
Bereits zum vierten Mal hat die Auslandsgesellschaft den Preis für Völkerverständigung verliehen. In einem Festakt im Dortmunder Rathaus wurde nun die US-amerikanische Publizistin und Institutsleiterin Carol Kahn Strauss ausgezeichnet. Die Laudatio hielt der Bundespräsident a. D. Joachim Gauck.
Die Preisträgerin ist mit Dortmund verbunden
Carol Kahn Strauss’ Familiengeschichte ist eng mit Dortmund verbunden. Ihre Eltern, der Jurist Alfred Kahn und Lotte Landau, lebten hier, bis sie 1938 vor den Nazis in die USA fliehen mussten. Dort wurde Carol Kahn Strauss 1944 geboren. Nach ihrem Studium der Politikwissenschaften arbeitete sie zunächst als Verwaltungsangestellte. Später wurde sie Senior Editor am Hudson Institute und Herausgeberin für Bücher beim Council on Foreign Relations in New York.
Kahn, die in ihrem Elternhaus auch die deutsche Sprache lernte, entwickelte eine wertschätzende Beziehung zur Kultur jenes Landes, aus dem ihre Familie einst fliehen musste. Durch ihre Eltern lernte sie die Werke von Hölderlin, Kant, Heine und vielen anderen Größen der deutschen Kulturgeschichte kennen.
Obwohl sie als Jugendliche von einer Verbundenheit mit Deutschland nichts mehr wissen wollte, konnte sie an diese Facette ihrer Familiengeschichte anknüpfen, als sie später Präsidentin einer jüdischen Gemeinde in New York wurde, was mit sich brachte, dass sie hin und wieder deutsch sprechen musste.
Als Executive Director (ab 1994) und International Director (seit 2012) am Leo Baeck Institut (LBI), einer unabhängigen Forschungs- und Dokumentationseinrichtung für die Geschichte und Kultur des deutschsprachigen Judentums, war sie unter anderem zuständig für die Eröffnung der LBI-Dependance in Berlin. Für ihre Verdienste wurde sie 2005 mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und 2015 mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
„Der Preis für Völkerverständigung würdigt Menschen, die Brücken bauen“
Der gut besuchte Festakt begann, nachdem sich Carol Kahn Strauss und Joachim Gauck in das Goldene Buch der Stadt Dortmund eingetragen hatten. In seiner Begrüßung betonte Oberbürgermeister Alexander Kalouti, wie wichtig das Engagement für Völkerverständigung, besonders auch für das friedliche Zusammenleben in einer Stadt wie Dortmund, ist.

Für ein solches Engagement ist Carol Kahn Strauss ein gutes Beispiel. „Der Preis für Völkerverständigung würdigt Menschen, die Brücken bauen. Menschen, die dafür sorgen, dass wir Unterschiede niemals als Hindernisse betrachten und dafür, dass aus Begegnungen Vertrauen entsteht. Genau dafür steht ja ihr jahrzehntelanges Wirken“, sagte Kalouti.
Nachdem Klaus Wegener als Präsident der Auslandsgesellschaft ebenfalls auf die große Bedeutung des Lebenswerks von Carol Kahn Strauss hingewiesen hatte, folgte ein musikalischer Beitrag durch vier Musikerinnen der Dortmunder Philharmoniker, die das Quartett Nr. 1 von Peter Tschaikowsky zu Gehör brachten.
„Das wir nicht vergessen sollen, gehört inzwischen zu unserer DNA“
In seiner anschließenden Laudatio verband Joachim Gauck die aktuelle Gegenwart mit dem geschichtlichen Hintergrund, der für das Wirken von Carol Kahn Strauss wichtig war und ist. Dass die Midterms in den USA zu so einem Erfolg der Demokraten wurden, zeigt, wie sinnvoll und wirksam es ist, wenn Menschen unerschütterlich an eine gute Zukunft glauben, betonte der ehemalige Bundespräsident.
Das ist auch bedeutend für die Entwicklungen in Deutschland, angesichts derer es darauf ankommt, mit historisch wachem Bewusstsein für den Erhalt der Demokratie einzustehen. „Das wir nicht vergessen sollen, gehört inzwischen zu unserer DNA“, sagte Gauck, „obwohl wir Teile der Gesellschaft sehen, die so tun, als hätten sie es nicht nötig. Die von einem ‚Schuldkult‘ sprechen, was eine widerwärtige, abschreckende Bezeichnung ist für die innere Wendung eines Landes, das ankömmlich ist bei Wahrheit, Wirklichkeit und Umkehr.“
Gaucks feinsinnige und bewegende Art des Vortrags war zugleich von ernster Tiefe. Man müsse den regierenden Politiker:innen mit mehr Verständnis für ihre schwierige Arbeit begegnen, statt immer nur zu kritisieren. Das sei besonders dann wichtig, wenn die Freiheit nicht etwa nur durch Feinde von außen, sondern auch von innen gefährdet ist. Letztlich, so der ehemalige Bundespräsident, hat unsere Demokratie „schöne Bilder des Gelingens“ nötig, die im Blick auf die Geschichte durchaus möglich sind. Denn: „Wir hatten in Deutschland nicht nur ein Wirtschaftswunder, sondern auch ein Politikwunder.“
Engagement für den Erhalt von Demokratie und kultureller Vielfalt
In einem durch die Journalistin Sonja Gerhardt moderierten Podiumsgespräch sprachen dann Carol Kahn Strauss, Hans-Joachim Watzke und Klaus Wegener miteinander. Kahn Strauss bezeichnete den Ausgang der Midterms als moralischen Gewinn für die USA. „Wir hatten Angst davor, dass ein Feind von innen alles zerstören kann,“ sagte sie. Dann berichtete sie von ihrer Kindheit in den USA („Ich bin in den USA geboren, aber meine erste Sprache war Deutsch.“) und davon, wie sie im Alter von zehn Jahren erstmals mit ihren Eltern Dortmund besuchte.

Hans-Joachim Watzke berichtete von seiner Betroffenheit nach einem Besuch in Auschwitz. Er nahm das zum Anlass, das Engagement gegen jede Form von Antisemitismus und Rassismus im BVB zu verankern und stellte fest: „Der Verein zieht da wunderbar mit!“
Klaus Wegener sprach vom Engagement der Auslandsgesellschaft, die zwar im Umfang beschränkt, aber dennoch von großer Wirkung sei. „Wir sind ein bisschen das Salz der Erde“, sagte er in Anlehnung an die Bergpredigt Jesu Christi.
Danach wurde Carol Kahn Strauss die mit dem Preis verbundene Skulptur – ein Symbol für das Anliegen der Völkerverständigung – überreicht. In ihrer Dankesrede brachte Kahn Strauss das Wesentliche mit wenigen Worten auf den Punkt, indem sie sagte: „Deutschland ohne Juden ist kein Deutschland!“ Das mit der Auszeichnung verbundene Preisgeld spendete sie einem jüdischen Museum in Berlin.
Die Auslandsgesellschaft: Engagement für internationale Verständigung
Die in Dortmund ansässige Auslandsgesellschaft setzt sich seit mehr als 75 Jahren für internationale Verständigung, ein friedliches Miteinander und ein geeintes Europa ein. Mit Angeboten und Projekten in den Bereichen politische Bildung, internationaler Austausch, Städtepartnerschaften, Sprachen und Studienreisen sowie mit dem Engagement zahlreicher ehrenamtlich Aktiver bringt sie Menschen unterschiedlicher Herkunft und Perspektiven miteinander ins Gespräch.
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe 250 Jahre USA wird derzeit in der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache die Ausstellung „Flucht Dortmunder Jüdinnen und Juden in die USA | 1933–1945“ gezeigt. Damit wird an das Schicksal jener jüdischen Familien erinnert, die vor den Terror der Nazis in die Vereinigten Staaten von Amerika flohen. Ihre Geschichten, zu denen auch die der Familie von Carol Kahn Strauss gehört, können in der Ausstellung nachvollzogen werden.






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