
Vor gut zehn Monaten erschien der Roman „Ruhrgemüse, polnisch“. Und so war es kein Wunder, dass die Autorin Birgitta M. Schulte am Gründonnerstagabend in der Bücherei Litfass ihre Zuhörer:innen mit den Worten begrüßte: „Ich habe mich so gefreut, dass ich endlich in Dortmund lesen darf. Denn das Buch spielt genau hier.“ Genauer gesagt: in der Nordstadt. Und das ist keine Idee der Verfasserin. Ihre Urgroßeltern waren 1890 aus dem Kreis Löbau ganz im Osten von Westpreußen ins Ruhrgebiet gekommen und hatten in der Nordstadt Arbeit und Wohnung gefunden.
Acht Jahre Recherche für die Zuwanderungs-Geschichte der Urgroßeltern
Mit ihrer Familiengeschichte, in die sich Schulte seit 2015 vertieft, wollte sie zudem klar machen, „dass die deutsche Gesellschaft über Jahrzehnte verleugnet hat, eine Migrationsgesellschaft zu sein“. Und das ist ihr gut gelungen.

Nach acht Jahren Recherche und weiteren Monaten des Schreibens ist es somit ein „persönliches Buch“ geworden, sagte sie. Die Zahl der Familienmitglieder stimmt, die Namen hat sie abgewandelt, die wahren Lebenswege als Grundlage für die Geschicke der Romanfiguren genommen.
Gleich auf der ersten Seite sind die Leser:innen mittendrin in der Nordstadt, auf einer Schicht in der Maschinenfabrik Deutschland.
Dort arbeitet 1893 der gelernte Handwerker Adam Koszynski als Meister. Einige Jahre später, die Familie Koszynski heißt mittlerweile Kosshofer, wird er gekündigt. Grund ist unter anderem, dass er sich für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen einsetzt.
An der Bedeutung der katholischen Gemeinden hatten die Polen großen Anteil

Birgitta M.Schulte beschreibt das Leben von Eltern und immer mehr werdenden Kindern – und Kostgängern – auf engem Raum in einem Häuschen an der Stahlwerkstraße, die Anfänge der Wohnungsgenossenschaft Spar- und Bauverein, die Bedeutung der „Sozialdemokraten“ und der Gewerkschaften für die Arbeiter und deren Angehörige und vor allem die Bedeutung der Religion für polnisch stämmige Menschen.
In der Kirche St. Joseph wurden Gottesdienste in polnischer Sprache gefeiert, die Kirche Heilige Dreifaltigkeit entstand mit viel Geld und Einsatz der polnischen Gläubigen.
Birgitta M. Schulte ließ sich zufuß durch die Nordstadt verführen
Auch dass nicht Friede, Freude, Einigkeit unter diesen Familien herrschte, spricht Schulte an, genauso wie den geschichtlichen Hintergrund der Herabwürdigung von Pol:innen, der mit Friedrich II. im 18. Jahrhundert begann und fortgesetzt hat. Auch die Namensänderungen änderten nichts daran. Denn das -hof oder –hofer, das den eingedeutschten Namen angehängt wurde, ließ die Herkunft gleich erkennen.

Um diese Einschübe im Buch schreiben zu können, hat die Autorin viel in Dortmund und der Nordstadt recherchiert. Vieles erfuhr sie aus Büchern, wie aus den Quellenangaben zu erfahren ist, und aus der Nordstadtblogger-Serie Nordstadt-Geschichte(n) von Klaus Winter.
Besonders bedankt sie sich unter anderen für die Unterstützung bei Ute Pradler vom Stadtarchiv Dortmund für den Hinweis auf die Maschinenfabrik Deutschland und bei der Borsigplatz-Verführerin Annette Kritzler „für die kenntnisreiche Führung“.
Das Buchgeschichte endet 1931 mit der Vorbereitung von Adam Kosshofers Enkel Emil für das Studium in Bonn. Und mit diesem letzten Kapitel endete auch die Lesung. Im anschließenden Gespräch mit dem Publikum erzählten einige der Frauen und Männern, sie hätten ähnliche Familiengeschichten. Wem das genauso geht oder wer wissen will, wie so eine Geschichte aussehen kann, sollte die 188 Seiten lesen. „Ruhrgemüse, polnisch“ ist im Verlag Stroux Edition erschienen, kostet 25 Euro und ist im Buchhandel erhältlich.
Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!
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