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SERIE Nordstadt-Geschichte(n): Varieté, Kabarett und vieles mehr – aus der Historie der „Feuerkugel“ am Steinplatz

Blick durch die Münsterstraße nach Norden um 1905. Das zweite Haus von rechts - mit heraushängender Fahne - ist das Haus Münsterstr. 17/19. Hier war die Feuerkugel eingerichtet. (Slg. Klaus Winter)

Blick durch die Münsterstraße nach Norden um 1905. Das zweite Haus von rechts – mit heraushängender Fahne – ist das Haus Münsterstraße 17/19 in der Nordstadt. Hier war die Feuerkugel eingerichtet. (Sammlung Klaus Winter, Dortmund)

Von Klaus Winter

Der frühere Steinplatz, der im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs weitgehend zerstört und dann in der Nachkriegszeit im Rahmen des städtischen Sanierungsprogramms Nord endgültig aufgegeben wurde, war umgeben von markanten Vergnügungsstätten. So manche von ihnen hatte auf eine Tradition zurückblicken können, die weit in das 19. Jahrhundert zurückreichte. Das Entstehen der Gaststätten, Theater und anderer Amüsier-Etablissements von zum Teil zweifelhaftem Ruf rund um den Steinplatz wurde begünstigt durch die Nähe zum Bahnhof und zum Burgtor als zentralem, verkehrsreichen Verbindungspunkt zwischen der alten Stadt und seinem wachsenden nördlichen Stadtteil. Dazu entwickelte sich die den Steinplatz berührende Münsterstraße zu einer Einkaufsstraße, die immer mehr Käufer anlockte. Am Steinplatz war Betrieb!

Ein Kraxeler aus den Alpen eröffnete die Feuerkugel

Die Häuser Münsterstraße 17 und 19 gehörten zu denen mit einer ganz langen gastronomischen Geschichte am Steinplatz. Bereits Mitte der 1870er Jahre war im Haus Münsterstr. 19 eines der berüchtigten „Tingel-Tangel“ etabliert, in denen „luftig gekleidete Damen“ „zotige Lieder“ sangen und damit ihren alkoholisierten Zuhörern einerseits das schwer verdiente Geld aus der Tasche zogen und andererseits die Nachbarschaft regelmäßig um den Schlaf brachte. Rund zwanzig Jahre später übernahm der Wirt Sebastian Siewers das Lokal und machte es unter dem Namen „Siewers Biersäle“ mindestens stadtweit bekannt. Nach einem Intermezzo des Wirts Wellmann mit seiner „Tonhalle“ richtete Julius Fischer an diesem Ort 1905 sein „Alpenrestaurant Zillertal“ ein. Dann folgte ein Automaten-Restaurant und so ging es weiter.

Anfang September 1929 wurde wieder einmal ein Neuanfang gewagt. Unter dem Direktor Gustl Schrey, „früher Kraxeler in den Alpen“, eröffnete die „Feuerkugel“ als – so die Presse – gemütliches, stimmungsvolles Lokal, das dem Anspruch gerecht werden wollte, den Besuchern eine Fundstätte des Humors und der Geselligkeit zu sein. Um den passenden Rahmen zu schaffen, hatten die Architekten Strunck & Wentzler die sich über zwei Etagen erstreckenden Räumlichkeiten geschaffen. Besondere Aufmerksamkeit erregte die neue Beleuchtung: Mehr als 700 Glühbirnen waren installiert worden. Die eingebaute Kugelbeleuchtung wurde schon bei der Eröffnung als Sehenswürdigkeit gepriesen, und das Vier-Farben-Licht der Tanzfläche galt als staunenswerte Neuigkeit.

Feuerkugel, Saal mit Bühne Anfang der 1930er Jahre (Slg. Klaus Winter)

Die Feuerkugel in der Nordstadt – Blick auf den Saal mit Bühne, Anfang der 1930er Jahre. (Sammlung Klaus Winter, Dortmund)

Die Eröffnung der „Feuerkugel“ wurde mit prominenten Gästen gefeiert. So fanden sich Bürgermeister Hirsch, mehrere Stadtverordnete und Künstler sowie Vertreter der Polizei zu diesem Anlass ein. Geboten wurde Jazz-Musik, Tänzerinnen, die Winterillusionen erzeugten, und auf der Tanzfläche herrschte ein lebhafter Tanzbetrieb. Selbst Direktor Schrey trat vor das Publikum: „Gustls Tenor versetzte alles für Augenblicke nach Oberbayern.“

Die Wuppertaler Brauerei Wicküler wollte in der Bierstadt Dortmund Fuß fassen

Anzeige zur Eröffnung der "Feuerkugel" unter der Leitung von Willy Herzog (Dortmunder Zeitung, 02.04.1932)

Anzeige zur Eröffnung der „Feuerkugel“ unter der Leitung von Willy Herzog (Dortmunder Zeitung, 02.04.1932)

Else Reith-Trio, Fritz Hampe, Fred Wasa, Irene Perelly, Kapelle Sascha Lehrer – die Namen der Künstler, die das erste Programm in der Feuerkugel bestritten, sind heute kaum noch jemandem geläufig. Dass der halbe Liter Exportbier mit Bedienung nur 35 Pfennig kostete, beeindruckt heute den einen oder anderen sicherlich mehr.

Der günstige Bierpreis erklärt sich vermutlich aus dem Ansinnen der liefernden Brauerei: Die Wicküler wollte mit der Feuerkugel in der Bierstadt Dortmund Fuß fassen. So war auf den alten Werbeinseraten und Programmheften auch regelmäßig von der „Wicküler Feuerkugel“ die Rede. Und in den amtlichen Adressbüchern der Zeit war die „Wicküler Feuerkugel“ unter dem Buchstaben „F“ zu finden!

Im ersten Anlauf blieb der „Feuerkugel“ ein dauerhafter Erfolg versagt. Gustl Schrey verließ den Steinplatz bereits nach kurzer Zeit. Die Feuerkugel wurde vollständig renoviert und eröffnete am Samstag, 2. April 1932 neu. Nun stand sie unter der Leitung von Wilhelm Herzog, der zuvor Wirt im Haus Oestermärsch 83 gewesen war.

Der Zeitzeuge und Stadthistoriker Karl Neuhoff, geboren 1907, erinnerte sich, dass Willi Herzog im Varieté-Geschäft ein Neuling war und sich erst einarbeiten musste, was ihm aber offensichtlich erfolgreich gelang.

Herzog bot Kabarett wie in der „Jungmühle“ und der „Fledermaus“

Herzog bot in seinem Unternehmen, in dem das Publikum an Tischen saß, Kabarett wie es auch die „Jungmühle“ am Westenhellweg und die „Fledermaus“ am Burgwall im Programm hatten. Dazu legte er Wert auf gute artistische Einlagen und Gesang. Herzogs Motto war „Qualität macht’s“. Sein Publikum war anspruchsvoll. Viele nahmen den weiten Weg aus den südlichen Stadtteilen auf sich, um die Feuerkugel zu besuchen.

In der Anzeige zur Wiedereröffnung 1932 wurden „Die 8 Amelongs“ als Hauptattraktion gepriesen. Täglich sollte es Konzerte mit Tanz geben. Und wieder wurde das Bier aus Fässern der Wuppertaler Brauerei gezapft.

Die beliebte Sängerin Lale Andersen feierte in der Feuerkugel frühe Erfolge

Die populäre Lale Andersen gastierte mehrfach in der Feuerkugel (Slg. Klaus Winter)

Die populäre Lale Andersen gastierte mehrfach in der Feuerkugel (Sammlung Klaus Winter)

In der Feuerkugel gastierte Gustav Jacobi, der in den 1920er und 1930er Jahren Deutschlands führender Conférencier war, ebenso wie die zunächst noch unbekannte Sängerin Lale Andersen.

Sie feierte in der Feuerkugel frühe Erfolge und kam wiederholt zum Steinplatz zurück, als jeder „im Reich“ ihren Namen kannte. Bei ihren Gastspielen soll sie Willi Herzog angeboten haben, zu den Gagen aufzutreten, die sie als Anfängerin in der Feuerkugel erhalten hatte.

Mit Werbeanzeigen in der Tagespresse hielt sich Willi Herzog zurück. Abgesehen von dem Inserat zur Wiedereröffnung 1932 findet sich in der „Dortmunder Zeitung“ für den ganzen langen Rest des Jahres und ebenso für 1933 keine einzige Anzeige mehr. Das änderte sich zwar im Laufe der Zeit, doch blieb die Werbung überwiegend kleinformatig.

Ein Programm aus dem Jahr 1938

Gelegentlich finden sich Vorstellungen des Programms der Feuerkugel im redaktionellen Teil der Tageszeitungen. Hierbei handelte es sich im Wesentlichen wohl um Zusammenfassungen der Programmhefte.

Gemäß eines solchen Berichts traten beim letzten Programm 1938 folgende Künstler auf: Der Vortragskünstler und Stepptänzer Karl Arnold führte durch das Programm. Der Komiker Pelle Jöns berichtete aus seinem Leben und parodierte einen orientalischen Tanz. Für die Artistik sorgten die „4 Millans“, die kleine Gina Ginotti und der Jongleur Elimar.

Das Nata-Kaljan-Ballett trug Tänze in bunten Kostümen vor, ihr männlicher Partner sang zwischendurch altrussische Volksweisen zur Balalaika. Schließlich stellten die drei Siegfrieds als lebende Plastiken ihre „schöngebauten Körper in wirkungsvoller Weise zur Schau“. Die Kapelle Walter Mandel bestritt den musikalischen Teil des Programms.

Feuerkugel, Saal mit Bühne um 1940 (Slg. Klaus Winter)

Die Feuerkugel in der Nordstadt – Blick auf den Saal mit Bühne um 1940 (Sammlung Klaus Winter, Dortmund)

Bomben zerstörten die alte Feuerkugel

Willi Herzog führte die Feuerkugel rund zehn Jahre lang. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs brachte sein Unternehmen nicht zum Erliegen, doch musste er sich zweifellos den mit Kriegsbeginn eingeführten Gastronomie-Beschränkungen unterwerfen. Die Feuerkugel bestand, bis das Haus Münsterstr. 17/19 schließlich durch Bomben zerstört wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnete die Feuerkugel noch einmal an alter Stelle. Doch das ganze Umfeld war nicht wiederzuerkennen. Ein Foto aus den Beständen des Stadtarchivs zeigt den Reklameschriftzug „Feuerkugel“ an der Front eines nur noch einstöckigen Hauses mit Flachdach. Heute befindet sich an dieser Stelle die Polizeiinspektion 2, Polizeiwache Nord.

Programm der Feuerkugel 16.-31.08.1941, Außenseiten (Slg. Klaus Winter)

Programm der Feuerkugel 16.-31.08.1941, Außenseiten (Sammlung Klaus Winter, Dortmund)

Programm der Feuerkugel 16.-31.08.1941, Innenseiten (Slg. Klaus Winter)

Programm der Feuerkugel 16.-31.08.1941, Innenseiten (Sammlung Klaus Winter, Dortmund)

 

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