Der Initiativkreis Alte Körne nahm selbst Unterricht im Wald

Von bellenden Rehen und sprechenden Buchen

Uwe und Mario Friedrich (r.) erklären das Zusammenleben von Bäumen und Tieren im Wald.
Uwe und Mario Friedrich (r.) erklären das Zusammenleben von Bäumen und Tieren im Wald. Foto: Susanne Schulte für nordstadtblogger.de

Nach rund zwei Jahren Stillstand blühen viele Ehrenamts-Projekte neu oder wieder auf. In unserer Serie „Neustart Ehrenamt“ stellen wir in loser Folge engagierte Vereine und Menschen aus nördlichen Stadtteilen vor.

Von Susanne Schulte

Zum Wohle der Pflanzen und der Spaziergänger:innen sind die meisten der aktiven Mitglieder des Initiativkreises Alte Körne mindestens einmal die Woche in dem Naturschutzgebiet unterwegs. Sie pflegen die Wege und die Hinweisschilder, reparieren kaputte Bänke und führen Gruppen über die Wege zwischen Scharnhorst und Kurl. Jetzt ließen sie sich einmal selbst führen. Die Brüder Mario und Uwe Friedrich, Mitarbeiter der Wohllebens Waldakademie, machten diese Weiterbildung unter Bäumen zu einem kurzweiligen Abendseminar.

Der beste Förster ist der Eichelhäher

Die Lektion ging schon wenige Meter nach dem Start am Vereinsheim Alte Körne los. Uwe Friedrich fing an zu bellen und ließ die Gruppe raten, wen er imitierte. „Rehe“, war dann die korrekte Antwort. „Rehe bellen, um sich gegenseitig zu warnen.“ Rehe seien nicht blöde: „Die erkennen ihren Förster am Auto.“

In der Waldklasse gab es immer etwas zum Schmunzeln.
In der Waldklasse gab es immer etwas zum Schmunzeln. Foto: Susanne Schulte für nordstadtblogger.de

Mit statistischen Ausführungen ging es weiter. 30 Prozent der Fläche in Deutschland besteht aus Wald, 52 Prozent davon gehören dem Staat und Kommunen, 48 Prozent etwa zwei Millionen Privatleuten. Und dann stand die Gruppe bereits mitten im Wald.

Hier hörten die Schüler:innen von den beiden Waldführern, dass es die Begriffe Tief- und Flachwurzel so gar nicht gebe: „Die Bäume wurzeln dahin, wo sie können“, und dass nicht der Borkenkäfer ursächlich die Wälder kaputt mache, da sich „ein gesunder Baum gegen den Borkenkäfer wehren kann“.  Und viele Bäume in den deutschen Wäldern seien eben nicht gesund. Und auch nicht sehr alt.

Verstecken und später wiederfinden - das sollten die Vereinsmitglieder mit diesen Früchten des Waldes tun.
Verstecken und später wiederfinden – das sollten die Vereinsmitglieder mit diesen Früchten des Waldes tun. Foto: Susanne Schulte für nordstadtblogger.de

77 Jahre sei das Durchschnittsalter der Bäume in Deutschland. Ja, Förster seien auch wichtig zur Erhaltung der Wälder, aber der beste Förster sei ein Vogel: der Eichelhäher. Er verstecke den Sommer über mehr als 10.000 Stück Nahrungsmittel wie Tannen- und Fichtenzapfen für den Winter, würde aber letztendlich nur etwa 2000 davon brauchen, um zu überleben. Der restliche Vorrat sorge im Boden wieder dafür, dass neue Pflanzen entstünden.

Wie schwierig es ist, den Vorrat für den Winter wieder zu finden, probierten die Initiativkreis-Mitglieder dann selbst aus. Friedrichs hatten eine Dose mit Früchten des Waldes dabei, jeder Gast nahm sich drei und sollte sie an drei verschiedenen Orten im Wald verstecken – und am Ende des Rundgangs aus diesem Versteck holen.

„Unsere vornehmste Aufgabe ist es, den Müll aufzusammeln“

Dann wanderte man weiter in den Wald hinein. Mario und Uwe Friedrich ließen sich von Peter Morgenthal, dem Vorsitzenden des Vereins, über die ehrenamtliche Arbeit erzählen. „Unsere vornehmste Aufgabe ist es, den Müll aufzusammeln“, so Morgenthal. Dafür gebe es richtige Schichten, während der die Frauen und Männer, mit Müllsäcken und langstieligen Kneifern ausgestattet, die Wege ablaufen.

Das Seminar war lehrreich und unterhaltsam
Das Seminar war lehrreich und unterhaltsam Foto: Susanne Schulte für nordstadtblogger.de

Was da zusammenkomme, sei nicht wenig. Auch bei diesem Seminar hatten alle immer ein Auge auf und die Hand am Abfall, so er da lag, wo er nicht hingehört. Weil ihnen dieses Naturschutzgebiet so viel bedeutet, sehen sie auch immer das Ungwöhnliche. So wie Heinz Pasterny, dem eines Tages ein Wagen mit der Aufschrift „Wohllebens Waldakademie“ in seiner Wohnstraße nahe der Alten Körne auffiel.

Den Namen Wohlleben kannte er durch durch Funk und Fernsehen und brachte ihn sofort in Verbindung mit dem Förster und Autor Peter Wohlleben, der das Buch „Das geheime Leben der Bäume“ geschrieben hatte. Also wartete Pasterny an dem Auto, bis die beiden Brüder kamen. Er sprach sie an, was sie erzählten, gefiel ihm und später auch den anderen Vereinsmitgliedern, und so buchten sie diese Waldführung einmal für sich.

Der Wald schafft sich sein eigenes Klima

Mit den Plaudereien war kurz darauf schon wieder Schluss. Unter einer der vielen Buchen erfuhren die Zuhörer:innen, dass die Bäume mit Luft und Sonnen Zucker produzieren, der sie ernährt. Aber auch heute wisse man noch nicht, wie der Baum das Wasser ziehe.

Eine eindrucksvolle Präsentation des Aufbaus von Baumstämmen durch Mario Friedrich.
Eine eindrucksvolle Präsentation des Aufbaus von Baumstämmen durch Mario Friedrich. Foto: Susanne Schulte für nordstadtblogger.de

Aber dafür sei bekannt, dass Buchen untereinander sehr sozial seien, sich bei Sturm gegenseitig schützten und deshalb auch gerne dicht beieinander stünden. Eine Buche habe eine Blätterfläche von rund 1000 Quadratmetern.

Ist der Wald gesund und die Bäume stehen dicht, ist nur drei Prozent des Bodens von der Sonne beschienen. So schafft der Wald sich sein eigenes Klima und seine eigene Temperatur, die im Hochsommer bis zu 15 Grad unter der in der Stadt liegen kann.

„Über dem Wald regnet es auch signifikant mehr“, hörten die Waldschüler:innen. Und weil die Bäume eine Menge Wasser brauchen, eine Buche etwa 500 Liter am Tag, tut sie sich mit einem Helfer zusammen, dem Pilz. Über diesen könnten die Bäume auch miteinander reden, so die Waldführer.

Das „waldweite Netz“ dient der Kommunikation

Wie sich für eine Weiterbildung gehört: Es wurde auch diskutiert.
Wie sich für eine Weiterbildung gehört: Es wurde auch diskutiert. Foto: Susanne Schulte für nordstadtblogger.de

Deshalb spreche man auch vom „wood wide web“, übersetzt waldweites Netz, in Anlehnung an das „world wide web“, das weltweite Datennetz.

Während die Bäume miteinander reden über ihre Wurzelsystem und die Pilze, werden Duftstoffe freigesetzt, die wir Menschen einatmen und die uns glücklich machen – und gesund. Da der Pilz so viel für die Bäume tut, verlangt er auch etwas dafür: etwa ein Drittel der Zuckerproduktion der Bäume.

Auf dem Rückweg galt es dann noch, die versteckten Zapfen wieder einzusammeln. Auch wenn nicht alle Verstecke gefunden wurden, nahmen alle Frauen und Männer anschließend eine Urkunde mit nach Hause, die sie als Waldmeister:in auszeichnet. Dass die Vereinsmitglieder ehrenamtlich in die Waldschule gingen, kommt demnächst ihren Gruppen zugute. Vieles von dem, was sie gehört und behalten haben, erzählen sie den Kindern und Erwachsenen, die sie durch den Wald führen – auch diese Arbeit machen sie ehrenamtlich.

Mehr Informationen: Der Initiativkreises Alte Körne

Foto: Susanne Schulte
  • Einen Wald zu pflegen, ist eine Menge Arbeit. Der Initiativkreis wäre deshalb sehr froh, neue waldbegeisterte Menschen kennenzulernen, die mithelfen wollen.
  • Ansprechpartner ist Peter Morgenthal, Telefon 0231/452748, Email-Adresse: peter.morgenthal@t-online.de
    Der Initiativkreis Alte Körne hat eine Homepage: www.naturlehrpfad-alte-körne.de
  • Wer die Aktiven lieber gleich persönlich kennenlernen möchte, geht zu den regelmäßigen Treffen jeden 2. und 4. Mittwoch im Monat um 9.30 Uhr im städtischen Begegnungszentrum Scharnhorst an der Gleiwitzstraße 277.
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