Stalag VI D: Funde an den Westfalenhallen und Debatte über einen Gedenkort in Dortmund

Die Frage nach einem Erinnern an die NS-Kriegsverbrechen

Bilder von Kriegsgefangenen auf einer Beamerleinwand
Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de Bilder von Kriegsgefangenen

An den Westfalenhallen wurden Überreste des Kriegsgefangenenlagers Stalag VI D gefunden. Das Lager wurde von den Nationalsozialisten errichtet, Kriegsgefangene wurden dort zur Zwangsarbeit gezwungen und viele von ihnen starben. Was genau gefunden wurde, wie weit die archäologischen Ausgrabungen sind und wie ein zukünftiger Gedenkort aussehen könnte, wurde in der Bürgerhalle im Rathaus diskutiert. Eine Ausstellung mit Fundstücken ist noch bis zum 26. Oktober 2026 zugänglich.

Kalouti: Eine lange totgeschwiegene Geschichte

Die Westfalenhallen waren über Jahrzehnte als Standort von Messen, Veranstaltungen und Begegnungen bekannt. Doch: „Die jüngsten Funde erinnern uns daran, dass sich dort ein Standort befindet, dessen Geschichte lange totgeschwiegen wurde“, betonte Oberbürgermeister Alexander Kalouti (CDU) in seinem Grußwort.

Oberbürgermeister Alexander Kalouti (CDU) im Publikum nach seiner Ansprache.
Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de Oberbürgermeister Alexander Kalouti (CDU) im Publikum nach seiner Ansprache.

Der Ort erzähle, so Kalouti, eine Geschichte über Diktatur, Krieg, Ausgrenzung und Menschenfeindlichkeit. Die Funde machten diese Geschichte greifbar und offenbarten, dass die Westfalenhallen und die Stadt Dortmund sich ebenfalls schuldig gemacht hätten.

Es werde noch ein langer Weg zu einem dauerhaften Gedenken zu gehen sein, und „nicht jeder Wunsch wird sich erfüllen lassen“.

Trotzdem sei der Oberbürgermeister davon überzeugt, dass am Ende eine Lösung stehen werde, mit der würdig an die Verbrechen des Stalag VI D erinnert werden könne und die Westfalenhallen als wichtiger Messe- und Veranstaltungsstandort fortexistieren könnten.

Ausgrabungen: „Die Menschen richtig fassen“

In einem Fachvortrag gingen Ingmar Luther von der Unteren Denkmalbehörde Dortmund und Frederik Heinze, Leiter der Ausgrabungen, auf ihre Funde ein und was diese über die Grauen des Stalag VI D erzählen.

Redner vor Publikum
Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de Ingmar Luther (Leitung Untere Denkmalbehörde)

Durch die Funde könne man, so Luther, „die Menschen richtig fassen.“ Die Funde der ehemaligen Baracken deckten auf, wie die Kriegsgefangenen auf engstem Raum gelebt hätten und dass sie über keine Sanitäranlagen in ihren Baracken verfügt hätten. Besonders beeindruckt habe ihn ein Fund eines Tintenfläschchens, das dokumentiere, wie sich die Kriegsgefangenen ihren Angehörigen mitgeteilt hätten.

Die Dimension dieser Geschichte müsse verstanden werden, so Luther. Das Stalag VI D war eingegliedert in ein großes Kriegsgefangenensystem, in das Dortmund „professionell“ eingebunden gewesen sei.

Gestikulierender Mann an einem Rednerpult
Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de Frederik Heinze (Ausgrabungsleitung)

Heinze ging auf die Architektur und die Grabungen vor Ort ein. In den letzten Jahren habe es auf dem Gelände viele Überprägungen gegeben – abwechselnd seien dort Reitplätze, Sportplätze oder Parkplätze gebaut worden.

Die Baracken waren nach derzeitigen Erkenntnissen 47 Meter lang und 8 Meter breit; 246 Kriegsgefangene wurden in einer Baracke untergebracht. „Bei sowjetischen Kriegsgefangenen war die Unterbringung miserabel, bei westeuropäischen besser“, warf Luther ein. Bei letzteren schaute auch regelmäßig das Rote Kreuz vorbei.

Luther zeigte auch Fotos von Passant:innen, die am Lager vorbeigingen und den Strafkommandos zuschauten. „Niemand kann sagen, er hätte nichts davon gewusst.“ 77.000 Menschen waren dem Lagersystem zugeordnet, viele davon starben an den Bedingungen. „Das sind 77.000 Einzelschicksale“ – es gebe weiterhin viele offene Fragen, weshalb sich die Weiterarbeit und ein Gedenkort vor Ort besonders lohnten.

Podiumsdiskussion: „Der Vernichtungskrieg hat auch hier stattgefunden“

Es schloss sich eine Podiumsdiskussion mit dem Dortmunder Planungsdezernenten Stefan Szuggat, Dr. Sandra Peternek, Direktorin der LWL-Archäologie für Westfalen, Dr. Marcus Weidner vom LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte sowie Ingmar Luther an.

Mann mit Mikrofon
Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de Dr. Marcus Weidner ( LWL- Institut für westfälische Regionalgeschichte)

Das Lager sei „Teil unseres kulturellen Erbes“, konstatierte Weidner. Er wies auf die Rolle der Kriegsgefangenen für die Unternehmen vor Ort hin: „Der Arbeitgeber konnte einen Bedarf anmelden, es wurden Arbeitskommandos gebildet.“ Für Unterbringung und Versorgung seien dann die Unternehmen zuständig gewesen.

In Westfalen gebe es viele Orte, „die mit dem Nationalsozialismus nicht in Verbindung gebracht werden“, obwohl sie Orte des Krieges und der Kriegsverbrechen seien, betonte Weidner.

Vielmehr herrsche die Ansicht vor: „In Auschwitz hat das Böse stattgefunden, hier war alles gut.“ Das Stalag VI D beweise das Gegenteil. „Der Vernichtungskrieg hat auch hier stattgefunden.“ Es hätten – zum Teil nie aufgeklärte – Verbrechen stattgefunden, „auch an der scheinbar friedlichen Heimatfront.“

Die nächsten Schritte und bundespolitische Relevanz

Dortmund habe es hier „mit einem Denkmal internationaler Güte“ zu tun, konstatierte Luther. „Wenn man sowas in den Händen hält, ist das ein Gewicht, das man nicht messen kann.“ Es solle in Zukunft nicht um reine Aufarbeitung gehen, sondern auch um die Einbindung verschiedener Akteur:innen auf internationaler Ebene.

Podium mit fünf sitzenden Personen
Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de v.l. Dezernent Stefan Szuggat, Dr. Sandra Peternek (LWL), Liberto Balaguer (Moderation), Dr. Marcus Weidner (LWL), Ingmar Luther (Untere Denkmalbehörde)

„Aus der Nummer wird ein Schuh, aus dem Schuh wird ein Mensch, aus einem Menschen ein Zitat“, erklärte Peternek. Der Fund des Stalag VI D sei ein „Fund der Geschichte, den wir dazuliefern können.“

Der Krieg rücke derweil näher – ein neuer Krieg. Deshalb müsse an die Zerstörung des Zweiten Weltkriegs gedacht werden. „Dieser Ort ist bundespolitischer Wille, der Gedenken suggeriert und verpflichtet.“

Die Westfalenhallen planen auf dem Areal den Bau zweier Messehallen mit einem neuen Eingang Süd sowie ein Kongresszentrum. Parallel solle ein dauerhafter Erinnerungsort für das Stalag VI D entstehen. Szuggat betonte: „Wir werden einen besonderen Erinnerungsort dort schaffen.“

Das Erinnern habe in Deutschland stärker an Gewicht angenommen, „auch bei baulichen Entwicklungen“. Es sei deshalb ein langer Prozess, der sorgfältig begleitet werden müsse.

Ausstellung: Über das Leben im Lager und seine Organisation

Was Archäolog:innen auf dem Gelände der heutigen Westfalenhallen ausgraben, ist in einer Ausstellung in der Bürgerhalle des Dortmunder Rathauses zu sehen. Ein Stück Stacheldraht, ein Brillengestell, alte Schuhe, Löffel und Essgeschirr: Die Gegenstände wirken unscheinbar und machen doch die Lebensbedingungen im Lager greifbar. Kleidung und Schuhe verschlissen bei der schweren Arbeit und mussten repariert oder umgearbeitet werden.

Besucher der Grabungsausstellung
Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de Besucher der Grabungsausstellung

Schuhreste, Schuhnägel und Werkzeuge aus einer freigelegten Abfallgrube belegen, dass Gefangene ihr Schuhwerk selbst instand hielten. Viele mussten Holzschuhe tragen, die bei der Arbeit in Fabriken zu Verletzungen führen konnten. Auch Briefe, Fotografien und Dokumente der Wehrmacht geben Aufschluss über das Leben im Lager und seine Organisation.

Die Ausstellung verdeutlicht zudem, wie unterschiedlich die Gefangenen behandelt wurden. Die nationalsozialistische Rassenideologie bestimmte wesentlich über Versorgung und Überlebenschancen. Besonders sowjetische Kriegsgefangene litten unter Hunger, mangelhafter Versorgung und systematischer Entrechtung.

Die Ausstellung in der Bürgerhalle des Dortmunder Rathauses, Friedensplatz 1, ist noch bis einschließlich Montag, 26. Oktober, kostenlos zu den Öffnungszeiten zugänglich: montags bis mittwochs von 8 bis 15:30 Uhr, donnerstags von 8 bis 17 Uhr sowie freitags von 8 bis 12 Uhr. Am Wochenende bleibt das Rathaus geschlossen.


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