
„Jeder Schmerz ist echt! Und auch gegen chronische Schmerzen können wir etwas tun.“ Das war die zentrale Botschaft von Prof. Dr. Tanja Meyer bei ihrem Vortrag in der Reihe mediTALK im Klinikum Dortmund. Dort erklärte sie, warum Schmerzen bleiben können, obwohl die körperliche Ursache längst verschwunden ist – und wie chronische Schmerzen behandelt werden können.
Wenn sich die „Alarmanlage“ immer weiter hochregelt
Die Oberärztin für Schmerz- und Palliativmedizin verglich das schmerzempfindende System des Körpers mit einer Alarmanlage, die vor Verletzungen und Entzündungen warnt. Doch dieses System ist lernfähig und kann sich an Schmerzen erinnern, obwohl die ursprüngliche Wunde längst verheilt ist. Von chronischen Schmerzen spricht man in der Regel, wenn sie länger als sechs Monate bestehen.

Bei chronischen Schmerzen treffen zwei Probleme zusammen: Einerseits regelt sich die körpereigene „Alarmanlage“ immer weiter hoch, andererseits wird es zunehmend schwieriger, sie wieder herunterzufahren.
„Das heißt, Menschen können immer schmerzempfindlicher werden. Teils können dann schon leichte Berührungen als schmerzhaft empfunden werden“, erklärte Meyer, die auch die Station für Schmerztherapie leitet.
„Chronischer Schmerz ist eine eigene Erkrankung, die behandlungsbedürftig ist und die Betroffenen meist sehr belastet“, sagte Meyer. Gleichzeitig würden Betroffene häufig nicht ernst genommen. Immer wieder berichteten ihr Patient:innen von Sätzen wie „Die tut doch nur so“ oder „Der simuliert doch nur“. Die Medizinerin betonte: „Aber wir wissen: Jeder Schmerz ist echt. Wenn Sie sagen: Ihnen tut etwas weh, dann ist das auch so.“
Schmerz wird von jedem Menschen anders empfunden
Wie unterschiedlich Menschen Schmerzen wahrnehmen, verdeutlichte Meyer mit einem Beispiel: „Wenn ich Ihnen allen mit der gleichen Kraft gegen das Schienbein treten würde, würden Sie das alle unterschiedlich wahrnehmen.“

Deshalb betrachten die Fachleute jeden Fall individuell und suchen nach den Ursachen für die chronischen Schmerzen. Gemeinsam mit den Betroffenen entwickeln sie ein individuelles bio-psycho-soziales Modell der jeweiligen Schmerzerkrankung.
Neben körperlichen fließen dabei auch psychologische und soziale Faktoren ein. „Schmerzwahrnehmung ist ein Zusammenspiel aus Körper und Seele“, sagte Meyer.
Verschiedene Fachrichtungen arbeiten gemeinsam an der Therapie
Die etwa dreiwöchige stationäre Schmerztherapie am Klinikum Dortmund soll die „Alarmanlage wieder in Balance“ bringen. Dafür setzt das Team auf die interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie. Fachleute aus Medizin, Psycho-, Physio- und Ergotherapie sowie weiteren Bereichen arbeiten gemeinsam daran, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Dafür erstellt das Team einen individuellen Behandlungsplan. Dieser kann beispielsweise Medikamente und psychologische Verfahren mit Physio- und Musiktherapie verbinden. „Der Körper hat den Schmerz lange gelernt. Diese Lernvorgänge müssen wir wieder rückgängig machen“, sagte Meyer.
Die Aufnahme auf die Station erfolgt über die Schmerzambulanz des Klinikums. Weitere Informationen gibt es unter klinikumdo.de/schmerzmedizin. Den gesamten Vortrag können Interessierte auf dem YouTube-Kanal des Klinikums Dortmund ansehen.

