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Gegen alle Widrigkeiten: Ein junger Kurde beißt sich zur Selbstständigkeit durch – als Friseur in der Nordstadt

Es war ein langer Weg, doch er hat es (fast) geschafft: Hikmat Badeea vor seinem neuen Friseursalon an der Schützenstraße in der Nordstadt. Fotos: Thomas Engel

Als junger Mann kam er in die Bundesrepublik. Das war vor gut zehn Jahren, 2009. Hikmat Sadeeq Badeea ist irakischer Kurde, geflüchtet aus einer der gewalttätigsten Regionen dieser Welt, dem Nahen Osten. Lediglich geduldet, musste und muss er in Dortmund so manche Klippe überwinden, bis er seinen Traum vom eigenen Friseursalon verwirklichen konnte. Nun ist er kurz vorm Ziel. Nicht zuletzt mithilfe des Generationenprojekts „nordwärts“ und engagierter Mitarbeiter vor Ort in der Nordstadt.

Praktische Ausbildung zum Friseur im Nordirak und Flucht Richtung Bundesrepublik

Es war das Jahr, als die USA nach dem Dritten Golfkrieg damit begannen, ihre Besatzungstruppen aus dem von ihnen verwüsteten Land abzuziehen: 2009 macht sich der junge Kurde aus dem Nordirak auf den Weg in die Bundesrepublik. Seit zwei Jahren bombardiert das türkische Militär dort angebliche Stellungen der PKK, der Islamische Staat treibt sein menschenverachtendes Unwesen. Er flieht aus seiner Heimatstadt Zaxo, der nördlichsten in der Autonomen Region Kurdistan, nahe der syrischen Grenze. ___STEADY_PAYWALL___

Nach einer Nacht in Köln landet Hikmat Sadeeq Badeea sofort in Dortmund, in der Aplerbecker Erstaufnahmeeinrichtung. Findet sich wieder in einem fremden Land, dessen Sprache er nicht versteht. Und wie die Menschen hier miteinander umgehen, wie sie sich begegnen, das ist so ganz anders als in seiner Heimat – kalt, scheinbar herzlos.

Dort im Autonomen Kurdistan hatte er seit seinem dreizehnten Lebensjahr nach und nach den Friseurberuf erlernt, als Kind. Das läuft in der Gegend dann noch etwas anders ab als bei uns. Es gibt keine staatlich regulierte Ausbildung, keine Zertifikate, die Kompetenzen auszeichnen, festhalten, Vergleichbarkeit herstellen, Qualität sicherstellen. An Ort und Stelle gilt ganz einfach: Learning by doing. Da kriegst Du eine Schere oder ein Rasiermesser von einem gestandenen Kollegen in die Hand gedrückt und los geht’s. Und irgendwann kannst Du es – durch Erfahrung, angeeignet in der Praxis.

Angekommen im Land der Stempel: Es fehlen einschlägige Belege für in Kurdistan erworbene Fertigkeiten

Das funktioniert, irgendwie. Wenn Du aber etwa den Irak, Syrien oder den Libanon verlassen musst – oder Deine Familie als Kurd*innen oder einfach als Menschen, die in Sicherheit leben möchten -, weil Du in dem Land nicht mehr sein kannst und deshalb fliehst: dorthin, an einen Ort, von dem es heißt, dass alle Menschen gleich sind vor dem Gesetz und die Willkür ein Ende hat – wenn Du hier ankommst, dann hast Du ein Problem. Und nicht nur eins. Sondern einen ganzen Berg davon.

Denn hier in der Bundesrepublik, im Land der präzisen Vorschriften, der vielen Stempel und einander bedingenden Dokumente, hier weiß niemand, was Du in Deinem erlernten Beruf kannst. Deine Fertigkeiten und Fähigkeiten sind nicht belegbar, da magst Du auf den Köpfen von Kund*innen noch so sehr herumzaubern. Es fehlen die Papiere mit den Wasserzeichen, auf denen besagte Stempel Autorität verbürgen, so ist das hier.

Und überhaupt, der Problemberg ist politisch gewollt: Du bist ja nur ein Flüchtling. Mehr nicht. Das macht Dich gleichsam zum Menschen zweiter Klasse. Es fängt damit an, dass Du zunächst gar nicht arbeiten darfst. Stattdessen wird geprüft, ob Du wirklich verfolgt wurdest. Als hätte sich in der Bundesrepublik noch nicht herumgesprochen, wie es um Kurd*innen im Nahen und Mittleren Osten bestellt ist.

„Duldung“: Ein zehrendes Leben im Schwebezustand einer „vorübergehenden Aussetzung der Abschiebung“

Ab vier Uhr in der Früh hätte er sich immer wieder bei der Ausländerbehörde anstellen müssen, die um halb acht öffnete, erzählt Hikmat. In eine lange Schlange, um sich in regelmäßigen Abständen jenes Papier für die nächsten drei oder sechs Monate verlängern zu lassen, mit dem ihm bescheinigt wird, dass ihm der vorübergehende Aufenthalt in der Bundesrepublik gestattet ist – in dem steht, dass er freundlicherweise geduldet wird. So ging das über Jahre.

Über Jahre in einem Zustand der „Duldung“ zu leben – das ist nach der Definition des deutschen Aufenthaltsrechts eine „vorübergehende Aussetzung der Abschiebung“ von ausreisepflichtigen Ausländern, die keinen rechtmäßigen Aufenthaltstitel darstellt. Es ist ein Schwebezustand existentieller Unsicherheit, psychisch zehrend, denn, was morgen ist, weiß niemand. Die Zukunft ist ungewiss, mit einem Damoklesschwert über Dir.

Doch Hikmat hat sich nicht unterkriegen lassen, hat es ertragen, war geduldig, hat von Anfang an verbissen gekämpft. Trotz oder gerade wegen der tausend Steine, die da in seinem Weg lagen. Denn auf keinen Fall soll sich in den Herkunftsländern die irrige Vorstellung etablieren, dass in diesem Land Milch und Honig flössen. Und so beginnt eine lange Kette von Irrungen und Wirrungen entlang der verschlungenen Pfade deutscher Bürokratie und ihrer gewöhnungsbedürftigen Spezialitäten.

Hindernis: Besuch der Meisterschule für Friseure setzt eine Aufenthaltserlaubnis voraus

Angekommen in Deutschland: alle Dokumente sind – wie hierzulande üblich – fein säuberlich in Klarsichtfolien abgeheftet.

Der junge Mann lernt Deutsch, erreicht B1-Niveau, arbeitet nebenher über ein Grünbauprojekt im Tiefbau, schließt die Hauptschule ab, Klasse 10. 2012 muss er sich gegen die Ausländerbehörde eine Arbeitserlaubnis vor Gericht erstreiten, beginnt schließlich eine Ausbildung zum Friseur, was bleibt ihm anderes übrig – ohne ein Zertifikat aus dem Irak über sein Können.

Nach drei weiteren Jahren hat er die Lehre absolviert, ist nun Geselle. Arbeitet fortan festangestellt in einem Nordstadt-Salon. – Doch er möchte mehr, will selbstständig werden, einen eigenen Laden eröffnen. Das nächste Problem: dafür müsste er Friseurmeister sein. Es besteht selbstverständlich Meisterpflicht, wo kämen wir da sonst hin: Qualität muss gesichert sein.

Die Meisterschule aber kann er zunächst nicht besuchen, weil er in der Bundesrepublik gegenwärtig auch nach zehn Jahren nur den Status eines Geduldeten hat.

Gefragt nach den schlimmsten, den schönsten Erlebnissen in diesem Land, bedeutet Hikmat, was die Negativseite betrifft: Es ist diese, aus dem Aufenthaltsstatus herrührende Unsicherheit, die ihm in all den Jahren am meisten zu schaffen macht.

Nach über einem Jahrzehnt – ein Musterbürger: nie mit dem Gesetz in Konflikt, schuldenfrei, loyal

Dass dieser Staat bislang nicht sagen konnte, was er sich sehnlichst wünschte: Wir erkennen das an, wie Du Dich hier eingefunden hast, Teil unserer Gesellschaft geworden bist. Du bist jetzt ein Bürger dieses Landes, offiziell dokumentiert durch einen Pass, mit vielen schönen Stempeln, damit alles seine Ordnung hat. Willkommen in unserer Gemeinschaft!

Zu Menschen, die sich hier in die Gesellschaft einfügen, sich integrieren, hier leben und arbeiten wollen. Die wie Hikmat Badeea nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind, keine Schulden haben, die wie alle ihre Steuern bezahlen und vermutlich – pointiert gesagt – ebenso brav um drei Uhr nachts an einer leergefegten Straße vor einer roten Fußgängerampel stehen bleiben. Wie sich das halt gehört, in deutschen Landen.

Nein, Hikmat ist zumindest für die Bundesbehörden weiterhin der Mensch zweiter Klasse. Seine neue Heimat verweigert ihm teils jene Rechte, die allen Staatsbürger*innen zukommen, um sie vor Willkür schützen, ihnen ein Leben in Sicherheit garantieren sollen.

Indem ihm nicht nur die Staatsbürgerschaft verweigert wird, sondern, darüber hinaus: er wird hier lediglich geduldet. Ohne Recht, eigentlich hier sein zu dürfen. Es ist wie ein Gnadenakt: als würde jemand etwas zuteil, was er im Grunde nicht verdient hat. Und es besteht die Gefahr, verschiebt sich die politische Großwetterlage weiter nach rechts, dass er am Ende in den Irak abgeschoben werden könnte.

„Ohne deren Hilfe hätte ich das nicht geschafft“ – gemeint ist: „nordwärts vor Ort“

Doch da ist auch Licht am Ende des Tunnels. Und an diesem Punkt kommt entscheidend das Generationenprojekt „nordwärts“ ins Spiel, mit dem Büro “nordwärts vor Ort“. Das Projektbüro bietet nach eigener Auskunft „Geschäftsinhabern*innen mit Migrationshintergrund in der Dortmunder Nordstadt die Möglichkeit, Unterstützung in allen betriebswirtschaftlichen Belangen zu erhalten“.

Sieben Stadtbezirke sind in „Nordwärts“ ganz oder teilweise einbezogen. Karte: Stadt Dortmund

Sieben Stadtbezirke sind in „nordwärts“ ganz oder teilweise einbezogen. Karte: Stadt Dortmund

„Ohne deren Hilfe hätte ich das nicht geschafft“, sagt Hikmat. Konkret waren es Frank Artmeier und Orhan Öcal von der Koordinierungsstelle „nordwärts“, die ihm tatkräftig zur Seite gestanden haben. Es ging um die Räumlichkeiten an der Schützenstraße 128, links neben dem Supermarkt, das Ecklokal. Er hätte es niemals allein anmieten können, wäre da nicht die Unterstützung aus dem „nordwärts“-Projekt gewesen.

Die Fallstricke der deutschen Bürokratie sind vielfältig, gerade für einen wie ihn. Und einem lediglich Geduldeten hätte man ohnehin kein Ladenlokal überantwortet, wäre da nicht die Fürsprache aus dem Projektbüro gewesen.

Fast ein geschlagenes Jahr hat das Prozedere gedauert: vom letzten September an musste Hikmat um seinen Traum kämpfen, sich selbstständig zu machen. Offiziell wird sein Friseursalon („Kiya Beauty and Hair“), den er seit dem 15. Juli nun in dem Lokal an der Schützenstraße betreibt, von einer deutschen Meisterin als Betriebsleiterin geführt, die aber faktisch – neben drei weiteren Mitarbeiter*innen – bei ihm angestellt ist. Anders geht das eben nicht. Jedenfalls solange nicht, wie Hikmat nicht selbst Friseurmeister ist.

„Hier fühlt sich das Leben sicher an.“ – „Ich bin sehr glücklich.“

Und auch hier tut sich endlich was, etwas Wesentliches. Im September nämlich, so hofft er, wird ihm für zwei Jahre eine Aufenthaltserlaubnis erteilt werden. Dann ginge er endlich zur Meisterschule, stünde er später seinem Betrieb vor, dessen Einrichtung – exklusiv aus Italien kommend – er sich über viele Jahre allein zusammengespart hat.

Nach § 25b des Aufenthaltsgesetzes („Aufenthaltsgewährung bei nachhaltiger Integration“) könnte Hikmat nun in der Tat eine Aufenthaltserlaubnis erteilt werden, da „er sich nachhaltig in die Lebensverhältnisse der Bundesrepublik Deutschland integriert hat“, wie es im Amtsdeutsch heißt.

Denn er erfüllt die Voraussetzungen: Er lebt seit über acht Jahren hier, bekennt sich zum Grundgesetz, verdient seinen Lebensunterhalt über eigene Erwerbstätigkeit, seine Deutschkenntnisse liegen über dem im Gesetz geforderten Niveau, nämlich über A2, ist nur durch gute Leistungen, nie negativ aufgefallen.

Für zwei Jahre solle die gelten, sagt er. In fünf Jahren hätte er dann ein Niederlassungsrecht. – Da ist Dankbarkeit. „Hier fühlt sich das Leben sicher an“, stellt Hikmat fest. Und möchte bleiben. „Ich bin sehr glücklich.“ Er habe hier gute Freunde, es gäbe viele „vernünftige Menschen“. – Eine bemerkenswerte Feststellung mit Blick auf manche Zeitgenoss*innen dieser Tage. Aber das sollte wohl eher relativ zu den gewalttätigen Auswüchsen des Wahnsinns in anderen Gegenden dieser Welt verstanden werden

Politikversagen: Hikmats Frau kann frühstens in fünf Jahren zu ihm in die Bundesrepublik kommen

Aber da ist auch Unverständnis seinerseits. Insbesondere die Dortmunder Ausländerbehörde (dem Ordnungsamt zugeordnet) kommt schlecht weg: der Umgangston, das Auftreten. Von Mitarbeiter*innen, die freilich etwas kleiner mit Hut geworden seien, als sie den „nordwärts“-Leuten begegneten, deutet Hikmat an. Doch letztendlich handelt es sich bei denen nur um die kommunalen Erfüllungsgehilf*innen einer fragwürdigen Bundespolitik, ausführende Organe inhuman anmutender Bestimmungen.

Im Logo des Betriebs scheint seine Frau bereits vor – die deutschen Behörden hingegen stellen sich stur.

Denn es ist nur zu gut nachvollziehbar: Wie es sein kann, dass jemand wie er, der seit zehn Jahren in diesem Land lebt, sich nichts hat zuschulden kommen lassen, die Sprache gelernt, stets gearbeitet hat oder zur Schule gegangen ist – wie es sein kann, dass sein Aufenthaltsstatus immer noch nicht gesichert ist? Von der Staatsbürgerschaft ganz zu schweigen.

Und dann ist da noch seine Frau. Die Mühe, beim Gespräch ruhig und sachlich zu bleiben, ist ihm anzusehen. Vor knapp zwei Jahren hat er sie in Kurdistan geheiratet. Haibat hat studiert, möchte einen Schönheitssalon in Dortmund betreiben. Einen Platz hat er „seinen Augen“, seiner großen Liebe im Ladenlokal schon reserviert.

Doch sie darf nicht nach Deutschland, noch nicht. Das mit dem Familiennachzug, ja, da gibt es noch eine Menge Luft nach oben. Vor allem braucht es Regulative für differenziertere Einzelfallentscheidungen. – Er muss sich halt weiter gedulden, wie so oft, seitdem er dieses Land betrat.

Ebenfalls von fünf Jahren ist die Rede, bis Haibat vielleicht in die Bundesrepublik einreisen kann. Eine lange Zeit für den jungen Kurden und seine Frau. Die Politiker*innen, die darüber entscheiden, ob und wann welche Familien zusammenkommen dürfen, haben wohl wenig Vorstellungen davon, was sie solchen Menschen wie Hikmat und Haibat antun, wenn das junge Paar über viele Jahre voneinander getrennt leben, Kinderwünsche verschieben muss. Oder, was wahrscheinlicher ist: es ist ihnen schlicht, mit Verlaub und auf Gut-Deutsch gesagt – sch…egal.

 

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Ein Gedanke zu “Gegen alle Widrigkeiten: Ein junger Kurde beißt sich zur Selbstständigkeit durch – als Friseur in der Nordstadt

  1. Heimhilger Lena

    Dieser Bericht ist mir sehr nahe gegangen – seit sechs Jahren versuche ich dennAufenthalt der Kurden aus dem Irak zu stabilisieren – mein Mann ist Kurde aus Suleymanyya – ich bin mit ihm seit zwei Jahren verheiratet – seit drei Jahren zusammen lebend
    Im Oktober 2019 ist er wegen Auflage des Ausländeramtes in den irak geflogen und sollte legal per Visum wieder nach Deutschland einreisen – unsere Ehevwurde im vovemberc2018 in Deutschland anerkannt .
    Ein Termin beim deutschen Konsulat Erbil kam irgendwie nicht zustande wegen „Familienzusammenführung „ und dann kam Corona .
    Ich bin nun 10 Monate von meinem Mann getrennt . In Suleymanyya gibts meist keinen Strom und auch kein Wasser .
    Farhad leidet unter hohem Blutdruck und Nierensteine – er hat keine medizinische Versorgung.
    Nun nach einem Behördenmaraton bis zu Frau Merkel habe ich bewirkt dass mein Mann ausnahmsweise wegen Corona Aufenthalt erhalten hat den er ja sowieso schon längst haben müsste – wir haben den pass hin und her geschickt – jetzt ist der pass wieder sicher bei ihm – jetzt gibts keinen Flug ! Derzeit
    Ich hoffe und bete !!! InchAllah
    Lena Heimhilger / 16.08.2020

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