder zu einem Streik kommen lassen“.

„Lebhaftes Bravo! “ vermerkt der Berichterstatter der katholischen „Tremonia“. Bunte und mit ihm Tausende Bergleute wollten keinen Streikverein. Sie glaubten an die Macht einer einigen, starken Organisation sowie an Aufklärung und sachliche Überzeugungsarbeit – an Gespräche und Verhandlungen mit den Arbeitgebern, gestützt auf Material und Statistiken, die der Verband selbst erstellte.

Deckblatt des Protokolls der Verbandsgründung in Dorstfeld am 18. August 1889. Foto: Sammlung Horst Delkus

Zur Frage „Wann soll der erste deutsche Bergarbeiter-Delegiertentag stattfinden? “ sagte Bunte, „dass ein solcher von ganz besonderer Wichtigkeit sei, vielleicht noch nützlicher wie ein Streik. Habe man eine Organisation über ganz Deutschland und berate die Gegenstände unter Mitwirkung von Delegierten aus dem ganzen Reich, dann könne denselben eine außerordentliche Wichtigkeit nicht abgesprochen werden“.

Als Beispiel nannte er die neue Sozialgesetzgebung: Krankenkassen, Unfallversicherung, Alters- und Invalidenrente sowie weitere Gesetze zu den Knappschaftskassen. Er empfahl, den Antrag der Kameraden aus Sachsen zu unterstützen, im Jahr 1890 in der Mitte Deutschlands den ersten gesamtdeutschen Delegiertentag der Bergarbeiter einzuberufen.

Der „Verband zur Wahrung und Förderung bergmännischer Interessen für Rheinland und Westfalen“ wurde am 18. August erfolgreich gegründet. Er änderte im Lauf seiner Geschichte mehrfach den Namen und gilt zu Recht als Vorläuferorganisation der Industriegewerkschaft Bergbau und Energie (IGBE), die 1997 mit der IG Chemie zur IGBCE fusionierte.

Die  zweite Generalversammlung des Verbandes am 27. Oktober 1889 in Bochum, an der 141 Zahlstellen, also Ortsgruppen, teilnahmen, wählte Friedrich Bunte mit überwiegender Mehrheit zum ersten Vorsitzenden. In den folgenden Monaten widmete sich Friedrich Bunte dem Aufbau des Verbandes im Ruhrgebiet und den Vorbereitungen für einen Bergarbeiterverband im ganzen deutschen Reich.

In einem Pressebericht war zu lesen:

Die Generalversammlung des Ruhrgebietsverbandes am 8. März 1890 folgte einem Antrag des Vorsitzenden Bunte: „Die heutige Generalversammlung wolle beschließen, zur Einberufung eines Allgemeinen Deutschen Bergarbeitertages den Vorstand des Verbandes zu beauftragen, die nötigen Schritte in diese Richtung zu tun. (…) Das Programm soll sein:

1. Verband Deutscher Bergarbeiter.
2. Zentralorgan Deutscher Bergarbeiter.
3. Wie stellen wir uns zu dem internationalen Kongress. (Die Delegierten sollen in großen Bezirksversammlungen gewählt werden.)
4. II. Deutscher Bergarbeitertag.
5. Resolution an die gesetzgebenden Körperschaften. “

Diese Resolution lautet:

„In Erwägung, dass der zwischen den Bergwerksbesitzern und den Bergleuten bestehende wirtschaftliche Widerstreit nur dann beseitigt und der soziale Friede dauernd hergestellt wird, wenn die Bergwerke in den Besitz der dieselben nutzbar machenden Arbeiter, Beamten und Leiter übergehen“.

Die Generalversammlung beschloss daher, „dass sämtliche deutschen Bergwerke den gegenwärtigen Besitzern enteignet und in das Eigentum der in den Bergwerken selbst tätigen Arbeiter, Beamten und Leiter umgewandelt und hierfür genossenschaftliche Rechtsformen aufgestellt werden, dass bis zum Vollzug derselben aber ein Interimsgesetz zur direkten Abhilfe der heutigen Missstände geschaffen werde“.

Am 5. Juli 1890 berichteten die Zeitungen, dass Friedrich Bunte wegen Krankheit beabsichtige, als Vorsitzender des rheinisch-westfälischen Bergarbeiterverbandes zurückzutreten: Die vorläufige Leitung des Verbands solle bis zur Neuwahl des Vorstands, die im Oktober stattfinden werde, dem 2. Vorsitzenden, Herrn J. Schröter-Steele, übertragen werden. Der Verband gewinne fortwährend Mitglieder.

Friedrich Bunte wird Vorsitzender des „Verbands Deutscher Bergleute“

Bergarbeitertag in Halle 1890. Die Delegierten beschlossen 14 Forderungen wie achtstündige Schichtzeit; wöchentliche Lohnzahlung; Schiedsgerichte; Verbot der schwarzen Listen u.a. an die Regierung zu richten und wählten Friedrich Bunte zum Verbandsvorsitzenden. Sammlung Horst Delkus

Im September 1890 trafen sich in Halle 43 Delegierte fast aller deutschen Bergbaureviere, die mehr als 200.000 Bergleute vertraten. Sie beschlossen die Gründung eines gesamtdeutschen Bergarbeiterverbandes, des „Verbandes deutscher Bergleute“, der bald nur noch „Alter Verband“ hieß. Die Statuten des Ruhrgebietsverbandes blieben fast unverändert. Sitz des Verbandes wurde Bochum.  Zu ihrem ersten Vorsitzenden wählten die Delegierten Friedrich Bunte. Verbandsorgan wurde die Bergarbeiterzeitung „Glückauf“, herausgegeben und gedruckt in Zwickau.

Einladung zu einer Bergarbeiterversammlung in Dortmund nach dem Bergarbeitertag in Halle. Referent ist Friedrich Bunte.

Die Generalversammlung am 19. Juli 1891 wählte Ludwig Schröder zum ersten Vorsitzenden des Verbandes, Siegel in den Vorstand für das Ruhrgebiet und Bunte in den Kontrollausschuss.

Auf der 2. Delegiertenversammlung des Verbandes deutscher Bergleute am 31. Juli 1892 in Bochum wurde Schröder erneut zum 1. Vorsitzenden gewählt; Bunte, ebenso wie H. Kämpchen u. a., als Beisitzer in den Vorstand, in den man ihn zuletzt im August 1894 wiederwählte.

Als Delegierter zum ersten Internationalen Bergarbeiterkongress in Paris

Auf einer Versammlung in Dorstfeld wählen die Dortmunder Bergleute Friedrich Bunte als Delegierten zum Internationalen Bergarbeiterkongress im Februar 1891 in Paris. Horst Delkus | Nordstadtblogger
Einladung zu einer Bergarbeiterversammlung,auf der Bunte über den Internationen Bergarbeiterkongress in Paris berichtet. Foto: Sammlung Horst Delkus

Friedrich Bunte war mit Ludwig Schröder, August Siegel und einigen anderen einer der Pioniere der internationalen Bergarbeiterbewegung.

Im Februar 1891 wurde er als Delegierter für den ersten internationalen Bergarbeiterkongress in Paris gewählt, 1892 für den in London und 1894 für den in Berlin. Diese Kongresse waren wichtig im Kampf um den Achtstundentag inklusive Ein- und Ausfahrt auf den Zechen.

 

Bunte wird als  „Lügner“ und „Landesverräter“ verleumdet

Als Bunte, Schröder und Siegel in führende Funktionen der jungen Bergarbeitergewerkschaft kamen, waren sie massiven Verleumdungen durch die Presse ausgesetzt, um sie in der Bergarbeiterschaft zu diskreditieren. So hieß es zum Beispiel, die drei hätten den Kaiser belogen, als er sie angeblich fragte, ob sie Sozialdemokraten seien – was er nicht tat. Man unterstellte ihnen Bereicherung an der Bergarbeiterbewegung – was nicht stimmte. Oder „Vaterlandsverrat“ in Paris, weil sie sich mit Franzosen verbrüdert hätten.

Buntes Name wird für einen Wahlaufruf missbraucht. Er ist jedoch „für strenge Wahlenthaltung, da meiner festen Überzeugung nach von der einen Seite so wenig zu hoffen istwie von der anderen“. Horst Delkus | Nordstadtblogger

Auf einer Bergarbeiterversammlung im April 1891 sagte Bunte dazu, er habe den Franzosen nur erklärt: „Wir Arbeiter kennen keine Feindschaft unter den Völkern. Wir unterscheiden zwischen Machern, dem Kapital, und dem Volk. Nur das Kapital säe Hass und Zwietracht unter den Völkern. Das mögen die Franzosen ihren Leuten sagen“. 1892 wurde sogar kolportiert, Bunte arbeite inzwischen als Pferdeknecht in Brandenburg. „Herr Bunte, der hier in Dortmund friedlich seinem Geschäft nachgeht, wird sich nicht schlecht wundern, dass er zugleich in einem brandenburgischen Städtchen Pferdeknecht sein soll“, kommentierte die „Dortmunder Zeitung“ lakonisch.

Aufruf zur Solidarität mit den streikenden Bergleuten des Saarlands

Als zum Jahreswechsel 1892/93 die Bergarbeiter des Saarlands für die achtstündige Schicht, einen Mindestlohn von 4,50 Mark für Hauer und gegen eine neue Arbeitsordnung in den Streik traten, rief Bunte auf einer großen Bergarbeiterversammlung in Dortmund zum Solidaritätsstreik auf – indirekt, in Form von Fragen, denn ein direkter Aufruf war verboten.

Am Nachmittag wiederholte er diese Aktion in Bochum vor 5.000 Bergleuten. Der Streikaufruf erfasste große Teile des Ruhrgebiets, wenngleich nicht alle Zechen bestreikt wurden. Bunte trat am Sonnabend auch in Kamen und Bergkamen auf, doch blieb auf Schacht I und II der Zeche Monopol „alles ruhig“.

Weitere Repression: Bunte kommt in den Knast und arbeitet als Strumpfstricker

Nach dem gut gemeinten, aber erfolglosen Streik setzte erneut eine Repressionswelle ein. Bunte erhielt zwei lange Haftstrafen wegen „Aufforderung zum Ungehorsam gegen Gesetze“, die er, kahlgeschoren und bartlos, in der Haftanstalt Münster verbüßte.

Aufruf in der Bergarbeiterzeitung „Glückauf“, nach dem Streik entlassene und in Not geratene Bergleute zu unterstützen.

Ende August 1893 meldete eine Dortmunder Zeitung: „Friedrich Bunte, der Kaiserdelegierte und Bergarbeiterführer, befindet sich bekanntlich im Gefängnis zu Münster. Wir sind in der Lage, seinen zahlreichen Freunden und Bekannten mitteilen zu können, dass es ihm dort recht gut geht. Seitens der Gefängnisverwaltung ist ihm das Lesen der ‚Täglichen Rundschau‘ gestattet worden. Während der übrigen Zeit bedient er eine Strickmaschine und fertigt elegante Strümpfe an“. Er soll die Zeit auch zum Lesen genutzt haben. Ende März 1894 feierten die Bergarbeiter – und wohl auch etliche Sozialdemokraten – seine Rückkehr.

Wenige Tage später wählten ihn mehrere Versammlungen zum Delegierten für den internationalen Bergarbeiterkongress in Berlin. Im August wurde er erneut in den Vorstand des Bergarbeiterverbandes gewählt. Eine führende Rolle wie 1888 bis 1891 nahm Bunte nicht mehr ein. Die Quellenlage erlaubt nur Vermutungen: Der Verband befand sich Mitte der neunziger Jahre aus mehreren Gründen im Niedergang, hatte 1895 nur noch knapp 5.000 Mitglieder.

Das wird zu internen Debatten geführt haben, deren Inhalt und Konsequenzen wir nicht kennen. Gelegentlich finden sich Hinweise auf eine schwerwiegende Erkrankung Buntes, vermutlich Tuberkulose, damals unheilbar. Vielleicht zog er sich deshalb 1895/96 aus der gewerkschaftlichen und politischen Arbeit zurück?

Eine Bergarbeiterbroschüre, herausgegeben von Friedrich Bunte gemeinsam mit dem Bergarbeiter Robert Schönwald. Dortmund 1894. Repro: Archiv der sozialen Demokratie

Anfang 1895 machte eine kleine Schrift Buntes Furore: „Was rettet uns? – Wirtschaftspolitische Gespräche für Bergarbeiter“. Bunte verfasste sie mit einem Kameraden. Die Broschüre bildet ein Gespräch zwischen einem Wirt und einem von der Zeche heimkehrenden Bergmann ab.

Eine Passage sah die 7. Gendarmeriebrigade als Beleidigung an. Es kam zum Prozess. Allein gegen Bunte beantragte die Staatsanwaltschaft acht Monate Gefängnis. Das Urteil lautete auf zwei Monate für beide Verfasser. Der Fall ging vor das Reichsgericht, das das Urteil aus formalen Gründen aufhob.

Das Dortmunder Gericht befasste sich erneut mit der Sache, bestätigte die zweimonatige Gefängnisstrafe und die „Publikationsbefugnis“ der Gendarmen des Oberbergamtsbezirks Dortmund – also das Recht, das Urteil auf Kosten der Verurteilten zu veröffentlichen. Was auch geschah.

 

Friedrich Buntes Engagement als Sozialdemokrat

Einladung von Dortmunder Sozialdemokraten, darunter Bunte, zu einer Versammlung mit dem Fabrikanten, Reichstagsabgeordneten und Parteivorsitzenden der SPD Paul Singer in Dortmund. Horst Delkus | Nordstadtblogger

Bunte war – wie Schröder, Siegel und viele andere Bergarbeiterführer jener Zeit – Sozialdemokrat.

Er leitete sozialdemokratische Versammlungen und wurde als Ersatzdelegierter für Carl Wilhelm Tölcke zu den Parteitagen in Erfurt 1891 und Berlin gewählt. Am Parteitag 1896 in Gotha nahm er selbst teil und ergriff das Wort.

Auch für das Dortmunder Stadtverordnetenhaus kandidierte er für seine Partei, blieb jedoch – wegen des Dreiklassenwahlrechts – erfolglos.

Stadtverordneten-Wahlen!

Öffentliche Wählerversammlungen mit den Tagesordnungen:

Die Stadtverordneten-Wahlen und die Forderungen der von der Sozialdemokratie Dortmunds aufgestellten Stadtverordneten-Kandidaten“

finden statt am Sonntag den 25. d. M., Nachmittags 3 Uhr, Referent: Fr. Bunte 

Das Sozialdemokratische Wahlkomitee

Friedrich Bunte wird am 20. November 1891 in den dreiköpfigen Agitationsausschuss des „Sozialdemokratischen Vereins“ in Dortmund gewählt.

Bunte als Delegierter beim Gothaer Parteitag 1896

Friedrich Bunte war Dortmunder Delegierter zum Gothaer Parteitag 1896. Digitalisat Bayrische Staatsbibliothek

Seinen letzten großen öffentlichen Auftritt hatte Friedrich Bunte am 12. Oktober 1896 als Delegierter auf dem Gothaer Parteitag der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.

Die Parteitagsdebatte kreiste um die Verkürzung der Arbeitszeit und die Frauenfrage. Ferner kam es zu einer ausführlichen Diskussion über die sozialdemokratische Parteipresse. Es ging dabei unter anderem um Personalfragen.

In dieser Debatte tadelte Bunte, „dass die Parteileitung nicht die Anträge der Bochumer und Dortmunder Genossen betreffs des Dortmunder Parteiblattes berücksichtigt habe“.

Alwin Gerisch, ehemaliger Parteivorsitzender und nunmehr oberster Kassenwart, entgegnete für den SPD-Parteivorstand: „Was die Besetzung der Redaktion des Dortmunder Parteiblattes anlange, so habe sich die Parteileitung dabei von rein praktischen Gesichtspunkten leiten lassen. Er freue sich, dass Bunte heute selbst erklärt habe, die Bochumer und Dortmunder Genossen seien mit der Redaktion des Dortmunder Blattes zufrieden“.

Ein Pfarrer erhält das Recht, die Sozialdemokratie vom Standpunkt der Kirche zu bekämpfen

Ansonsten ist von Bunte, der nun seinen Lebensunterhalt als selbständiger Strumpfstricker verdiente, eine Beleidigungsklage gegen den Pfarrer Dr. Morgenstern aus Hombruch bemerkenswert. Der Pfaffe hatte Bunte bei einer Tauffeier übel verleumdet: Bunte habe die Bergleute mit einer Kasse betrogen und sei damit durchgebrannt.

Der alte Kämpe sah seinen Ruf und sein Geschäft beschädigt – und klagte. Vergeblich: Der Gerichtshof erkannte nach kurzer Beratung auf Freispruch und legte die Kosten dem Privatkläger Bunte zur Last. Der Pfarrer, so die Begründung, habe das Recht, vom Standpunkt der Kirche die Sozialdemokratie zu bekämpfen.

Als im August 1897 in Wellinghofen ein Bergmann beerdigt wurde, zugleich Vertrauensmann des sozialdemokratischen Wahlvereins, trat Bunte als Kreisvertrauensmann der SPD an die offene Gruft, legte einen Kranz nieder und sagte: „Dass dein Geist deiner Arbeit fortleben möge, das wünscht sich die Sozialdemokratie des Wahlkreises Dortmund. Sanft ruhe Deine Asche“. Die Sache kam vor Gericht. Bunte wurde wegen eines Verstoßes gegen das Vereinsgesetz zu 15 Mark Geldstrafe verurteilt. Der Grund: Er hatte Kranzniederlegung und Ansprache nicht polizeilich angemeldet.

Otto Hue über Friedrich Bunte: „Er war ein armer Prolet und ist als solcher gestorben“.

Todesanzeige für Friedrich Bunte, April 1910.

Danach trat Friedrich Bunte nicht mehr öffentlich in Erscheinung. Er starb am 21. April 1910 als „Reichsinvalide“ im 55sten Lebensjahr. „Nach langem, schwerem, mit großer Geduld ertragenem Leiden“, wie es in der Todesanzeige seiner Hinterbliebenen stand.

Mehrere kurze Nachrufe erinnerten an seine Rolle in der Bergarbeiterbewegung und in der Sozialdemokratie – auch der „Vorwärts“ und die Essener „Arbeiterzeitung“:

„Friedrich Bunte, der im Jahre 1889 zu den sogenannten Kaiserdelegierten der Bergarbeiter gehörte, ist am Donnerstag in Dortmund gestorben. Bei den Streiks der Bergarbeiter in den Jahren 1889 und 1893 zählte er zu den leitenden Führern. Einige Jahre hat er dann an der Spitze des Bergarbeiterverbandes gestanden. Es war eine sturmbewegte Zeit, als er in den ersten Reihen stand, und mehrere Monate Gefängnis hat ihm die Klassenjustiz als Strafe auferlegt. In den 90er Jahren wurde er von den Parteigenossen zum Vertrauensmann des Kreises Dortmund-Hörde gewählt“.

Friedrich Bunte Straße in Walsum, heute ein Stadtteil von Duisburg. Screenshot Google Maps

Otto Hue schrieb 1913 in seinem monumentalen Werk „Die Bergarbeiter“ über ihn: „Fritz Bunte war ein armer Prolet und ist als solcher gestorben“.

In Dortmund und im Ruhrgebiet ist Friedrich Bunte längst vergessen. In Walsum am unteren Niederrhein, im Nordwesten des Ruhrgebiets – heute ein Stadtteil von Duisburg – erinnert immerhin eine Straße an diesen frühen Vorkämpfer für soziale Rechte und gewerkschaftliche Organisationsfreiheit.


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