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Hilfe für Kinder und bildungsferne Familien um die Dorstfelder Brücke in Innenstadt-West: „Ein Quadratkilometer Bildung“

Ehemaliger Gebäudekomplex der Hauptschule Innenstadt-West: dort ist jetzt das Heinrich-Schmitz-Bildungszentrum beheimatet.

Ehemaliger Gebäudekomplex der Hauptschule Innenstadt-West: dort ist jetzt das Heinrich-Schmitz-Bildungszentrum beheimatet. Fotos: Gabriel

Die in Berlin-Neukölln gegründete Stiftungsinitiative „Ein Quadratkilometer Bildung“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, Chancenungleichheit im Bildungssektor für Kinder und Jugendliche aus benachteiligten Familien dort abzumildern, wo die Bundespolitik nicht oder nur unzureichend agiert. Dabei geht es in erster Linie um Synergieeffekte aus der Bündelung vorhandener Kräfte durch systematische Netzwerkbildung. In Dortmund als „Pädagogische Werkstatt“ angekommen, war die SPD-Fraktion im Schulausschuss des Stadtrats bei ihr zu Besuch im Heinrich-Schmitz-Bildungszentrum am Westpark.

Politisch ungelöstes Problem: das ausgeprägte Gefälle an Bildungschancen in der Bundesrepublik

Die Bundesrepublik ist seit jeher bekannt für ein ausgeprägtes Gefälle an Bildungschancen in Abhängigkeit von sozialer Herkunft. Es gibt weiterhin erheblichen Reformbedarf, auf den die politischen Reaktionen auf Bundesebene allerdings defizitär sind, wie eine großangelegte Studie der Bertelsmann-Stiftung jüngst zeigte (s.u.).

Auf eine der mannigfaltigen Lücken zur Verringerung des Chancengefälles, das staatliche Bildungspolitik hierzulande offenbar nicht zu schließen in der Lage oder gewillt ist, reagiert das 2006 in Berlin-Neukölln von der Freudenberg Stiftung und der Karl-Konrad-und-Ria-Groeben-Stiftung initiierte Programm „Ein Quadratkilometer Bildung“.

Wie die Flächenangabe in der Programmbezeichnung bereits nahelegt, sollen vor Ort in einem geographisch begrenzten Sozialraum die Symptome des Versagens staatlicher Bildungspolitik mit ebenso begrenzten Mitteln gelindert werden. Im Sinne eines ernst genommenen Inklusionspostulats, näherhin besonders bezüglich der Integration von MigrantInnenfamilien, denen es oft an Bildung und/oder Bildungsbereitschaft fehlt.

Optimierte Koordination vorhandener Kräfte zur Erzeugung synergetischer Effekte

Die Idee der Initiatoren von „Ein Quadratkilometer Bildung“ angesichts dessen: kommunal bereits vorhandene Kräfte durch systematische Koordination – intelligent und experimentierfreudig – zu bündeln, statt vorhandene Ressourcen auf einzelne Problemfelder zu fokussieren. Und den dadurch idealtypisch erzeugten Synergismus durch Netzwerkbildung und Quasi-Institutionalisierung zu verstetigen.

Daher sind die Projektlaufzeiten „nachhaltig“ angelegt: zehn Jahre bleiben den Akteuren in mittlerweile zehn Stadtteilen bundesweit, um ein örtliches Koordinationsnetzwerk für Bildung, Inklusion, Integration aufzubauen.

Ein solches Unternehmen kam 2015 schließlich auch in Dortmund an. Seither umfasst ein Quadratkilometer Bildung im Stadtbezirk Innenstadt-West das Gebiet um die Dorstfelder Brücke. Hier leben überwiegend Menschen im erwerbsfähigen Alter, die Besiedlungsdichte wie der relative Anteil an deprivilegierten Haushalten ist hoch und entsprechend schlecht sind die Bildungschancen.

Das Projekt wurde seinerzeit durch die Freudenberg Stiftung, die Stadt Dortmund und das Ministerium für Schule und Weiterbildung in Nordrhein-Westfalen initiiert – Staat, untere Ebenen, zum Ausgleich vor allem bundespolitischer Versäumnisse geht also, zumal, wenn Stiftungen maßgeblich zahlen. Als Kooperationspartner sind außerdem der Verbund sozial-kultureller Migrantenvereine in Dortmund (VMDO) sowie der Verein zur Förderung innovativer Schulentwicklung in Dortmund (schul.inn.do) beteiligt.

Idealtypischer Zustand als Leitziel der Initiative: „Kein Kind, kein Jugendlicher geht verloren“

Auch ein Angebot für Bildung und Integration am Westpark: Adam's Corner vom Flüchtlingshilfe-Projekt Ankommen e.V.

Auch ein Angebot für Bildung und Integration am Westpark: Adam’s Corner vom Flüchtlingshilfe-Projekt Ankommen e.V.

Diese Zusammensetzung der Akteure entspricht der Konzeption von Ein Quadratkilometer Bildung: Lokale Initiativen entstehen aus der Zusammenarbeit von staatlichen Institutionen in Ländern und Kommunen mit zivilgesellschaftlichen Akteuren aus Stiftungen und freien Trägern.

Strategisches Aktionszentrum ist an jedem der zehn Programmorte jeweils eine mit multiprofessionellen Bezügen ausgestattete „Pädagogische Werkstatt“.

Als Koordinationsbüro – und finanziert durch Stiftungen – arbeitet sie daran, gemeinsam mit den lokalen Akteuren aus verschiedenen Bildungseinrichtungen, staatlich wie zivilgesellschaftlich, durch Bündelung praxistaugliche Lösungsansätze an Ort und Stelle in Sachen Bildungs- und Integrationsdefizite zu erproben.

Dabei geht es nach dem Leitziel des Programms („Kein Kind, kein Jugendlicher geht verloren“) vor allem darum, für benachteiligte Kinder und Jugendliche aus dem Quartier die Teilhabe an Bildungsprozessen zu ermöglichen, indem diese durch die Bereitstellung unterschiedlicher, zielgruppengerechter Angebote individuell begleitet werden können.

SPD-Fraktion im Schulausschuss zu Gast in der „Pädagogischen Werkstatt“

Mitglieder des SPD-Schulausschusses bei der Pädagogischen Werkstatt

Mitglieder des SPD-Schulausschusses zu Besuch in der Pädagogischen Werkstatt

Seit Ende des Schuljahres 2014/15 wurde seitens der Stadt nach Einstellung des Schulbetriebs der ehemaligen Hauptschule Innenstadt-West wegen rückläufiger SchülerInnenzahlen in dem Gebäudekomplex das Heinrich-Schmitz-Bildungszentrum aufgebaut.

Neben dem Abendgymnasium, das als eigenständige Schulform zeitnah in das Westfalen-Kolleg aufgehen wird, ist dort, am nordöstlichen Rand des Westparks, unter anderem besagte „Pädagogische Werkstatt“ der Quadratkilometer-Bildungsidee seit Mai dieses Jahres offiziell beheimatet.

Und da wollte gerne einmal die SPD-Fraktion im Schulausschuss des Stadtrates vorbeischauen, um sich einen Eindruck von dem Projekt zu verschaffen.

Der wurde den Gästen aus dem Rathaus gern von Manfred Hagedorn (Regionales Bildungsbüro der Stadt) sowie den beiden hauptamtlichen Mitarbeiterinnen des Aktionszentrums für Bildung, Sigrid Hagedorn und Anna Frings, vermittelt.

Stiftungen helfen bei Bildungsübergängen – gerade, wenn es schwierig wird

Viele Stiftungen helfen bei Bildungsübergängen. Manfred Hagedorn erklärt wer wann wo.

Viele Stiftungen helfen bei Bildungsübergängen. Manfred Hagedorn erklärt wer wann wo.

Die Handlungsschwerpunkte von Ein Quadratkilometer Bildung, heruntergebrochen auf die Kommunalproblematik Dorstfelder Brücke und Umgebung erläutert Manfred Hagedorn. Hier geht es wesentlich um Bildungsübergänge; Schnittstellen beim individuellen Wechsel zu anderen Bildungsformen, an denen verschiedene Stiftungen wirksam werden.

Als da wären: die Freudenberg-Stiftung von der Kita zur Grundschule; Nixdorf- und Stiftung Mercator sind beim nächsten Übergang in die Sek I dabei; die Walter Blüchert Stiftung kümmert sich schließlich mit MINT-Fächern, Sport etc. um Sek II-KandidatInnen, anderseits um Jugendliche für den Einstieg ins Berufsleben („Ey, was geht?“).

Das mag sich gut anhören, aber eins wird auch hier klar: Es geht, vorsichtig ausgedrückt, um Ergänzungsförderung von jungen Menschen, die sonst vielleicht im Nirwana landeten, weil sie in einem Problemquartier sozialisiert werden. Daher ein anderer Schwerpunkt, so Hagedorn, etwa Richtung Dorstfeld, Marten: Demokratieförderung. Stichwort: Rechtsextremismus.

Hilfe für Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien: da müssen Eltern mit ins Boot

Sigrid Hagedorn: Wer Kindern und Jugendlichen helfen will, darf die Eltern nicht außer Acht lassen.

Sigrid Hagedorn: Wer Kindern und Jugendlichen helfen will, darf die Eltern nicht außer Acht lassen.

Den Zusammenhang zwischen bildungsferner Herkunft, Bildungschancen und dualen Bildungsangeboten macht Sigrid Hagedorn deutlich. Da sind die Kinder, die um die Dorstfelder Brücke nicht gefördert werden (Beispiel: noch nie nachts im Wald gewesen). Weil sie in Familien aufwachsen, die dies nicht leisten können.

Ergo: Will ich den Kindern helfen, ihre Bildungschancen erhöhen, muss ich auch den Familien helfen. Daher müssten neben „bildungsbiographiebegleitenden“ Angeboten für Kinder und Jugendliche eben auch die betreffenden Eltern mit ins Boot geholt werden, so die Argumentation der ehemaligen Lehrerin an einer Hagener Problem-Hauptschule.

Ihre Kollegin Anna Frings deutet praktische Schwierigkeiten beim Übergang von der Kita in die Grundschule an: weite Wege, große Kulisse, etc.. Konkret: Es gibt Schwierigkeiten, ein Netzwerk aufzubauen wegen der Entfernung der Kitas, aus denen die Erstklässler in die Grundschule strömen. Warum?

Kinder aus Kitas der Nordstadt wandern Richtung Petri-Grundschule ins Klinikviertel ab

Hilfe konkret: Stiftungen engagieren sich bei problematischen Bildungsübergängen.

Hilfe konkret: Stiftungen engagieren sich bei problematischen Bildungsübergängen.

Die einzige Grundschule in dem Quadratkilometer um die Dorstfelder Brücke war einst die Elsa-Brändström, die vor Jahren, so war beim Besuch der SPD-Fraktion zu hören, mangels Masse schließen musste. Die nächste Grundschule liegt faktisch im Klinikviertel.

Das ist die Petri-Grundschule – schräg gegenüber den Städtischen Kliniken an der Beurhausstraße – und um die geht es zentral in dem Bildungsprogramm: „Schlüsselschule des Programms ist die Petri-Grundschule“, heißt es dazu auf der Homepage des Dortmunder Programmteils (s.u.).

Die Ursache: Die Petri-Grundschule ist realiter eine Nordstadt-Grundschule, nur auf der anderen Seite der Gleise, wie TeilnehmerInnen der Info-Veranstaltung übereinstimmend feststellten. Anna Frings zeigt eine Karte, auf der gefühlt ein Dutzend Strichpfeile von Nordstadt-Kitas Richtung Petri-Grundschule zeigen: die Übergänge von der Kita zur Grundschule sind Bewegungen zwischen Stadtvierteln, hier von Kindern zu neuen Bildungsinstitutionen der Sek I.

Was aber wieder andere Probleme hervorriefe, bemerkt Bezirksbürgermeister Ralf Stoltze; denn die Kinder aus dem Unionsviertel müssten ja schließlich auch irgendwo zur Schule. Vielleicht Richtung Kreuzviertel? – Kalte Ghettoisierung durch die Wahl spezifischer Bildungsinstitutionen nach Ortsabhängigkeit, was welchen Gründen auch immer?

Verstetigung von Netzwerkstrukturen als Ziel der Pädagogischen Werkstatt

Anna Frings von der Pädagogischen Werkstatt erläutert Themenschwerpunkte ihrer Arbeit.

Anna Frings von der Pädagogischen Werkstatt erläutert Themenschwerpunkte ihrer Arbeit.

Die Probleme der Akteure in der Pädagogischen Werkstatt sind freilich praxisnäher, und dementsprechend die von ihnen koordinierten und geförderten, konkreten Maßnahmen, um die frappierende Ungleichheit an Bildungschancen in ihrem Handlungsraum um die Dorstfelder Brücke und die Petri-Grundschule zumindest ein wenig zu nivellieren.

Die Anstrengungen lägen auf vier Themenschwerpunkten, führt Anna Frings aus. Es ginge hier um literale Bildung, Sprachförderung, Elternarbeit sowie um den Komplex Bewegung/Gesundheit. Also Sport, statt Pommes und Cola.

Daneben die Netzwerksarbeit, vom interreligiösen Dialog bis zur Kooperation mit anderen Bildungsakteuren im Quartier. Wichtig sei es, dass unabhängige Strukturen entstünden. Dann hätte sich die Pädagogische Werkstatt wohl selbst erfüllt und damit überflüssig gemacht.

Weitere Informationen:

  • Studie der Bertelsmann-Stiftung u.a. zu den Reformen zur Verringerung des Bildungsgefälles in den einzelnen europäischen Staaten: „Social Policy in the EU – Reform Barometer 2016. Social Inclusion Monitor Europe“, S. 195ff. (Bundesrepublik), hier:
  • Homepage: Ein Quadratkilometer Bildung. Die Stiftung, hier:
  • Handlungsschwerpunkte von Ein Quadratkilometer Bildung, hier:
  • Ein Quadratmeter Bildung in Dortmund, hier:

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Würdigung: Die ehemalige Hauptschule Innenstadt-West soll künftig „Heinrich-Schmitz-Bildungszentrum“ heißen

 

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