„Frauen*GOLD“ setzt auf Empowerment und Sichtbarkeit für Frauen* in der Medizin

Ein feministischer Thementag am Schauspiel Dortmund

Auf einem Bierbanktisch liegt das Programm des Thementages, feministische Sticker und Plakate von Besucher:innen.
Der Thementag bietet Input – und Möglichkeiten zur eigenen feministischen Gestaltungen. Carl Brüggemann für Nordstadtblogger.de

Vorträge, Buchvorstellung, Workshops und Kreatives – am Schauspiel Dortmund drehte sich am internationalen Frauen*tag alles um Empowerment. Vom Vormittag bis zum späten Abend probierten sich die Gäste kreativ aus. Im Zentrum stand die Biologie des weiblichen Körpers und wie ihn die Medizin behandelt.

Frauen* werden in der medizinischen Forschung vernachlässigt

Motto des Tages war Frauen*GOLD. Der Name bezieht sich auf das Tonikum „Frauengold“, das in der Mitte des 20. Jahrhunderts als Stärkungsmittel vermarktet wurde und Energie für Frauen versprach. Mit 16,5 Prozent/Volumen Alkoholanteil von fragwürdigem gesundheitlichen Nutzen, waren es die krebserregenden Kräuterextrakte, die zum Verbot des Tonikums Anfang der 80er führten.

Dennoch vernachlässigt die medizinische Forschung Frauen* und das ist heute noch zu spüren. Deswegen setzte das Schauspiel weibliche Körper in den Vordergrund. Dabei gab es zwei Hauptthemen: die Wechseljahre und Brustkrebs.

 „Stark und gelassen durch die Menopause“

Der erste Programmpunkt war: „Stark und gelassen durch die Menopause“ von Michaela Adutwum. Adutwum ist Expertin für gesundheitliche Prävention. Sie will  der Tabuisierung, der sich Frauen* in ihrer Menopause ausgesetzt sehen, entgegenzuwirken. „Frauen fühlen sich oft abgestempelt.“

Eine Frau steht lächelnd mit einem Mikro in den Händen auf einer Bühne. Neben ihr drei silberne Kugeln, etwa Kniehoch.
Michaela Adutwum geht mit dem Publikum ins Gespräch. Carl Brüggemann für Nordstadtblogger.de

„Ich wünschte, wir hätten hier mehr Männer als Frauen*“, sagte Adutwum. Männer würden die Wechseljahre häufig ins Lächerliche ziehen oder Symptome nicht ernst nehmen.

Es fehle ein offener Diskurs. So wüssten die meisten eben nicht, welche neurobiologischen Prozesse der weibliche Körper durchläuft und was es für Frauen* bedeutet, in der Menopause zu sein.

Menopause als „Ganzkörperveränderung“

Wenn die Regelblutung 12 Monate ausgeblieben ist, spricht man von der Menopause. Allerdings treten Symptome bei Frauen* zwischen 45 und 60  auch weit vor und nach der Menopause selbst ein.  Die Entwicklungen im Körper können bis zu zehn Jahre andauern. ___STEADY_PAYWALL___

Adutwum ließ die Besucher:innen Symptome aufzählen. Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen, Hitzewallungen, Veränderungen in der Fettverteilung, Erschöpfung, Konzentrationsprobleme und Gelenkbeschwerden. Alle schienen zu verstehen, warum die angehende Gesundheitswissenschaftlerin von einer „Ganzkörperveränderung“ sprach.

„Give yourself more grace“ zur Selbstakzeptanz

„Welche Rolle die Hormone spielen, wird immer sehr sehr stark unterschätzt.“, erklärt Adutwum. Der Körper produziere weniger Östrogen und Progesteron, wodurch die Vielzahl der Symptome ausgelöst werden.

Um diese Veränderung gut zu verkraften, hat sie einen wichtigen Tipp: „Give yourself more grace“ ermutigt Adutwum Frauen*. In so einer Hormonumstellung dürfe sich jede* „selbstbestimmter abgrenzen“ und  akzeptieren, dass neue Routinen wichtig werden.

Reyhan Şahin zeigt „bedingungslose Power“ in „Amazonenbrüste“

Wenn die Menopause für viele Frauen* unausweichlich ist, betrifft Brustkrebs weniger Menschen, aber ist noch deutlich einschneidender. Wie es sich mit dieser Erkrankung lebt, hat Reyhan Şahin in ihrem Buch „Amazonenbrüste“ beschrieben, das sie abends im Gespräch mit Schauspiel-Intendatin Julia Wissert vorstellte.

Lady Bitch Ray sitzt in einem pinkschimmernden Kleid an eiem kleinen Tisch. Hinter ihr die Wand ist ebenso pink.
Reyhan Şahin ist Sprachwissenschaftlerin und forscht unter anderem zu Rassismus und Intersektionalität. Jan Moch / Wikipedia

Es ist eine „komplett neue Facette deiner hardcore bedingungslosen Power“, sagte Wissert. Vor  „Amazonenbrüste“ war Şahin als Rapperin Lady Bitch Ray und mit ihrem Buch „Yalla, Feminismus“ bereits jahrelang feministisch aktiv. Jetzt bringt sie ihren kämpferischen Ansatz beim Thema Brustkrebs ein.

In Amazonenbrüste nimmt sie die Lesenden vom Zeitpunkt ihrer Diagnose bis zum Abschluss der Behandlung mit. Dabei beschreibt sie ihre eigenen Gedanken und Erfahrungen und ergänzt sie mit dem Wissen, dass sie über ihren Krebs gesammelt hat. „Ich wollte ein Buch schreiben, bei dem sich Betroffene empowert fühlen“.

Ein persönliches Sachbuch inklusive Humor

Sie erzählte, dass sie selbst nach Erfahrungsberichten gesucht habe, und sich mit wenigen Inhalten identifizieren konnte. Irgendwann habe ein Freund sie darauf gebracht, dass sie über ihre Krankheitsgeschichte schreiben könnte – aber anders. Şahin lässt den Humor nicht aus ihren Beschreibungen, „weil es einfach auch richtig witzig und absurd ist, an manchen Stellen“.

Aber sie schreibe auch, um Wissen weiterzugeben, dass man „nicht so einfach im Internet findet“. Sie habe immer wieder bei den Ärtzt:innen nachgefragt und Studien gelesen, um wirklich zu verstehen, was in ihrem Körper passiert. Daraus entstanden ist ein Sachbuch, das zeitgleich ihre persönliche Geschichte erzählt.

Ein Tag zur Entspannung am Schauspielhaus

Mehrere Personen sitzen in lila Liegestühlen und unterhalten sich.
Der Vorplatz des Schauspiel Dortmunds läd zum Verweilen ein. Carl Brüggemann | Nordstadtblogger

Neben den Vorträgen zu medizinischen Themen konnten die Besucher sich auch in Workshops einbringen, oder Zeit am Schauspiel Dortmund verbringen. So gab es einen Workshop zur „Traumasensiblen Körperarbeit“ mit Luna Binias.

Auf dem Vorplatz des Theaters waren Stände aufgebaut, die bei schönstem Frühlingswetter zum gemütlichen Aufenthaltsort für die Besucher wurden.

Sowohl die Dortmunder Mitternachtsmission e.V. als auch das Kulturcafé Taranta Babu waren vor Ort und luden zum Austausch ein. Das Taranta Babu hatte zudem ihren Büchertisch mit feministischer Literatur ausgestattet.Bei dem Ape(lina)-Fahrzeug des Theaters gab es kostenlosen Kaffee und Snacks bei den Tischen des „DIY-Picknicks“.

Man sieht die Hände einer Person, wie sie einen silbernen Siebdruckrahmen auf eine Stofftüte drückt.
Beim Siebdrucken gibt es vorgefertigte, feministische Designs. Carl Brüggemann für Nordstadtblogger.de

Gegenüber stand der Siebdruck-Stand. Kostenlos konnte man Merch des Theaters mit feministischen Motiven bedrucken: „Kein Gott, kein Staat, kein Patriachart.“ oder „My favorite season is the fall of the patrichary“.

Für die Demonstration zum feministischen Kampftag konnten Besucher:innen Plakate gestalten.

Das Schauspiel Dortmund schafft Raum zum Wohlfühlen

Bis in den späten Nachmittag trudelten Menschen ein, schauten sich um, ließen sich für eine Weile in der Sonne nieder oder wurden an den Bastelständen kreativ. Überall wurde sich gegenseitig beraten – zu Farben für die Siebdrucke oder Spürchen auf Plakaten.

Drei Personen blicken fokussiert auf den Siebdruck auf der Bierbank zwischen ihnen. Die Siebdruckplatte wurde gerade vom Stoff entfernt und man kann einen Blick auf das Ergebnis erhaschen.
Die Bastelstände lassen Freiraum. Carl Brüggemann für Nordstadtblogger.de

Auch Dany Mba, Tänzerin und Boxtrainerin, schaffte es, dass sich ein Raum voller weiblich gelesener Personen wohl fühlte. Kraftvoll und rhytmisch powerten sich die Anwesenden beim Schattenboxen aus und fast alle hakten im Anschluss nach, ob Mba auch Boxtrainings in anderen Städten als in Köln anbieten würde.

Bis zum späten Nachmittag blieb das Kreativ-Angbot und mit Sonnenuntergang um 18.27 feierten die Besucher gemeinsam das Fastenbrechen Iftar zum Ramadan.

Programmabschluss mit „I wanna be a Gurrrlband“

Der Abend endete mit einer ausverkauften Vorstellung des Stückes „I wanna be a Gurrrlband“ und einem FLINTA*-Walk (FLINTA* meint alle Menschen die sich zu Frauen, Lesben, Inter, Nicht-Binär, Trans und Agender zählen) Richtung Junkyard, einem Dortmunder Club. Shari Asha Crosson inszenierte die Geschichte von vier junge Frauen: den PolyPockets. Sie sind eine queerfeministische Band, die Polyamorie leben.

Pinkes Licht. Im Hintergrund ein Bus, der scheinbar aus der Wand herausfährt. Davor die Gurlband in extravaganten Posen und Outfits. Sie performen ein Lied.
Die Gurlband PolyPockets wird gespielt von Hannah Müller, Puah Abdellaoui, Sarah Quarshie und Rose Lohmann (v.li.) Birgit Hupfeld für Theater Dortmund

Aber wie das Stück zeigt, können sie ihren Anspruch nicht einfach so leben. Sie stoßen an die Grenzen von gewaltfreier Kommunikation oder kämpfen innerlich doch mit der Unverbindlichkeit der Polyamorie.

Crosson schaut feministisch aber eben genauso humorvoll auf eine Pop-Welt, mit der sich das Publikum identifizieren kann und gibt Raum, sich über sich selbst lustig zu machen.

Weitere Vorstellungen von „I wanna be a Gurrrlband“: https://www.theaterdo.de/i-wanna-be-a-gurrrlband/ 


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